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Schlagwort: Gesellschaft

Ram Hüüt

Gestern war ich auf dem Flohmarkt. Dort habe ich mir einen Stand mit diversen Gemälden angeschaut. Der Verkäufer sprach mich dann an und meinte, der Künstler, vor dessen Bild ich da stehe, koste bei der „Abzockergallerie“ in Kampen 6000€, in List 3000€ und er rufe aber schlappe 1400VB auf. Bevor ich zuschlagen konnte, fing er dann an, über Jürgen Klopp zu schimpfen. Der sei Menschenhändler und was im Fußball passiere, sei wie das, was man mit „Nutten“ mache, reiner Menschenhandel. (So glaube ich zumindest, ihn verstanden zu haben, zumindest wüsste ich nicht, dass Jürgen Klopp in einen Skandal um einen Prostituiertenring verwickelt wäre.) Dann ergänzte er, dass Klopp in Wenningstedt das Haus von Hermann Göring für 10 Millionen gekauft habe. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob er wirklich von Min Lütten sprach. Passen würde es, da die Villa laut Stern vor kurzem noch zum Verkauf gestanden hat:

Laut Denkmaldatenbank ist die Villa ein „Zeugnis der nationalsozialistischen Macht und Repräsentationsabsicht“ und weise ein „Alleinstellungsmerkmal“ auf. Ihm komme „ein gesteigerter Dokumentations- und Zeugniswert zu“. Errichtet worden sei die Villa „vermutlich im Auftrag von Emmy Göring“ vom Sylter Architekten Otto Heilmann. Emmy Göring war die Ehefrau von Hermann Göring. Sie soll das Haus 1958 verkauft haben.
[…] Zum Preis heißt es „auf Anfrage“. Laut Schleswig-Holsteinischem Zeitungsverlag wurden bereits beim Verkauf 2019, vor der Sanierung und Modernisierung, zwölf Millionen Euro für die Immobilie aufgerufen.

75% der Sylter hätten damals für die NSDAP gestimmt, so der Kunstverkäufer weiter. Nach einigen anderen Gesprächsthemen – u.a. sei sein Elternhaus auch von Otto Heilmann gebaut worden – sprach er zwischendurch auch von Trump und Netanjahu, den beiden „Faschisten“.

Ich fragte ihn schließlich, wie er heiße. Er meinte dann, er habe viele Namen. Manche würden ihn „Kinderficker“ oder „Kommunist“ nennen, schon seitdem er 12 sei, und noch zig andere Namen, z.B. Strandi. Aber eigentlich heiße er Hanne, Rufname von Hans-Werner. Ich nannte ihm meinen Namen und verabschiedete mich. Er meinte dann noch, dass er in Hamburg auch einen Ole kenne. Mit Ole von Beust sei er befreundet und streichle gerne dessen Hund.

Nachtrag:
Rüm hart – klar kimming

Hausbesetzung ab 11.7.

In Gießen wurde am Samstag ein Haus besetzt. Im FreiTraum-Haus fanden in den letzten Tagen verschiedene Programmpunkte statt, unter anderem KüFa, Fotoausstellung und Workshops.

Die JLU-Führung informiert auch zur Hausbesetzung und berichtet von einem Dialog.

Der offene Brief liest sich eher nach Law&Order-Vorgehen. Interessant, wer sich alles solidarisch erklärt. Und wer nicht.

Eben wurde es dann von der Polizei gewaltsam geräumt.

Ich finde, das Ganze ging ganz schön schnell. Vor rund 20-30 Jahren wäre das, glaube ich, entspannter verlaufen. Aber das ist rein spekulativ.

Die Spontandemonstration hat dann jetzt zur Besetzung eines anderen Hauses in der Ihringstraße geführt. Mal sehen, wie sich die Sache entwickelt.

PS: Es ist ja klar, dass das auch mit der sich seit Jahren zuspitzen den Wohnungssituation zu tun hat, siehe auch Punkt 18.

Nachtrag:
82-Jährige besucht besetztes Haus – es ist ihr Elternhaus

Nachtrag aka zusammenhangslos

Hier 3 Lese-/Hörtipps, die zu vorangegangenen Themen passen:

  • Der Kulturbegriff der AfD – Im Reich der Ausrufezeichen: Gerade zum Thema Bildung wird einiges Schreckliches aus dem Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt zusammengefasst. So z.B. unter der Überschrift „Mehr Bismarck“: „Mit einer patriotischen Wende solle die nationale »Identitäts­störung« geheilt werden.“ (Siehe: „Seelenverwundete“) Mich erinnert das an einen Neuntklässler, der vor einigen Jahren im Unterricht zusammenhangslos fragte: „Können wir nicht mal was zu Bismarck machen?“

Der neue Faschismus

Auf die Nachricht hatte ich ja schon hingewiesen: CSU-Politiker erwägen Verbotsverfahren gegen Thüringer AfD. Jetzt lese ich dies: Jens Spahn bringt Wahlrechtsentzug für Björn Höcke ins Spiel. Nach dem Lesen wurde mir klar, woher mein Störgefühl bei der Meldung neulich kam. Es liegt nahe, dass die Strategie verfolgt wird, die AfD „koalitionsfähiger“ zu machen, vielleicht ja mit Jens Spahn als nächsten Kanzler. Außerdem ist die Botschaft an die AfD-Wähler klar: Mit der Union bekommt ihr etwas ähnlich Fremdenfeindliches, nur nicht so schädlich für „unser Land“. Interessant ist z.B., was Jens Spahn an der AfD so stört – und was nicht:

Spahn bekräftigte in dem [Focus-]Podcast seine eigene Abgrenzung zur AfD. »Wer für Putin unterwegs ist, für China spioniert, extrem und radikal in der Sprache ist, von dem grenzen wir uns, grenze ich mich klar ab – politisch, inhaltlich, menschlich«, sagte der CDU-Politiker.

Die AfD allein ist aber nicht das Problem, sondern die Normalisierung eines Denkens, Sprechens und Handelns, das in eine faschistische Gesellschaft führt. Nur: Der Umgang mit der AfD offenbart diese Normalisierung. (Zur Normalisierung siehe z.B.: Die Populisten haben gewonnen (Kommentar vom 01.09.2024 zu den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen), „Remigration“: Der Versuch, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben (Kommentar vom 29.01.2025) und Welche Folgen die Radikalisierung der Sprache hat (zum vergangenen Bundestagswahlkampf vom Februar 2025).

Zum Gegenwartsfaschismus siehe z.B. hier:

Ich hab neulich in einem Gespräch mal den Gedanken geäußert, dass es vielleicht schon längst zu spät ist mit allem. Man blickt zurück und fragt sich, wann das alles angefangen hat – und eigentlich meint man damit: Man hätte was ändern können. Aber wann?

Wegtreten!

Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, empörte Berufskritiker: Wegtreten! Wir gehen mit Zuversicht und Optimismus an die Arbeit und wir bringen unser Land wieder auf das Level, auf das wir es verdient haben.

Friedrich Merz auf dem NRW-Landesparteitag der CDU

Viele finden den Ausspruch vermutlich ein bisschen peinlich. Zum einen, weil unklar ist, was für ein Level „wir“ verdient haben, da das Verdienst die Zuschreibung anderer nach etwas Vollbrachtem ist. Das heißt, es ist egal, auf welches Level „unser Land“ gehoben oder gesenkt worden sein wird, wir haben es (uns) verdient. Zum anderen, weil hinter den im Koalitionsausschuss beschlossenen Maßnahmen ein negatives Menschenbild steckt. (Mal wieder wird dieses sichtbar, muss man bei dieser Regierung leider sagen.) Wenn etwas schlecht läuft, dann ist es das Einfachste, es den Kritikern in die Schuhe zu schieben, die bemängeln, dass es schlecht läuft. So nach dem Motto: Wenn man nur meckert, kann es ja nicht besser werden. Dabei wissen wir ja spätestens seit Alexanders Im Auftrag der Schönheit – Oscar Wildes Amerika-Tournee, dass die Kritik die höchste Form der Subjektivität ist. Außerdem könnte ja eventuell etwas an der Kritik berechtigt sein, wenn einem der Wind so hart entgegenbläst. Aber stattdessen sucht der Kanzler ja lieber den Weg in die Weinerlichkeit: „Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.“ Klingt nicht gerade sehr optimistisch, sondern eher nach ausgeprägter emotionaler Ich-Bezogenheit. Dass es den Regierenden an Empathie mangelt, merkt man nicht nur an der Kommunikation. Die Beschlüsse selbst sind davon durchdrungen.

In der Kritik stehen meiner Wahrnehmung nach derzeit vor allem diese drei Maßnahmen aus dem „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“: Punkt 11 (Abschaffung der telefonischen Krankschreibung + verpflichtende Vorlage der AU-Bescheinigung ab dem ersten Tag der Erkrankung), Punkt 18 (Verbot von Vergesellschaftung von privatem Wohneigentum auf Landesebene) und Punkt 32 (Einschränkung des Informationsfreiheitsgesetzes). Zu diesen Punkten gibt es bereits genügend Kritik, ich empfehle an der Stelle zum Beispiel den aktuellen Podcast Gilda con Arne oder den Kommentar von Magarete Stockowski. Hier meine kurze Gedanken dazu:

  • Im Koalitionsausschuss saßen 9 Personen, pro Partei 3. Und nicht jede dieser Personen ist auch Regierungsmitglied. Das ist nicht gerade ein demokratisches Verständnis, das ich teile, wenn die Maßnahmen jetzt, wie zu erwarten ist, in der Folge von oben durchgedrückt werden.
  • Punkt 11 ist Bürokratieaufbau – aber nur für Arbeitnehmer und Ärzte. Da scheint das mit der Bürokratie OK zu sein.
  • Punkt 18 unterbindet die Vergesellschaftung, die in Artikel 15 des Grundgesetzes ausdrücklich als eine Möglichkeit vorgesehen ist.
  • Punkt 32 stinkt einfach so dermaßen nach Korruption. Gewisse Personen wollen einfach nicht mehr auf die Finger geschaut bekommen.
  • Diese Regierung tritt in der Manier eines Biedermanns mit aller Härte nach unten – weil sie einerseits Angst vor den Brandstiftern hat und andererseits die autoritäre Härte an den Schwächeren auslebt.
  • Die Tritte nach unten finden schon viel länger statt, die fallen den meisten nur nicht auf, weil es sie bislang nicht betraf (über Punkt 23 redet man z.B. kaum). Aber nun sind mehr Menschen von den Tritten betroffen, also steigt die Empörung. (Ich empfehle dazu das Gedicht „Brat mir doch einer `nen Storch“ von Lars Ruppel.)

Höcke sprach auf dem Bundesparteitag der Brandstifterpartei in Erfurt über die Kritiker vor Ort nicht von „Nölern, Nörglern und empörten Berufskritikern“ sondern von „Seelenverwundeten“, denen man nicht ermöglicht habe, eine „gesunde Identität auszubilden“ und die „geheilt“ werden müssten. Das listige Selbstbewusstsein der Brandstifter ist also schon sehr ausgeprägt – dank Biedermann/Jedermann.

Die Welt ist dumm, gemein und schlecht,
Und geht Gewalt allzeit vor Recht,
Ist einer redlich treu und klug,
Ihn meistern Arglist und Betrug

Jedermann (Der Teufel über die Menschen)

Hier ein ermutigender Gedanke, nach all dem Genöle:

Du, lass dich nicht verhärten
in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen,
die allzu spitz sind, stechen
und brechen ab sogleich.

Ermutigung von Wolf Biermann

(„Fick die AfD“ zu sagen ist so leicht – bis es das nicht mehr ist.)

Nachtrag:
CSU erwägt Verbotsverfahren gegen Thüringer AfD. (Ich fühl grad irgendwie nicht, dass das nur eine gute Nachricht ist.)
MAGA. (Siehe auch: Hitler and Trump: Common Slogans? sowie Meme precidency)

REVOLT

Wer ein paar Minuten Zeit hat, etwas zu lesen, weiß aber nicht, was, dem empfehle ich: Surrealismus und Antifaschismus (von Georg Diez). Das Gedicht am Ende ist von Władysław Szlengel ist besonders erwähnenswert. Den Schatten der Erde kannte ich auch noch nicht.

Siehe auch:
Exhibiting Violence: POLIN Museum of the History of Polish Jews
Réne Marigtte’s Surraelsitische Rveoltuion.

Nachtrag:
Sein letzter Seufzer
„Aber hier leben? Nein danke. Surrealismus + Antifaschismus“
FATHERLAND

Das Spiel ist aus

Nervt nur mich bei der Berichterstattung über das Ausscheiden der deutschen Fußballer, dass Paraguays Leistung kein einziges Mal gewürdigt wird? Ich scrolle durch die Seite der Tagesschau und es geht in den Headlines darum, wie schlecht die deutschen Fußballer waren. Dann nächster Block, Headline: „Marokko ringt die Niederlande im Elfmeterschießen nieder“ Hier liegts dann nicht an den Holländern. Dahinter könnte negativer Größenwahn oder auch Kulturalismus stecken. So als könnte es nicht auch einfach mal Pech oder die fußballerische Überlegenheit Paraguays sein, wenn man ein wichtiges Spiel verliert.

Siehe auch: Esut.

PS:

Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein bloßes Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch [im Fußball].

Theodor W. Adorno

Hitzefrei

Um der Hitze zu entgehen, bin ich gestern Nachmittag im klimatisierten Kino gewesen. Der erste Film hieß Disclosure Day und – was soll ich sagen? Er war schlechter als erwartet. Ich denke, man kann ihn als Rehabilitierungversuch für Alienverschwörungsgläubige bezeichnen. Über mehr als ein Detail bin ich erschrocken, gehe aber nur auf eines ein, um nicht zu spoilern: Gegen Ende werden Randfiguren als bloße Befehlsempfänger dargestellt, die nicht selbst denken und entscheiden. Das dürfte den Verschwörungsgläubigen gefallen. (Stichwort: Schlafschafe&Co.) Das damit transportierte Menschenbild finde ich sehr bedenklich.

Spontan haben wir dann noch den Film Michael geschaut. Der hat mir besser gefallen. Das lag besonders an der schauspielerischen Leistung von Jaafar Jackson als Erwachsener Michael Jackson.

Währenddessen gibt es in Frankreich einen Kulturkampf um die Klimaanlage und die Grünen in Deutschland fordern ein Sofortprogramm für Klimaanlagen. Ich finde die Idee gut. Natürlich muss dazu auch Photovoltaik aufs Dach und man sollte bei Krankenhäusern und Pflegeheimen anfangen. Beim Kältemittel darf man natürlich keines verwenden, das hochgiftig oder einen hohen GWP-Wert hat. Wenn ich daran denke, im August wieder im 3. Stock zu unterrichten, in dem man es die letzte Woche (jeden Tag hitzefrei nach der 5. Stunde!) schon um 8.00h nicht hat aushalten können, ärgere ich mich umso mehr über Bayern und Baden-Württemberg. Zum Glück lasse ich ja nur arbeiten.

Filmtipps

Ich war im Rahmen der Globale Mittelhessen in zwei lohnenswerten Filmvorführungen: In The Rearview und Sudan, Remember Us.

Während mir der ukrainische (eigentlich: polnische) Film besser von beiden gefallen hat, war beim zweiten das Nachgespräch ziemlich eindrücklich. In The Rearview zeigt verschiedene Personen auf der Rückbank eines Autos, das sie aus der Ostukraine in den Westen evakuiert. Beim Filmgespräch nach Sudan, Remember Us waren zwei Sudanesen aus Hamburg dort. Einer war vor Ausbruch des Bürgerkriegs schon nach Europa geflohen, nämlich nach Charkiw. Von dort dann 2022 nach Hamburg. Er meinte, dass das Interesse und die Warmherzigkeit ukrainischen Geflüchteten sehr beeindruckend gewesen sei, fragte gleichzeitig nach dem Interesse an dem Krieg im Sudan. Geflüchtete müssten in der Ausländerbehörde sehr häufig erklären, was in Sudan überhaupt los sei, da herrsche große Unkenntnis. Der andere der beiden hat dann noch ein Lied auf seiner Gitarre gespielt. Doof war, dass das recht spät wurde und so schon die Leute in den Saal kamen, die den nächsten Film sehen wollten. Abgesehen davon, dass die Moderation da hätte besser die Zeit im Blick halten müssen, benahmen sich die neuen Kinobesucher nicht gerade rücksichtsvoll und plauderten munter, während der Kerl vorne seine Utopie von einem friedlichen, freien Sudan besang. Andere futterten Popcorn zum Film, das auch irgendwie unpassend war. Im Jokus hat mir die Atmosphäre besser gefallen als im Kinocenter.

Nachtrag
Hier noch einige Hintergrundinformationen zu Sudan:

Furchtbare Juristen

Wusstet ihr, dass das Grundgesetz gar nicht für alle Menschen in Deutschland gilt? Art139GG:

Die zur „Befreiung des deutschen Volkes vom Nationalsozialismus und Militarismus“ erlassenen Rechtsvorschriften werden von den Bestimmungen dieses Grundgesetzes nicht berührt.

In der Wikipedia steht dazu, dass ein großer Teil der Juristen der Meinung sind, dass dieser Artikel ab 1951 mit dem vermeintlichen Abschluss der Entnazifizierung nicht mehr gelte. Das ist aus mehreren Gründen interessant. Ich will hier nur einen herausheben. Wichtig sei nämlich bei dieser Auslegung auch die Grundgesetzkommentierung von Theodor Maunz, auf die man sich berufe. Dann schaut man sich an, was der so zwischen 1933 und 1945 gemacht hat – und greift sich an den Kopp. Die Juristerei hat ein Naziproblem.

Ninive soll brennen

Ein Soziologe aus Offenbach erklärte neulich in einem Vortrag, dass sich weite Teile der Gesellschaft eigentlich im Ziel einig sei, die Erderhitzung zu begrenzen. Uneinigkeit herrsche beim Tempo der Transformation. Das ist als Beschreibung sicher zutreffend, ob es im Umgang hilft, sei dahingestellt.

Ich denke, dass auch das eine Ausrede dafür ist, sich nicht zu verändern. Sieht man auch in anderen Bereichen: Es ist leicht, sich einzureden, dass „linke“ Bewegungen Schuld trügen am Erstarken rechtsextremer Anschaungen. Politisch ist das als ein entscheidendes Motiv von vielen Parteien derzeit genannt, u.a. begründet die CDU ihren ausländerfeindlichen Wahlkampf so. (Leseempfehlung eines Interviews der TAZ mit dem Historiker Jens Bisky: Wie Weimar ist die Gegenwart? Siehe auch: Hu-Hu-Hufeiseneinsatz)

Als weiteres Beispiel sei der Verweis auf die Kaliberexperten genannt. Die Logik, die dahintersteckt: Die Waffenlieferungen an die Ukraine wirkten als eine Art Brandbeschleuniger des Krieges. Das ist gedanklich nicht weit entfernt davon, die Schuld am Kriegsausbruch nicht in den Entscheidungen der russichen Führung zu suchen. (Leseempfehlung des ZEIT-Interviews mit dem Schriftsteller Marko Martin: „Wir dürfen uns in der Nähe der Apokalypse nicht wohlfühlen“)

Mich erinnert vieles derzeit an Kassandras Schicksal, die Figur der griechischen Mythologie. Die erhielt das Geschenk der Weissagung von Apollon. (Weil der sie so schön fand und er damit ihre Zuneigung bekommen wollte.) Apollon verfluchte sie dann aber. (Weil sie ihn zurückwies.) Ihren Weissagungen wurde fortan kein Glaube geschenkt. Nachdem sie mehrere ihrer Weissagungen sich erfüllen sehen muss, wird sie vergewaltigt, entführt und von der Frau des Entführers (oder deren Geliebten) getötet.

Fehlt also nur noch, dass ihr jemand nachträglich die Schuld an den Tragödien gegeben hätte: Wenn Kassandra die Zukunft doch kannte, hätte sie sich eben stärker einsetzen müssen, die Zukunft zu verändern. So rein hobbypsycholgisch würde das z.B. erklären, warum derzeit eigentlich alle was gegen die Grünen haben. Und letztlich sind die Parteien ja nur Projektionsflächen für wahre Konflikte innerhalb der Gesellschaft.

Es gibt ja in der Bibel eine der Kassandra ähnliche Figur: den Propheten Jona. Der bekommt von Gott den Auftrag, zur Stadt Ninive zu reisen. (Das ist wohl als die Hauptstadt einer die Israliten beherrschenden Großmacht zu lesen, z.B. der Assyrer.) Darauf hat Jona aber keine Lust und will stattdessen nach Tarsis. Er heuert auf einem Schiff an, das nach kurzer Fahrt in einen schweren Sturm gerät und Jona ahnt, dass er der Grund für den Sturm ist. Er bittet die Mannschaft, ihn über Bord zu werfen. Das wollen die zuerst nicht, tun es nach vergeblichen Ruderversuchen dann aber doch. Das Unwetter legt sich und die Schiffsbesatzung ist so beeindruckt, dass sie alle zu Gott beten.
Jona wird im Wasser von einem großen Fisch verschluckt. Nach 3 Tagen im Bauch des Fischs wird er schließlich an Land gespuckt und nimmt seinen Auftrag an. Er geht nach Ninive und spricht zu den Bewohnern der Stadt: In 40 Tagen gehe die Stadt unter. Zu seiner Verwunderung tun die Bewohner Buße und gehen in Sack und Asche und fasten, sogar der König. Gott sieht deshalb von der Zerstörung ab.
Daraufhin wird Jona sauer und man erfährt, was der eigentliche Grund seiner ursprünglichen Flucht vor dem Auftrag war: Er ahnte, dass Gott gnädig sein würde. Voller Zorn sucht er sich außerhalb der Stadt einen Platz, um von dort ihr Schicksal zu beobachten. Gott lässt ihm einen Rizinus wachsen, der ihm Schatten spendet, sodass sich Jonas Laune bessert. Bei Anbruch des Morgens schickt Gott jedoch einen Wurm, der den Strauch „sticht“ und er verdorrt. Später schickt Gott einen heißen Wind und die Sonne „sticht“ Jona, so stark, dass dieser lieber tot wäre. Gott fragt Jona, ob er wirklich denkt, zu Recht sauer wegen des Rizinus zu sein. Trotzig antwortet er Gott: „Mit Recht zürne ich bis an den Tod.“ Das Buch Jona endet dann mit der Antwort Gottes, die er als Fragen formuliert: „Dich jammert der Rizinus, um den du dich nicht gemüht hast, hast ihn auch nicht aufgezogen, der in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?“

Hier einige Gedanken, die ich in keinen sinnvollen Zusammenhang bekomme:

  • Kassandra und Jona sind den Entscheidungen und Handlungen der anderen radikal ausgeliefert.
  • Während Kassandra als Figur dazu verflucht ist, passiv zu sein, wehrt sich Jona (vergeblich) gegen sein Schicksal, indem er den Tod sucht, aber nicht findet.
  • Lustigerweise sind die Bewohner der Stadt Ninive am Ende auch verflucht: Sie müssen damit leben, nie zu wissen, ob die Stadt wirklich untergangen wäre.
  • Veränderung sei Schuld am Verharren ist ein verführerischer Gedanke, weil er ermöglicht, es sich in seinem Nicht-Handeln behaglich einzurichten.
  • Sich als Kassandra (oder Jona) zu fühlen ist verführerisch, weil man sich dann nicht mehr als Teil der Gemeinschaft betrachten muss.
  • Jona zieht sich zurück ins Private, findet Glück und verliert es alsbald.
  • Jona hätte Tool gehört: AEnema.

Höörtipps

Ich habe zwei Radiosendungen gehört, die ich empfehlen kann:

Im ersten Radiobeitrag geht es um Menschen, die denken, nur genug Geld haben zu müssen, um sich von der Wirklichkeit abschotten zu können, auch wenn die Welt zusammenstürzt. Es lohnt sich, bis zum Ende zu hören, da die Eingangsgeschichte später weitererzählt wird.

Der zweite Beitrag räumt mit dem Missverständnis auf, dass Emotionen im Wahlkampf rausgehalten werden sollten. Die Neurowissenschaftlerin begründet das im Gespräch zum einen damit, dass Emotionen den Menschen erst zum Entscheiden befähigen. (Siehe auch: Just A Feeling Machine?) Zum anderen erklärt sie, dass es (immer) hilfreich ist, sich seiner Emotionen bewusst zu werden. Eine Wahlentscheidung sei demnach nicht vorzugsweise rational zu treffen, denn das, was man allgemeinhin damit bezeichnet, meine eigentlich eher etwas wie wertebasiert. Und Werte basierten wiederum auf Emotionen, nur eben langfristig umgesetzt gedacht. Emotionen seien demnach nicht das Problem, sondern der kurzfristige Blick. Angst bspw. führe im Wesentlichen zu 3 direkten Verhaltensweisen: Kampf, Flucht, Erstarren. Wenn man das jetzt auf Themen, die bei der Bundestagswahl eine unterschiedlich wichtige Rolle spielen, überträgt, bedeutet es, dass nicht die Thematisierung von etwas, das Angst auslöst, das Problem ist. Stattdessen sind es Lösungsvorschläge, die eben nur kurzfristig betrachtet die Angst bedienen und nicht langfristige Lösungen auf Ängste anbieten oder Emotionen gegeneinander ausspielen.

Wenn die lyrics scheiße sind, hilft kein guter rhyme

Ein Beitrag von Omer Bartov erregte mein Interesse: As a former IDF soldier and historian of genocide, I was deeply disturbed by my recent visit to Israel. Ich finde den Text in vielen Punkten aufschlussreich, auch weil ich gezwungen bin, mich mit einer differenzierteren Sichtweise auf das Vorgehen Israels auseinanderzusetzen. Er berichtet darin von einem Streitgespräch mit IDF-freundlichen Studierenden bei einem seiner jüngeren Israelbesuche.

Mein Problem bleibt dabei der ständige Bezug auf die Soldaten des Nationalsozialismus. (Zugestanden ist dies sein Forschungsschwerpunkt laut Wikipedia: „Seine eigene Forschungstätigkeit konzentrierte Bartov zunächst ebenfalls auf die Gleichschaltung der deutschen Wehrmacht im Dritten Reich, ehe er sich mit den Kriegsverbrechen der Wehrmacht in Osteuropa beschäftigte.“)

Problematisch schreibt er meines Erachtens hier:

Look at what happened to us in 1918, German soldiers said in 1942, recalling the propagandistic “stab-in-the-back” myth, which attributed Germany’s catastrophic defeat in the first world war to Jewish and communist treason. Look at what happened to us in the Holocaust, when we trusted that others would come to our rescue, IDF troops say in 2024, thereby giving themselves licence for indiscriminate destruction based on a false analogy between Hamas and the Nazis.

Wenn man ihn wohlwollend auslegt, vergleicht er hier, dass in beiden Armeen eine Rechtfertigung für das jeweilige (verbrecherische) Vorgehen vorgeschoben wird. Das ist sicherlich ein bedenkenswerter Punkt. Wer aber die Dolchstoßlegende mit dem Holocaust vergleicht, macht dieses Menschheitsverbrechen nicht nur zu einem beliebigen historischen Betrachtungsgegenstand, sondern auch zu einer Verschwörungstheorie. Das ist nicht weit davon entfernt, dass Juden zu Nazis werden und Hamasterroristen zu Widerstandskämpfern.

„Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“, sagt man.

Mein größtes Problem an den Kritikern des israelischen Vorgehens bleibt die emotionale Kälte gegenüber den Opfern des Terroranschlags/Pogroms am 07.10.2023. Navid Kermani schrieb im November 2023:

Vielleicht ist es zu viel, von Palästinensern im Gazastreifen oder im Westjordanland, die unter der Besatzung aufgewachsen sind, Empathie für Israelis zu erwarten – so wie es nach dem Massaker umgekehrt nur wenigen Israelis möglich sein wird, mit der Zivilbevölkerung in Gaza zu fühlen. Gut versorgt im sicheren Deutschland, vermag ich nicht zu sagen, wie ich selbst reagieren würde, wenn mein eigenes Kind ermordet oder mein Haus zerstört worden wäre. Aber gut versorgt im sicheren Deutschland, sollte jedem das Mitgefühl für die Opfer gleich welcher Seite möglich sein. […]
Stattdessen folgte der, wenn überhaupt, pflichtschuldigen Verurteilung noch im gleichen Atemzug das Aber, als würde vor dem Aber, wenn schon kein Punkt, nicht wenigstens ein Komma stehen. Ich bin auch für das Aber; das Denken konstituiert sich nicht in Thesen, sondern in Widersprüchen, ja. Aber – aber! – es gibt doch im Leben immer wieder einen Augenblick, eine Minute, einen Tag oder eine Woche, wo man eine Pause setzt, bevor man mit seinem Aber fortfährt. Wo man dem Gegenüber nicht als Gegner, sondern als Mensch in die Augen sieht, der um seine Nächsten weint. Wo man sich schämt, wenn in Deutschland an die Häuser von Juden ein Davidstern gesprüht wird.

In diesem Konflikt scheinen zwei Seiten anhaltend und wiederholt so traumatisiert, dass es erst recht notwendig ist und bleiben wird, beide zu verstehen, zumindest verstehen zu wollen. Die Opfer der Gegenwart zu sehen geht nur aus einer eigenen Perspektive, die dann glaubhaft ist, wenn sie eine moralische Haltung hat, die unmenschliche Handlungen nicht rechtfertigt – und die eigene Geschichte nicht umdichtet oder verdängt.

Resilieren

So neu ist das Wort Resilienz nicht, aber wir hatten neulich einen Schwerpunkttag an der Schule, an dem auch dieser Begriff eine wichtige Rolle spielte. Ich muss bei dem Wort resilient sehr stark an flexibel denken. Solche Wörter haben ganz schnell den Geschmack, als würde man sie von einem Chef gesagt bekommen. Soll heißen: Das sind solche Luftblasenwörter, bei denen nicht nur die direkte Bedeutung des Wortes oder die Situation, in der man es sagt, eine Rolle spielt, sondern auch das Wertegerüst und die Rolle im System der sie aussprechenden Person. Ein gut gemeinter Vorschlag zur Resilienzsteigerung klingt dann schnell nach einer Idee, wie man besser funktioniert.

Richard Sennetts über 25 Jahre altes (ulay!) Buch Der flexible Mensch kommt mir da in den Sinn: „Absolute Flexibilität bedeutet für den einzelnen, einer unvorhersehbaren Kontrolle durch wechselnde Dritte ausgesetzt zu sein.“ (Deutschlandfunk 1998) Kein Wunder, dass man heute die Leute resilienter machen muss, nachdem man sie vor einer Weile flexibler gemacht hat.

Ich hab mir jedenfalls vorgenommen, in Zukunft etwas mehr zu resilieren und auch mal Nein zu etwas sagen – wozu ich Nein sage, sehe ich dann, ganz flexibel.

Zivilisationsbrüche

Heute, einen Monat nach dem terroristischen Pogrom auf israelischem Boden durch Hamas, bin ich zur Gießener Synagoge spaziert. Auf der Tafel am Eingang erfährt man, dass sie ein Wiederaufbau der während der Novemberpogrome 1938 in Wohra zerstörten Synagoge ist. Auf der Seite des Deutschen Historischen Museums heißt es zu den deutschen Pogromen 1938:

Bevor die Gewalt in der Nacht vom 9. und 10. November im gesamten Reichsgebiet explodierte, war es bereits am 7. und 8. November zu antijüdischen Gewalttaten in Fulda, Kassel, Bebra und weiteren Städten gekommen.

Ich habe mir, als ich eben die Tafel vor der Synagoge las, die Frage gestellt, ob es noch bessere Wege gibt, an jüdisches Leben in Deutschland zu denken, ohne eine Synagoge aufzusuchen. Und womöglich würden sich Jüdinnen und Juden, die nicht religiös sind, gar nicht angesprochen fühlen, wenn man eine Kerze vor einer Synagoge entzünden würde – wohl fühlen sie sich aber vermutlich bei einem Brandanschlag auf eine Synagoge bedroht.

Mir fallen im Moment die Worte schwerer als sonst und das Beste, das ich hierzu gehört habe, habe ich aus dem Fernsehen: Extra3 im Oktober 2023. (Zur Einordnung des Statements hilft vielleicht auch dieser Beitrag: Christian Ehring 2014, zum damaligen Gaza-Krieg.)

Avignon

Willkommen in der Oligarchie
Aufruf zum Protest am 7. März
Übersetzerfragment I
Übersetzerfragment II

Glutomatismus aka „Brigittes iPad“

Bin gerade auf dieses ältere Video gestoßen, das ich unterhaltsam finde: Häuptling Erzhegel

Während ich in einigen Punkten zustimmen kann (z.B. der Welt möglichst ideologiefrei zu begegnen), muss ich feststellen, dass die beiden Gäste vielleicht einfach ein Problem damit haben, anzuerkennen, dass es viel mehr Leute gibt, die sich eine eigene Meinung gebildet haben, die ihnen aber nicht passt – und unterstellen diesen Meinungsträgern Konformismus. Im Grunde ist es ein Schimpftirade gegen alles zeitgeistige. Das ist es, was es so unterhaltsam macht.

Siehe auch: Die Kunst, ein Opfer der Kunst

Kulturelle Aneignung

Auf Youtube vertont ein Kerl Videos mit Metalmusik. Das passt manchmal richtig gut und ist unterhaltsam. Zum Beispiel zu einem Pig Calling Wettbewerb: Pig Calling Contest goes Metal. Oder auch Ausschnitte aus einer Meisterschaft zum Auktionieren: Auctioneer Championship goes Metal. Schräg fand ich dabei vor allem, was es so für komische Veranstaltungen und auffällige Verhaltensweisen von Leuten gibt. Letzteres nennt man Memes. (Wenn ich das Konzept richtig verstanden habe, geht es bei Memes darum, irgendwas zu Verballhornen und damit möglichst noch eine Botschaft zu verbinden. Unterhaltung und Message quasi verbunden.)

Besonders interessant, dass bei den Noorani Sisters die Vertonung beider Versionen gut passt: Als Red Hot Chili Peppers und als System of a Down. Ich weiß nun nicht, über welche Kultur das mehr aussagt – oder ob überhaupt.

Der Algorithmus führte mich dann hierzu: Dennis Chambers hears Tool for the first time. Das Internet ist voll von Leuten, die Dinge besser können als ich. Zum Glück gibts dann auch manche Memes, in denen Leute mit peinlichen Momenten berühmt werden, damit ich mich wieder besser fühlen kann.

Nachtrag: Mir kommt gerade der Gedanke, da das ein oder andere Video ganz gut die Belustigungs-Spirale – von der (evtl. peinlichen) Handlung bis ins Youtube-Wohnzimmer – und wie ich also auch Teil davon bin, zeigt, dass wir womöglich in einer Satire-Gesellschaft leben, die sich gegenseitig bis ins Unendliche karikiert. Da kann es schon – rein methodisch betrachtet – eine radikale Handlung sein, eine einfache Wahrheit auszusprechen.

Mittlere Reife

Gestern war ich in Gießen auf der Klimademo: „Weil man uns die Zukunft klaut“. (Der Gießener Anzeiger fasst alles Wesentliche gut zusammen.) Ich bin mit Anne erst am E-Klo zur Demo dazugestoßen und hatte auf dem Weg dorthin schon Sorge, dass sie ausgefallen wäre, weil keinerlei Verkehrsbehinderungen bemerkbar waren. Anne entdeckte in der Menge dann für mich schnell Jörg Bergstedt von der Projektwerkstatt. Den hatte, wenn ich mich richtig erinnere, Alexander einmal doppelt polemisch als die linke Dagegenopposition zum AStA bezeichnet, weil der im StuPa alle Listen immer mal wieder mit wirren Redebeiträgen etwas genervt hatte, ohne überhaupt gewählt worden geschweige denn Student gewesen zu sein. (Bei letzterem bin ich mir nicht so sicher.)

Vom E-Klo ging es dann zum Oswaldsgarten, wo sich der Pulk auf der Kreuzung niederließ, um den Redebeiträgen zu lauschen. Der erste war von einer Geographie-Studentin, die von ihrer Hausarbeit über Erdrechte erzählte. (Auf die Schnelle habe ich nur einen Bezahllink der FAZ gefunden, der sich kritisch damit auseinanderzusetzen scheint: Mutter Erde als Rechtsperson) Ich habe nicht immer alles verstanden, aber es klang ganz interessant. Die Rednerin wurde kurz von hupenden Autofahrern unterbrochen. Die haben nämlich auch mal gemeinsam Lärm gemacht. Ich war mir aber nicht sicher, ob nur als spontane Gegendemo aus Langeweile oder doch zur Unterstützung. (Vielleicht sollte man die nächste Klimademo als Autokorso machen. Damit könnte man den Stadtverkehr wirklich lahmlegen, wenn jede/r der 800 Demonstrant:innen ein einzelnes Auto führe. Symbolisch könnte dann ja den Autos der Sprit ausgehen, so von wegen Ende der fossilen Energieträger.)

Der nächste Redner war dann Jörg Bergstedt. Der stellte verschiedene seiner Dauerthemen vor, u.a. das Verkehrskonzept der Projektwerkstatt für die Stadt Gießen. Da sind viele Dinge ganz interessant. Ich hatte später trotzdem so meine Probleme mit einigen Leuten, die ich der Projektwerkstatt zuordne. Da waren Rufeanfeuerer, die mit niemandem sonst unterwegs waren. Da war auch das Gespräch von zweien, das Anne etwas mitgehört hatte, in dem sich die zwei darüber unterhielten, wie sie auf welchen kommenden Demos ihre Standpunkte unterbringen können. Und da war der Gesamteindruck, dass die FFF-Leute einfach viel lockerer, weniger verbissen waren. Vielleicht liegt das daran, dass diejenigen, die, wie z.B. die Projektwerkstättler, schon länger in der Aktivistenszene unterwegs sind, z.T. noch „ihre“ alten Inhalte unterbringen wollen und nicht die Jüngeren mal machen lassen. Diese manipulative Methode mag ich einfach nicht, gleich um welche Inhalte es geht.

Wer fehlte waren Vertreter:innen der politischen Parteien. Insgesamt waren aus meiner Sicht höchstens die Hälfte der Personen jünger, also Schüler:innen und Student:innen, die anderen waren Leute mittleren und reiferen Alters. Die Leute, die nicht da waren, konnten vielleicht nur deshalb nicht, weil sie Der Würgeengel noch zuende schauen wollten.

Mein Fazit: Wir Älteren sollten unbedingt darauf achten, nicht zu sehr aus einer Macht- und Erfahrungsperspektive auf die Jüngeren zu schauen. (Dem Sinn nach nicht diesen Fehler machen: Sieh mal, wie schön die Klimaschutz spielen!)

Bleibt nur noch die Frage: Wie kommt man ins Handeln?

Anlasslose Analyse und Traumdoxing

Diese Woche erging ja erneut ein Urteil zur Vorratsdatenspeicherung, das sie im Grundsatz für unrechtmäßig erklärt. Derweil bin ich durch Sascha Lobos Kolumne zum Thema auf einen Artikel von 2014 gestoßen: Selbstzensur durch Massenüberwachung: Wir werden uns nicht mehr wiedererkennen (von Peter Galison).

Ich hab mich dann daran erinnert, dass ich mir da schonmal drüber Gedanken gemacht habe, wie sich wohl die Aufklärung über Überwachungsmechanismen der Gegenwart auf das aufgeklärte Individuum auswirkt, sprich: sich das Verhalten ändert. Ob man da überhaupt was Sinnvolles tun kann, wenn man jungen Menschen entweder nicht erklärt, wie das Internet funktioniert oder sehr genau erklärt, wie es funktioniert. Vielleicht besteht ja die eigentliche Wehrhaftigkeit darin, sich nicht zu ändern trotz Überwachung.

In dem FAZ-Text gibt Galison Sigmund Freuds Beobachtungen im Rahmen von Traumdeutungen wieder, die ich unabhängig von alledem interessant finde:

Anfang Dezember 1915 hielt Freud seine Vorlesung über die Traumzensur. Etwa in dieser Zeit versah er die „Traumdeutung“ mit einem Zusatz, in dem er die Traumzensur während des Krieges direkt mit der Postzensur verglich. „Frau Dr. H. von Hug-Hellmuth hat im Jahre 1915 einen Traum mitgeteilt, der vielleicht wie kein anderer geeignet ist, meine Namengebung zu rechtfertigen. Die Traumentstellung arbeitet in diesem Beispiel mit demselben Mittel wie die Briefzensur, um die Stellen auszulöschen, die ihr anstößig erscheinen. Die Briefzensur macht solche Stellen durch Überstreichen unlesbar, die Traumzensur ersetzt sie durch ein unverständliches Gemurmel.“

In dem erwähnten Traum geht eine fünfzigjährige „feingebildete und hochangesehene Dame“ in das Garnisonsspital Nr.1 und erklärt dem Posten, sie wolle freiwillig „Dienst“ tun, betont es aber so, dass klar ist, dass damit „Liebesdienste“ gemeint sind. Sie sagt zu dem Posten: „Ich und zahlreiche andere Frauen und junge Mädchen Wiens sind bereit, den Soldaten (Gemurmel, Gemurmel).“ Aber in ihrem Traum wird sie von allen verstanden. Einer der Offiziere: „Gnädige Frau, nehmen Sie den Fall, es würde tatsächlich dazu kommen (Gemurmel).“ Und die Träumende etwas später: „Eine Bedingung müsste eingehalten werden…, dass nicht eine ältere Frau einem ganz jungen Burschen (Gemurmel), das wäre entsetzlich…“ Während sie auf einer schmalen Wendeltreppe in das Obergeschoss hinaufsteigt, hört sie einen Offizier sagen: „Das ist ein kolossaler Entschluss, gleichgültig, ob eine jung oder alt ist, alle Achtung!“

faz.net

Die gute Dame scheint also im Traum die wirklich peinlichen Stellen ausgepiept zu haben. Oder hat sie sich vielleicht auch nur gegenüber Freud nicht getraut, deutlich zu sagen, was sie da geträumt hatte und beim Berichten gemurmelt? Jedenfalls sind das ganz schön intime Details, die Freud da in die Öffentlichkeit über Hermine Hug-Hellmuth hinausposaunt hat.

Die wiederum ist laut Wikipedia von ihrem Ziehsohn Rudolf, eigentlich ihr Neffe, ermordet worden – wegen Geld und außerdem deswegen:

Die Tante habe ihn in seiner Kindheit und Jugend analysiert. […] Die Pionierarbeiten der Hermine Hug-Hellmuth auf dem Gebiet der Kinderanalyse beruhten vielfach auf ihren Untersuchungen an ihrem Neffen, den sie „prophylaktisch“ analysierte, obwohl sie eine nahe Angehörige des Kindes war.

de.wikipedia.org

Wer möchte, kann die Geschichte von Hermine Hug-Hellmuth als Parabel lesen, bzw. hier auch hören: br.de.

Projekt Pranger

Telegram has a serious doxing problem: Die Messaging-Plattform Telegram wird in verschiedenen Teilen der Welt verwendet, um private Informationen von Personen publik werden zu lassen, so genanntes Doxing. So zum Beispiel auch im Ukraine-Krieg, sowohl von ukrainischer („Ukrainians have been using Telegram to release the private information of Russian soldiers, politicians, and alleged collaborators and spies“) als auch von russischer Seite, da unter dem unheilvoll klingenden Namen Project Nemesis.

Project Nemesis includes a website publishing the photographs and personal details of hundreds of individuals fighting on behalf of Ukraine, including birth dates, addresses, telephone numbers, passport numbers, personal social media profiles and more. It also incorporates a Telegram channel which posts multiple times a day, highlighting particular individuals who have been doxxed on the site and encouraging their thousands of followers to mock or harass them. As of early June 2022, there are also indications of an effective media strategy to amplify Project Nemesis and further its goals.

isdglobal.org

Auf der Suche nach Project Nemesis bin ich dann auch auf eine Seite gestoßen, die unter diesem Namen eine vermeintliche zionistische Weltverschwörung aufzeigen will, quasi mittels öffentlich zugänglichen Quellen die Personen doxen will:

While it is widely known that organisations such as BDS and Hamas and countries such as Russia and Iran engage in both anti-Zionism and antisemitism, the identity of those behind Project Nemesis is hidden behind digital walls.

isgap.org

Der Pranger ist zurück, falls er denn je weg war.

Heureka!

Vor kurzem habe ich mir diesen Film angeseehen (bin 2x dabei eingeschlafen): Der Würgeengel. Die Handlung stellt sich mir so dar (Spoiler):

Eine gehobene Gesellschaft trifft sich zu einem geselligen Abend. Die Bediensteten des Villa (Koch, Kellner & Co) verabschieden sich unter Angabe von mehr oder weniger plausiblen Gründen rasch und lassen die Feiernden alleine im Haus. Diese können schließlich die Räume, in denen gefeiert wird, nicht verlassen. Ein Grund, der sie daran hindern würde, wird nicht ersichtlich. Weder ist eine Tür verschlossen noch sind sie verzaubert worden oder sowas. Sie sehen sich schlicht nicht imstande, zu gehen, obwohl sie sich nichts sehnlicher wünschen. Sie hausen dann in den Räumlichkeiten und man kann der Gruppe dabei zusehen, wie sie darum ringen, ihre Zivilisiertheit nicht zu verlieren. Schaulustige sammeln sich allmählich um das Haus, sehen sich außerstande, reinzugehen. Es laufen dann auch Lämmer und ein Bär durch das Haus. Der Gesellschaft gelingt es schließlich durch eine Art gemeinsamer Zufallserkenntnis durch Erinnerung an die Anfangssituation, das Haus zu verlassen. (Zu Beginn hatte eine der Personen geäußert, nun nachhause gehen zu wollen. Daran erinnerten sich nun die Leute und nutzen den Heureka-Moment und gehen aus dem Haus.) Das Ende stellt sich dann so dar, dass dieses mysteriöse Problem der Handlungsunfähigkeit auch andere gesellschaftliche Situationen/Gruppen befällt.

Der Titel leitet sich wohl aus der Bibel ab und bezeichnet einen von Gott gesandten Engel der Vernichtung. In manchen Übersetzungen wird der Engel, der die Erstgeborenen Ägypter als die krasseste der Zehn Plagen tötet, so bezeichnet. Andere übersetzen diesen Engel mit Verderber. (Siehe auch Offenbarung 9, 13-21.)

Verstanden habe ich den Film zunächst nicht. Dann hatte ich heute einen Moment der Erkenntnis und die surreale Handlung hatte kurz voll Sinn gemacht:

Der Film ist eine Art Parabel auf Gegenwartsprobleme einer Gesellschaft. Es ist nicht alles erklärbar, die Welt ist chaotisch und nicht zu begreifen – so wie der Auftritt von Bär und Lämmer. (Chaos ist glaube ein anderes Wort für komplexes System.) Dennoch weiß man im Grunde, was zu tun ist. Jeder will dieses Ziel erreichen und könnte es mit Leichtigkeit. Dass man es erreicht, scheitert allein daran, dass niemand den Mut hat, zu handeln.

Jetzt, da ich für diesen Beitrag ein wenig im Internet über den Film und dessen Deutung gelesen habe, bin ich mir nicht mehr so sicher. Da haben viele Interpretationen auf gesellschaftliche Klassen angespielt (Adel und Kirche usw.). Das würde natürlich auch Sinn machen. Zum Glück hat sich Buñuel laut dw.com immer gegen eindeutige Interpretationen gewehrt:

In meinen Filmen gibt es ganz sicher keinen Symbolismus, aber auch keine Psychoanalyse. Ich hasse die Psychoanalyse.

Luis Buñuel

Jedenfalls erinnert mich die Handlung an einen Sketch von Monty Python. (Heureka! Der Ball muss ins Tor!)

Podcastnation

Während ich Sinnvolleres zu tun hätte, grüble ich nun seit einer Weile über eine Wortneuschöpfung aus den Begriffen Podcast und Prokrastination. Jedenfalls sind Podcasts schon so „in“, dass die jungen Kolleg:innen an der Schule sie als Unterrichtsmethode verwenden. (Also wieder „out“?) Meine Kritik, dass Podcasts nur unter der Bedingung regelmäßigen Contents funktionieren – ähnlich wie ein Blog -, wurde ignoriert und das einmalige Projekt im Unterricht angegangen.

Ich habe den Eindruck, dass es in der letzten Zeit eine Schwemme an neuen Podcasts gegeben hat. Vielleicht entwickelte sich das parallel mit dem verstärkten Versenden von Sprachnachrichten. Über Letzteres entwickelte sich neulich ein Hashtag (das ist bei Twitter ein Begriff für „Diskussion“ oder „Aufregung“ oder „Provokation“) namens #Sprachnachrichten.

(Wenn mich jemand früge: Die Person, die eine Sprachnachricht versendet, zieht sich fein aus der Affäre, denn der andere muss jetzt die Leistung aufbringen, die wichtige von der unwichtigen Information zu trennen. Schreibend würde man sich wohl kaum die Mühe machen, einen Text zu verfassen, der 2-3 Minuten lang gelesen werden muss – Ulay, was leesen! – , um eine oder zwei relevante Infos darin zu verstecken. Aber klar, es gibt sicher auch Vorteile für den Hörer. Ich finde die ungewollten Informationen sehr unterhaltsam, wie z.B. wenn jemand während der Sprachnachricht seinen Bus verpasst oder sowas. Ein Problem bleibt natürlich die fehlende Durchsuchbarkeit.)

Könnte es sein, dass die Produzent:innen von Texten einfach schreibfauler geworden sind und deswegen eher jetzt Podcasts machen? Ein Vorteil könnte auch sein, dass der Text nun eben mehr „passiert“ und man den Inhalt nicht so auf den Punkt bringen muss.

Was ich ganz gut finde, ist, dass der Deutschlandfunk aus seinem Radioangebot Podcasts macht. In solch kürzeren oder längeren Versatzstücken erschafft er so durchsuchbares Radio. Da gabs jetzt in Studio 9 ein ganz gutes Gespräch mit Bernd Ulrich, das klang während der Autofahrt vorhin recht klug, was der so antwortete.

(Ich war mit Anne auf der Rückfahrt von Münster, wo wir auf ein Oddisee-Konzert wollten. Das wurde aber noch spontaner abgesagt. Also entschieden wir spontanst, uns gestern Abend bei unserem nicht stornierbaren Hotel die Zeit zu vertreiben.)

Es stellt sich mir in meiner Erinnerung so dar, als hätte Ulrich in dem Radiogespräch nebenbei nahezu sämtliche Gegenwartsprobleme mit dem Klimawandel verknüpft. Vielleicht wirkte es aber auch nur so klug, weil ich ja hauptsächlich noch Auto fuhr und wir uns nur nebenbei die Zeit vertrieben.

Können eigentlich nur Individuen prokrastinieren oder geht das auch bei ganzen Gesellschaften? Vielleicht wäre das ein moderner Problemlöseansatz, so nach dem Motto: OK, wir wollen (gefühlt: können) nicht das sofort Notwendige zur Bekämpfung der Erderhitzung tun, dann machen wir erstmal was anderes moralisch Sinnvolles und sorgen z.B. dafür, dass wir nicht so rassistisch sind.

Die „Diskussion“ um Disneys Arielle fand in einer anderen Folge auch Widerhall. Ich finde es ganz schön krass, wie viele Leute ihren Rassismus mit dem Unwillen zur Veränderung begründen. Was würde wohl Mermaidman von alledem halten? Und was würde Friedrich Merz von Meerjungfraumann halten?

Die Welt in 100 Jahren

Während wir gerade innerhalb kurzer Zeit wiederholt Zeitzeugen werden (fühlt sich nicht so gut an, wie es klingt), hat Anne an der Straße ein Buch gefunden und mir mitgebracht: Die Welt in 100 Jahren. Es handelt sich um eine Neuauflage eines Buches aus dem Jahr 1910. Zwei Passagen sind mir aufgefallen.

In einem Beitrag mit dem Titel Das 1000 jährige Reich der Maschinen blickt Hudson Maxim 4 Jahre vor Ausbruch des 1. Weltkrieges in dem Abschnitt Was können wir prophezeien? selbstgewiss in die Zukunft:

Es gibt mancherlei, was wir trotz unserer Unzulänglichkeit bis zu einem gewissen Grade sicher voraussagen können. […] [Die Gegenwart] ist eine wissenschaftliche Epoche und eine Periode materieller Vollendung; ihr aber wird eine soziologische Zeit folgen, eine Aera der ethischen und philosophischen Vollendung und der Entwicklung einer höheren psychischen Kultur – kurz eine Reife der geistigen und moralischen Eigenschaften, die zu höchster Blüte gelangen werden.

Schon in der gegenwärtigen Zeit stehen wir, vom menschlichen Gesichtspunkt aus betrachtet, auf einer ganz beträchtlich höheren Stufe als die Alten. In den alten Zeiten gab es keine Anerkennung von Dingen, wie beispielsweise unsere unveräußerlichen Menschenrechte es sind; und ein Volk, in dessen Macht es stand, ein anderes mit Erfolg zu berauben oder zu unterjochen, hielt es für eine Dummheit, ja für eine Schmach, es nicht zu tun und es nicht zu berauben und nicht in die Sklaverei zu schleppen. […]

Eine der größten Segnungen der modernen Zivilisation ist aber die Erweiterung der menschlichen Nutzbarkeit. Und man würde es heutzutage nicht nur als Grausamkeit, sondern geradezu als eine unverantwortliche Verschwendung an Menschenleben ansehen, wenn jemand über ein benachbartes Volk herfallen und es bis auf den letzten Mann niedermetzeln wollte.

Es ist eben glücklicherweise ein wachsendes Verständnis dafür da, daß die Welt, die wir bewohnen, nur ein einziges großes, einheitliches Vaterland ist. Der Patriotismus wagt sich jetzt schon über die nationalen Grenzlinien hinaus. Ein zunehmender Geist internationaler Verbrüderung ist vorhanden […].

Ein weiter Beitrag ist von Robert Sloss: Das drahtlose Jahrhundert. Im Abschnitt Das Ende von Raum und Zeit stellt er sich die Zukunft u.a. so vor:

Es wird keine Zeit und keine Entfernung mehr geben, und einer Katastrophe wie der jüngsten von Messina und Kalabrien werden wir alle beiwohnen können, sicher in unserem Hause sitzend, wo immer dieses auch steht. Wir werden einfach auf drahtlosem Wege uns mit der Unglücksstätte verbinden lassen, und wer an dem Anblick allein nicht genug hat, sondern die Sensation furchtbarer Art ganz wird auskosten wollen, der wird, wenn er will, auch das Angstgewimmer der Leute, das Verröcheln der Sterbenden und die Schreie der Hungrigen und die Flüche der Irrsinnigen hören. Jedes Ereignis werden wir so mitmachen können.

Zu seinem Beitrag wurde diese Zeichnung von Ernst Lübbert veröffentlicht. Ich finde sie ganz spannend. Die 4 Grazien tanzen wie Satelliten einen geisterhaften Beschwörungstanz um die Erde:

Laut Wikipedia wurde Ernst Lübbert zu Beginn des Ersten Weltkriegs einberufen und trat „von patriotischen Gefühlen erfüllt“ im August 1914 den Dienst an. Ein Jahr später kam er in Hrodna, im heutigen Belarus durch einen Bauchschuss ums Leben.

Danke Merkel!

Ein hörenswerter Beitrag darüber, wie wir Menschen um Wahrheit zu ringen scheinen: Über alternative Fakten, Wissenschaftsskepsis und Verschwörungsdenken.

Mir gefällt, wie Argumentationsmuster dargestellt werden. Ein zeitgenössischer Querdenker blufft demnach, wenn er kritisch hinterfragt. Er hat nämlich gar kein Interesse an der Wahrheit sondern verfolgt andere Ziele. Als Beispiel wird der Umgang mit dem Klimawandel im ausgehenden 20. Jahrhunderts genannt (1970er Jahre: Wie Exxon den Klimawandel entdeckte – und leugnete).

Ich musste dabei dann an zwei Dinge denken:

Zum einen kommt mir die mediale Präsenz von Wissenschaftlern wie Streeck als eine Inszenierung vor. (Wo sind da die Verschwörungstheoretiker, wenn man sie braucht?) Allerdings bin ich von diesem Youtube-Video beeinflusst worden: Corona-Pandemie mit Hendrik Streeck.

Zum anderen hab ich vor etwa einem halben Jahr bei einem Ausflug mit einem Kollegen ein Streitgespräch über Adorno angefangen. Der Kollege war eher Gegenwartspessimist und schüttelte mit dem Kopf, als er etwa feststellte, was bloß aus dem Land der Dichter und Denker geworden sei. Er hatte die Dialektik der Aufklärung offensichtlich nicht gelesen und Adorno unterstellt, für die ganze Misere gerade (Adorno -> 68er Bewegung -> Ur-Katastrophe der Gegenwart) verantwortlich zu sein. Dem musste ich widersprechen, weil es ja Adorno darum gegangen war, zu erklären, wie es im Land der Dichter und Denker zu so etwas Barbarischen wie dem Holocaust kommen konnte. Der Kollege gestand ein, dass er Adorno nie gelesen hatte. Er hatte also nur geblufft. Das Problem an der Geschichte: Ich hatte es zwar geleesen, die wesentlichen Schlussfolgerungen habe ich aber von Alexander übernommen, also auch nur geblufft.

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Wolf im Wolfspelz

Da fällt mir ein Aphorismus ein, frei nach Anne: Der Ballweg ist der Bachmann des Westens. (Ok, nicht so gut wie Leipzig ist das Berlin des Ostens.)

Und zum Schluss noch eine Bauernweisheit:

Mal hältste den Kürbis,mal biste der Kürbis: https://twitter.com/glr_berlin/status/1299739147708641281?s=20

Freiheit

Mal ein kurzer Gedanke zur Diskussion um die Lockerungsmaßnahmen derzeit in Deutschland:

Mir fällt auf, dass es in der Diskussion allgemeinhin um das Abwägen zwischen Freiheit des Einzelnen (im Sinne von Möglichkeiten) und dem Schutz des Lebens geht. Das ist meiner Meinung nach etwas fadenscheinig, schließlich nähme ich mit der Ausbreitung des Virus den Menschen, die sich mehr Sorgen um die Krankheit machen müssen als andere, viele Möglichkeiten. Es geht also eher um das Abwägen zwischen den Freiheiten der unterschiedlich durch das Virus bedrohten Menschen.

Das verändert den Blick auf die Diskussion wesentlich.

Hu-Hu-Hufeiseneinsatz

Hier wird erklärt, warum die ‚Mitte‘ Gefahr läuft, der ‚Rechten‘ auf den Leim zu gehen: Links, rechts, Weimar? Ich hab hier mal drei Textstellen willkürlich rausgeleesen:

Wer die Demokratie bewahren wolle, müsse die „Mitte“ stärken. Politikwissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von der Hufeisen-Theorie, der zufolge die politische Mitte links und rechts in Extreme ausläuft, die sich wie die Enden eines Hufeisens einander nähern.

[…]

Nicht der demokratische „Mainstream“ ist links, sondern der „Mainstream“ innerhalb der Linken (verkörpert durch SPD und Linke) ist demokratisch – anders als in den Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren, als die KPD die Republik von links bekämpfte. Der heute von rechts angeheizte Verdacht, dass die Meinungsfreiheit in Gefahr sei und Deutschland unter der Knute einer tugendterroristischen „Political Correctness“ stehe, fußt auf der demagogischen Verkehrung dieser Tatsache. Das Hufeisen mit seinem trügerischen Rechts-links-Schematismus steht den Rechten dabei treu zu Diensten: Den Bereich des Sagbaren nach rechts zu erweitern, wie es die AfD und andere betreiben, kann auf der Folie der Hufeisen-Theorie als Wiederherstellen eines vermeintlich aus dem Lot geratenen Gleichgewichts erscheinen.

[…]

Die Ideologen der neuen Rechten […] kennen übrigens das Modell des Hufeisens, und zwar in seiner ursprünglichen Lesart. Geschmiedet haben es nämlich nicht der Verfassungsschutz oder Extremismus-Experten: Es taucht bereits in der späten Weimarer Republik auf, um die Mitte zu verorten, die den nationalbolschewistischen Querfront-Propagandisten vorschwebte. Diese lag im offenen Raum zwischen den Enden Bolschewismus und Nationalsozialismus und stand der „bürgerlichen Mitte“ im Hufeisenrund feindselig gegenüber. Nach 1945 griff der Vordenker der heutigen neuen Rechten, der Publizist Armin Mohler, das Schema auf.

Siehe auch: Ach, du alle Welt

Heißt es „sich informieren“ oder „informiert werden“?

Ich mache mir in der vergangenen Zeit immer mehr Gedanken dazu, wie wir unsere Informationen beziehen. Ständig begegnen einem Begriffe wie Fake News, alternative Fakten oder sowas Schönes wie das postfaktische Zeitalter.

Ihr kennt vielleicht dieses Bild von dem am Boden sitzenden Soldaten, zwei weitere, anders uniformierte, stehen neben ihm. Betrachtet man nur den rechten Bildausschnitt, sieht man, dass ein Soldat dem sitzenden Wasser gibt. Sieht man nur den linken Ausschnitt, wirkt es so, als werde der sitzende Soldat in Kürze exekutiert. Das ganze Foto stellt die Szene dann in ein anderes Licht.

Etwas Ähnliches ist mir gestern mit einem Video passiert, auf das ich beim Stöbern zufällig gestoßen bin. Bodo Ramelow wird da von Jung&Naiv interviewt und vermeintlich bricht er das Interview am Ende entnervt ab. Im Tweet wird der Videoausschnitt u.a. mit „Zustand von Politik und Presse 2019“ kommentiert. In den Antworttweets werden Assoziationen zum ZDF-Interview mit Höcke gezogen. Wenn man sich allerdings das Videointerview mit Ramelow komplett ansieht, wird schnell klar, dass das Gesamtbild sich differenzierter darstellt. Ramelow bricht das Interview zwar ab, kommt anschließend aber nach einem klärenden Gespräch zum Interview zurück.

Ob das Bild der Soldaten, das Ramelow-Video oder unsere sonstige ausschnitthafte Wahrnehmung der Welt – der Trick ist: Selbst das ganze Bild ist nur ein kleiner Ausschnitt und insofern nicht das gesamte Bild.

Ein weiterer spannender Gedanke ist die Frage, wie die neuen Medien unser Entstehen eines Konzepts von „Öffentlichkeit“ prägen. (Wie beantwortet jeder Einzelne die Frage: Wer sind wir?) Ich vermute, dass Kommentare in offenen und auch geschlossenen Gruppen (@Die_Insider) da nicht unwesentlich sind. Ich vermute auch, dass dieser Satz sich längst selbst überholt hat: „Wir leben in einer Zeit, in der die Übertreibung das einzige Medium der Wahrheit ist.

Nachtrag:
Revealed: quarter of all tweets about climate crisis produced by bots

Autobahn 2

Zum Thema Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen wird ja derzeit wieder fleißig diskutiert. Ich finde, schnell Fahren macht Spaß. Seit ich mir angewöhnt habe, höchstens 120km/h zu rasen, macht das Fahren auf der Autobahn noch viel mehr Spaß. Ich empfehle zum Thema die Studie AUSWIRKUNGEN EINES ALLGEMEINEN TEMPOLIMITS AUF AUTOBAHNEN IM LAND BRANDENBURG. Im Resümee liest man:

Bei einer Begrenzung der Geschwindigkeit auf 130 km/h entstehen 22,5 Mio. EUR im Jahr weniger Unfallkosten auf den aktuell noch unbegrenzten Streckenabschnitten. Demgegenüber stehen zusätzliche Zeitkosten von 17,2 Mio. EUR, die durch die längeren Fahrzeiten entstehen. Damit würde sich ein jährlicher Nutzen von rund 5,3 Mio. EUR ergeben, wenn die Geschwindigkeit der Pkw auf 130 km/h begrenzt wird.Eine stärkere Begrenzung der Geschwindigkeit auf 120 km/h senkt die Unfallkosten deutlich um 36,7 Mio. EUR auf 54,4 Mio. EUR im Jahr. Durch die geringere Geschwindigkeit erhöht sich jedoch die Fahrzeit weiter und verursacht zusätzliche 37,3 Mio. EUR Zeitkosten, so dass es keinen wirtschaftlichen Auswirkungen bei einer Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit auf 120 km/h gibt.

https://mil.brandenburg.de/cms/media.php/lbm1.a.2239.de/studie_tempolimit.pdf

Lustig war auch das, was einer mal auf Spiegel Online geschrieben hatte: Ja zu Tempo 200!

Das Tempolimit von 200 km/h würde die Autobahnen von Möchtegernrennfahrern befreien, ohne Einheimische stark einzuschränken. Wer das Erlebnis von 250 oder 300 km/h und mehr braucht, kann sich eine Tageskarte für den Nürburgring kaufen.

https://www.spiegel.de/auto/aktuell/tempolimit-ja-aber-wenn-dann-200-statt-120-a-1244542.html

Interessant, dass der Beitrag etwa 1 Jahr alt ist. Gibt es so etwas wie ein Winterloch?