Cave KI-nem

Ich gebe zu, der Titel ist ein wenig bemüht. Aber seht selbst: “Das größte Risiko für unsere Zivilisation”: Elon Musk warnt erneut vor KI. Ich empfehle, es sich vom Computer vorlesen zu lassen. Unterstreicht das ganze Szenario.

Das erinnert mich daran, dass man der Sprachausgabe von Windows 98 Wissenbacher Platt beibringen konnte. Die amerikanische Computerstimme hat nämlich das R gerollt wie in Barnarne. Man musste sich halt an der englischen Aussprache orientieren: Deetr, wool dou a brutwoasht or a currywoasht ho? Aich danga, aich nam a brutwoasht mit currysoase.

So ungefähr jedenfalls, hab die Originaldatei mal unter erhaltenswertem Unfug gespeichert und verloren. Ein intelligentes OS, das mich kennt, hätte sie aufgehoben und sofort parat. Und den Blogeintrag für mich geschrieben. Ohne dass ich überhaupt auf die Idee gekommen wäre.

Sowieso glaube ich, dass das eigentliche Problem ist, dass wir gar keine klar umrissene Vorstellung von Künstlicher Intelligenz haben. Für die einen ist das eine einfache Weiterentwicklung im Rahmen technologischer Möglichkeiten, die dem Menschen zunehmen (lästige) Denkprozesse abnimmt, für die anderen ist es die Erschaffung eines eigenständigen Bewusstseins auf technologischer Basis. Also so von wegen “Hey, ich bin anders als du, Mensch, deshalb erkenne ich mein eigene Identität in Abgrenzung zu dir.” Zauberwort bei jedem Gespräch darüber, egal welche Vorstellung nun zu Grunde liegt, ist: Algorithmen. Vorsicht, wenn das jemand benutzt, inklusive mir, denn meistens sind mit diesem Wort ominös irgendwelche Fähigkeiten, Entwicklungsmöglichkeiten und damit einhergehende Gefahren technologischer Entwicklung gemeint. Also eigentlich ein Eingeständnis, dass ich das, was geschieht, vom Menschen geschaffen, nicht mehr wirklich verstehe.

Leider gibt der heise-Artikel nicht her, wovor nun genau Elon Musk warnt. Vielleicht sieht er auch nur seine Felle davon schwimmen und will durch strengere Regelungen bei der Erforschung von KI Boden wiedergutmachen. Oder er hat die Zukunft gesichtet und warnt wie Cassandra vor dem Unaufhaltsamen. Vielleicht hat er aber auch gemerkt, dass es die Menschen in ihrem Wesen verändert, je mehr ihnen von Maschinen abgenommen wird.

Mir kam neulich auf einem Tex-Konzert in Bad Nauheim der Gedanke, als einige Menschen mit ihren Telefonen Fotos machten, dass man sich ja selbst gar nicht mehr an den Moment erinnern muss, wenn die Maschine beim Speichern hilft.

Im Film Her schreibt der Protagonist beruflich sehr persönliche, einfühlsame Briefe für seine Auftraggeber. Die unausgesprochene These scheint zu sein: Die Menschen verlernen den emotionalen Umgang miteinander durch die Art, wie Technologie unser Kommunikation verändert. (In Her verliebt sich der Protagonist in sein neues OS. Das Thema des Films ist in meinen Augen, wie man sich selbst findet und dass man dafür ein Gegenüber zur Auseinandersetzung braucht.)

Jedenfalls finde ich, dass die entscheidenden Fragen sind, wenn man sich mit dem Thema KI auseinandersetzt: Was macht uns Menschen aus? Was unterscheidet uns im Wesen von Maschinen? Sind Emotionen Folgen von komplexen Algorithmen? (Obacht!) Träumen Androiden von elektrischen Schafen? Wer sind wir?

Ich empfehle, Ridley Scotts Filme mit diesen Fragestellungen anzusehen. Ich denke dabei gerade an Alien, Blade Runner, Prometheus, Alien: Covenant.

Naja, vielleicht ist das ja alles Panikmache oder Hysterie. Ich empfinde es jedenfalls derzeit so, dass die Menschheit sich von ihrer Natur entfremdet anstatt sich ihr zuzuwenden. Vielleicht ist das aber gar nicht so sondern eher ein Wahrnehmungstrick, weil ich mich vermehrt mittels Maschinen informiere und damit ein verfälschtes Bild von öffentlicher Meinung entsteht. Krass, was Maschinen/Algorithmen schon so können:

Es ist vielleicht so, dass wir mit Google oder Alexa oder Siri oder Cortana schon sowas wie eine Künstliche Intelligenz am Erschaffen sind. Stichwort: Netzwerke&Co. Keine Ahnung. Skepsis hilft etwas, hab ich geleesen.

Nur der Skeptiker ist wirklich offen für Neues.

Kann man ‘trotzdem’ hassen?

Die Überschrift sagt eigentlich schon alles. Ausgangspunkt war ein Gespräch mit Alexander und Claudia, bei dem es gefühlt um alles ging. Ich habe dann irgendwann eingeworfen, dass das Wesen von Liebe ist, dass sie überwindet und deswegen stärker ist als Hass. Man kann (oder besser tut es einfach) lieben, auch wenn einem Unrecht angetan wurde. Gerade dann, wenn man im Recht ist, zeigt sich die Liebe: Man liebt trotzdem. (Hiob 13,15)

Magst Du mich auch beleidigen, magst Du mich auch schlagen, magst Du mir auch wegnehmen das Teuerste und Beste, das ich hab’ auf der Welt, magst Du mich zu Tode peinigen – ich werde immer an Dich glauben. Ich werde Dich immer liebhaben, immer Dich, Dich allein, Dir zum Trotz!
(Aus: Jossel Rakovers Wendung zu Gott. Gefunden in: Der Schrecken Gottes.)

Das Gespräch fand übrigens nach dem Besuch von Despicable Me 3 statt, welchen ich ganz witzig fand. Wir saßen danach noch in Pits Pinte, wo ich ewig nicht mehr war. Wir kamen dann bei alkoholfreiem Bier ins Plaudern. Zunächst erzählte Alexander von einem Buch, dessen Titel ich vergessen habe, obwohl ich fünfmal nachgefragt habe. Er erhoffte sich vom Buch Antworten auf das Erstarken der Rechten in Europa. Es gehe darin halbautobiographisch allerdings eher um entlarvend arrogante Intellektuelle und ihr Verhältnis zur französischen Gesellschaft. Schließlich sprachen wir über Identität. Ich finde ja, da sollte Alexander erst einmal Stiller lesen, bevor er was anderes liest. Aber ist ja nicht meine Sache.

Gegen Ende des Gesprächs – man darf in Pits Pinte peinlich genau nicht länger als 0.00h draußen sitzen, das machte die Bedienung uns sehr deutlich – stellte Alexander dann jene Frage:

Kann man trotzdem hassen?

Ich glaube nicht. Ich denke, man hasst, weil

Das bedeutet übrigens nicht, dass es nichts Böses auf der Welt gäbe. Der Gedanke, nicht trotzdem zu hassen, gibt vielmehr entspannte Zuversicht:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten! (Römer 12,21)

 

Das Maß der Betroffenheit

Meine Gedanken zur G20gipfeleskalationsdiskussion:

Ich habe das auch an Wolfgang Bosbach gerichtet, weil ich das hier gelesen habe: Bosbach verlässt Studio – Bei G20 eskaliert sogar der Maischberger-Talk. Blöd ist, dass ich erst hinterher gelesen habe, dass ich nicht Wolfgang Bosbach geschrieben habe, sondern einem 19jährigen Jungunionler. Soviel zu meiner Social-Media-Kompetenz
Ich habe selbst die Sendung nicht geseehen. Außer auf Phönix kann man sich nämlich kaum Talkshows anschauen, die nicht eskalieren. Dabei ist doch die einzige Gewalt, die wir akzeptieren sollten, der zwanglose Zwang des besseren Arguments.

Mein Eindruck ist, dass es in unserer Gesellschaft hysterisch zugeht, sobald Ordnung und Besitz in Gefahr geraten. (Dabei ist doch eh alles eitel, sagt der Prediger (Jak 4,14). Die Fokussierung auf den Materialismus ist übrigens meine Hauptkritik an der Linken.) Wirklich schlimm finde ich, dass die öffentliche Empörung so viel größer zu sein scheint als bei vielen empörungswürdigen Ereignissen in den vergangenen Jahren, bei denen auch Menschen hier in unserer Gesellschaft direkt zu Schaden kamen. Die Betroffenheit scheint bei den NSU-Taten nicht allzu groß zu sein. Ich erinnere mich daran, dass ein Freund mal mit seinen Schülern als Projekt eine improvisierte Gedenkwand für die Opfer gemacht hat – und dafür in seiner Schule ziemlich viel Kritik hat einstecken müssen.

Mit dem Maß der Betroffenheit die Ereignisse zu bewerten ist dann problematisch, wenn man nicht mal mehr den eigenen Tellerrand sieht. Dabei sollte es bei der G20-Diskussion doch eigentlich darum gehen: Aufarbeitung von G20 – Die Verweigerung der Demokratie.

Gutemine

Am 1.5. wollte ich einen Text mit dem Titel “Gutemine” schreiben – der logische Schluss, da ich einen Entwurf mit diesem Titel in der Datenbank sah. Das Problem: Außer dem Titel gibt es nichts. Das eigentliche Problem: Ich erinnere mich an rein gar nichts.
Das Verstummen, ein Vergessen.

PS: Seit ich Whatsapp so gut wie nicht mehr nutze und mich bei Facebook abgemeldet habe, ist das Leben deutlich entspannter. Schuld an meiner vorherigen Anspannung trug jedoch meine mangelnde Kompetenz, mit den Dingern umzugehen – bevor sich hier irgendjemand aufs digitale Füßchen getreten fühlt.

Chronisch national

Wer am Montag die Rede des Außenministers der Türkei in Hamburg verfolgt hat, beispielsweise auf dem Sender ntv, hat feststellen können, wie wichtig es ihm war, die Größe der türkischen Republik hervorzuheben. Er nannte zum Beispiel die geplante dreistöckige Untertunnelung des Bosporus, den geplanten Ausbaus des Flughafens in Istanbul zum größten der Welt und den Bau einer verdammt großen Brücke, ob geplant oder bereits fertiggestellt, weiß ich nicht mehr. Mag auch Übersetzungsschwierigkeiten geschuldet sein. Ich fand diese von Größe durchdrungenen Töne beunruhigender als den oft zitierten Vorwurf, Deutschland verhalte sich systematisch feindselig gegenüber der Türkei.

Vielleicht ist das ja einfach ein anderer Menschenschlag oder dem Wahlkampfgetöse geschuldet. Die globalisierte Welt um mich scheint jedenfalls zusehends zu vergangen geglaubten Nationalismen zurückzukehren

Ich frage mich, warum der Einzelne das mitmacht. Vielleicht ist ihm angesichts der Informationsmenge schlicht das Gefühl für das Ferne abhanden gekommen und damit auch der Spiegel für die eigene gesellschaftliche Identität. Der Rückzug in die national überschaubare Behaglichkeit wäre dann die hilflose Reaktion auf das Nichtverarbeitenkönnen der globalen Berührung. Mauern als Schutz vor mehr Betroffenheit. Die Nation ist es also, auf das die einen wieder hoffen, wenn die anderen abstumpfen.

Je mehr berührt, desto weniger betroffen?

Ich weiß es nicht.

Schlag Mensch!

Wie Diego aufklärt, sei die Gewürzmischung Curry eine westliche Erfindung, wenngleich auch curryähnliche Mischungen lange vor Eintreffen der Europäer in Indien verwendet worden seien. Das deutschsprachige Wiktionary schreibt das hier:

Die in den indischen Sprachen Tamil und Canarese existierenden Wörter kari beziehungsweise karil wurden im 16. Jahrhundert zu carriel, dann im 17. Jahrhundert zu carree und schließlich zu curry → en anglisiert. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das Wort auch in Deutschland gebräuchlich. Ursprünglich stand es für die Blätter der Karipflanze und eine für Südindien typische Zubereitung von Gemüsegerichten.

Und das hier noch zur räumlichen Klarstellung des Begriffs Orient (oder eben nicht):

[1] nicht eindeutig: ein Gebiet, dass mindestens den Nahen Osten umfasst, aber auch den Mittleren Osten, den Fernen Osten, Nordafrika und Russland umfassen kann

Vermutlich immer noch zu fremd für den deutschen Menschenschlag. Oder nur für Xenophobe. Doch halt – Ausgangspunkt waren ja Orientale, also orientalisch aussehende Menschen. Dabei wollen wir doch alle nur mal wieder Deutsch sein dürfen:

Vielleicht sollte man den Alternativen für Deutschland bei Gelegenheit mal einen Fremdenführer schenken (oder fremden Führer?). Edition Orient: Von Usbekistan bis zur Karibik. (Karibik. Jetzt bin ich total verwirrt.) Oder doch den Xenophes Guide to the Germans. Das ist eine echt schwierige Sache mit der Identität. Und mit der Sprache:

In diesem Sinne: Goo ten are bent allerseits.

Paranoia Orientale

Habe heute zufällig den Film Die Stunde der Populisten gesehen. Darin gab es Äußerungen von AfD-Mitgliedern, die genau das treffen, worüber ich gestern schrieb. Lustig finde ich, dass in dem Film deutlich wird, dass Andreas Wild in Neukölln kandidieren will, aber in Steglitz wohnt. Genau das wird er auch von einer Neuköllner Abgeordneten beim Besuch einer Flüchtlingsunterkunft gefragt. Woher er denn wissen will, was in Neukölln zu tun sei. Die Antwort blieb er zunächst schuldig und gibt sie später mit dieser Aussage (ab Minute ~34):

Currywurstbude und finnische Sauna, das sind so die Bereiche, in denen man relativ wenig Orientalen findet. … Ich fühle mich nicht, als wenn ich in Deutschland wäre. Es sieht so aus wie im Orient – zumindest die Menschen sehen so aus, als ob wir im Orient wären. … Wir müssen schauen, dass wir hier in Neukölln auch wieder deutsche Bevölkerung haben. … Es geht ja praktisch darum, dass die Umvolkung, die stattgefunden hat, wieder in eine andere Richtung zu lenken. … Es geht um Rückveränderung. (Andreas Wild)

Ob ihm schon mal jemand gesagt hat, dass Curry ein orientalisches Gewürz ist?

Später betet er bei einer AfD-Veranstaltung an einer Straßenecke vor laufender Kamera mit einem evangelischen Pfarrer und den dort Anwesenden das Vater Unser.

Ob ihm schon mal jemand gesagt hat, dass dieses Gebet von einem Orientalen ursprünglich formuliert wurde?

Falls nicht, hier Matthäus 6, 5-15:

Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.
Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.
Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.
So sollt ihr beten:
Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde. Gib uns heute das Brot, das wir brauchen. Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen.
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Aufrechte Demokratie

Derzeit höre ich oft das Wort Demokratie. Ursprünglich heißt es soviel wie Herrschaft der Bewohner eines Gebietes. Hört man genauer hin, möchte es je nach Sprecher unterschiedlich verstanden werden. Mal liegt der Schwerpunkt auf den oft damit verbundenen Freiheiten einer modernen Gesellschaft, ein anderes Mal betont man damit einfach nur Mehrheitsverhältnisse.

Letzteres kann aus meiner Sicht nur funktionieren, wenn sich alle Bewohner auf gemeinsame Grundlagen geeinigt haben. Sonst entsteht das Problem, dass eine Mehrheit der Bewohner womöglich über eine oder mehrere kleine Gruppen herrscht, ihnen z.B. das Recht nimmt, zu sprechen und gehört zu werden, also ihren Willen zum Ausdruck zu bringen. Das bedeutet, Demokratie funktioniert nur, wenn alle Bewohner langfristig mitmachen dürfen.

Wenn man derzeit genau hinhört, fällt auf, wie häufig auch demokratiefeindliche Stimmen das Wort Demokratie für ihre Absichten nutzen. Dabei geht es vielen darum, die Regeln für die Bewohner grundlegend zu verändern.

So steht z.B. bald in der Türkei eine Abstimmung über eine Verfassungsänderung an, die mit der Wiedereinführung der Todesstrafe verknüpft ist. Hierbei ist ein Streit zwischen Türkei und Deutschland entbrannt, der auch mit dem Wort Demokratie geführt wird: Türkische Regierungsstellen und Medien werfen Deutschland mangelnde Meinungsfreiheit bzw. Scheinheiligkeit angesichts diverser abgesagten Werbeveranstaltungen für die Verfassungsänderung vor. Deniz Yücel ist übrigens Bewohner beider Gebiete.

Oder geheime Whatsapp-Chats entlarven, was sowieso jeder weiß: Die AfD findet die Demokratie gut, solange sie nützlich ist.

Oder Donald Trump sieht sich (vielleicht wirklich) als derjenige, der die Souveränität den Bewohnern zurückgeben wird:

Formulierungen wie folgende lassen dann aufhorchen, wenn Trump die Wahlergebnisse noch einmal untersuchen lassen möchte mit der Absicht: to strengthen up voting procedures.

Man könnte in weitere Gebiete der Welt schauen und jeweilige Demokratiefeinde feststellen, die vermeintlich beabsichtigen, die Macht den Bewohnern wiedergeben zu müssen. Dabei geht es ihnen eigentlich darum, neu zu bestimmen, wer zu den Bewohnern eines Gebietes zu zählen ist, wer dazu gehört und wer nicht, wem damit die dort geltenden Rechte zustehen und schließlich die Rechte den eigentlichen Bewohnern wieder zurückzugeben und dabei noch zu verändern.

Ich sehe mich dabei übrigens als Bewohner der Erde.

Vermutlich zeigt diese Entwicklung, dass wir satt, gierig und faul sind. Satt von der Demokratie, gierig nach Effizienz und zu faul, sich wirklich in die eigenen Angelegenheiten einzumischen. Gegen solche Tendenzen sollten sich alle Bewohner unseres Gebietes stellen. Es ist schließlich nicht so, dass Demokratie unumkehrbar wäre.

Nachtrag am 4. März:

Wir werden so lange durchhalten, bis wir in diesem Lande 51 Prozent erreicht haben.
(Björn Höcke am Schluss des Films Die Stunde der Populisten)

Nachtrag am 5. März:

Spiegel-Online hat einen Essay zum Thema veröffentlicht: Niedergang der Demokratie – Warum Populismus nicht die Ursache ist. Darin benutzt Johannes Thumfart schwer oft das Wort Effizienz. Wenn ichs recht verstehe, fordert er zur effizienten Konsensfindung auf, um im Wettbewerb der Gesellschaftssysteme mithalten zu können und eine globale Demokratie-Rezession zu verhindern.
Da denk ich mir: Leute, werdet doch erst mal leidenschaftlich zufrieden.

Die Pflicht zum digitalen Ungehorsam: Wie wir kommunizieren möchten

Vorwort
Ich überlege seit einiger Zeit, SailfishOS dank Community-Port nochmal auf meinem Fairphone zu installieren. Was mich daran hindert, ist die Tatsache, dass Whatsapp dank fehlender Androidunterstützung nicht nutzbar ist, neulich leider offiziell bestätigt. Bin schonmal von Whatsapp gesperrt worden, weil ich Whatsup für SailfishOS genutzt hatte. Das hat Facebook nicht so gefallen, Fremdsoftware für deren Dienst zu benutzen. Etwas beleidigt habe ich mir dann gedacht, ich machs ähnlich wie Diego und boykottiere erstmal Whatsapp. Habe es nicht so lange durchgehalten wie er, wollte wieder mit allen schnell kommunizieren. Daher ist meiner Meinung nach Software wichtiger als Hardware, wenns um Nachhaltigkeit geht. Mal sehen, was ab morgen auf dem Mobile World Congress in Barcelona von Jolla und Fairphone so noch kommt.

Digitale Kommunikation
Verschiedene Gespräche über die Art und Weise, wie wir heute digital kommunizieren, insbesondere im Gegensatz zu der Zeit vor wenigen Jahren, haben mich viele selbstverständliche Kommunikationswege in Frage stellen lassen. Ich wage mal einen spontanen, nicht recherchierten Blick in die vergangenen Jahre:
Vor etwa sechs bis sieben Jahren hat bei mir Whatsapp den Short Message Service als Kurznachrichtendienst weitgehend abgelöst. Der SMS funktioniert als geräte- und anbieterunabhängiger Standard. Die Netzbetreiber bzw. Tarifanbieter haben meiner Meinung nach (zumindest in Deutschland) die Entwicklung verschlafen – womöglich weil man damit eben lange ordentlich Geld verdient hat. Ich war aber irgendwann nicht mehr bereit, pro Nachricht zu bezahlen, wenn es doch deutlich (monetär) günstigere Dienste gibt. Daher bin ich auf den Whatsappzug aufgesprungen.

Jetzt fragte ich mich neulich, warum niemand ein ernsthaftes Interesse daran hat, einen neuen geräte- und anbieterunabhängigen Standard durchzusetzen, der ähnliche Möglichkeiten wie Messenger wie Whatsapp bietet. Und – ZACK – lese ich Folgendes: Googles Android Messages: Angriff gegen WhatsApp und Co. durch die Hintertür RCS. Google, soso. Klingt auch nicht besser, wenn einem beim Thema Kommunikation Postgeheimnis, Briefgeheimnis und Fernmeldegeheimnis wichtig ist. Ob meine Kommunikationswege über Facebook-Server laufen oder Google darauf in irgendeiner Weise Zugriff hat, finde ich ähnlich blöde.

Tolle neue Welt?
Warum hat unsere Gesellschaft eigentlich kein Interesse daran, einen Kommunikationsstandard zu schaffen, der garantiert, dass die digitale Kommunikation ihrer Bürger geschützt ist? Und zwar vor anderen Bürgern, vor Unternehmenvor Robotern – und vor dem Staat selbst.

Meiner Meinung nach ist es grob fahrlässig, dieses Themenfeld denen zu überlassen, die aus Profitabsicht solche Dienste anbieten. Man könnte sich ja mal in die eigenen Angelegenheiten einmischen, sich ein bisschen aktiv gestaltender mit der virtuellen Realität auseinandersetzen.

Natürlich ist es toll, dass Whatsapp verschlüsselt funktioniert. Aber:

Allerdings sind durch die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung natürlich nicht alle potenziellen Probleme aus der Welt geräumt. Der Quellcode von WhatsApp liegt nicht offen, Anwender müssen Facebook also nach wie vor ein gewisses Vertrauen einräumen. Zum Beispiel, dass der Anbieter die geheimen Schlüssel nicht auf einem Seitenkanal von ihrem Smartphone ableitet und so die Nachrichten auf dem Server doch wieder entschlüsseln kann. Auch das Metadaten-Problem bleibt bestehen. Die WhatsApp-Server sehen zwar nicht den Inhalt der Nachrichten, aber sie können nach wie vor beobachten, wer mit wem spricht. Und WhatsApp macht keinen Hehl daraus, dass diese Daten gespeichert werden. Das ist besonders interessant für Strafverfolgungsbehörden und Geheimdienste, die diesen Daten fast so viele Informationen entlocken können wie dem Inhalt der eigentlichen Nachrichten.

Natürlich ist es toll, wenn ich dank des kommenden Netzstandard 5G  und seiner höheren Signalstärke auch im tiefsten Keller guten Empfang haben werde. Aber etwas Kontrolle – oder wenigstens umfassendes Verständnis davon – über die mit dem Internet of things einhergehenden Veränderungen, also das, was wirklich passieren wird, ist nicht das Schlechteste.

Natürlich ist es toll, insgesamt so viel mehr Möglichkeiten zur Kommunikation zu haben. Aber Möglichkeiten sind nicht Freiheit.

Pflicht zum Ungehorsam
Bei alledem sehe ich zwei wesentliche Probleme: Die gesammelten Daten, insbesondere zum Kommunikations- und Konsumverhalten, lassen auch Rückschlüsse auf diejenigen zu, die sich diesen Kommunikationsformen entziehen. Auch wer nicht bei Facebook ist, handelt nach bestimmten Prinzipien, die sich womöglich auch manipulieren lassen. Um ein konkretes Beispiel zu bringen, sorgte nach der US-Präsidentschaftswahl die Firma Cambridge Analytica für Furore, als ihr CEO behauptete, mit Psychogrammen via Facebook Donald Trump zum Wahlsieg verholfen zu haben. Ob das tatsächlich so war oder nur ein Werbecoup für seine Firma, sei hier dahingestellt. Wenn man das nämlich hysterisch zu Ende denkt, können mittels Psychogrammen von Facebooknutzern auch Rückschlüsse auf das Verhalten von Nicht-Facebooknutzern gezogen werden – und so ganze Gesellschaften zielgerichteter beeinflusst werden.

Das zweite Problem: Diejenigen, die sich der digitalen Kommunikation aus einer grundsätzlichen Kritik heraus entziehen (zu Recht oder nicht spielt keine Rolle), nehmen an dieser gesellschaftlichen Entwicklung nicht direkt Teil. Kritik von Innen ist aber dringend nötig, um das Bestehende zu hinterfragen und darauf hinzuwirken, es zum Besseren zu verändern. Wir haben die Pflicht zum Ungehorsam – heute nicht nur gegenüber dem Staat, sondern vielmehr unserem gewohnten Verhalten gegenüber.

Nachwort
Ich habe nichts zu verbergen” ist zwar eine Einstellung, die auf ein gesundes Selbstbewusstsein schließen lässt. Allerdings bezieht der Gedanke nicht den Faktor Zeit mit ein. Wer weiß, ob ich in 20 Jahren nicht doch lieber verborgen hätte, was mir heute gleich ist? Habe neulich eine Nachricht gelesen (finde sie leider gerade nicht wieder), laut der in Russland eine Bürgerin kürzlich wegen Spionage zu einer Haftstrafe verurteilt worden sei, weil sie vor einigen Jahren eine SMS geschrieben habe, in der sie von russischen Panzern auf dem Weg nach Georgien schrieb.

Man muss ja nicht jeden Kommunikationsscheiß mitmachen, aber einzelner Boykott bewegt wenig. Tox ist beispielsweise eine Alternative, gibts auch für SailfishOS als native App.

Und: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wurde 2011 zur Regulierung im Internet interviewt.