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Schlagwort: Glaube

Frage-Antwort

Neulich hat mich Diego danach gefragt, wie es zu der Zusammensetzung der Schriften des Neuen Testaments kam. Da ich es nicht wusste, habe ich trotzdem geantwortet (das ist vielleicht so ein Lehrerding, sorry):

Also, ich hatte das auch so im Kopf, dass so um 300 rum einige Leute gesagt haben, so kann das nicht weitergehen, wir brauchen nen Kanon. Jetzt hab ich das hier gelesen und es ist wohl fließender, wie man entschied, was zur wahren Lehre gehört und was nicht:

“Bischof Serapion von Antiochien – das ist der heutige Ort Antakya in der Türkei – fand Ende des zweiten Jahrhunderts in einer Stadt seiner Diözese ein Petrusevangelium vor und verwarf die Verwendung in der Gemeinde nach einer Prüfung des Textes. Die Begründung lautete, dass es nicht der apostolischen Überlieferung entspreche.”

Ich glaube, man darf das nicht so starr sehen, wenn man den Begriff ‘Heilige Schrift’ im Kopf hat. Jesus selbst hat ja laut Bibel nie selbst geschrieben. Das heißt, ihm war es wichtig, zu wirken, sonst hätte er Wunder getan und gleich danach n paar seiner Schriften verteilt. Ich würde das also eher so sehen, dass Jesus gelebt und gewirkt hat, die Leute haben sich davon erzählt, dann kamen ein Evangelist nach dem anderen (insgesamt offiziell 4), die das dann später mit unterschiedlichen Schwerpunkten festhalten wollten. (Da gibt es übrigens auch bereits lustige Unterschiede bei einzelnen Begebenheiten.)

Interessanter finde ich da ja die Briefe von verschiedenen Aposteln an diverse Gemeinden. Da ist mir die Begründung für die Kanonisierung nicht so ganz klar, da die in der Regel anlassbezogen waren, also konkreten Bezug hatten (z.B. warnt Paulus eine Gemeinde vor den falschen Lehren, die einige unter deren Gemeindemitgliedern verbreiten). Die Leute, die die Briefe geschrieben hatten, bzw. die Briefe selbst waren also irgendwie schon Teil eines Meinungseinhegungsprozess.

Dazu finde ich es noch wichtig zu bedenken, dass das in einer Zeit war, in der vieles durch mündliche Weitergabe ‘gespeichert’ wurde. Da werden vermutlich Systeme der verlässlichen Weitergabe von Informationen etabliert gewesen sein, zumindest verlässlicher, als wir es uns heute vorstellen mögen in Anbetracht der Art, wie wir mit Quellen umgehen.

Soweit meine Antwort, die er wenig hilfreich fand, was neben meiner Ahnungslosigkeit und grober Spekuliererei vielleicht auch an der einengenden Perspektive der Fragestellung gelegen haben mag, die auf mich so wirkte, als ob zwingend ein Vergleich zu heutigen Auswahlverfahren von (wissenschaftlichen) Texten gezogen werden solle. Vielleicht ist es aber auch mal wieder ein typisches Missverständnis in der Herangehensweise, das in gänzlich unterschiedlichen Perspektiven oder Erwartungshaltungen von Wissen und Glauben begründet sein könnte.

Heute habe ich jemand anderen nochmals danach gefragt, der meinte, dass es im Mittelalter solche Konzile gegeben habe, auf denen das endgültig beschlossen worden sei. Ich vermute, dass wieder das Konzil von Nicäa gemeint war. (Ich habe oben die widersprechende Quelle ja schon verlinkt: “Immer wieder wird heute behauptet, dass diese Texte überhaupt erst im vierten Jahrhundert verboten worden wären. Vorher hätte man sie gleichwertig wie die vier neutestamentlichen Evangelien verwendet. Bereits aus sehr früher Zeit sind jedoch derartige Verbote einer Verwendung von apokryphen Schriften bekannt.”)

Woher die große Faszination an diesen Apokryphen kommt, worauf zum Beispiel Dan Browns Sakrileg basieren soll (ich habs nicht gelesen, auch nicht richtig geschaut, aber es geht wohl mal wieder um Maria Magdalena), kann ich mir nicht ganz erklären.

Für die mächtigste verschwörungstheoretische Frage halte ich übrigens: Was, wenn alles wahr wäre?

Skythische Lämmer

Über Glauben und Wissen – Irrwege und Irrsinn:

Wissenschaft zeigt nicht, was wahr ist und was falsch. Wissenschaft schließt, anhand von Evidenz, was am wahrscheinlichsten wahr sein könnte.

Das Baumlamm kannte ich noch nicht (s. Wikipedia):

Other writers cite ancient Talmudic traditions, which tell of the Jeduah, described by rabbinical scholars as a plant-animal like a lamb which is tethered to the ground by a sort of umbilical cord, and which can only eat what vegetation is within reach of the cord. […]

In a variation, the Jedoui takes human form and is similarly grounded by its navel – it is a savage beast which kills anyone it can reach and can only be killed by severing the cord with an arrow or dart. Jedoui means ‘wizard’ and is the same wizard mentioned in Leviticus XIX 31, “Regard not them that have familiar spirits, neither seek after wizards, to be defiled by them: I am the LORD your God”; the bones of the Jedoui were placed in the mouth and immediately one was endowed with the gift of prophecy.

The Lamb Lies Down

It had a head, yes, ears, and all other parts a newly born lamb. …For myself, although I hadpreviously regarded these Borametz as fabulous, the accounts of it were confirmed to me by so many persons of credence that I thought it right to describe it.

Legend of the Lamb-Plant

Erinnert mich an Karl May. Und Wilhelm von Humboldt.

Mir kam der Gedanke, dass man es sich als Wissenschaftler ganz schön einfach machen kann, indem man seine Subjektivität aus der Beobachtung rausnimmt und sagen kann: “Ich bin fein raus.” Die Fragen sind nur: Geht das wirklich? Duldet die Wahrheit ein Subjekt? Erträgt die Antwort die Frage?

Siehe auch: Atheisten sind aber gläubig und Frage / question.

Mozambique

Während nach der Flutkatastrophe in Mosambik, ausgelöst durch einen Zyklon, etliche Spendenaufrufe erfolgten und Deutschland schließlich 50 Millionen € für den Wiederaufbau spendete, brennt in Frankreich ein Haus halb ab, Ave Maria wird voller Bestürzung gesungen und in kürzester Zeit kommen an die 1 Milliarden € Spenden für den Wiederaufbau zusammen.

Wer mich jetzt zynisch findet, denkt bitte nochmal nach, was an der Sache selbst zynisch sein mag.

PS: Vielleicht wird der Kaffee an der Notre Dame ja jetzt billiger.

Diese Pointe Islam.

Disclaimer: Dieser Text behandelt religiöse Themen! (Atheisten oder Agnostiker mit schwachen Nerven seien gewarnt.)

Am Montag besuchte ich in weiblicher Begleitung eine kleine Wanderausstellung der Ahmadyya-Gemeinde Deutschlands im Marburger Rathaus zum Thema Islam. Einer der Ausstellungsbetreuer sprach mich ziemlich schnell an, bevor ich mir auch nur eines der im Raum ausgestellten Roll-ups (s. auch: Public Viewing) durchlesen konnte, die – bis auf zwei spezielle Ahmadyya-Themen zu Kalifen&Co –  größtenteils mit eher allgemeinen Islaminformationen gefüllt waren. Das fanden wir im Nachhinein ziemlich praktisch – ulai, was leesen! So erfuhren wir zum Beispiel, ohne ein Wort lesen zu müssen:

Abdul Basit Tariq, Imam der Ahmadiyya. Der Glaube an eine Art “hauseigenen Kalifen” bricht das islamische Dogma, dass auf Muhammad kein weiterer Gesandter mehr folge. Damit hat sich die Gemeinde die Ablehnung der übrigen Muslime zugezogen. Im Ursprungsland der Bewegung, Pakistan, verfolgt man die Ahmadis als Ketzer. Sie scheinen Altbekanntes neu zu deuten: Jesus sei nicht am Kreuz gestorben, sondern wurde 120 Jahre alt. Vor allem wollen sie eines, behaupten die Ahmadis: Verständigung und Frieden. (Deutschlandfunkkultur)

Sowas hier hat er uns allerdings vorenthalten:

Hiltrud Schröter: “Die Ahmadiyya ist eine millenarische Kalifat-Bewegung mit der Ideologie vom Endsieg und mit Großmachtfantasien. Zum Beispiel sagte der jetzt regierende fünfte Kalif: Alle göttlichen Anweisungen von Adam bis Jesus sind im Koran enthalten. Der Sieg wird uns geschenkt werden. Die Ahmadiyya wird die Oberhand auf der ganzen Welt erzielen. Das wurde dann noch erläutert. Die Oberhand werde auf der ganzen Welt in 300 Jahren erlangt sein. Die Ahmadiyya ist weltweit bereits aufzufinden in sämtlichen Erdteilen und zwar ist sie nach neuesten Angaben bereits in 190 Ländern und hat insgesamt 14.000 Moscheen bereits erbaut. Das alles in den gut 100 Jahren.” (ebd.)

Das Gespräch war inhaltlich sehr informativ und später intensiv. Insbesondere als wir Fragen zur Frauenrolle in deren Gemeinden stellten, wurde es dann zu einem höflichen Streitgespräch. Die Begründung, warum eine Frau keine Imamin werden kann, hat mich nicht überzeugt (musste es ja auch nicht): Während der Menstruation dürften Frauen nicht beten. Und was wäre das für ein Imam, der nicht ständig für seine Gemeinde da sein kann? Für mich klang das im Gespräch dann noch öfter nach Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Ein weiterer Betreuer aus Gießen gesellte sich noch dazu und merkte an, dass seine Schwester im Jugendalter beschlossen habe, kein Kopftuch mehr zu tragen. Das sei in Moschee und Familie kein Problem gewesen. Er merkte aber auch an, dass dies bei Gemeinden auf dem Dorf unter Umständen anders sein könnte.

Das würde übrigens meine Beobachtung vergangener gesellschaftlicher Entwicklung bestätigen, dass wir in Wahrheit keine echten Konflikte zwischen Geschlechtern, ‘Rassen‘, Generationen, zwischen Gutmenschen und Stammtischdeutschen, Fleischessern und Veganern etc. haben. Vielmehr sind dies nur Schlachtfelder der Anschaungen zwischen ländlicher und städtischer Bevölkerung. (Da, wo unterschiedliche Menschen miteinander besser und häufiger in einen Austausch kommen können, kann auch besser und häufiger gegenseitiges Verständnis entstehen.) Ich muss nämlich ehrlich sagen, dass ich solch ein ähnliches Gespräch auch mit jemandem in Wissenbach hätte führen können. Patrick bestätigte mich am nächsten Tag: In der FEG in Wissenbach seien weibliche Pastoren eher nicht erwünscht. (Ein Blick auf die Liste der Prediger bestätigt das. Der einzige weibliche Name ist die ehemalige Pfarrerin der evangelischen Kirche.)

Am Schluss des Gesprächs in der Ausstellung war ich dann ein bisschen fies – und hab den Ahmadis die Hand ausgestreckt. Ich wollte nämlich kucken, ob sie ihrer weiblichen Gesprächspartnerin danach auch die Hand schütteln würden. Hamse gemacht. Den zögerlichen Widerwillen interpretierten bestimmt meine Vorurteile in ihre Gestik. Ich fand es jedenfalls schade, dass ich nur männlichen Gemeindemitgliedern die Hand hätte schütteln können. (Das habe nur am Tag gelegen, so ein Gesprächspartner.)

Insgesamt waren mir die religiösen Ansichten der beiden freundlichen Ahmadis zu dogmatisch. Ich bekam den Eindruck, dass es im Grunde für alles eine Verhaltensregel gebe. Mein Gedanke dazu war: Wenn Gott auf die Freiheit des Einzelnen pfeifen würde und es ihm wichtig wäre, dass sich seine Menschen an ein detailiertes, für jede Eventualität gewappnetes Regelwerk hielten, tja, dann wäre es doch am effektivsten, wäre er höchstpersönlich anwesend und würde in seiner Allmacht jedem Menschen immerzu das Passende sagen: “Mach das. Lass das. Leg das weg. Jetzt nicht beten, du blutest.” Und nicht sowas:

Jesus sprach nun zu den Juden, welche ihm geglaubt hatten: Wenn ihr in meinem Worte bleibet, so seid ihr wahrhaft meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. (Joh 8, 31f)

Eugen Drewermann hat, wenn ich mich richtig erinnere, in seiner Übersetzung des Johannesevangeliums die Wörter wie “Juden”, “Schriftgelehrten” oder “Pharisäer” mit Gottesbesitzer übersetzt. Ich glaube, weil er damit deutlich machen wollte, dass es nicht um die Herkunft dieser Personengruppen sondern um deren Verhalten geht, wenn sie dogmatisch genau wüssten, was Gottes Wille sei. Das ist aber nur meine Lesart.

Für die Wahrheit kann nur streiten, wer sie nicht besitzen will.

Christen fuddeln fett

Ich bin heute über die Losung gestolpert. Nach dem gelosten Vers aus dem Alten Testament (“Ich bin dein, hilf mir!“) und dem dazu passend ausgewählten Vers aus dem Neuen Testament (“Jesus spricht: In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“) wird da Sophie Scholl zitiert:

Wie ein dürrer Sand ist meine Seele, wenn ich zu dir beten möchte. Mein Gott, verwandle du diesen Boden in eine gute Erde, damit dein Samen nicht umsonst in sie falle, wenigstens lasse auf ihr die Sehnsucht wachsen nach dir, ihrem Schöpfer. Ich bitte dich von ganzem Herzen, zu dir rufe ich.

Weil mich die Formulierung mit der Seele als dürren Sand berührt hat, habe ich dann ein wenig nach den Umständen gesucht, in welchen sie das aufgeschrieben hat und bin auf den herder-Verlag gestoßen. Dort ist ein Artikel aus der Zeitschrift Christ in der Gegenwart veröffentlicht: Widerstand gegen Hitler – Die letzten Gebete der Weißen Rose. Darin wird über Sophie Scholl unter der Überschrift Trotzdem rufe ich “Du” erzählt, dass sie Gott direkt ansprechen müsse, zum Beispiel in einem Eintrag vom 15. Juli 1942:

Wie ein dürrer Sand ist meine Seele, wenn ich zu Dir beten möchte, nichts anderes fühlend als ihre eigene Unfruchtbarkeit. Mein Gott, verwandle Du diesen Boden in eine gute Erde, damit Dein Same nicht umsonst in sie falle, wenigstens lasse auf ihr die Sehnsucht wachsen nach Dir, ihrem Schöpfer, den ich so oft nicht mehr sehen will. – Ich bitte Dich von ganzem Herzen, zu Dir rufe ich, […]

Das liest sich anders, ehrlicher und eher wie etwas, das ich schonmal in einem etwas anderen Zusammenhang erwähnt habe. Navid Kermani zitiert im Kapitel Die Schoa aus Jossel Rakovers Wendung zu Gott:

[Gott Israels,] Du aber tust alles, daß ich an dich nicht glauben soll. […] es wird Dir alles nichts nützen. Magst Du mich auch beleidigen, magst Du mich auch schlagen, magst Du mir auch wegnehmen das Teuerste und Beste, das ich hab’ auf dieser Welt, magst Du mich zu Tode peinigen – ich werde immer an Dich glauben. Ich werde Dich immer liebhaben, immer Dich, Dich allein, Dir zum Trotz!

Was hier die Herrnhuter Brüdergemeinde mit Sophie Scholls Gebet gemacht haben, erinnert mich an das, was ich über das Buch Hiob mal irgendwo gelesen habe. Es gibt die Vermutung, dass es nicht einen Verfasser des Buches gegeben hat, sondern mindestens zwei im Abstand mehrerer Jahrhunderte. Dafür spreche, wenn ich mich richtig erinnere, dass die Zahl “3” wesentliches Gestaltungselement darin sei und plötzlich ein vierter Freund auftaucht, und auch das zum Rest wenig passende Ende, die Rehabilitierung Hiobs, nachträglich eingearbeitet wurden.

Das macht durchaus Sinn, wie ich finde: Hiob besuchen drei Freunde, die ihm entgegenreden, er müsse etwas falsch gemacht haben, sonst hätte Gott sich nicht gegen ihn gewendet. Diesen  Reden widerspricht Hiob jeweils und klagt Gott an. Dann taucht auf einmal ein vierter Freund auf, der nocheinmals Gott verteidigt. Dem Vierten antwortet Hiob nicht. Als schließlich Gott im Sturm erscheint, nimmt Gott Hiob in Schutz, widerspricht seinen drei Freunden, was die denn seinen Diener Hiob so angingen, und weist gleichzeitig Hiob wiederum zurecht: Er wolle die Weisheit dessen in Frage stellen der alles erschaffen hat, zum Beispiel Behemot und Leviathan? (“Wo warst du, als ich die Erde erschuf?“) Das Buch Hiob endet damit, dass Hiob einsieht, dass er gegen Gottes Weisheit nicht bestehen kann. Schließlich wird Hiob belohnt mit mehr Besitz und schöneren Töchtern als vorher. Und er stirbt alt und lebenssatt. Yeah.

Allgemeinhin wird aus dem Buch Hiob, glaube ich, die Lehre gezogen, man müsse nur standhaft genug in der Prüfung mittels Lebensleids sein, das Gott uns auferlege, dann würde man belohnt. Ich lese da eher rein, dass es Lebenssituationen gibt, in denen Gott anzuklagen die einzige Möglichkeit ist, den Glauben an ihn aufrechtzuerhalten. Und dieses Lebensleid auszuklammern, wie es die Herrnhuter in dem heutigen Losungstext andeutungsweise gemacht haben, ist nicht in Ordnung.

 

Just A Feeling Machine?

Ich habe mich über ein DLF-Nova-Gespräch mit Philipp Möller geärgert, der wohl gerade ein Buch vermarktet: Atheist Philipp Möller:
“Gott hatte seine Chance bei mir!” Danach habe ich eine Weile gegrübelt, warum es mich aufgeregt hat.

Eine kurze Zusammenfassung zunächst: Im Grunde redet er gegen Kirche, Religion, Gott und Glauben, gibt vor, vor allem aber gegen die Vormachtsstellung der Institution Kirche in Deutschland zu kämpfen. Argumente sind dazu im Wesentlichen welche, die man von Richard Dawkins kennt, der Evolutionsbiologe ist und eine streng naturwissenschaftliche Sichtweise vertritt, die nur Beweisbares akzeptiert. Diese Argumente wollen sich gegen Religiösität und den Glauben an eine höhere außerweltliche Macht und insofern auch gegen den Gläubigen an sich richten.

Gleichzeitig betont Möller immer wieder die Freiheit, privat an das zu glauben, was man wolle – jedoch mit ständigem Verweis auf fantastische Wesen wie das fliegende Spaghettimonster, den Pumuckel oder den Drachen Aloffi, der bei ihm im Keller lebe und das Taschengeld seiner Schüler verlange. Von dieser Behauptung ausgehend fordert er, dass man – im konkreten Fall seine Schüler – ihm erst einmal beweisen möge, dass der Drache nicht existiere. Damit spielt er mit einem wesentlichen Argument des strengen Atheismus, das besagt, dass die Beweislast auf der Seite desjenigen liegt, der die Behauptung aufstellt.

An der Stelle habe ich mich am meisten aufgeregt, glaube ich. In der Folge habe ich jedenfalls ein paar Gedanken zum Interview notiert:

  • Das ist, denke ich, ein epistemischer Fehlschluss. (Kann man das so bezeichnen?) Schließlich hängt die Schlussfolgerung von der Perspektive ab: Die Behauptung Es gibt einen Gott mag in Anbetracht meiner eigenen, bewussten Existenz in dieser Welt naheliegender sein – da eine grundlose Existenz gleichbedeutend einer Nicht-Existenz wäre, bzw. die Frage nach dem Sinn meiner Existenz auch immer eine Frage nach Gott sein kann – als die Behauptung Es gibt keinen Gott, welche dann die zu beweisende wäre. Kurz gesagt: Wer die Frage nach dem Sinn seiner Existenz stellt, rechtfertigt die mögliche Behauptung, dass es Gott gibt. Der Drache beißt sich in den Schwanz.
  • Letztlich muss man auch Beweise glauben, um sie zu akzeptieren: “Zumindest an den Grenzen des Wissens ist der Mensch zum Glauben an die Richtigkeit und Brauchbarkeit seines Wissens genötigt.” (Volker Gerhardt, Philosoph in der DLF-Nova-Sendung Glauben und Wissen)
  • Liebe sei Ergebnis neurochemischer Prozesse, sagt Möller und betont dabei, dass er sie trotzdem genieße. Ich denke: Zu erkennen, dass der Mensch letztlich eine Maschine sei, die Teil einer großen Maschine Welt ist, ohne einen Schöpfer zu denken, klingt widersprüchlich. (Um diesen Widerspruch aufzulösen, hat Daniel Dennett interessante Ansätze. Ob Möller die strange inversion of reasoning evolutionstheoretisch teilt, weiß ich natürlich nicht. Er würde Dennett aber vermutlich widersprechen, der für Gelassenheit im Umgang mit Religion plädiert. Ob ich Dennetts Ansicht teile, weiß ich übrigens auch nicht. Ich habe so meine Probleme mit der Vorstellung von Memes als Entitäten.)
  • Der Wunsch nach einer ideologiefreien Erziehung ist ideologisch geprägt. Man kann nicht keine Weltanschauung haben. Neutralität ist ein Statement. Besser würde mir gefallen, wenn er von einer skeptisch-offenen Erziehung zur Mündigkeit spräche.
  • Im Interview redet Möller viel vom Inneren eines Menschen (Glaube), womit er sich jedoch mit Perspektiven von außen auseinandersetzt (Kirche). Aus Kritik am Katholizismus und an verschiedenen Ausprägungen von Kirche eine Kritik an Glauben generell zu machen, kann ich nicht nachvollziehen. Ein historischer Abriss von christlicher Kirche ist wohl kaum der Hauptbezug eines Menschen in seinem christlichen Glauben. (Vielleicht sollte das vielmehr die Kritik am Christsein sein: Dass der Einzelne es so manches Mal nur schafft, seinen christlichen Glauben zu erhalten, indem er sich in weiten Teilen von der Institution Kirche innerlich zu distanzieren weiß. Das wiederum zeigt den befreienden Geist der Worte von Jesus.)
  • Nächstenliebe habe früher nur unter Glaubensbrüdern gegolten? Das ist wieder eine Kritik an dem, was Menschen nach der Zeit von Jesus aus seinen Worten gemacht haben. Denn die Gleichnisse und sein Wirken galten über ethnische und religiöse Grenzen hinweg. (Ich beziehe mich auf Bibeltexte wie Der barmherzige Samariter und Der Hauptmann von Kapernaum)
  • Ein Glaubender, der ehrlich zu sich und den anderen ist, kann sich vermutlich leichter von Kirche lösen, als jemand, dessen Lebensinhalt die Kritik an kirchlichen Institutionen ist. Wenn Möller aufklären sagt, höre ich eine dogmatisch-atheistische Mission.
  • Interessant sind auch die Kommentare, die auf einer seiner Seiten zu lesen sind. Seine Inhalte scheinen noch mehr Menschen als mich zu emotionalisieren, auf vielfältige Weise. Die Kommentare sind schon ein paar Jahre her. In den Kommentaren und seinen gelegentlichen Antworten kann man erahnen, dass sich Möller nicht gern mit Kritik an seiner Kritik inhaltlich auseinandersetzt. Kann man machen, wirkt aber dogmatisch. (Sein Auftreten erinnert mich ein wenig an Attila Hiltmann.)

Ich überlege noch immer, warum mich das Hören des Beitrags mittelschwer hat aufregen lassen. Vielleicht, weil dort viele undifferenzierte Sichtweisen sehr dogmatisch und nicht befreiend aufklärerisch daherkamen, leider unwidersprochen vom Interviewer. Zum Glück hab ich noch ein bisschen den Neurowissenschaftler Antonio Damasio in meinem Kopf nachklingen hören. Der glaubt, dass Emotionen eine sehr wichtige Rolle in der Entwicklung der Menschheit spielen, da sie den Menschen erst zum Handeln befähigen. Oder anders gesagt: Hätte der Beitrag keine emotionale Reaktion ausgelöst, hätte ich nicht darüber gegrübelt, was mich denn nun so aufregen lässt. Dass ich das dann auch noch in Worte gefasst habe (=Tat), deutet auf eine länger anhaltende emotionale Reaktion. We are not thinking machines that feel. We are feeling machines that think. (Ob ich dem zustimme? Keine Ahnung.)

Hier noch zwei Links, die ich interessant fand, aber nicht wirklich geleesen habe und einfach so stehen lasse, widersprechen kann ja jeder für sich selbst: Intelligent Design 2.0: Das Hintertürchen und Infographic of the Day: What the Bible Got Wrong.

Ich schließe mit einem Gedanken zum Film Alien: Covenant, in dem es einen interessanten Dialog gibt zwischen den beiden Androiden David (1. Modell, macht Fehler) und Walter (2. Modell, perfektioniert):

Walter: What do you believe in, David?
David: Creation.

Ist Unvollkommenheit der Antrieb der Schöpfung?

Fortschritt und Religion sind hilflos zerstrittene Geschwister, sie können sich in der Öffentlichkeit nicht zurücknehmen. Sehnsucht, ihre Mutter, ist maßlos überfordert. Glauben hat sie schon vor langem verlassen. Um sich selbst zu verwirklichen, sagt man.

Kann man ‘trotzdem’ hassen?

Die Überschrift sagt eigentlich schon alles. Ausgangspunkt war ein Gespräch mit Alexander und Claudia, bei dem es gefühlt um alles ging. Ich habe dann irgendwann eingeworfen, dass das Wesen von Liebe ist, dass sie überwindet und deswegen stärker ist als Hass. Man kann (oder besser tut es einfach) lieben, auch wenn einem Unrecht angetan wurde. Gerade dann, wenn man im Recht ist, zeigt sich die Liebe: Man liebt trotzdem. (Hiob 13,15)

Magst Du mich auch beleidigen, magst Du mich auch schlagen, magst Du mir auch wegnehmen das Teuerste und Beste, das ich hab’ auf der Welt, magst Du mich zu Tode peinigen – ich werde immer an Dich glauben. Ich werde Dich immer liebhaben, immer Dich, Dich allein, Dir zum Trotz!
(Aus Jossel Rakovers Wendung zu Gott, gefunden in Der Schrecken Gottes.)

Das Gespräch fand übrigens nach dem Besuch von Despicable Me 3 statt, welchen ich ganz witzig fand. Wir saßen danach noch in Pits Pinte, wo ich ewig nicht mehr war. Wir kamen dann bei alkoholfreiem Bier ins Plaudern. Zunächst erzählte Alexander von einem Buch, dessen Titel ich vergessen habe, obwohl ich fünfmal nachgefragt habe. Er erhoffte sich vom Buch Antworten auf das Erstarken der Rechten in Europa. Es gehe darin halbautobiographisch allerdings eher um entlarvend arrogante Intellektuelle und ihr Verhältnis zur französischen Gesellschaft. Schließlich sprachen wir über Identität. Ich finde ja, da sollte Alexander erst einmal Stiller lesen, bevor er was anderes liest. Aber ist ja nicht meine Sache.

Gegen Ende des Gesprächs – man darf in Pits Pinte peinlich genau nicht länger als 0.00h draußen sitzen, das machte die Bedienung uns sehr deutlich – stellte Alexander dann jene Frage:

Kann man trotzdem hassen?

Ich glaube nicht. Ich denke, man hasst, weil

Das bedeutet übrigens nicht, dass es nichts Böses auf der Welt gäbe. Der Gedanke, nicht trotzdem zu hassen, gibt vielmehr entspannte Zuversicht:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten! (Römer 12,21)