Kürzlich las ich Berichte aus Russland [Der vergessene Krieg im Kaukasus] von Igort, erschienen 2013. Auf perlentaucher.de wird das Buch in einer Rezension passend als Comicreportage bezeichnet; dort findet sich auch dieser Klappentext, der es gut trifft:
Beinahe zwei Jahre hat der italienische Zeichner Igort zwischen 2008 und 2009 die Ukraine, Russland und Sibirien bereist, um die Erinnerungen der Menschen in Wort und Bild zu dokumentieren, denen er auf seinem Weg begegnet ist. Dabei versucht Igort eine Antwort darauf zu finden, wie und was die Sowjetunion wirklich gewesen ist. Ähnlich seinen Berichten aus der Ukraine (ebenfalls bei Reprodukt) verhandelt Igort im zweiten Teil seines Diptychons die Vergangenheit und die Gegenwart Russlands. Auf seiner Reise sprach er mit den Menschen auf der Straße: über den Krieg in Tschetschenien, das Blutbad nach der Geiselnahme von Beslan aber auch über die stalinistischen Gulags, jene Lager, in denen Millionen Menschen, die nicht mit dem Sowjetregime konform gingen, ihr Leben verloren. Im Zentrum des Buchs steht aber die 2006 ermordete russisch-amerikanische Menschenrechtlerin Anna Politkowskaja.
Das Buch besteht aus einzelnen Erzählungen, die nicht immer ersichtlich zusammenhängen. Dass es in der Zeit hin und herspringt, macht es beim Lesen etwas verwirrend. Am Ende findet man aber den Bezug zum fragmentierenden, hin- und herspringenden Erzählstil in einer überlieferten Geschichte: Ein Jude will aus der Sowjetunion aus- und nach Israel einwandern, von dort remigriert er aber, weil er sich doch nicht wohl fühlt. Zurück in der UdSSR ist er wieder unglücklich, wandert nach Israel aus, und kehrt schließlich wieder zurück in die Sowjetunion. Als er dort abermals nach Israel auswandern will, wird er von der Einwanderungsbehörde zur Rede gestellt: „Entscheiden Sie sich endlich: Wo geht es Ihnen am besten, hier oder in Israel?“ Seine Antwort: „Mir geht es am besten, wenn ich unterwegs bin.“
Manche der dargestellten Geschichten, insbesondere jene mit Schwerpunkt auf den Tschetschenienkriegen, welche einen großen Teil ausmachen, sind grausamer, als man es sich ausmalen könnte (Triggerwarnung). Die Zeichnungen sind wirklich gelungen, wie ich finde, und unterstützen einerseits jedesmal die Stimmung des Geschilderten treffend und geben denen ein Gesicht, von denen erzählt wird, während manche Figuren bewusst gesichtslos gelassen werden. Der Abschnitt, in dem Zachistka – Strafexpeditionen – thematisiert wurden, erinnerte mich an die Geschichte meines Urgroßvaters.
Ich empfehle das Buch jedem mit Interesse an dem gegenwärtigen als auch vergangenen Russland, auch wenn nur (so gesehen: einseitige) Ausschnitte der jüngeren und älteren russisch/sowjetischen Geschichte dargestellt sind.
Hier (2013) liest man, wieso der Autor dieses Thema gewählt hat:
Ich habe rund zwei Jahre in der Sowjetunion gelebt und bin dort herumgereist. Das war eine harte Erfahrung, aber ich war immer noch der Privilegierte, der Glückliche, der aus dem Westen kam. Ich konnte dort beobachten, dass der Begriff Freiheit in der Sowjetunion einem ganz anderen Konzept entspringt und ganz anders wahrgenommen wird. Und das Leben dort hat fast keinen Wert. Es war für mich ein Schock, das zu erkennen, das brachte mich auch dazu, darüber zu schreiben.
Siehe auch: Strafniki