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Schlagwort: Gesellschaft

„Demokratie ist keine Gleichung, die es zu lösen gilt.“

Zum Thema Bürkratieabbau und KI empfehle ich diesen Text: „KI“-Effizienzversprechen und der Niedergang der Demokratie.

Bürokratie ist positiv gelesen eine Manifestation des Bewusstseins eines demokratischen Staates, die Durchsetzung seiner Normen und damit auch die Garantie der Rechte der Menschen in seinem Staatsbereich sicherzustellen.

Dabei ist Bürokratie nicht der einzige Aspekt einer Demokratie, der – quasi per Definition – ineffizient ist. Denn Demokratie selbst basiert auf dem permanenten Austausch ihrer Teilnehmenden, auf kontinuierlichem Streit über Ziele, Bedürfnisse und Werte: Demokratie ist immer Reibung.

Dunkler Sozialismus

Im Sommer las ich Am Ende des Fortschritts – Überleben in den Ruinen des Kapitalismus von Kohei Saito. Darin geht es um die These, dass das westliche bzw. kapitalistische Fortschrittsversprechen im Angesicht eines Klimakollapses, der in permanente Mangelwirtschaft mündet, gescheitert ist. Er legt dazu in verschiedenen Abschnitten auf die Auswirkungen der natürlichen Veränderungen auf gesellschaftliche Entwicklung, auf Karl Marx (Stichwort: Degrowth & Co) und auf aktuellere Beiträge anderer, zum Beispiel auf Ulrike Herrmanns Vorschlag einer grünen Kriegswirtschaft zur Bekämpfung des Verlusts der Lebensgrundlagen des Menschen ein. Letztere kritisiert er insofern, als dass er Herrmanns Ansatz als einen Versuch des Erhalts des kapitalistischen Systems sieht, und das hält er mittlerweile für überholt. Letztlich sieht er damit den Weg in eine faschistische Gesellschaft geebnet. Er nennt das Technofaschismus bzw. auch Klimafaschismus. Als eine Lösung bietet er etwas an, dass er Dunklen Sozialismus nennt.

Der Begriff Dunkler Sozialismus ist ein Kunstgriff als indirekte Antwort auf die Dunkle Aufklärung, ein Konzept, das neurechte „Vordenker“ wie Curtis Yarvin seit einigen Jahren propagieren. Die Dunkle Aufklärung sieht den Anbruch eines Zeitalter, in dem der einzelne nicht frei ist und es nur Eliten möglich sein wird, von gesellschaftlichen Errungenschaften zu profitieren. Statt einer Demokratie sehen Leute wie Yarvin eine Welt, in der Staaten bzw. Gesellschaften im Wettbewerb gegeneinander stehen, was letztlich einer Oligarchie gleiche. Dementsprechend ist Saitos Dunkler Sozialismus als egalitäre Antwort darauf zu lesen, in dem wir mittels hochtechnologisierter Planwirtschaft eine egalitäre Gesellschaft im Leben des Mangels ermöglichen. Also einfach gesagt: Dunkel wirds auf jeden Fall, aber wir haben es in der Hand, wie dunkel wir es gesellschaftlich werden lassen.

Das Buch richtet sich an alle interessierten Leser und das merkt man nicht nur daran, dass es an sich einfach geschrieben ist. Saito wiederholt sich häufiger und verteidigt seine Thesen, bevor er sie überhaupt erklärt. Häufiger bin ich über Stellen gestolpert, die so wirkten, als flehe er den Leser an, ihm gedanklich weiter zu folgen und nicht das Buch wegzulegen. Vielleicht ist das aber auch eine Stilfrage im Japanischen und somit der Übersetzung geschuldet.

Seine Beschreibung der nahen Zukunft erinnerte mich sehr an den Stoff von Isaac Asimovs Foundation. Darin findet die Psychohistorik heraus, dass eine Zeit des gesellschaftlichen Zusammenbruchs galaktischen Ausmaßes naht. Dieser lässt sich nicht verhindern, aber auf ein Minimum von 1000 Jahre verkürzen, indem die Foundation gegründet wird. Ich habe die Foundation-Trilogie als Hörbuch gehört und fand es unglaublich zäh. Es hatte mich gewundert zu sehen, dass Apple den Stoff als Serie verfilmt.

Insgesamt finde ich es interessant, dass sich aus dem Lesen viele Denkanregungen gegeben haben. Zustimmen konnte ich dem Autor nicht immer und manchmal war das Buch – wie bereits angedeutet – recht zäh und redundant. Ein Essay hätte vielleicht auch genügt.

„Wer plündert wird erschossen“

Dem Faschismus geht es nicht um Schutz vor echten Gefahren, schon gar nicht vor materiellen Verlusten. Es geht um Schutz „gegen die“, die nämlich, denen man das Äußerste zutraut (das Äußerste, das einem selbst nicht aus dem Kopf geht). Die, das sind nicht die irgendwie anderen, sondern die abartig anderen. Die Asozialen, die Arbeitsscheuen, die Ausländer. Die Schwulen, die Woken, die Grünen, die mit Trans- und Gender-Gaga. Kommunist:innen sowieso, falls es sie überhaupt noch gibt, ansonsten: Antifa. Es sind immer wieder die Juden, mit all ihren Decknamen: Globalisten, Eliten, Israelis, Intellektuelle. Und es sind die Muslim:innen als Messer-Männer, Kopftuchmädchen und antisemitische Aggro-Araber. „Wir gegen die“ – schön wär’s. Es ist, jedesmal wieder, Selbstjustiz gegen Plünderer.

Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte

Gestolpert bin ich in diesem Absatz über „das Äußerste, das einem selbst nicht aus dem Kopf geht“. Erinnerte mich irgendwie an das Buch Männerphantasien von Klaus Theweleit.

Siehe auch: Die Angst vor der Körperauflösung.

Nachtrag:

Der Phantombesitzer verkehrt die Welt, damit sie zu seinen Impulsen passt, und inszeniert sich selbst als Opfer dessen, was er zur fortgesetzten Unterdrückung vorsieht.

Ebd.

Siehe auch: Gottesbesitzer.

Heißes Pflaster

Neulich schrieb ich einige Erlebnisse und Gedanken zur Hitzewelle im Juni auf. Während es fast überall unerträglich heiß war, vor allem in der Schule und dort insbesondere im 3. Stock bereits früh morgens, wo sich mangels Nachtlüftung die Hitze über die Woche staute, war ich neidisch auf einen Kollegen, der mit seiner Klimaanlage daheim prahlte. Er erzählte ausufernd, dass ihm die Hitze ja egal sei, weil er gleich nach Hause ins schön gekühlte Wohnzimmer gehe, während ich im Büro schwitzte und er mich so von meiner Arbeit abhielt – dabei wollte ich doch möglichst früh, bevor es zu heiß würde, mit den Zeugnissen fertig werden. Vielleicht habe ich aus diesem Affekt auch nur plump Klimaanlagen gefordert, ohne mich näher mit der Sache zu beschäftigen.

Jetzt hörte ich in einem Podcast was zur Kühlung statt Klimatisierung und wie man für Hitze baut. Im Gespräch ging es dann schwerpunktmäßig um längerfristig gedachte Maßnahmen. Zwar stritt der Fachmann nicht ab, dass es gezielt auch Klimaanlagen brauche. Viel wichtiger sei jedoch, Bäume (vor allem auf der Südseite von Gebäuden) stehen zu lassen, beim Neubau Kühlung mitzudenken (z.B. durch eine Wärmepumpe, die kaltes Wasser durch eine Fußbodenheizung leitet) oder weit austragende/begrünte Dächer. Ein faszinierendes Beispiel von altbekannten Kühlungsmaßnahmen seien Windtürme, wie sie z.B. in der Altstadt von Dubai (Barjeel) stehen. Diese Türme fangen den Wind oben ab und führen ihn nach unten in die engen Gassen und tragen so zur Kühlung bei.

Ich erinnere mich auch an einen Beitrag über einen neu gebauten Kindergarten in München. Dahinter steht der Architekt Diébédo Francis Kéré, der mit einfachen Materialien den Bau eines sich selbst kühl haltenden Gebäudes umgesetzt hat.

Neulich meinte Jan, dass das Stadtbüro in Gießen auch schön kühl sei, ohne aktiv klimatisiert zu sein. In Gießen fällt mir außerdem die begrünte Fassade an der THM auf, wenn ich dort entlang gehe. Das Gebäude sollte eigentlich mal abgerissen werden. Interessant scheint auch das Haus der Nachhaltigkeit zu sein. Da war ich vor über einem Jahr tatsächlich mal zu einer Preisverleihung zweier meiner Schüler, aber da ist mir nur der Makerspace in Erinnerung geblieben. Bei der Suche nach Klimatisierungsmaßnahmen in Gießen stößt man außerdem auf die Aktion Dönerdreieck abpflastern. (Das ist auch deswegen witzig, weil der Begriff „Dönerdreieck“ auf einen AStA-Kalender von vor über 20 Jahren zurückgehe, so erzählt man es sich. Siehe auch: Leben im Dreieck.)

Außerdem erinnere ich mich an das Gebäude der Firma Janitza, als ich einen meiner Praktikanten dort vor einigen Jahren besuchte. Die Firma sei auf Energiedatenmanagement spezialisiert und der Herr, der mich durch das Gebäude führte, war sichtlich stolz auf deren energetisch durchdachten Neubau. Leider habe ich mir die Details nicht gemerkt.

Wie man sieht, ist das Thema Kühlung komplexer. Gerade Städte stehen da vor Herausforderungen, die nicht allein mit der simplen Forderung nach mehr Klimaanlagen beantwortet werden sollten (allein schon wegen der Abwärme, die die Luft außerhalb der Gebäude aufheizt). Stattdessen ist es wohl wichtiger, tradiertes Wissen nicht zu vergessen und bei Neu- und Umbauten mitzudenken.

Siehe auch:
Hitzeschutz in deutschen Städten: Zwischen Konzept und Wirklichkeit
Kaltluft kann in der Nacht Städte kühlen – sofern nicht zu viel verbaut ist
Wie antike Zivilisationen Gebäude ohne Elektrizität kühlten
Natürliche Kühlung von Gebäuden – Aus traditionellen Bauweisen lernen

Der alte Faschismus II

Neulich habe ich etwas gefuddelt, als ich andeutete, ich hätte den Text Text MILITANT DEMOCRACY AND FUNDAMENTAL RIGHTS von Karl Löwenstein gelesen – ulay, was leesen! In Wahrheit habe ich nur die ersten Seiten des ersten Teils wirklich gelesen habe. Mittlerweile konnte ich noch weiter lesen. Da mir dabei noch mehr Textstellen auffielen, die ich für bemerkenswert halte, sammele ich hier die Zitate, die mir beim weiteren Lesen auffallen. Außerdem versehe ich die Auszüge mit kurzen Gedanken:

The main principle of democracy is the notion of legality. Fascism therefore officially annexed legality. Since experience acquired in other countries does not commend the coup d’etat for the immediate conquest of the state, power is sought on the basisof studious legality. If possible, access is obtained to national and communal representative bodies. This purpose is facilitated by thatgravest mistake of the democratic ideology, proportional representation. Democracies are legally bound to allow the emergence andrise of anti-parliamentarian and anti-democratic parties under thecondition that they conform outwardly to the principles of legalityand free play of public opinion. It is the exaggerated formalism of the rule of law which under the enchantment of formal equalitydoes not see fit to exclude from the game parties that deny the veryexistence of its rules.

(Vielleicht ist es wegen der Ordnungsliebe in der deutschen Gesellschaft deswegen so schwer, rechtsextreme Parteien zu verbieten. Vielleicht auch, weil die Rechtsprechung sich beim Parteienverbot in eine argumentative Sackgasse manövriert hat: NPD zu klein, AfD zu groß.)

Thus fascism forces itself into the foreground, where its emotional spell can be cast upon the masses. Its technique is relentless self-advertisement and propaganda. Democracy could not reckon with the effects of open propaganda. While vigilance was focussed, in fatal misunderstanding of the changed technique of revolutionary movements, on secret actions, no legislative devices existed for offsetting revolutionary emotionalism in the garb of legality, propaganda, and military symbolism. Fascism shrewdly capitalized this situation and won its most notablevictories by boring into the weakness of the democratic system.

(Die Überzeugung, die Demokratie sei stärker von revolutiknären Akteuren im Untergrund bedroht, als von jenen, die offen agieren, spiegelt sich im Umgang mit Linksextremismus wieder. Insbesondere die Gleichsetzung der Bedrohung, die vor allem von Konservativen betrieben wird,acht das deutlich. – Vielleicht rührt diese hufeisenartige Gleichsetzung von links und rechts von einem für die Realität blind machenden Harmoniebedürfnis.)

Wenn die Pflicht ruft II

Wenn ich Politik oder so unterrichten würde, würde ich diese Rede untersuchen (lassen): Gedenktag gegen die NS-Gewaltherrschaft mit Navid Kermani (20.7.26). Hier einige Zitate, die ich für bemerkenswert halte. Es gibt auch andere.

Allerdings ist die Menschheit nicht nur im Stande, aus der Geschichte zu lernen, sie kann auch verlernen. Und das sehen wir derzeit überall, da kaum noch jemand Faschismus und Krieg selbst erlebt hat.

Nein, die Relativierung des Völkerrechts von höchster Stelle ist auch ein fatales Signal für unsere Demokratie. Denn wenn die Herrschaft des Rechts in unseren Außenbeziehungen erodiert, wird es nicht lange dauern, bis sie auch im Innern verächtlich gemacht wird.

Historisch betrachtet ist es unwahrscheinlich, dass noch Ihr Leben vollständig in eine Friedensphase fällt.

Liebe Rekrutinnen und Rekruten, sollten Sie dann auf einen Feind zielen in einem Schützengraben oder Panzer in einem Flugzeug oder tausend tausende Kilometer entfernt vor einem Monitor, dann werden Sie sich hoffentlich daran erinnern, wie essentiell der erste Satz unseres Grundgesetzes ist.

Denken Sie bitte stets daran, in jeder Sekunde, egal wie bösartig der Feind sich aus ihrer Sicht verhält, er ist immer noch ein Mensch wie Sie. Denn wenn Sie den Feind als Tier, als bloßen Strich auf dem Monitor oder als Monster ansehen, um ihn leichter töten zu können, dann werden sie sich selbst in ein Tier, eine KI oder ein Monster verwandeln.

Siehe auch:
Aufrüsten in Gesellschaft?
Strafniki
„Und die Frage ist, wie ist man denn überhaupt sich selber?“
Wenn die Pflicht ruft

Küßt die Fascisten

Zum Lied Keine Angst nur ein paar kurze Gedanken: Der Text beschreibt auch ein Vorgehen, das damals zur AStA-Zeit dazu geführt hat, dass Verbindungen zur Dresdensia-Rugia (mittels Burschireader) entlarvt wurden und in der Folge die rechtsextreme Burschenschaft selbst von nahezu allen anderen Burschenschaften gemieden wurde.

Ich lese gerade im hessischen Verfassungsschutzbericht von 2005. Lustig ist, dass die Dresdensia-Rugia dort vor allem im Kapitel Linksextremismus im Zusammenhang mit einer Demonstration gegen sie auftaucht:

Am 28. Mai fand in Gießen eine Demonstration gegen die Burschenschaft
Dresdensia-Rugia statt. An dem Aufzug mit Kundgebung unter dem Motto „NPD-Kaderschmiede Dresdensia-Rugia dichtmachen! Demonstration gegen die neofaschistische Burschenschaft in Gießen“ beteiligten sich etwa 250 Teilnehmer, über-
wiegend aus dem linksextremistischen Spektrum. In einem mehrseitigen, über
Flugblätter und das Internet verbreiteten Aufruf hatte ein Bündnis aus Autonomen, Anarchisten und verschiedenen Hochschulgruppen zur Teilnahme an der Demonstration mobilisiert. In dem Aufruf, der sich neben der Dresdensia-Rugia auch im Allgemeinen mit Burschenschaften befasste, werden diese als „Hierarchien, Männerbündeleien, Rassismus und Lebensbund als Wegbereiter erzkonservativer Traditionspflege“ bezeichnet.

Was genau daran nun beobachtungswürdig ist, erschließt sich mir nicht. Naja, seis drum. Siehe auch: Hu-Hu-Hufeiseneinsatz.

Zurück zum Thema: Das Lied Keine Angst erinnert an das Gedicht Rosen auf den Weg gestreut von Kurt Tucholsky, nur unironisch.

Siehe auch:
Danger Dan, das ZDF und „Keine Angst“: Sicher in C-Moll.
Dresdensia Rugia steht vor Neugründung in Leipzig
Künstlerische Freiheit und das Versagen der Eliten – Wie das Warten auf die AfD Deutschland bereits verändert hat

Der alte Faschismus

Ich hatte ja neulich schon über den neuen Faschismus geschrieben. Und nun gab es den Skandal rund um die Spontanausladung von Danger Dan und Igor Levit aus der ZDF-Sendung Die Anstalt. Ein paar Tage vor der eigentlichen Sendung erschien letzte Woche eine kurze Sondersendung von Aspekte, die sich neutral und intellektuell mit der Situation auseinandersetzen wollte. Ich fand sie furchtbar peinlich und so gar nicht intellektuell. Jetzt habe ich mir Die AntifAnstalt: Die 100. Folge! angesehen. Am Ende der Folge spielt der 1937 erschienene Text MILITANT DEMOCRACY AND FUNDAMENTAL RIGHTS von Karl Löwenstein, einem deutschen Verfassungsrechtler, eine Rolle. Der Text ist im US-amerikanischen Exil entstanden.

Ich habe dann mal nach dem Text gesucht und kann ihn nur empfehlen, gibt er einem doch eine Sicht auf den Faschismus als Bewegung einige Jahre vor Beginn des zweiten Weltkriegs. Löwenstein beschreibt den Faschismus als weltweite Bewegung, die an die liberale Bewegung erinnere, welche mit der französischen Revolution schließlich den Absolutismus abgelöst habe. Er stellt dann diese Überlegung an:

Wenn der Faschismus eine solche geistige Strömung wäre, dann werde durch ihre universelle Natur unaufhaltsam die Welt umgestaltet und die Demokratie wäre dem Untergang geweiht. Dann wäre eh alles egal. Die alternative Sichtwese: Der Faschismus sei keine Idee, die sich verbreite wie die Idee der Freiheit, sondern eine politische Technik zur Erlangung und Erhaltung von Macht. Der faschistischen Propaganda sei es nur gelungen, den Massen genau diesen Glauben an die Unausweichlichkeit der faschistischen Idee einzuimpfen. Also, so schlussfolgert er, müsse die Demokratie militant werden.

Hier ein paar Zitate:

  • Fascism a World Movement. Fascism is no longer an isolated incident in the individual history of a few countries.
  • General characteristics and special features of dictatorial and authoritarian government are too well known to be repeated here.
  • The modern crusaders for saving Western civilization from Bolshevik „chaos“ – a battle-cry which in all countries gone fascist has proved invaluable – for the time being sink their differences and operate jointly according to a common plan.
  • Be it noted that fascist groups or parties openly or secretly exist today in all countries which have remained faithful to the rule of law.
  • The programmatic and ideological ingredients of this widely ramified movement of international fascism are surprisingly uniform:
    • hatred toward communism and its kin, Marxism and socialism;
    • antisemitism, with the notable exception of Italy, although even here, evidently under the influence of the „Berlin-Rome axis“, a change in attitude is noticeable;
    • hostility to freemasons, pacifists, and similar international organizations;
    • the „leadership“ principle and abolition of liberal democracy and its institutions;
    • a hazy sort of corporativism;
    • general house-cleaning under the slogans of „regeneration“ and „renovation;“
    • rampant nationalism.
  • Fascism is not a philosophy – not even a realistic constructive program – but the most effective political technique in modern history.
  • Fascism simply wants to rule. The vagueness of the fascist offerings hardens into concrete invective only if manifest deficiencies of the democratic system are singled out for attack.
  • Democracy must become militant.

Dazu passt auch ein Gedanke von Ernst Bloch aus „Erbschaft dieser Zeit“ (zitiert nach Adrian Daub, Was das Valley herrschen nennt):

Hat doch der Nazi nicht einmal das Lied erfunden, mit dem er verführt. Nicht einmal das Pulver, mit dem er feuerwerkt, nicht einmal die Firma, unter der er betrügt.

Aufrüsten in Gesellschaft?

Während Deutschland und Frankreich gemeinsame militärische Kooperation betonen (vielleicht als öffentliches Bekenntnis des Zusammenhalts nach dem Scheitern von FCAS zu sehen?) und Deutschland also aufrüstet, wird das im europäischen Ausland durchaus auch kritisch beäugt. Aus einem Kommentar zur Aufrüstung – Deutschland beunruhigt seine Nachbarn:

  1. Deutschland steckt in einer tiefen, strukturellen Wirtschaftskrise. […]
  2. Deutschland rüstet auf. […]
  3. Eine rechtsextreme Partei, die selbst der extremen Rechten in Frankreich zu radikal ist, ist in den Meinungsumfragen zur stärksten politischen Kraft in Deutschland geworden und könnte in einem ostdeutschen Bundesland erstmals eine Regierung zu übernehmen.

Als Grund für die Aufrüstung wird ja meistens die veränderte Sicherheitslage in Europa genannt. Gemeint ist damit, dass Russland mittlerweile nicht mehr als Teil der europäischen Sicherheitsarchitektur betrachtet wird, sondern vor allem europäische Sicherheit gegen Russland herzustellen sei. (Europäische Integration vs. Eurasische Integration) Ich kann das Bedrohungsszenario an sich nachvollziehen
(Siehe dazu auch:
Putins Gegenprojekt zur EU
Innenpolitische Entwicklung Russlands
Wie Putin seit 25 Jahren seine Macht zementiert
Rolle des FSB bei Sprengstoffanschlägen vor Putins Wahl
Operation Matrjoschka
Spätaussiedler – Warum viele Russlanddeutsche die AfD wählen)

Allerdings bereitet mir vor allem Sorge, dass der Fokus hier zu stark und zu leichtfertig auf das Militärische gelegt wird und dies durch wirtschaftliche Erwägungen verstärkt wird, während gleichzeitig Demokratie fördernde Projekte reduziert werden.
(Siehe dazu:
„Demokratie leben“ vor Umbruch – „Ein großer Schock“
Prien baut Programm „Demokratie leben“ grundlegend um
Demokratieförderung: Große Kürzungen für 2027 in Deutschland – eine Einordnung
Weniger Geld im Kampf gegen Islamismus
Kleine Anfrage der Unionsfraktion im Februar 2025
Fuhlsbüttel)

Hinzu kommt, dass die Bundeswehr nach wie vor ein großes Problem mit Rechtsextremismus hat.

Alles in allem kann ich daher die Frage am Schluss des obigen Kommentars nur unterstreichen:

Die beunruhigende Frage ist deshalb auch, wie in Zukunft einmal ein Ausstieg aus der jetzigen Aufrüstungsdynamik gelingen soll. Kann eine zunehmend geschwächte Politik […] ihre Prioritäten jemals wieder auf eine Abrüstungs- und Verhandlungspolitik zurückführen?

Bleibt noch der Schlussgedanke, dass es vermutlich keine Mehrheitsmeinung ist, die militärische Bedrohung, die von Russland ausgeht, als absolut real und konkrete Gefahr zu sehen, aber gleichzeitig keine militärische Aufrüstung zu wollen. Vielmehr muss in die Akteure der wehrhaften Demokratie investiert werden.

Weiterführende Links:
Aufrüstung und Demokratieverfall – Viel Geld für Waffen, wenig Geld für Zukunft:

Der Rückblick auf die 2010er Jahre zeigt dabei, wie wenig fast alle Parteien, Angela Merkel, die CDU, die SPD, die FDP, die Faschisierung Russlands durch Vladimir Putin wahrhaben wollten, wie wenig sie die Massenproteste etwa im Winter 2012 interessierten (ich war damals in Moskau), wie opportunistisch sie die Annexion der Krim 2014 hinnahmen, wie sie alles, was demokratisch wichtig gewesen wäre, für den wirtschaftlichen Gewinn aufgaben, der durch die Energielieferungen aus Russland gesichert werden sollte. […]

Aber in Zeiten eh schon prekärer Verhältnisse, in denen sich immer mehr Menschen Sorgen um ihre Lebenshaltungskosten machen, sind Einschnitte im Sozialen und eine Reform- Politik, die von Misstrauen vor allem gegen die Schwachen und Armen getrieben ist, demokratisches Gift und letztlich ein AfD-Förderprogramm.

Gewerkschafter über VW Rüstungspläne – „Wir sehen Risiken für die Kollegen“:

taz: Das Gegenargument lautet: Rüstung sichert Arbeitsplätze.

Sarikaya: Aber wie soll das funktionieren? Was machen wir, wenn keine Kriege sind oder wenn die Lager voll sind, weil es zu wenig Kriege gibt? Heißt das, wir müssen uns in Kriege verzetteln, um weiter beschäftigt zu werden? Diese Produkte werden nach der Produktion zerstört, sie schaffen keine weiteren Arbeitsplätze, sie kommen in keinen Kreislauf, der Wert schafft.

Der General, der so lange nervte, bis er gehen musste (Paywall / Archive) – Es geht darin um den geplanten Digitalfunk, der nicht funktioniert bzw. nicht bundeswehrtauglich ist und bei dem man zu verschwenderisch und kompliziert sei, was insbesondere an den Beschaffungsstrukturen liege:

Bis zu zwei Milliarden Euro hat der deutsche Staat zu diesem Zeitpunkt bereits in eine Technik gesteckt, die in Wahrheit nicht wirklich funktioniert.
[…]
Dass die Verwaltung der Bundeswehr ein Eigenleben entwickeln konnte, war durchaus gewollt. Nach dem Nationalsozialismus wurde die Macht des Militärs bewusst aufgespalten, über Behörden und Institutionen gestreut – von nun an sollten zivile Beamte mitreden können. Beim Digitalfunk sind mehr als 20 Dienststellen des Amtes beteiligt.

„Komplett neues Terrain“ –
Bund erwägt eigene Startbasis für Trägerraketen
:

Isar Aerospace arbeitet an der Entwicklung einer Trägerrakete namens „Spectrum“ für den Transport erdnaher Satelliten ins All. […] Ziel sind 40 Raketenstarts im Jahr. Nach Angaben von Isar Aerospace ist das Unternehmen bereits bis 2028 ausgebucht, obwohl die Rakete nicht in Serienfertigung ist. Ob auch die Bundeswehr Aufträge an Isar Aerospace vergeben hat, sagte Pistorius nicht.

Mittelschicht

Am Freitag war ich mit Anne in der kleinen Teestube frühstücken. Das Lokal ist in der Einflugschneise des Sylter Flughafens gelegen, sodass wir in den zwei Stunden auf der Terrasse geschätzt 17 Kleinflugzeuge im Landeanflug zum Syltwochenende beobachten konnten. Ganz schön privilegiert.

Nachtrag:
Diego hatte beim Lesen Assoziationen, von denen einige beabsichtigt waren. An die Punks, die ein paar Tage später wenig entfernt in Tinnum ihr Protestcamp starteten und fortan uns Mittelschichtler in der Einkaufsstraße Westerlands mit ihrer bloßen Anwesenheit belästigten, hatte ich noch gar nicht gedacht. (Vielleicht, weil man sich beim Besitzen automatisch mit denen, die noch mehr haben, vergleicht. Außer wenn der eigene Besitz – oder der Phantombestiz – bedroht wird, dann verteidigt man das gegen die, die weniger haben.) Die hatten übrigens lustige Sachen auf die Schilder geschrieben und haben das Stadtbild bereichert.

Siehe auch: Phantombesitz und Abwehrmechanismen

Zwangsmutterschaft

Das Thema Leihmutterschaft beschäftigt einige vielleicht auch deshalb, weil die ethischen Überlegungen sehr dicht an dem Thema Schwangerschaftsabbruch sind. Ein Hauptargument der Gegner von Leihmutterschaft ist, soweit ich es mitbekommen habe, dass die (psychische) Gesundheit der Leihmutter geschützt werden solle. Gegner von Abtreibungen betonen indes die Abwägung zwischen dem Schutz des ungeborenen Lebens und dem Schutz der Mutter. Also: Im Zweifel für das Kind. Ich finde das teilweise widersprüchlich. Bzw.: Die Gemeinsamkeit in beiden Argumenten ist, dass der das Kind austragenden Frau die Entscheidungsfähigkeit abgesprochen wird. Ich frage mich, ob das in einer matriarchalen Gesellschaft auch so wäre.

Schräg wirds jedenfalls, wenn das menschliche Leben an sich in einem Streitwert von 600.000$ bemessen wird: Couple sues Ontario surrogate mother who refused to abort fetus:

“You know I’m a single mom, you know I have a daughter, and you’re basically suing me for my house. It seems very s—ty, it’s just awful,” the resident of Ontario’s Muskoka region said in an interview. “I just feel used … They didn’t get the perfect child they wanted and they threw me away.”

Fuhlsbüttel

Ich überlege, demnächst die Gedenkstätte Fuhlsbüttel zu besuchen. Öffentliche Führungen werden da vom VVN-BdA angeboten.

Derweil liest man über den VVN-BdA, dass ihm (mal wieder) die Gemeinnützigkeit aberkannt werden könnte: Nach den Widersetzen-Protesten in Erfurt – Angriff auf Verfolgte des Naziregimes. Interessant, wer dort alles so Mitglied war, z.B. Konrad Adenauer. Sie bieten auf ihrer Seite auch eine Ausstellung zum neuen Faschismus an: Neofaschismus in Deutschland.

Störgefühl

Dass Jens Spahn jetzt über seine Widersprüchlichkeit zum Thema Leihmutterschaft zu stolpern scheint, hinterlässt bei mir wieder mal ein Störgefühl. So ganz kann ich dieses Gefühl nicht fassen. Klar, wer politisch die Haltung hat, Leihmutterschaft müsse verboten bleiben, weil es nicht moralisch ist, privat aber mit seinem Mann ein Kind hat, dass per Leihmutterschaft entstanden ist (und man sich das Ganze nur mit dem nötigen Geld leisten kann), der muss mit Kritik rechnen. Gleichzeitig hat er sich schon so viel geleistet, weshalb er meiner Ansicht nach zurücktreten hätte können. Da spielt doch im aktuellen Fall sicher auch irgendwie mit rein, dass viele Leute aus den eigenen Reihen mit dem gesamten Familienmodell von ihm so ihre Probleme haben. So aus absolut persönlicher Sicht ist das sicher eine schwierige Situation. Wenn der Partner eine so weitreichende Entscheidung trifft, kann man sich ja fast nur zwischen politischer Karriere und Familie entscheiden… – Ah, wie ich gerade lese, tritt Jens Spahn zurück. Das Störgefühl bleibt.

Nachtrag:
Leere Zahnpastatube
Jens Spahn kauft Windeln für 10 Milliarden Euro

Nachtrag 2:
Das Thema beschäftigt einige vielleicht auch deshalb, weil die ethischen Überlegungen sehr dicht an dem Thema Abtreibung sind. Ein Hauptargument der Gegner von Leihmutterschaft war, soweit ich es mitbekommen habe, dass die (psychische) Gesundheit der Leihmutter geschützt werden solle. Gegner von Abtreibungen indes betonen die Abwägung zwischen dem Schutz des ungeborenen Lebens und dem Schutz der Mutter. Ich finde, dass das ein bisschen widersprüchlich ist. Bzw. die Gemeinsamkeit in beiden Argumenten ist, dass der austragenden Frau die Entscheidungsfähigkeit abgesprochen wird.

Ram Hüüt

Gestern war ich auf dem Flohmarkt. Dort habe ich mir einen Stand mit diversen Gemälden angeschaut. Der Verkäufer sprach mich dann an und meinte, der Künstler, vor dessen Bild ich da stehe, koste bei der „Abzockergallerie“ in Kampen 6000€, in List 3000€ und er rufe aber schlappe 1400VB auf. Bevor ich zuschlagen konnte, fing er dann an, über Jürgen Klopp zu schimpfen. Der sei Menschenhändler und was im Fußball passiere, sei wie das, was man mit „Nutten“ mache, reiner Menschenhandel. (So glaube ich zumindest, ihn verstanden zu haben, zumindest wüsste ich nicht, dass Jürgen Klopp in einen Skandal um einen Prostituiertenring verwickelt wäre.) Dann ergänzte er, dass Klopp in Wenningstedt das Haus von Hermann Göring für 10 Millionen gekauft habe. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob er wirklich von Min Lütten sprach. Passen würde es, da die Villa laut Stern vor kurzem noch zum Verkauf gestanden hat:

Laut Denkmaldatenbank ist die Villa ein „Zeugnis der nationalsozialistischen Macht und Repräsentationsabsicht“ und weise ein „Alleinstellungsmerkmal“ auf. Ihm komme „ein gesteigerter Dokumentations- und Zeugniswert zu“. Errichtet worden sei die Villa „vermutlich im Auftrag von Emmy Göring“ vom Sylter Architekten Otto Heilmann. Emmy Göring war die Ehefrau von Hermann Göring. Sie soll das Haus 1958 verkauft haben.
[…] Zum Preis heißt es „auf Anfrage“. Laut Schleswig-Holsteinischem Zeitungsverlag wurden bereits beim Verkauf 2019, vor der Sanierung und Modernisierung, zwölf Millionen Euro für die Immobilie aufgerufen.

75% der Sylter hätten damals für die NSDAP gestimmt, so der Kunstverkäufer weiter. Nach einigen anderen Gesprächsthemen – u.a. sei sein Elternhaus auch von Otto Heilmann gebaut worden – sprach er zwischendurch auch von Trump und Netanjahu, den beiden „Faschisten“.

Ich fragte ihn schließlich, wie er heiße. Er meinte dann, er habe viele Namen. Manche würden ihn „Kinderficker“ oder „Kommunist“ nennen, schon seitdem er 12 sei, und noch zig andere Namen, z.B. Strandi. Aber eigentlich heiße er Hanne, Rufname von Hans-Werner. Ich nannte ihm meinen Namen und verabschiedete mich. Er meinte dann noch, dass er in Hamburg auch einen Ole kenne. Mit Ole von Beust sei er befreundet und streichle gerne dessen Hund.

Nachtrag:
Rüm hart – klar kimming

Nachtrag 2:
Jetzt erinnere ich mich auch wieder an ein weiteres Detail: Zwischendurch schimpfte Hanne furchtbar über diesen einen Sandalenhersteller, irgendwas mit „Brett“ im Namen, das seien Nazis, weil die damals auch so viel Dreck am Stecken hatten. Ich schob dann meine Füße in Sandalen weiter unter seinen Stand, sodass er keinen Blick auf die Marke werfen konnte und sagte: „Birkenstock?“

Hausbesetzung ab 11.7.

In Gießen wurde am Samstag ein Haus besetzt. Im FreiTraum-Haus fanden in den letzten Tagen verschiedene Programmpunkte statt, unter anderem KüFa, Fotoausstellung und Workshops.

Die JLU-Führung informiert auch zur Hausbesetzung und berichtet von einem Dialog.

Der offene Brief liest sich eher nach Law&Order-Vorgehen. Interessant, wer sich alles solidarisch erklärt. Und wer nicht.

Eben wurde es dann von der Polizei gewaltsam geräumt.

Ich finde, das Ganze ging ganz schön schnell. Vor rund 20-30 Jahren wäre das, glaube ich, entspannter verlaufen. Aber das ist rein spekulativ.

Die Spontandemonstration hat dann jetzt zur Besetzung eines anderen Hauses in der Ihringstraße geführt. Mal sehen, wie sich die Sache entwickelt.

PS: Es ist ja klar, dass das auch mit der sich seit Jahren zuspitzen den Wohnungssituation zu tun hat, siehe auch Punkt 18.

Nachtrag:
82-Jährige besucht besetztes Haus – es ist ihr Elternhaus

Nachtrag aka zusammenhangslos

Hier 3 Lese-/Hörtipps, die zu vorangegangenen Themen passen:

  • Der Kulturbegriff der AfD – Im Reich der Ausrufezeichen: Gerade zum Thema Bildung wird einiges Schreckliches aus dem Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt zusammengefasst. So z.B. unter der Überschrift „Mehr Bismarck“: „Mit einer patriotischen Wende solle die nationale »Identitäts­störung« geheilt werden.“ (Siehe: „Seelenverwundete“) Mich erinnert das an einen Neuntklässler, der vor einigen Jahren im Unterricht zusammenhangslos fragte: „Können wir nicht mal was zu Bismarck machen?“

Der neue Faschismus

Auf die Nachricht hatte ich ja schon hingewiesen: CSU-Politiker erwägen Verbotsverfahren gegen Thüringer AfD. Jetzt lese ich dies: Jens Spahn bringt Wahlrechtsentzug für Björn Höcke ins Spiel. Nach dem Lesen wurde mir klar, woher mein Störgefühl bei der Meldung neulich kam. Es liegt nahe, dass die Strategie verfolgt wird, die AfD „koalitionsfähiger“ zu machen, vielleicht ja mit Jens Spahn als nächsten Kanzler. Außerdem ist die Botschaft an die AfD-Wähler klar: Mit der Union bekommt ihr etwas ähnlich Fremdenfeindliches, nur nicht so schädlich für „unser Land“. Interessant ist z.B., was Jens Spahn an der AfD so stört – und was nicht:

Spahn bekräftigte in dem [Focus-]Podcast seine eigene Abgrenzung zur AfD. »Wer für Putin unterwegs ist, für China spioniert, extrem und radikal in der Sprache ist, von dem grenzen wir uns, grenze ich mich klar ab – politisch, inhaltlich, menschlich«, sagte der CDU-Politiker.

Die AfD allein ist aber nicht das Problem, sondern die Normalisierung eines Denkens, Sprechens und Handelns, das in eine faschistische Gesellschaft führt. Nur: Der Umgang mit der AfD offenbart diese Normalisierung. (Zur Normalisierung siehe z.B.: Die Populisten haben gewonnen (Kommentar vom 01.09.2024 zu den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen), „Remigration“: Der Versuch, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben (Kommentar vom 29.01.2025) und Welche Folgen die Radikalisierung der Sprache hat (zum vergangenen Bundestagswahlkampf vom Februar 2025).

Zum Gegenwartsfaschismus siehe z.B. hier:

Ich hab neulich in einem Gespräch mal den Gedanken geäußert, dass es vielleicht schon längst zu spät ist mit allem. Man blickt zurück und fragt sich, wann das alles angefangen hat – und eigentlich meint man damit: Man hätte was ändern können. Aber wann?

Nachtrag:
Ist das gerecht? – Trump und die AfD als „Faschisten“ zu bezeichnen, ist problematisch

Wegtreten!

Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, empörte Berufskritiker: Wegtreten! Wir gehen mit Zuversicht und Optimismus an die Arbeit und wir bringen unser Land wieder auf das Level, auf das wir es verdient haben.

Friedrich Merz auf dem NRW-Landesparteitag der CDU

Viele finden den Ausspruch vermutlich ein bisschen peinlich. Zum einen, weil unklar ist, was für ein Level „wir“ verdient haben, da das Verdienst die Zuschreibung anderer nach etwas Vollbrachtem ist. Das heißt, es ist egal, auf welches Level „unser Land“ gehoben oder gesenkt worden sein wird, wir haben es (uns) verdient. Zum anderen, weil hinter den im Koalitionsausschuss beschlossenen Maßnahmen ein negatives Menschenbild steckt. (Mal wieder wird dieses sichtbar, muss man bei dieser Regierung leider sagen.) Wenn etwas schlecht läuft, dann ist es das Einfachste, es den Kritikern in die Schuhe zu schieben, die bemängeln, dass es schlecht läuft. So nach dem Motto: Wenn man nur meckert, kann es ja nicht besser werden. Dabei wissen wir ja spätestens seit Alexanders Im Auftrag der Schönheit – Oscar Wildes Amerika-Tournee, dass die Kritik die höchste Form der Subjektivität ist. Außerdem könnte ja eventuell etwas an der Kritik berechtigt sein, wenn einem der Wind so hart entgegenbläst. Aber stattdessen sucht der Kanzler ja lieber den Weg in die Weinerlichkeit: „Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.“ Klingt nicht gerade sehr optimistisch, sondern eher nach ausgeprägter emotionaler Ich-Bezogenheit. Dass es den Regierenden an Empathie mangelt, merkt man nicht nur an der Kommunikation. Die Beschlüsse selbst sind davon durchdrungen.

In der Kritik stehen meiner Wahrnehmung nach derzeit vor allem diese drei Maßnahmen aus dem „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“: Punkt 11 (Abschaffung der telefonischen Krankschreibung + verpflichtende Vorlage der AU-Bescheinigung ab dem ersten Tag der Erkrankung), Punkt 18 (Verbot von Vergesellschaftung von privatem Wohneigentum auf Landesebene) und Punkt 32 (Einschränkung des Informationsfreiheitsgesetzes). Zu diesen Punkten gibt es bereits genügend Kritik, ich empfehle an der Stelle zum Beispiel den aktuellen Podcast Gilda con Arne oder den Kommentar von Magarete Stockowski. Hier meine kurze Gedanken dazu:

  • Im Koalitionsausschuss saßen 9 Personen, pro Partei 3. Und nicht jede dieser Personen ist auch Regierungsmitglied. Das ist nicht gerade ein demokratisches Verständnis, das ich teile, wenn die Maßnahmen jetzt, wie zu erwarten ist, in der Folge von oben durchgedrückt werden.
  • Punkt 11 ist Bürokratieaufbau – aber nur für Arbeitnehmer und Ärzte. Da scheint das mit der Bürokratie OK zu sein.
  • Punkt 18 unterbindet die Vergesellschaftung, die in Artikel 15 des Grundgesetzes ausdrücklich als eine Möglichkeit vorgesehen ist.
  • Punkt 32 stinkt einfach so dermaßen nach Korruption. Gewisse Personen wollen einfach nicht mehr auf die Finger geschaut bekommen.
  • Diese Regierung tritt in der Manier eines Biedermanns mit aller Härte nach unten – weil sie einerseits Angst vor den Brandstiftern hat und andererseits die autoritäre Härte an den Schwächeren auslebt.
  • Die Tritte nach unten finden schon viel länger statt, die fallen den meisten nur nicht auf, weil es sie bislang nicht betraf (über Punkt 23 redet man z.B. kaum). Aber nun sind mehr Menschen von den Tritten betroffen, also steigt die Empörung. (Ich empfehle dazu das Gedicht „Brat mir doch einer `nen Storch“ von Lars Ruppel.)

Höcke sprach auf dem Bundesparteitag der Brandstifterpartei in Erfurt über die Kritiker vor Ort nicht von „Nölern, Nörglern und empörten Berufskritikern“ sondern von „Seelenverwundeten“, denen man nicht ermöglicht habe, eine „gesunde Identität auszubilden“ und die „geheilt“ werden müssten. Das listige Selbstbewusstsein der Brandstifter ist also schon sehr ausgeprägt – dank Biedermann/Jedermann.

Die Welt ist dumm, gemein und schlecht,
Und geht Gewalt allzeit vor Recht,
Ist einer redlich treu und klug,
Ihn meistern Arglist und Betrug

Jedermann (Der Teufel über die Menschen)

Hier ein ermutigender Gedanke, nach all dem Genöle:

Du, lass dich nicht verhärten
in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen,
die allzu spitz sind, stechen
und brechen ab sogleich.

Ermutigung von Wolf Biermann

(„Fick die AfD“ zu sagen ist so leicht – bis es das nicht mehr ist.)

Nachtrag:
CSU erwägt Verbotsverfahren gegen Thüringer AfD. (Ich fühl grad irgendwie nicht, dass das nur eine gute Nachricht ist.)
MAGA. (Siehe auch: Hitler and Trump: Common Slogans? sowie Meme precidency)

REVOLT

Wer ein paar Minuten Zeit hat, etwas zu lesen, weiß aber nicht, was, dem empfehle ich: Surrealismus und Antifaschismus (von Georg Diez). Das Gedicht am Ende ist von Władysław Szlengel ist besonders erwähnenswert. Den Schatten der Erde kannte ich auch noch nicht.

Siehe auch:
Exhibiting Violence: POLIN Museum of the History of Polish Jews
Réne Marigtte’s Surraelsitische Rveoltuion.

Nachtrag:
Sein letzter Seufzer
„Aber hier leben? Nein danke. Surrealismus + Antifaschismus“
FATHERLAND

Das Spiel ist aus

Nervt nur mich bei der Berichterstattung über das Ausscheiden der deutschen Fußballer, dass Paraguays Leistung kein einziges Mal gewürdigt wird? Ich scrolle durch die Seite der Tagesschau und es geht in den Headlines darum, wie schlecht die deutschen Fußballer waren. Dann nächster Block, Headline: „Marokko ringt die Niederlande im Elfmeterschießen nieder“ Hier liegts dann nicht an den Holländern. Dahinter könnte negativer Größenwahn oder auch Kulturalismus stecken. So als könnte es nicht auch einfach mal Pech oder die fußballerische Überlegenheit Paraguays sein, wenn man ein wichtiges Spiel verliert.

Siehe auch: Esut.

PS:

Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch [im Fußball].

Theodor W. Adorno

Hitzefrei

Um der Hitze zu entgehen, bin ich gestern Nachmittag im klimatisierten Kino gewesen. Der erste Film hieß Disclosure Day und – was soll ich sagen? Er war schlechter als erwartet. Ich denke, man kann ihn als Rehabilitierungversuch für Alienverschwörungsgläubige bezeichnen. Über mehr als ein Detail bin ich erschrocken, gehe aber nur auf eines ein, um nicht zu spoilern: Gegen Ende werden Randfiguren als bloße Befehlsempfänger dargestellt, die nicht selbst denken und entscheiden. Das dürfte den Verschwörungsgläubigen gefallen. (Stichwort: Schlafschafe&Co.) Das damit transportierte Menschenbild finde ich sehr bedenklich.

Spontan haben wir dann noch den Film Michael geschaut. Der hat mir besser gefallen. Das lag besonders an der schauspielerischen Leistung von Jaafar Jackson als Erwachsener Michael Jackson.

Währenddessen gibt es in Frankreich einen Kulturkampf um die Klimaanlage und die Grünen in Deutschland fordern ein Sofortprogramm für Klimaanlagen. Ich finde die Idee gut. Natürlich muss dazu auch Photovoltaik aufs Dach und man sollte bei Krankenhäusern und Pflegeheimen anfangen. Beim Kältemittel darf man natürlich keines verwenden, das hochgiftig oder einen hohen GWP-Wert hat. Wenn ich daran denke, im August wieder im 3. Stock zu unterrichten, in dem man es die letzte Woche (jeden Tag hitzefrei nach der 5. Stunde!) schon um 8.00h nicht hat aushalten können, ärgere ich mich umso mehr über Bayern und Baden-Württemberg. Zum Glück lasse ich ja nur arbeiten.

Filmtipps

Ich war im Rahmen der Globale Mittelhessen in zwei lohnenswerten Filmvorführungen: In The Rearview und Sudan, Remember Us.

Während mir der ukrainische (eigentlich: polnische) Film besser von beiden gefallen hat, war beim zweiten das Nachgespräch ziemlich eindrücklich. In The Rearview zeigt verschiedene Personen auf der Rückbank eines Autos, das sie aus der Ostukraine in den Westen evakuiert. Beim Filmgespräch nach Sudan, Remember Us waren zwei Sudanesen aus Hamburg dort. Einer war vor Ausbruch des Bürgerkriegs schon nach Europa geflohen, nämlich nach Charkiw. Von dort dann 2022 nach Hamburg. Er meinte, dass das Interesse und die Warmherzigkeit ukrainischen Geflüchteten sehr beeindruckend gewesen sei, fragte gleichzeitig nach dem Interesse an dem Krieg im Sudan. Geflüchtete müssten in der Ausländerbehörde sehr häufig erklären, was in Sudan überhaupt los sei, da herrsche große Unkenntnis. Der andere der beiden hat dann noch ein Lied auf seiner Gitarre gespielt. Doof war, dass das recht spät wurde und so schon die Leute in den Saal kamen, die den nächsten Film sehen wollten. Abgesehen davon, dass die Moderation da hätte besser die Zeit im Blick halten müssen, benahmen sich die neuen Kinobesucher nicht gerade rücksichtsvoll und plauderten munter, während der Kerl vorne seine Utopie von einem friedlichen, freien Sudan besang. Andere futterten Popcorn zum Film, das auch irgendwie unpassend war. Im Jokus hat mir die Atmosphäre besser gefallen als im Kinocenter.

Nachtrag
Hier noch einige Hintergrundinformationen zu Sudan:

Furchtbare Juristen

Wusstet ihr, dass das Grundgesetz gar nicht für alle Menschen in Deutschland gilt? Art139GG:

Die zur „Befreiung des deutschen Volkes vom Nationalsozialismus und Militarismus“ erlassenen Rechtsvorschriften werden von den Bestimmungen dieses Grundgesetzes nicht berührt.

In der Wikipedia steht dazu, dass ein großer Teil der Juristen der Meinung sind, dass dieser Artikel ab 1951 mit dem vermeintlichen Abschluss der Entnazifizierung nicht mehr gelte. Das ist aus mehreren Gründen interessant. Ich will hier nur einen herausheben. Wichtig sei nämlich bei dieser Auslegung auch die Grundgesetzkommentierung von Theodor Maunz, auf die man sich berufe. Dann schaut man sich an, was der so zwischen 1933 und 1945 gemacht hat – und greift sich an den Kopp. Die Juristerei hat ein Naziproblem.

Ninive soll brennen

Ein Soziologe aus Offenbach erklärte neulich in einem Vortrag, dass sich weite Teile der Gesellschaft eigentlich im Ziel einig sei, die Erderhitzung zu begrenzen. Uneinigkeit herrsche beim Tempo der Transformation. Das ist als Beschreibung sicher zutreffend, ob es im Umgang hilft, sei dahingestellt.

Ich denke, dass auch das eine Ausrede dafür ist, sich nicht zu verändern. Sieht man auch in anderen Bereichen: Es ist leicht, sich einzureden, dass „linke“ Bewegungen Schuld trügen am Erstarken rechtsextremer Anschaungen. Politisch ist das als ein entscheidendes Motiv von vielen Parteien derzeit genannt, u.a. begründet die CDU ihren ausländerfeindlichen Wahlkampf so. (Leseempfehlung eines Interviews der TAZ mit dem Historiker Jens Bisky: Wie Weimar ist die Gegenwart? Siehe auch: Hu-Hu-Hufeiseneinsatz)

Als weiteres Beispiel sei der Verweis auf die Kaliberexperten genannt. Die Logik, die dahintersteckt: Die Waffenlieferungen an die Ukraine wirkten als eine Art Brandbeschleuniger des Krieges. Das ist gedanklich nicht weit entfernt davon, die Schuld am Kriegsausbruch nicht in den Entscheidungen der russichen Führung zu suchen. (Leseempfehlung des ZEIT-Interviews mit dem Schriftsteller Marko Martin: „Wir dürfen uns in der Nähe der Apokalypse nicht wohlfühlen“)

Mich erinnert vieles derzeit an Kassandras Schicksal, die Figur der griechischen Mythologie. Die erhielt das Geschenk der Weissagung von Apollon. (Weil der sie so schön fand und er damit ihre Zuneigung bekommen wollte.) Apollon verfluchte sie dann aber. (Weil sie ihn zurückwies.) Ihren Weissagungen wurde fortan kein Glaube geschenkt. Nachdem sie mehrere ihrer Weissagungen sich erfüllen sehen muss, wird sie vergewaltigt, entführt und von der Frau des Entführers (oder deren Geliebten) getötet.

Fehlt also nur noch, dass ihr jemand nachträglich die Schuld an den Tragödien gegeben hätte: Wenn Kassandra die Zukunft doch kannte, hätte sie sich eben stärker einsetzen müssen, die Zukunft zu verändern. So rein hobbypsycholgisch würde das z.B. erklären, warum derzeit eigentlich alle was gegen die Grünen haben. Und letztlich sind die Parteien ja nur Projektionsflächen für wahre Konflikte innerhalb der Gesellschaft.

Es gibt ja in der Bibel eine der Kassandra ähnliche Figur: den Propheten Jona. Der bekommt von Gott den Auftrag, zur Stadt Ninive zu reisen. (Das ist wohl als die Hauptstadt einer die Israliten beherrschenden Großmacht zu lesen, z.B. der Assyrer.) Darauf hat Jona aber keine Lust und will stattdessen nach Tarsis. Er heuert auf einem Schiff an, das nach kurzer Fahrt in einen schweren Sturm gerät und Jona ahnt, dass er der Grund für den Sturm ist. Er bittet die Mannschaft, ihn über Bord zu werfen. Das wollen die zuerst nicht, tun es nach vergeblichen Ruderversuchen dann aber doch. Das Unwetter legt sich und die Schiffsbesatzung ist so beeindruckt, dass sie alle zu Gott beten.
Jona wird im Wasser von einem großen Fisch verschluckt. Nach 3 Tagen im Bauch des Fischs wird er schließlich an Land gespuckt und nimmt seinen Auftrag an. Er geht nach Ninive und spricht zu den Bewohnern der Stadt: In 40 Tagen gehe die Stadt unter. Zu seiner Verwunderung tun die Bewohner Buße und gehen in Sack und Asche und fasten, sogar der König. Gott sieht deshalb von der Zerstörung ab.
Daraufhin wird Jona sauer und man erfährt, was der eigentliche Grund seiner ursprünglichen Flucht vor dem Auftrag war: Er ahnte, dass Gott gnädig sein würde. Voller Zorn sucht er sich außerhalb der Stadt einen Platz, um von dort ihr Schicksal zu beobachten. Gott lässt ihm einen Rizinus wachsen, der ihm Schatten spendet, sodass sich Jonas Laune bessert. Bei Anbruch des Morgens schickt Gott jedoch einen Wurm, der den Strauch „sticht“ und er verdorrt. Später schickt Gott einen heißen Wind und die Sonne „sticht“ Jona, so stark, dass dieser lieber tot wäre. Gott fragt Jona, ob er wirklich denkt, zu Recht sauer wegen des Rizinus zu sein. Trotzig antwortet er Gott: „Mit Recht zürne ich bis an den Tod.“ Das Buch Jona endet dann mit der Antwort Gottes, die er als Fragen formuliert: „Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?“

Hier einige Gedanken, die ich in keinen sinnvollen Zusammenhang bekomme:

  • Kassandra und Jona sind den Entscheidungen und Handlungen der anderen radikal ausgeliefert.
  • Während Kassandra als Figur dazu verflucht ist, passiv zu sein, wehrt sich Jona (vergeblich) gegen sein Schicksal, indem er den Tod sucht, aber nicht findet.
  • Lustigerweise sind die Bewohner der Stadt Ninive am Ende auch verflucht: Sie müssen damit leben, nie zu wissen, ob die Stadt wirklich untergangen wäre.
  • Veränderung sei Schuld am Verharren ist ein verführerischer Gedanke, weil er ermöglicht, es sich in seinem Nicht-Handeln behaglich einzurichten.
  • Sich als Kassandra (oder Jona) zu fühlen ist verführerisch, weil man sich dann nicht mehr als Teil der Gemeinschaft betrachten muss.
  • Jona zieht sich zurück ins Private, findet Glück und verliert es alsbald.
  • Jona hätte Tool gehört: AEnema.

Höörtipps

Ich habe zwei Radiosendungen gehört, die ich empfehlen kann:

Im ersten Radiobeitrag geht es um Menschen, die denken, nur genug Geld haben zu müssen, um sich von der Wirklichkeit abschotten zu können, auch wenn die Welt zusammenstürzt. Es lohnt sich, bis zum Ende zu hören, da die Eingangsgeschichte später weitererzählt wird.

Der zweite Beitrag räumt mit dem Missverständnis auf, dass Emotionen im Wahlkampf rausgehalten werden sollten. Die Neurowissenschaftlerin begründet das im Gespräch zum einen damit, dass Emotionen den Menschen erst zum Entscheiden befähigen. (Siehe auch: Just A Feeling Machine?) Zum anderen erklärt sie, dass es (immer) hilfreich ist, sich seiner Emotionen bewusst zu werden. Eine Wahlentscheidung sei demnach nicht vorzugsweise rational zu treffen, denn das, was man allgemeinhin damit bezeichnet, meine eigentlich eher etwas wie wertebasiert. Und Werte basierten wiederum auf Emotionen, nur eben langfristig umgesetzt gedacht. Emotionen seien demnach nicht das Problem, sondern der kurzfristige Blick. Angst bspw. führe im Wesentlichen zu 3 direkten Verhaltensweisen: Kampf, Flucht, Erstarren. Wenn man das jetzt auf Themen, die bei der Bundestagswahl eine unterschiedlich wichtige Rolle spielen, überträgt, bedeutet es, dass nicht die Thematisierung von etwas, das Angst auslöst, das Problem ist. Stattdessen sind es Lösungsvorschläge, die eben nur kurzfristig betrachtet die Angst bedienen und nicht langfristige Lösungen auf Ängste anbieten oder Emotionen gegeneinander ausspielen.

Wenn die lyrics scheiße sind, hilft kein guter rhyme

Ein Beitrag von Omer Bartov erregte mein Interesse: As a former IDF soldier and historian of genocide, I was deeply disturbed by my recent visit to Israel. Ich finde den Text in vielen Punkten aufschlussreich, auch weil ich gezwungen bin, mich mit einer differenzierteren Sichtweise auf das Vorgehen Israels auseinanderzusetzen. Er berichtet darin von einem Streitgespräch mit IDF-freundlichen Studierenden bei einem seiner jüngeren Israelbesuche.

Mein Problem bleibt dabei der ständige Bezug auf die Soldaten des Nationalsozialismus. (Zugestanden ist dies sein Forschungsschwerpunkt laut Wikipedia: „Seine eigene Forschungstätigkeit konzentrierte Bartov zunächst ebenfalls auf die Gleichschaltung der deutschen Wehrmacht im Dritten Reich, ehe er sich mit den Kriegsverbrechen der Wehrmacht in Osteuropa beschäftigte.“)

Problematisch schreibt er meines Erachtens hier:

Look at what happened to us in 1918, German soldiers said in 1942, recalling the propagandistic “stab-in-the-back” myth, which attributed Germany’s catastrophic defeat in the first world war to Jewish and communist treason. Look at what happened to us in the Holocaust, when we trusted that others would come to our rescue, IDF troops say in 2024, thereby giving themselves licence for indiscriminate destruction based on a false analogy between Hamas and the Nazis.

Wenn man ihn wohlwollend auslegt, vergleicht er hier, dass in beiden Armeen eine Rechtfertigung für das jeweilige (verbrecherische) Vorgehen vorgeschoben wird. Das ist sicherlich ein bedenkenswerter Punkt. Wer aber die Dolchstoßlegende mit dem Holocaust vergleicht, macht dieses Menschheitsverbrechen nicht nur zu einem beliebigen historischen Betrachtungsgegenstand, sondern auch zu einer Verschwörungstheorie. Das ist nicht weit davon entfernt, dass Juden zu Nazis werden und Hamasterroristen zu Widerstandskämpfern.

„Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“, sagt man.

Mein größtes Problem an den Kritikern des israelischen Vorgehens bleibt die emotionale Kälte gegenüber den Opfern des Terroranschlags/Pogroms am 07.10.2023. Navid Kermani schrieb im November 2023:

Vielleicht ist es zu viel, von Palästinensern im Gazastreifen oder im Westjordanland, die unter der Besatzung aufgewachsen sind, Empathie für Israelis zu erwarten – so wie es nach dem Massaker umgekehrt nur wenigen Israelis möglich sein wird, mit der Zivilbevölkerung in Gaza zu fühlen. Gut versorgt im sicheren Deutschland, vermag ich nicht zu sagen, wie ich selbst reagieren würde, wenn mein eigenes Kind ermordet oder mein Haus zerstört worden wäre. Aber gut versorgt im sicheren Deutschland, sollte jedem das Mitgefühl für die Opfer gleich welcher Seite möglich sein. […]
Stattdessen folgte der, wenn überhaupt, pflichtschuldigen Verurteilung noch im gleichen Atemzug das Aber, als würde vor dem Aber, wenn schon kein Punkt, nicht wenigstens ein Komma stehen. Ich bin auch für das Aber; das Denken konstituiert sich nicht in Thesen, sondern in Widersprüchen, ja. Aber – aber! – es gibt doch im Leben immer wieder einen Augenblick, eine Minute, einen Tag oder eine Woche, wo man eine Pause setzt, bevor man mit seinem Aber fortfährt. Wo man dem Gegenüber nicht als Gegner, sondern als Mensch in die Augen sieht, der um seine Nächsten weint. Wo man sich schämt, wenn in Deutschland an die Häuser von Juden ein Davidstern gesprüht wird.

In diesem Konflikt scheinen zwei Seiten anhaltend und wiederholt so traumatisiert, dass es erst recht notwendig ist und bleiben wird, beide zu verstehen, zumindest verstehen zu wollen. Die Opfer der Gegenwart zu sehen geht nur aus einer eigenen Perspektive, die dann glaubhaft ist, wenn sie eine moralische Haltung hat, die unmenschliche Handlungen nicht rechtfertigt – und die eigene Geschichte nicht umdichtet oder verdängt.

Resilieren

So neu ist das Wort Resilienz nicht, aber wir hatten neulich einen Schwerpunkttag an der Schule, an dem auch dieser Begriff eine wichtige Rolle spielte. Ich muss bei dem Wort resilient sehr stark an flexibel denken. Solche Wörter haben ganz schnell den Geschmack, als würde man sie von einem Chef gesagt bekommen. Soll heißen: Das sind solche Luftblasenwörter, bei denen nicht nur die direkte Bedeutung des Wortes oder die Situation, in der man es sagt, eine Rolle spielt, sondern auch das Wertegerüst und die Rolle im System der sie aussprechenden Person. Ein gut gemeinter Vorschlag zur Resilienzsteigerung klingt dann schnell nach einer Idee, wie man besser funktioniert.

Richard Sennetts über 25 Jahre altes (ulay!) Buch Der flexible Mensch kommt mir da in den Sinn: „Absolute Flexibilität bedeutet für den einzelnen, einer unvorhersehbaren Kontrolle durch wechselnde Dritte ausgesetzt zu sein.“ (Deutschlandfunk 1998) Kein Wunder, dass man heute die Leute resilienter machen muss, nachdem man sie vor einer Weile flexibler gemacht hat.

Ich hab mir jedenfalls vorgenommen, in Zukunft etwas mehr zu resilieren und auch mal Nein zu etwas sagen – wozu ich Nein sage, sehe ich dann, ganz flexibel.

Zivilisationsbrüche

Heute, einen Monat nach dem terroristischen Pogrom auf israelischem Boden durch Hamas, bin ich zur Gießener Synagoge spaziert. Auf der Tafel am Eingang erfährt man, dass sie ein Wiederaufbau der während der Novemberpogrome 1938 in Wohra zerstörten Synagoge ist. Auf der Seite des Deutschen Historischen Museums heißt es zu den deutschen Pogromen 1938:

Bevor die Gewalt in der Nacht vom 9. und 10. November im gesamten Reichsgebiet explodierte, war es bereits am 7. und 8. November zu antijüdischen Gewalttaten in Fulda, Kassel, Bebra und weiteren Städten gekommen.

Ich habe mir, als ich eben die Tafel vor der Synagoge las, die Frage gestellt, ob es noch bessere Wege gibt, an jüdisches Leben in Deutschland zu denken, ohne eine Synagoge aufzusuchen. Und womöglich würden sich Jüdinnen und Juden, die nicht religiös sind, gar nicht angesprochen fühlen, wenn man eine Kerze vor einer Synagoge entzünden würde – wohl fühlen sie sich aber vermutlich bei einem Brandanschlag auf eine Synagoge bedroht.

Mir fallen im Moment die Worte schwerer als sonst und das Beste, das ich hierzu gehört habe, habe ich aus dem Fernsehen: Extra3 im Oktober 2023. (Zur Einordnung des Statements hilft vielleicht auch dieser Beitrag: Christian Ehring 2014, zum damaligen Gaza-Krieg.)

Avignon

Willkommen in der Oligarchie
Aufruf zum Protest am 7. März
Übersetzerfragment I
Übersetzerfragment II

Glutomatismus aka „Brigittes iPad“

Bin gerade auf dieses ältere Video gestoßen, das ich unterhaltsam finde: Häuptling Erzhegel

Während ich in einigen Punkten zustimmen kann (z.B. der Welt möglichst ideologiefrei zu begegnen), muss ich feststellen, dass die beiden Gäste vielleicht einfach ein Problem damit haben, anzuerkennen, dass es viel mehr Leute gibt, die sich eine eigene Meinung gebildet haben, die ihnen aber nicht passt – und unterstellen diesen Meinungsträgern Konformismus. Im Grunde ist es ein Schimpftirade gegen alles zeitgeistige. Das ist es, was es so unterhaltsam macht.

Siehe auch: Die Kunst, ein Opfer der Kunst

Kulturelle Aneignung

Auf Youtube vertont ein Kerl Videos mit Metalmusik. Das passt manchmal richtig gut und ist unterhaltsam. Zum Beispiel zu einem Pig Calling Wettbewerb: Pig Calling Contest goes Metal. Oder auch Ausschnitte aus einer Meisterschaft zum Auktionieren: Auctioneer Championship goes Metal. Schräg fand ich dabei vor allem, was es so für komische Veranstaltungen und auffällige Verhaltensweisen von Leuten gibt. Letzteres nennt man Memes. (Wenn ich das Konzept richtig verstanden habe, geht es bei Memes darum, irgendwas zu Verballhornen und damit möglichst noch eine Botschaft zu verbinden. Unterhaltung und Message quasi verbunden.)

Besonders interessant, dass bei den Noorani Sisters die Vertonung beider Versionen gut passt: Als Red Hot Chili Peppers und als System of a Down. Ich weiß nun nicht, über welche Kultur das mehr aussagt – oder ob überhaupt.

Der Algorithmus führte mich dann hierzu: Dennis Chambers hears Tool for the first time. Das Internet ist voll von Leuten, die Dinge besser können als ich. Zum Glück gibts dann auch manche Memes, in denen Leute mit peinlichen Momenten berühmt werden, damit ich mich wieder besser fühlen kann.

Nachtrag: Mir kommt gerade der Gedanke, da das ein oder andere Video ganz gut die Belustigungs-Spirale – von der (evtl. peinlichen) Handlung bis ins Youtube-Wohnzimmer – und wie ich also auch Teil davon bin, zeigt, dass wir womöglich in einer Satire-Gesellschaft leben, die sich gegenseitig bis ins Unendliche karikiert. Da kann es schon – rein methodisch betrachtet – eine radikale Handlung sein, eine einfache Wahrheit auszusprechen.

Mittlere Reife

Gestern war ich in Gießen auf der Klimademo: „Weil man uns die Zukunft klaut“. (Der Gießener Anzeiger fasst alles Wesentliche gut zusammen.) Ich bin mit Anne erst am E-Klo zur Demo dazugestoßen und hatte auf dem Weg dorthin schon Sorge, dass sie ausgefallen wäre, weil keinerlei Verkehrsbehinderungen bemerkbar waren. Anne entdeckte in der Menge dann für mich schnell Jörg Bergstedt von der Projektwerkstatt. Den hatte, wenn ich mich richtig erinnere, Alexander einmal doppelt polemisch als die linke Dagegenopposition zum AStA bezeichnet, weil der im StuPa alle Listen immer mal wieder mit wirren Redebeiträgen etwas genervt hatte, ohne überhaupt gewählt worden geschweige denn Student gewesen zu sein. (Bei letzterem bin ich mir nicht so sicher.)

Vom E-Klo ging es dann zum Oswaldsgarten, wo sich der Pulk auf der Kreuzung niederließ, um den Redebeiträgen zu lauschen. Der erste war von einer Geographie-Studentin, die von ihrer Hausarbeit über Erdrechte erzählte. (Auf die Schnelle habe ich nur einen Bezahllink der FAZ gefunden, der sich kritisch damit auseinanderzusetzen scheint: Mutter Erde als Rechtsperson) Ich habe nicht immer alles verstanden, aber es klang ganz interessant. Die Rednerin wurde kurz von hupenden Autofahrern unterbrochen. Die haben nämlich auch mal gemeinsam Lärm gemacht. Ich war mir aber nicht sicher, ob nur als spontane Gegendemo aus Langeweile oder doch zur Unterstützung. (Vielleicht sollte man die nächste Klimademo als Autokorso machen. Damit könnte man den Stadtverkehr wirklich lahmlegen, wenn jede/r der 800 Demonstrant:innen ein einzelnes Auto führe. Symbolisch könnte dann ja den Autos der Sprit ausgehen, so von wegen Ende der fossilen Energieträger.)

Der nächste Redner war dann Jörg Bergstedt. Der stellte verschiedene seiner Dauerthemen vor, u.a. das Verkehrskonzept der Projektwerkstatt für die Stadt Gießen. Da sind viele Dinge ganz interessant. Ich hatte später trotzdem so meine Probleme mit einigen Leuten, die ich der Projektwerkstatt zuordne. Da waren Rufeanfeuerer, die mit niemandem sonst unterwegs waren. Da war auch das Gespräch von zweien, das Anne etwas mitgehört hatte, in dem sich die zwei darüber unterhielten, wie sie auf welchen kommenden Demos ihre Standpunkte unterbringen können. Und da war der Gesamteindruck, dass die FFF-Leute einfach viel lockerer, weniger verbissen waren. Vielleicht liegt das daran, dass diejenigen, die, wie z.B. die Projektwerkstättler, schon länger in der Aktivistenszene unterwegs sind, z.T. noch „ihre“ alten Inhalte unterbringen wollen und nicht die Jüngeren mal machen lassen. Diese manipulative Methode mag ich einfach nicht, gleich um welche Inhalte es geht.

Wer fehlte waren Vertreter:innen der politischen Parteien. Insgesamt waren aus meiner Sicht höchstens die Hälfte der Personen jünger, also Schüler:innen und Student:innen, die anderen waren Leute mittleren und reiferen Alters. Die Leute, die nicht da waren, konnten vielleicht nur deshalb nicht, weil sie Der Würgeengel noch zuende schauen wollten.

Mein Fazit: Wir Älteren sollten unbedingt darauf achten, nicht zu sehr aus einer Macht- und Erfahrungsperspektive auf die Jüngeren zu schauen. (Dem Sinn nach nicht diesen Fehler machen: Sieh mal, wie schön die Klimaschutz spielen!)

Bleibt nur noch die Frage: Wie kommt man ins Handeln?

Anlasslose Analyse und Traumdoxing

Diese Woche erging ja erneut ein Urteil zur Vorratsdatenspeicherung, das sie im Grundsatz für unrechtmäßig erklärt. Derweil bin ich durch Sascha Lobos Kolumne zum Thema auf einen Artikel von 2014 gestoßen: Selbstzensur durch Massenüberwachung: Wir werden uns nicht mehr wiedererkennen (von Peter Galison).

Ich hab mich dann daran erinnert, dass ich mir da schonmal drüber Gedanken gemacht habe, wie sich wohl die Aufklärung über Überwachungsmechanismen der Gegenwart auf das aufgeklärte Individuum auswirkt, sprich: sich das Verhalten ändert. Ob man da überhaupt was Sinnvolles tun kann, wenn man jungen Menschen entweder nicht erklärt, wie das Internet funktioniert oder sehr genau erklärt, wie es funktioniert. Vielleicht besteht ja die eigentliche Wehrhaftigkeit darin, sich nicht zu ändern trotz Überwachung.

In dem FAZ-Text gibt Galison Sigmund Freuds Beobachtungen im Rahmen von Traumdeutungen wieder, die ich unabhängig von alledem interessant finde:

Anfang Dezember 1915 hielt Freud seine Vorlesung über die Traumzensur. Etwa in dieser Zeit versah er die „Traumdeutung“ mit einem Zusatz, in dem er die Traumzensur während des Krieges direkt mit der Postzensur verglich. „Frau Dr. H. von Hug-Hellmuth hat im Jahre 1915 einen Traum mitgeteilt, der vielleicht wie kein anderer geeignet ist, meine Namengebung zu rechtfertigen. Die Traumentstellung arbeitet in diesem Beispiel mit demselben Mittel wie die Briefzensur, um die Stellen auszulöschen, die ihr anstößig erscheinen. Die Briefzensur macht solche Stellen durch Überstreichen unlesbar, die Traumzensur ersetzt sie durch ein unverständliches Gemurmel.“

In dem erwähnten Traum geht eine fünfzigjährige „feingebildete und hochangesehene Dame“ in das Garnisonsspital Nr.1 und erklärt dem Posten, sie wolle freiwillig „Dienst“ tun, betont es aber so, dass klar ist, dass damit „Liebesdienste“ gemeint sind. Sie sagt zu dem Posten: „Ich und zahlreiche andere Frauen und junge Mädchen Wiens sind bereit, den Soldaten (Gemurmel, Gemurmel).“ Aber in ihrem Traum wird sie von allen verstanden. Einer der Offiziere: „Gnädige Frau, nehmen Sie den Fall, es würde tatsächlich dazu kommen (Gemurmel).“ Und die Träumende etwas später: „Eine Bedingung müsste eingehalten werden…, dass nicht eine ältere Frau einem ganz jungen Burschen (Gemurmel), das wäre entsetzlich…“ Während sie auf einer schmalen Wendeltreppe in das Obergeschoss hinaufsteigt, hört sie einen Offizier sagen: „Das ist ein kolossaler Entschluss, gleichgültig, ob eine jung oder alt ist, alle Achtung!“

faz.net

Die gute Dame scheint also im Traum die wirklich peinlichen Stellen ausgepiept zu haben. Oder hat sie sich vielleicht auch nur gegenüber Freud nicht getraut, deutlich zu sagen, was sie da geträumt hatte und beim Berichten gemurmelt? Jedenfalls sind das ganz schön intime Details, die Freud da in die Öffentlichkeit über Hermine Hug-Hellmuth hinausposaunt hat.

Die wiederum ist laut Wikipedia von ihrem Ziehsohn Rudolf, eigentlich ihr Neffe, ermordet worden – wegen Geld und außerdem deswegen:

Die Tante habe ihn in seiner Kindheit und Jugend analysiert. […] Die Pionierarbeiten der Hermine Hug-Hellmuth auf dem Gebiet der Kinderanalyse beruhten vielfach auf ihren Untersuchungen an ihrem Neffen, den sie „prophylaktisch“ analysierte, obwohl sie eine nahe Angehörige des Kindes war.

de.wikipedia.org

Wer möchte, kann die Geschichte von Hermine Hug-Hellmuth als Parabel lesen, bzw. hier auch hören: br.de.