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Schlagwort: Gesellschaft

Kingdome Come

Lese gerade J. G. Ballards Das Reich kommt von 2006 und bin von seiner Weitsicht beeindruckt, wenn er über die Masse schreibt:

Sie wussten, dass sie angelogen wurden, doch wenn die Lügen hinreichend schlüssig waren, dann definierten sie sich als glaubhafte Alternative zur Wahrheit. Emotionen beherrschten nahezu alles, und Lügen wurden von Emotionen angetrieben, die vertraut und hilfreich waren, wohingegen die Wahrheit harte Kanten hatte, die schnitten und schrammten.

Mozambique

Während nach der Flutkatastrophe in Mosambik, ausgelöst durch einen Zyklon, etliche Spendenaufrufe erfolgten und Deutschland schließlich 50 Millionen € für den Wiederaufbau spendete, brennt in Frankreich ein Haus halb ab, Ave Maria wird voller Bestürzung gesungen und in kürzester Zeit kommen an die 1 Milliarden € Spenden für den Wiederaufbau zusammen.

Wer mich jetzt zynisch findet, denkt bitte nochmal nach, was an der Sache selbst zynisch sein mag.

PS: Vielleicht wird der Kaffee an der Notre Dame ja jetzt billiger.

Wartezimmer

Ich saß neulich beim Arzt im Wartezimmer. Da ist mir aufgefallen, dass es dort eine stille Übereinkunft bestimmter Verhaltensweisen gibt.

  • Das Grüßen geht nur vom Eintretenden aus, nie von den Wartenden.
  • Man redet grundsätzlich nicht – es sei denn, man kennt sich, dann muss man reden.
  • Gespräche zwischen zwei einander unbekannten, die manchmal aus einem konkreten Anlass beginnen, brechen abrupt ab, wenn eine bestimmte Intimitätsebene erreicht wird.
  • Kinder kennen diese stillen Übereinkünfte nicht.

Kurz: Verhalte dich wie in der Sauna.

Preisfrage: In welchen (halb-)öffentlichen Räumen gelten diese Regeln noch? Tipp: Der Fahrstuhl ist es nicht.

Autobahn

Unter verschiedenen Artikeln auf Spiegel-Online gibt es ja immer wieder eine Kommentarfunktion. 5 Beiträge pro Kommentarseite werden da jeweils angezeigt. Ratet, welches Thema besonders stark kommentiert wurde. Richtig: Klimaschutz –
Regierungskommission schlägt Tempolimit auf Autobahnen vor. Oder wird dieser frischere Artikel noch gewinnen: “Lehrende” statt “Lehrer” –
Hannover führt gendergerechte Sprache ein.

Was sagt uns das? Vermutlich weniger, als unser Gehirn sich so denkt.

Siehe auch:

Klimaschutzpolitik – Zusammenzucken beim Thema Tempolimit

Limit auf Autobahnen – Ja zu Tempo 200! (Oje…)

Bikes vs Cars

Zur Diskussion: Tempolimit auf deutschen Autobahnen – Freiheitsbeschränkung oder Umweltschutz?

Klubkultur

Neulich habe ich beim Frühstücken am Nachbartisch dem Gespräch einer 5er Normcore-Runde gelauscht. Demnach sei der Kitkatclub in Berlin wärmstens zu empfehlen. Schließlich hätten dort alle nackt getanzt. So ein Laden fehle Hamburg. Da müsse man sich heute mit dem Urknall eben zufrieden geben. Er habe ja neulich sich um 2h schlafen gelegt, den Wecker früh gestellt, um um 8h wieder weiterzufeiern. Doch bereits um 11h habe seine Freundin gesagt, sie sei müde und müsse nachhause. Das hätte sich voll nicht gelohnt. Als ich noch überlegte, ob ich ihnen den Consciuos-Club empfehlen solle, war die Gelegenheit schon vorbei.

Mich erinnert das an die 58-Stunden-Silvesterparty im Berghain und den Workshop zur Clubkultur auf dem letztjährigen Artlake-Festival. Der Rat des grimmigen Polizeibeamten, den ich ebenso nebenbei im Friedrichshainer Kiez wenig später belauschte, hätte ihnen wohl nicht gefallen: No club today, no club tomorrow.

#Hashbeck

Zur Causa Robert Habeck habe ich ja schon früher etwas geschrieben:

Außerdem zitiere ich hier einen Kommentar zum Thema, ohne zu wissen, ob ich dem zustimme:

In einer Welt, in der meine Intimität — alle meine mich ausmachenden Emotionen und Gedanken — veröffentlicht würde, herrschte wohl das schlimmste Terrorregime, das man sich vorstellen kann. Wir wären wie beim Verhör, nur dauernd, einer derartig grellen Durchleuchtung ausgesetzt, die man nicht mehr als Licht der Öffentlichkeit bezeichnen kann. Die Welt wäre zu einem total überwachten Lager geworden. Darum ist die Macht, die die Sozialen Medien schon jetzt über uns haben, nicht nur Ausdruck unserer persönlichen Freiheit, sondern ebenso einer Unfreiheit.

Esut

Diego drängt mich, etwas über die Causa Özil zu schreiben. Ich tue mich da schwer. Schließlich habe ich noch Ferien. Außerdem sagt da ja jeder was zu, da wird schon was Kluges dabei gewesen sein.

Dennoch will ich auf wenige Dinge in diesem Zusammenhang hinweisen:

  • Das Thema kochte meiner Meinung nach so hoch, weil den verschiedenen Standpunkten jeweils in Teilbereichen Recht gegeben werden kann – wenn man denn mal den harten rassistischen Scheiß rausgedröselt hat.
    (Die allergrößte Scheiße heißt: unpolitisch.)
  • Dass es jetzt viel um Rassismus geht, ist zu begrüßen. #MeTwo
    (Wäre das auch ohne Sommerloch der Fall?)
  • Vom Ergebnis her blieb die deutsche Nationalmannschaft bei dieser WM deutlich unter den allgemeinen Erwartungen, es wurde jedoch nicht sofort ein Schuldiger ausgemacht – bis DFB-Präsdient Grindel sich zu Wort meldete und Özil so irgendwie ein bisschen die Schuld geben wollte.
    (Unangenehme Wahrheit 1: Vielleicht waren die anderen Mannschaften einfach besser.)
  • Wenn im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea Hummels Kopfball reingegangen wäre oder Gomez seinen Fuß anders gehalten hätte, wäre die Deutsche Nationalmannschaft wohl nicht in der Vorrunde ausgeschieden.
    (Wäre Özil dann auch zurückgetreten?)
  • Fußball hat vielleicht mehr mit Glück zu tun, als jene denken, die nach dem Ausscheiden nach Verantwortlichen und Konsequenzen suchen.
    (Unangenehme Wahrheit 2: Man müsste sich dann konsequenterweise eingestehen, dass der vergangene Weltmeistertitel auch glücklich gewesen war.)

Wer sich damit weiter beschäftigen möchte – es ist schließlich nicht vorbei, denn im September wird entschieden, ob die EM 2024 in Deutschland oder der Türkei stattfinden wird -, kann z.B. hier lesen:

– Botschafter wider Willen? Fußballer im Kontakt mit Politikern – Text  von Illker Gündogan (Ilkays Bruder) am 29.5.
“Die Debatte ist obsolet” – Interview mit Serdar Somuncu am 23.7. (Danke Diego)
Wir schweigen Extremisten an die Macht – Kolumne von Sascha Lobo am 25.7. (und der dazugehörige Debatten- und Reflexions-Podcast)
Der Fall Özil: Entmystifizierung des Fußballs? – Gespräch mit Dietrich Schulze-Marmeling und Haci Halil Uslucan am 29.7.
 Rassismus ohne Rassen – Wikipediaeintrag mit weiterführenden Links
– Nachtrag: Sprachforscher: Rassistische Rhetorik wirkt über Wiederholung – Jobst Paul am 30.7.

 

Diese Pointe Islam.

Disclaimer: Dieser Text behandelt religiöse Themen! (Atheisten oder Agnostiker mit schwachen Nerven seien gewarnt.)

Am Montag besuchte ich in weiblicher Begleitung eine kleine Wanderausstellung der Ahmadyya-Gemeinde Deutschlands im Marburger Rathaus zum Thema Islam. Einer der Ausstellungsbetreuer sprach mich ziemlich schnell an, bevor ich mir auch nur eines der im Raum ausgestellten Roll-ups (s. auch: Public Viewing) durchlesen konnte, die – bis auf zwei spezielle Ahmadyya-Themen zu Kalifen&Co –  größtenteils mit eher allgemeinen Islaminformationen gefüllt waren. Das fanden wir im Nachhinein ziemlich praktisch – ulai, was leesen! So erfuhren wir zum Beispiel, ohne ein Wort lesen zu müssen:

Abdul Basit Tariq, Imam der Ahmadiyya. Der Glaube an eine Art “hauseigenen Kalifen” bricht das islamische Dogma, dass auf Muhammad kein weiterer Gesandter mehr folge. Damit hat sich die Gemeinde die Ablehnung der übrigen Muslime zugezogen. Im Ursprungsland der Bewegung, Pakistan, verfolgt man die Ahmadis als Ketzer. Sie scheinen Altbekanntes neu zu deuten: Jesus sei nicht am Kreuz gestorben, sondern wurde 120 Jahre alt. Vor allem wollen sie eines, behaupten die Ahmadis: Verständigung und Frieden. (Deutschlandfunkkultur)

Sowas hier hat er uns allerdings vorenthalten:

Hiltrud Schröter: “Die Ahmadiyya ist eine millenarische Kalifat-Bewegung mit der Ideologie vom Endsieg und mit Großmachtfantasien. Zum Beispiel sagte der jetzt regierende fünfte Kalif: Alle göttlichen Anweisungen von Adam bis Jesus sind im Koran enthalten. Der Sieg wird uns geschenkt werden. Die Ahmadiyya wird die Oberhand auf der ganzen Welt erzielen. Das wurde dann noch erläutert. Die Oberhand werde auf der ganzen Welt in 300 Jahren erlangt sein. Die Ahmadiyya ist weltweit bereits aufzufinden in sämtlichen Erdteilen und zwar ist sie nach neuesten Angaben bereits in 190 Ländern und hat insgesamt 14.000 Moscheen bereits erbaut. Das alles in den gut 100 Jahren.” (ebd.)

Das Gespräch war inhaltlich sehr informativ und später intensiv. Insbesondere als wir Fragen zur Frauenrolle in deren Gemeinden stellten, wurde es dann zu einem höflichen Streitgespräch. Die Begründung, warum eine Frau keine Imamin werden kann, hat mich nicht überzeugt (musste es ja auch nicht): Während der Menstruation dürften Frauen nicht beten. Und was wäre das für ein Imam, der nicht ständig für seine Gemeinde da sein kann? Für mich klang das im Gespräch dann noch öfter nach Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Ein weiterer Betreuer aus Gießen gesellte sich noch dazu und merkte an, dass seine Schwester im Jugendalter beschlossen habe, kein Kopftuch mehr zu tragen. Das sei in Moschee und Familie kein Problem gewesen. Er merkte aber auch an, dass dies bei Gemeinden auf dem Dorf unter Umständen anders sein könnte.

Das würde übrigens meine Beobachtung vergangener gesellschaftlicher Entwicklung bestätigen, dass wir in Wahrheit keine echten Konflikte zwischen Geschlechtern, ‘Rassen‘, Generationen, zwischen Gutmenschen und Stammtischdeutschen, Fleischessern und Veganern etc. haben. Vielmehr sind dies nur Schlachtfelder der Anschaungen zwischen ländlicher und städtischer Bevölkerung. (Da, wo unterschiedliche Menschen miteinander besser und häufiger in einen Austausch kommen können, kann auch besser und häufiger gegenseitiges Verständnis entstehen.) Ich muss nämlich ehrlich sagen, dass ich solch ein ähnliches Gespräch auch mit jemandem in Wissenbach hätte führen können. Patrick bestätigte mich am nächsten Tag: In der FEG in Wissenbach seien weibliche Pastoren eher nicht erwünscht. (Ein Blick auf die Liste der Prediger bestätigt das. Der einzige weibliche Name ist die ehemalige Pfarrerin der evangelischen Kirche.)

Am Schluss des Gesprächs in der Ausstellung war ich dann ein bisschen fies – und hab den Ahmadis die Hand ausgestreckt. Ich wollte nämlich kucken, ob sie ihrer weiblichen Gesprächspartnerin danach auch die Hand schütteln würden. Hamse gemacht. Den zögerlichen Widerwillen interpretierten bestimmt meine Vorurteile in ihre Gestik. Ich fand es jedenfalls schade, dass ich nur männlichen Gemeindemitgliedern die Hand hätte schütteln können. (Das habe nur am Tag gelegen, so ein Gesprächspartner.)

Insgesamt waren mir die religiösen Ansichten der beiden freundlichen Ahmadis zu dogmatisch. Ich bekam den Eindruck, dass es im Grunde für alles eine Verhaltensregel gebe. Mein Gedanke dazu war: Wenn Gott auf die Freiheit des Einzelnen pfeifen würde und es ihm wichtig wäre, dass sich seine Menschen an ein detailiertes, für jede Eventualität gewappnetes Regelwerk hielten, tja, dann wäre es doch am effektivsten, wäre er höchstpersönlich anwesend und würde in seiner Allmacht jedem Menschen immerzu das Passende sagen: “Mach das. Lass das. Leg das weg. Jetzt nicht beten, du blutest.” Und nicht sowas:

Jesus sprach nun zu den Juden, welche ihm geglaubt hatten: Wenn ihr in meinem Worte bleibet, so seid ihr wahrhaft meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. (Joh 8, 31f)

Eugen Drewermann hat, wenn ich mich richtig erinnere, in seiner Übersetzung des Johannesevangeliums die Wörter wie “Juden”, “Schriftgelehrten” oder “Pharisäer” mit Gottesbesitzer übersetzt. Ich glaube, weil er damit deutlich machen wollte, dass es nicht um die Herkunft dieser Personengruppen sondern um deren Verhalten geht, wenn sie dogmatisch genau wüssten, was Gottes Wille sei. Das ist aber nur meine Lesart.

Für die Wahrheit kann nur streiten, wer sie nicht besitzen will.