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Schlagwort: erlebt

Morbiditätsradeln

Gestern bin ich mit dem Fahrrad nach Marburg, um Kaffee zu kaufen. Es handelt sich dabei um einen Contigo-Laden mit eigener Rösterei. Bislang habe ich nur dort reinen Robusta-Espresso gefunden. Auf dem Rückweg hielt ich an, als ich einen halb überfahrenen Käfer sah:

Als ich für das Foto auf der kaum befahrenen (und für den Autoverkehr eigentlich gesperrten) Straße lag, unweit von mir das Fahrrad, kam auf einmal ein Auto. Es hielt an. Der Fahrer reckte sich nach oben und fragte bestürzt durch das Beifahrerfenster, ob alles in Ordnung sei. Ich hab das erst nicht gerafft und sagte, dass alles OK sei und ich nur ein Foto mache. Als er weiter fuhr, kam mir in den Sinn, dass der neben mir liegende Helm und das Fahrrad etwas weiter nach einem Unfall aussehen müsse. Währenddessen erreichte mich ein Radfahrer, der besorgt fragte, ob alles in Ordnung sei. Mir wurde das dann unangenehm und ich brach das Fotografieren ab. Schön, dass sich alle Vorbeifahrenden Sorgen machten und nachfragten. Ob auf einer viel befahrenen Straße auch 100% angehalten hätten?

Wartezimmer

Ich saß neulich beim Arzt im Wartezimmer. Da ist mir aufgefallen, dass es dort eine stille Übereinkunft bestimmter Verhaltensweisen gibt.

  • Das Grüßen geht nur vom Eintretenden aus, nie von den Wartenden.
  • Man redet grundsätzlich nicht – es sei denn, man kennt sich, dann muss man reden.
  • Gespräche zwischen zwei einander unbekannten, die manchmal aus einem konkreten Anlass beginnen, brechen abrupt ab, wenn eine bestimmte Intimitätsebene erreicht wird.
  • Kinder kennen diese stillen Übereinkünfte nicht.

Kurz: Verhalte dich wie in der Sauna.

Preisfrage: In welchen (halb-)öffentlichen Räumen gelten diese Regeln noch? Tipp: Der Fahrstuhl ist es nicht.

Piet

Anne hat mich gerade daran erinnert: Vor genau einem Jahr musste mein Hund eingeschläfert werden. Er hatte Krebs, der so gestreut hatte, dass durch ein Loch in der Herzwand Flüssigkeit im Herzbeutel war. Eine Not-OP wäre sofort nötig geworden, um mit einer Punktion das Herz zu entlasten. Da seine Blutwerte mies waren, wäre er vermutlich bei der OP verblutet. Hätte er überlebt, hätte er vermutlich noch wenige Wochen gelebt. Also war die Entscheidung, ihn einzuschläfern, vernünftig. Schwer war sie, weil er vor dem Einschläfern noch ziemlich fit schwanzwedelnd in den Behandlungsraum der Tierklinik reingetrabt kam. Der Oberarzt hatte wohl nochmal deutlich gemacht, dass er noch nie ein Tier mit diesem Krankheitsbild gesehen habe, das noch so fit gewesen sei. Das kann ich bestätigen, da er mich (auf dem Fahrrad) noch 10 Tage vorher abgezogen hatte, ich kam schlicht nicht an sein Tempo heran. Es geht manchmal sehr schnell.

Zeitmanager

Gestern hatten wir an unserer Schule einen pädagogischen Tag. Für die Schüler bedeutet das, sie haben einen Tag frei. Die Lehrer müssen arbeiten. Das Thema war Zeitmanagement. Durch den Vormittag führte ein Mensch, der sich wohl auf dieses Thema spezialisiert hat und in Firmen&Co solche Workshops anleitet. Es wurden zunächst einige Modelle und Prinzipien vorgestellt:

Zu Prokrastination (Stichwort: “Die Faulheit steigt mit den Möglichkeiten.”) verlor unser Zeitmanager kein Wort. Interessant fand ich die Unterscheidung zwischen Effektivität und Effizienz: Tue ich die richtigen Dinge? (Effektivität) Oder tue ich die Dinge richtig? (Effizienz) Allerdings würde ich die beiden Begriffe nicht (so) unterscheiden. Ich halte das eher für einen rhetorischen Trick, um Verblüffung zu erzeugen, nachdem jeder trotz Grübelei nicht auf die Unterschiede der beiden Begriffe gekommen ist.

Im Grunde hatte ich das Gefühl, dass sich alles eher an Führungskräfte richtete. Schließlich gab der Workshopleiter uns Anekdoten mit auf den Weg, wie bspw. die von jenem hart arbeitenden Menschen, der zum ersten Mal in seinem Leben 3 Wochen Urlaub am Stück genommen habe. Als dieser dann nach den 3 Wochen seine Arbeitsmails abgerufen habe, seien das so viele gewesen, dass er sie alle in einen Extraordner verschoben habe, um sie sich später anzusehen. Nach Monaten sei ihm dann der Ordner mit den nichtbeantworteten Mails eingefallen. Da habe er für sich gemerkt: Es sei ja auch so gegangen.

In der sich anschließenden Gruppenarbeitsphase zog ich mich ins Bürro zurück, um mich weiter um den Zeugnisdruck zu kümmern (der Kollege, der das üblicherweise macht, war erkrankt), und dachte darüber nach, wieviel Arbeit durch die nicht beantworteten Mails wohl an anderen hängen geblieben war.

Wenn sich in unserer Schule alle nur noch an die erlernten Zeitmanagementregeln halten würden, wären wir sicher bald keine Teamschule mehr.

Beerdigungstourist

Am Freitag wollte ich auf eine Trauerfeier. Zehn Minuten vor Beginn berat ich über einen Nebeneingang den Neuen Friedhof – zum ersten Mal war ich dort – und machte mich auf dem riesigen Gelände auf die Suche nach der Kapelle. Schließlich sah ich das passende Gebäude und eilte zum Seitenaufgang, doch als ich gerade die Treppe zum Innenhof aufsteigen wollte, kam mir plötzlich eine Urne samt Trauerzug entgegen. Ich wand mich möglichst unauffällig um – und machte mich auf die Suche nach einer alternativen Kapelle, schließlich konnte dort, wo die eine Trauergemeinde das Gebäude verlässt ja nicht in wenigen Minuten die nächste Trauerfeier beginnen. Oder hatte ich mich womöglich in der Zeit geirrt? Zwischen den Bäumen der parkähnlichen Anlage lugte ich immer wieder Richtung Trauerzug, ob ich nicht doch jemanden erkennen würde. In meinem türkis-blauen Outfit – ein Wunsch der Hinterbliebenen war es, die Lieblingsfarben des Verstorbenen zu tragen – wirkte ich ziemlich verloren zwischen den Sträuchern und Bäumen des weitläufigen Friedhofs. Ich entschied, mein Glück nochmals beim Ausgangsgebäude zu probieren. Dort traf ich dann diesmal – es waren etwa 7-8 Minuten vergangen – auf die richtige Trauergemeinde. Man klärte mich flüsternd noch schnell auf, dass die vorausgegangene Trauerfeier eine Stunde zu spät gewesen sei, ich hätte gerade noch das aufgestellte Bild des zuvor zu Bestattenden verpasst, was recht makaber gewesen sei. Was dann begann, war eine bewegende Trauerveranstaltung.

BUS

Donnerstag bin ich (auf dem Fahrrad) zwischen einem mich überholenden Zieharmonikabus und einem einparkenden Auto beinahe zerquetscht worden. Ich fuhr auf der Straße, der Bus überholte mich mit geschätzt weniger als 1m Abstand auf Höhe der ersten Sitzreihen links und dem einparkenden Auto rechts. Der Busfahrer drängte etwas nach rechts und mit einer starken Bremsung konnte ich noch rechtzeitig anhalten. Geschimpft habe ich wie ein Rohrspatz.

Meine Physiotherapeutin (Radfahrerin) hatte vor Jahren bereits über die Gießener Busfahrer geschimpft. Ich hatte das damals nicht so krass gesehen, mittlerweile aber einige Erfahrungen gemacht, die das tendenziell bestätigen. Noch problematischer finde ich allerdings diverse Radwege, die vom Bürgersteig auf Höhe einer Bushaltestelle auf die Straße zusammengeführt werden. Das ist sicher für Busfahrer schwer einzusehen. Zugegeben war dies nicht mein erster Gedanke, als ich damals mit einer Vollbremsung einen Ziehamonikabus etwa 50cm vor meiner Nase vorbeibrettern sah. (War es der gleiche Bus?)

Am Donnerstag habe ich mich jedenfalls über diese rücksichtslose Fahrweise des Busfahrers so sehr geärgert, dass ich ihn an der nächsten Haltestelle ansprach, ob er mich nicht gesehen hätte. Seine Reaktion: “Haben Sie mich nicht gesehen? Das ist kein Formel1-Rennen!” (Ich muss hier nochmal betonen, dass er mich überholte.) Das fand ich sehr frech (, aber weil ich so langsam bin, fiel mir das erst später auf) und bat ihn mit zusammengelegten Händen: “Bitte, bitte, bitte, nehmen Sie mehr Rücksicht!” Er hat mich dann mit den Händen nachgeäfft. Hat sich alles nicht so toll angefühlt. Habe mich dann noch den ganzen Tag aufgeregt. Auch irgendwie dumm.

Nennt man das eigentlich Nötigung?

Ich sehe da eher ein strukturelles Problem in der falschen Priorisierung bei städtischer Verkehrsplanung und halte Veränderungen hier für wesentlicher als Diskussionen um Tempolimits auf Autobahnen. Allerdings kann es mir auch passieren, von E-Bussen zerquetscht zu werden.

Böhmermine

Dienstag war ich im Palladium in Köln zur Premierenshow des Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld feat. Jan Böhmermann. Sie haben schöne Stücke gespielt und eine gute Show geliefert. Ein wenig mehr lockere Improvisation und es wäre noch unterhaltsamer gewesen.

Mir ist aufgefallen, dass das Palladium keine gute Akkustik bot. Gerade wenn man am Seitengang hinter Säulen stand, hat man nicht nur nichts von der Bühnd gesehen, sondern auch den Gesang nicht verstanden. Ich vermute, das liegt daran, dass das Palladium zuerst auf Fernsehübertragungen ausgerichtet ist. Jedenfalls hat der große Kameraschwenkarm gelegentlich noch stärker die Sicht versperrt als die Säulen.

Wie gesagt, mehr Improvisation hätte einem nicht das Gefühl gegeben, einer Zusammenfassung beizuwohnen. Ähnlich wie bei Mine & Orchester, wenn ich mich recht erinnere.

Klubkultur

Neulich habe ich beim Frühstücken am Nachbartisch dem Gespräch einer 5er Normcore-Runde gelauscht. Demnach sei der Kitkatclub in Berlin wärmstens zu empfehlen. Schließlich hätten dort alle nackt getanzt. So ein Laden fehle Hamburg. Da müsse man sich heute mit dem Urknall eben zufrieden geben. Er habe ja neulich sich um 2h schlafen gelegt, den Wecker früh gestellt, um um 8h wieder weiterzufeiern. Doch bereits um 11h habe seine Freundin gesagt, sie sei müde und müsse nachhause. Das hätte sich voll nicht gelohnt. Als ich noch überlegte, ob ich ihnen den Consciuos-Club empfehlen solle, war die Gelegenheit schon vorbei.

Mich erinnert das an die 58-Stunden-Silvesterparty im Berghain und den Workshop zur Clubkultur auf dem letztjährigen Artlake-Festival. Der Rat des grimmigen Polizeibeamten, den ich ebenso nebenbei im Friedrichshainer Kiez wenig später belauschte, hätte ihnen wohl nicht gefallen: No club today, no club tomorrow.

Bambus&Co

Vor einigen Tagen habe ich in einer Baumkugel übernachtet. Das war eine tolle Idee von Anne. (Ich würde sie ja gerne verlinken, aber sie hat immer noch kein eigenes Blog, soweit ich weiß.) Das Restaurant hatte eine ziemlich feine Küche. Hungrig saßen wir als einzige Gäste (zunächst) an einem der Tische, als der einzige andere Mensch – der Koch, wie sich später herausstellte – mit einem Teller hübsch dekorierten Essen zu uns kam, uns diesen zeigte und unsere Meinung zur Ästhetik wissen wollte, schließlich machen ja alle bei Instagram (No Fotos!) mit, da müsse er auch mal was posten – und zog uns das Gemüse vor unserer Nase wieder weg.

Das folgende Drei-Gänge-Menü war richtig gelungen. Insgesamt ist Robinsons Nest sehr auf Nachhaltigkeit ausgelegt. So hatte man die Wahl, eine normale Toilette mit Spülung oder ein Plumpsklo mit Rindenmulch und getrenntem Ausscheidungs-Auffang zur besseren Düngenutzung zu benutzen. Der Aufenthalt in der Kugel war ein wenig wie in einem Boot bei ruhigem Seegang. Schön war der Blick in die Baumwipfel und später – wir hatten klare Sicht – der Blick in den Sternenhimmel. Das vegetarische Frühstücksbuffet am nächsten Morgen gefiel mir ausgesprochen gut. Insgesamt also zu empfehlen.

Meinen Hinweis zwischendurch, dass ich es fraglich finde, ob man mit den Anwesenden auch einfach draußen am Lagerfeuer eine Mettwurst grillen kann, fand Anne nicht so lustig. Ich hatte jedenfalls immer ein bisschen das Gefühl, Nachhaltigkeit ist vor allem was für feine Leute.

So von wegen E-SUV fahren. Ich  glaube, es gibt zwei Gründe, warum es von deutschen Autoherstellern zunächst eher Elektro-SUVs gibt als Elektro-Kleinwagen: Der Elektroantrieb wird teuer und SUVs werden ohnehin teuer. Außerdem kann man den ungenutzten Platz in der Karosserie für Akkus verwenden.

Ich hatte darüber dann auch am Montag ein Gespräch mit Christian. Wir waren in McDonalds einen Kaffee trinken und überlegten, dass wir bei der Weihnachtsbaumaktion, die mit einem gemeinsamen Fackelmarsch zum Verbrennen der Weihnachtsbäume mit Mettwürstchen vom Grill & Co endet, mit eigenen Bambusfackeln mitlaufen, vegane Mettwürstchen grillen und vorschlagen, die Bäume nicht zu verbrennen sondern zu kompostieren. (Das war eigentlich irgendwie Diegos Vorschlag.) Im Prinzip alles gute Ideen, die aber ganz schön viel Veränderung abverlangen würden.

Eine Frage dabei ist, kann Nachhaltigkeit gelingen, wenn es sich nur Reiche überhaupt leisten können. Wenn es in einigen Jahrzehnten womöglich so ist, dass ein eigenes (Flug-)Auto nur noch den Superreichen vorbehalten sein wird, weil es für die große Mehrheit der Menschen schlicht zu teuer sein wird, erscheint mir das ungerecht – so wie es ja derzeit im weltweiten Vergleich ungerecht zugeht. Obwohl…

Derweil habe ich mir im Avocadostore in Berlin Bambussocken gekauft. Damit ich wenigstens manchmal tue, was ich für richtig halte.

Eichholzkopf

Nachdem der letzte Fahrradausflug nach etwa 15 Minuten mit einem platten Hinterreifen unterbrochen wurde und dank Patricks Flickzeug die Fahrt nach etwa 30 Minuten fortgesetzt werden konnte, bin ich heute mal woanders lang. Schwer schie hey:

Die Festtagskilokalorien ächzten ganz schön ab 300m N.N. Also als es losging. Am Eichholzkopf bei 600m N.N. haben sie nur noch gewimmert, auch vor Kälte.

CliFi aka Zusammenhangslos TM

Während ich mir noch immer schwer Gedanken mache, passiert so Einiges.

Tatran hat heute ein neues Album herausgebracht:

(Tree ist einer der wenigen Titel, die wirklich neu sind. The Elephant bspw. kennt man ja schon vom Live-Album.)

Und heute Abend läuft im Deutschlandfunk ein Feature zum Thema Climate Fiction. Das interessiert mich, denn nachdem ich in den vergangenen Tagen einigen Schülern versucht habe, ein paar Dinge rund um den Klimawandel beizubringen, befürchte ich, dass es für den ein oder anderen auch eher um CliFi statt um CliSci ging. Benutzt haben wir das Monash-Klimamodell, mit dem man auch ein bisschen Star-Wars spielen kann. Ziel des Spiels ist es, die Klimafaktoren so zu verändern, dass aus der Erde bspw. Tatooine wird (, dessen Bevölkerung sich übrigens “größtenteils auf die Ballungsräume Mos Eisley und Mos Espa” konzentriert). Den spielerischen Ansatz finde ich gut. Ich frage mich, was dann später wirklich an Zusammenhang hängen geblieben sein wird.

Außerdem gab es am Mittwoch im PoetrySlam endlich mal wieder einige ernsthafte Texte und weniger Comedy. Da hat es sich gelohnt, seit Ewigkeiten mal wieder hingegangen zu sein. Gute Idee, Anne!

PS: Wusstet ihr, dass es in der Folge Die Schlacht von Maxia von Star Trek – The Next Generation irgendwie auch um die Frage geht, wie körperlich alles ist? Weniger Fiktion ist da im entfernten Zusammenhang dieser Text: Nele hat Schmerzen. Und: Habt ihr schonmal von Silke Bischoff gehört?

Tatran

Vor zwei Wochen habe ich mir in der Berghainkantine – ich hab mir extra das Hausverbotsoutfit angezogen, damit man mich wiedererkennt (hat aber nichts genützt) – ein Konzert angehört. Tatran hat dort als Trio mit Schlagzeug, E-Gitarre und E-Bass Instrumentalmusik gemacht, die schwer zu kategorisieren ist. Post Progressive Jazz, gibt’s das? Selbst schreiben sie über sich:

TATRAN (Tel Aviv, 2011) are an eclectic Tel-Aviv based instrumental band, with musical influences that range from jazz, avant-garde, post-rock and experimental.

Auch in dieser Gruppe war mal wieder der Bassist auffällig. Bei einem Lied hat er sein Pedal derart eingesetzt, dass er ein klassisches E-Gitarrensolo hingelegt hat. Hat ein paar Minuten gedauert, bis ich gerafft hab, dass da gerade der Bass den Gitarrenpart übernimmt. Schwer in Ordnung die Musik.

Von diesem Konzert hab ich kein Video gefunden, dafür dann das hier:

A Silent Place

Wenn man an der Kinokasse eine Schülerin trifft und im Saal merkt, dass die Platzreservierung einen nebeneinander sitzend geführt hat, wie verhält man sich da in einem Horrorfilm am besten?

Ich hab mich mit Kommentaren zurückgehalten und saß weitgehend still auf meinem Platz. Weiter hab ich mir dann nichts bei gedacht und den Film geschaut: A Quiet Place. Die Geschichte rund um und mit der Stille zu erzählen fand ich, wie der Deutschlandfunk, zunächst recht originell. Aber nach dem Film kramte meine Erinnerung nun schon länger angestrengt nach weiteren originellen Filmelementen. Stattdessen enttäuschte sie mich sogar, ich erinnerte mich an die Clicker bei The Last of Us und muss sagen, das war doch nicht so originell im Film. Der Schockeffekt war im Spiel vergleichsweise krasser gewesen, weil man selbst die Figur samt Geräuscherzeugung steuert. Bei The Last of Us handelt es sich ja um eine Zombieapokalypse, in A Quiet Place um eine Alieninvasionsapokalypse. Wobei ich mich während des Films gefragt habe, wie diese Aliens, die sich nur mit ihrem extrem feinen Gehör orientieren können, offensichtlich ohne Ultraschall, durch das geräuschlose Weltall navigiert haben.

Derweil hab ich noch das hier gefunden: Minus 9db.

Ich werd sie mal Montag fragen, was sie vom Film hielt. Und ob es ein Horror für sie war, neben mir sitzen zu müssen.

Kann man ‘trotzdem’ hassen?

Die Überschrift sagt eigentlich schon alles. Ausgangspunkt war ein Gespräch mit Alexander und Claudia, bei dem es gefühlt um alles ging. Ich habe dann irgendwann eingeworfen, dass das Wesen von Liebe ist, dass sie überwindet und deswegen stärker ist als Hass. Man kann (oder besser tut es einfach) lieben, auch wenn einem Unrecht angetan wurde. Gerade dann, wenn man im Recht ist, zeigt sich die Liebe: Man liebt trotzdem. (Hiob 13,15)

Magst Du mich auch beleidigen, magst Du mich auch schlagen, magst Du mir auch wegnehmen das Teuerste und Beste, das ich hab’ auf der Welt, magst Du mich zu Tode peinigen – ich werde immer an Dich glauben. Ich werde Dich immer liebhaben, immer Dich, Dich allein, Dir zum Trotz!
(Aus Jossel Rakovers Wendung zu Gott, gefunden in Der Schrecken Gottes.)

Das Gespräch fand übrigens nach dem Besuch von Despicable Me 3 statt, welchen ich ganz witzig fand. Wir saßen danach noch in Pits Pinte, wo ich ewig nicht mehr war. Wir kamen dann bei alkoholfreiem Bier ins Plaudern. Zunächst erzählte Alexander von einem Buch, dessen Titel ich vergessen habe, obwohl ich fünfmal nachgefragt habe. Er erhoffte sich vom Buch Antworten auf das Erstarken der Rechten in Europa. Es gehe darin halbautobiographisch allerdings eher um entlarvend arrogante Intellektuelle und ihr Verhältnis zur französischen Gesellschaft. Schließlich sprachen wir über Identität. Ich finde ja, da sollte Alexander erst einmal Stiller lesen, bevor er was anderes liest. Aber ist ja nicht meine Sache.

Gegen Ende des Gesprächs – man darf in Pits Pinte peinlich genau nicht länger als 0.00h draußen sitzen, das machte die Bedienung uns sehr deutlich – stellte Alexander dann jene Frage:

Kann man trotzdem hassen?

Ich glaube nicht. Ich denke, man hasst, weil

Das bedeutet übrigens nicht, dass es nichts Böses auf der Welt gäbe. Der Gedanke, nicht trotzdem zu hassen, gibt vielmehr entspannte Zuversicht:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten! (Römer 12,21)

 

Welt aus den Fugen?

Vergangenen Sonntag war ich mit Andreas in Frankfurt zur Veranstaltung Welt aus den Fugen. Navid Kermani hat mit Axel Honneth ein Gespräch geführt. Es ging um eine Momentaufnahme unserer (Welt-) Gesellschaft und einen Ausblick in die zukünftige Entwicklung.

Honneth und einige Zuschauer offenbarten im anschließenden Frageteil eine ganz schön negative Weltsicht. Der Sozialforscher sprach sich polemisch für eine Einschränkung privater Kommunikationskanäle und eine Stärkung der öffentlich anerkannten wie Zeitungen aus. Mir gefiel Kermanis überlegter pragmatischer Optimismus. Er vermittelte mir das Gefühl, dass er zuhört, während er redet.

Honneths Formulierung, als er in einem Satz von uns Intellektuellen sprach, entlarvte die Veranstaltung – wobei ich mich gefragt habe, ob der mich damit wohl auch gemeint hat. Mir hats trotzdem gefallen. Interessanter hätte ich es allerdings gefunden, Kermani beim Besuch der Schulen zu begleiten.

Liebesfilm im Zeitalter der Reflexion

Vergangenen Montag habe ich mir Her angesehen, im Kinocenter mit anschließender Diskussion. Der Film spielt in einer nicht sehr fernen Zukunft. Der Protagonist und ein Operating System verlieben sich unbeabsichtigt ineinander. Im Gegensatz zur Moderatorin am Montag erzähle ich hier nicht die komplette Handlung vor dem Film.

Die Diskussion im Anschluss drehte sich vor allem um Liebe im Zeitalter virtueller Realität, Facebook und Whatsapp wurden als prominente Vertreter genannt. Dabei ging es in meinen Augen mehr um die Sicht der älteren Generation auf die Jüngeren. Dabei macht man vielleicht auch gerne den Denkfehler, einen Gegensatz zwischen virtuell und real sehen. Es hilft meiner Meinung nach mehr, von unterschiedlichen Räumen zu sprechen, in denen man kommuniziert, sich von anderen abgrenzt, sich im anderen findet. Oder wer weiß was macht. (Toll fand ich, dass mich ein älterer Herr anschließend noch einmal persönlich auf das Thema ansprach, weil er in mir einen Vertreter der jüngeren Generation sah. Ich musste ihm dann gestehen, dass ich 36 bin.)

Einige legten auch ausgiebig Wert auf die Beziehung zwischen Protagonist und seiner Mutter. Die Mutter kommt im Film nicht vor, wird aber in einem Halbsatz erwähnt, als das Betriebssystem seinen neuen Nutzer als Konfigurationsfrage nach dem Verhältnis zu seiner Mutter fragt, ihn aber schnell unterbricht, als er zu ausführlich werden möchte. Das kann man als Kritik an einer allzu psychologisierenden Perspektive verstehen. (Wobei das auch überinterpretiert sein mag und mehr über mich und mein Verhältnis zur Psychologie aussagt. Oder anders gesagt: Wayne?) In der Diskussion gings dann auch um die Geburt an sich als traumatisches Erlebnis. Daran hatte ich beim Film ankucken noch gar nicht gedacht.

Meiner Meinung nach ist das Thema des Films die Frage, wie man sich selbst findet. Und er liefert eine mögliche Antwort: in der Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. Mir hat er gefallen.

Réne Marigtte’s Surraelsitische Rveoltuion

René Magritte hinterfragt mit seinen Bildern unsere Wahrnehmungs- und Abbildungsfähigkeit der Wirklichkeit. Die Ausstellung in der Schirn gibt einen recht guten Überblick über seine Werke, mit denen er wohl eine surrealistische Revolution bewirken wollte. Ihm war es laut Ausstellungstext wichtig, mit der – gerade unter Philosophen – dem Wort untergeordneten Stellung des Bildes zu brechen. Berühmt ist sein Der Verrat der Bilder von 1929, welches bspw. von Michel Foucault 1973 interpretiert wurde, wie ich las. Gefallen hat mir das Bild, welches aus einer mit Lagerfeuer beleuchteten Höhle auf eine Staffelei herausblickt, die eine Burg am felsigen Horizont einrahmt. Er spielt damit wohl auf Platons (oder Sokrates’) Höhlengleichnis an, mit welchem die für den Menschen unüberbrückbare Kluft zwischen Wirklichkeit einerseits und ihrer Darstellung und Wahrnehmung andererseits verdeutlicht werden soll.

Interessant an alledem finde ich, dass Bilder, die ihrem Wesen nach konkrete Gegenstände abbilden (sollten), mit meiner Wahrnehmung derart spielen, dass sie – wenn man sich denn auf die Auseinandersetzung einlässt – Fragen erzeugen anstatt Antworten zu geben. Das ist das Wesen von Philosophie, laut Alexander.

Ich habe mich zum Beispiel gefragt, wieso der Gedanke einer linearen Existenz so allgegenwärtig ist. (Dieser selbstverständlichen Allgegenwärtigkeit hat Anne übrigens widersprochen.) Anlass dazu war ein Erklärtext in schick geformten Buchstaben an einer Wand in der Ausstellung, in der die kunsthistorische Perspektive einer irgendwie aufeinander aufbauenden Entwicklung der Malerei kurz eine Rolle spielte. Ist es nicht eher so, dass alles mit sich spielt, sich selbst wiederholt? Gleichsam dem Wellengang eines Ozeans ist diese oder jene Idee stärker da, obschon alles bereits vorhanden ist. Ohne allzu wehmütig zu klingen verweise ich wie schon 2009 in meinen ersten Blogbuchstaben auf den Prediger (1,9): Es gibt nichts Neues unter der Sonne.

Vielleicht ist das auch eine Dialektik der Aufklärung, die Folge einer Vorstellung von der Einzigartigkeit eines Menschen: Solange ich mich als von der Existenz des anderen losgelöstes, eigenständig existierendes Individuum begreife, dessen Bestehen einen Anfang und ein Ende hat, muss ich linear denken. Oder anders gesagt: Wenn man nur nah genug ranzoomt, mag ein Kreis wie eine Linie wirken.

Ausgangspunkt meiner Wörter waren ja die Bilder von Magritte. Bei Le Viol musste ich an die Marsianer in der Sesamstraße denken. Am besten gefiel mir Gesang des Gewitters, welches im Internet auf die Schnelle nicht zu finden ist. Was auch mal ganz gut tut.

 

Meermenschen, Leviathan, PEGIDA und der Teich

Ich kann nun endlich in das neue Moop Mama-Album reinhören:

Das Lied Meermenschen (Thema Gesellschaft und Flüchtlinge) erinnert mich an die Filmmusik von Leviathan. Insbesondere die fließende Rhythmusänderung lässt Wellengang nachfühlen. Die Musik ist ursprünglich in der Oper Akhnaten von Philip Glass zu hören gewesen, welche, soweit ich weiß, keinen Bezug zu Meer oder Wasser im Allgemeinen hat:

Die Oper erzählt laut Wikipedia keine zusammenhängende Geschichte sondern portraitiert Echnathon und beschäftigt sich mit seinem Scheitern. Im Film Leviathan geht es um das klassische Hiobsthema.

Siehe, tötet er mich, ich werde auf ihn warten, nur will ich meine Wege ihm ins Angesicht rechtfertigen.

Nikolai wird von Staat und Kirche bedrängt, sein an der Barentssee gelegenes Haus zu verkaufen. Er weigert sich und ihm widerfährt viel Unheil, schließlich wird er für den Mord an seiner Frau für schuldig befunden. Der Film endet mit dem Blick auf eine neu gebaute Kirche, die an der Stelle steht, an der Nikolais Haus stand. Anders als das Original der Bibel also etwas glaubwürdiger: kein Happy End.

Ein würdiges Ende fand auch Lars Ruppel eben im Poetry Slam im Jokus bei seinem Auftritt mit einem neuen Text, der wohl noch nicht veröffentlicht ist: Brat mir einer n Storch. Er erzählt darin von einem Teich und dessen Bewohnern, die nach und nach alle auf den Storch hören, der den Teich wieder so haben will wie früher. Als erstes müssen die Frösche dran glauben, für die folgende Mückenplage müssen andere Tiere Mückenjagen lernen.  Schlussendlich wird der Teich eingezäunt, damit nicht jeder an den Teich gelangt, aber dadurch verdreckt er immer mehr. Diese gesellschaftskritische Fabel ließ mich an “Meermenschen” denken, damit schließt sich der Kreis zu Moop Mama:

PS: Alle Kinder mögen alle Kinder. Nur nicht Lisa. Die mag Pegida.

Unter der Konsole

Mit Bier geht alles, sogar Kultur, dachte ich mir. Also war ich vergangenen Sonntag im Städel. Einige der Bilder dort – vor allem in der Moderne – haben mich beeindruckt. Besonders Edgar Endes Unter der Konsole. Im Städelblog liest sich zu dem Bild Interessantes:

Wenn er nach der Bedeutung seiner Bilder gefragt wurde, antwortete er: „Ich habe mir gar nichts dabei gedacht. Sie sollen sich etwas dabei denken.“

Eine weitere Passage erinnerte mich stark an Robert Gwisdeks Der unsichtbare Apfel, welches ich neulich schon mal erwähnt habe:

Dank seines Sohnes Michael ist überliefert, wie Edgar Ende bei seiner Motivsuche vorging: Er verriegelte sein Atelier, verdunkelte die Fenster, legte sich mit geschlossenen Augen auf ein Sofa und konzentrierte sich auf – nichts.

In dem Roman schließt sich Igor für ein Experiment 100 Tage in einen komplett abgedunkelten Raum. Das ist der Beginn einer abgefahrenen Reise ins Innere der Trauer. Ob man dabei wohl das fühlt, was diese Gesichter fühlen?

Diese beiden Bilder habe ich mir auch gemerkt:

Gefährlicher Wunsch von Richard Oelze und Oberon von Georg Baselitz. (Bekomme gerade Lust, Ouroborous von der Bedlam in Goliath zu hören, obwohl das Bild Oberon mit der Musik wohl außer der – grobschlächtig betrachtet – phonetischen Ähnlichkeit nichts zu tun hat.)

Berlin

Am Wochenende war ich im Kino. Rock The Kasbah mit Bill Murray – die Betonung liegt auf ‘ray’ – war nicht gut, wie die Kritiker schreiben. Ich musste ziemlich häufig lachen. Später hab ich dann nicht zugehoert, als meine Mitkinogaenger vorlasen, woher der Titel des Films kommt. Blöd. Hatte irgendwas mit Iran zu tun.

Im Vorspann lief Werbung fuer die BVG:

Ich stell mir das ja ziemlich anstrengend vor, das Gesicht dauernd so zu verziehen. Wie Lasse Matthiessen. Da kiekste Keule, wa?

Freestyle

Heute in der Kabine im Polheimer Schwimmbad diesem Freestyle gelauscht:

“alle meine entschen kommen auf dem see. und stärben auf dem see”
“du stirbst”
“du bist schon gestorbn, du huanson

Ich wollte den Jungen schon wie die Dame ab 1:43:15 fragen: “Wie machst du das?”

Hamburg

Vergangenen Samstag habe ich in Hamburg ein Refused-Konzert besucht. Dazu hatte ich vor ein paar Wochen einfach Tickets bestellt, ohne mir weiter Gedanken zu machen. Die Show in den Docks war recht gut, sie haben entgegen meiner Befürchtung auch ältere Lieder gespielt. Älter war dann auch das Publikum, was mir dann vor Augen führte, das ich langsam zu den alten Leute gehöre, Junge.

Der Sänger, der in all seinem affektiert hippen Auftreten nicht nur sympathisch rüberkam, hielt zwischendurch immer wieder kurze Redebeiträge, persönlich politische Statements, bspw. zum Kapitalismus und Klimawandel. In seinem ersten Statement nahm er Bezug auf die jüngeren Pariser Terroranschläge und berichtete von einem Konzert in Antwerpen, das wohl zu der Zeit der erhöhten Sicherheitsmaßnehmen stattgefunden hat. Schwer bewaffnete Polizeieinheiten patroullierten demnach um das Gebäude, zwei Scharfschützen waren im Raum. Das sei für die Band ein blödes Gefühl gewesen, dies zu wissen, im Gegensatz zu den Besuchern.

Was später des Nachts krass war: Die Reeperbahn war so voll wie der Seltersweg Samstag Vormittags in der Weihnachtszeit. Insgesamt eine unglaublich dichte Gegend mit Sexkinos an der einen Stelle und katholischem Kindergarten um die Ecke, reicheren St. Pauli Besuchern und Pfandsammlern, die für leer werdende Anstehbiere beinahe Schlange standen. An den Landungsbrücken wars auch sehr nett, nur auch windig. Ganz gut gefallen hat mir die Bar kuchnia, empfehle ich vor allem wegen der interessanten Getränkeauswahl und der persönlichen Atmosphäre.

The Times They Are a-Changin’

There are many here among us who feel that life is but a joke
But you and I, we’ve been through that, and this is not our fate
So let us not talk falsely now, the hour is getting late

Vor einigen Wochen war ich auf einer Jubiläumsfeier der Schreinerei astrein in Gießen dank eines Freundes, der dort mal gearbeitet hat. Neben gutem, mehr oder weniger veganem Essen und leckerem Weißwein gab es dort auch Musik. Zwei Brüder traten mit Liedern von Bob Dylan auf: Der eine coverte die Songs, der andere gab zuvor jeweils eine hessische Übersetzung/Adaption zum besten. Dylan’s Dream. Skeptisch, wie ich bin, kniff ich gedanklich zunächst eine Weile die Ohren zusammen. Bei “The Times They Are a-Changing” hatte mich die Kombo dann aber überzeugt und ich war froh, an diesem Abend nicht woanders gewesen zu sein.

Übrigens, wie ein anderer Freund meint, soll dies hier eine der besten Coverversionen von All Along The Watchtower sein, besonders wegen des Bass:

Dem stimme ich gerne zu. (Etwas schade finde ich, dass Google den ersten Eindruck erweckt, der Song sei von Jimi Hendrix.)

There are many here among us who feel that life is but a joke
But you and I, we’ve been through that, and this is not our fate
So let us not talk falsely now, the hour is getting late

Bibliothekswetter

Zum Korrigieren bin ich jetzt seit Langem mal wieder in die UB. Und was passiert? – Zack, hab ich mich zum Kaffeetrinken unten getroffen. Das Wetter lädt aber auch wieder zum Prokrastinieren ein, Junge. (Alter, sind die Leute hier klein geworden. Und die Gesprächsthemen meiner Holzbanknachbarn auch.)20151012_001

Cagebirds

Gestern bin ich im Keller Theatre gewesen, um mir das Stück The Cagebirds anzusehen. Die Darstellerinnen haben es überzeugend hinbekommen, ich kam mir vor, als beobachte ich einen menschlichen Vogelkäfig. Nicht nur mir hat es gefallen. Gut fand ich auch die Idee von Sascha, als Eröffnungslied Boys Are Back in Town umzudichten und mit der Gitarre Birds Are Back in Cage zu singen. Auch die Lieder, die er und seine beiden anderen Musikkollegen im Anschluss gespielt haben, waren hörenswert, unter anderem The Lovecats. Disarm hatte ich auch ewig nicht gehört. Es gibt nächstes Wochenende noch zwei Aufführungen.

PS: Besonders zu erwähnen ist natürlich der Acting Specialist des Stücks, auch wenn er gestern nicht da war.

Dusch-Outfit

Heute bin ich in Baumwolljogginghose – weil ichs bequem haben wollte -, zerlumptem Streichpullover – weil es kälter als erwartet war – und Flipflops – weil ich gestern Veddinge auf meinen großen Zeh fallen ließ – nach Polheim gefahren, um schwimmen zu gehen. Im Eingangsbereich war ein Monteur am Kassenautomaten zugange, rechts davon saß eine Dame, die die Besucher manuell abkassierte. Als ich ihr die 4,20€ Eintritt geben wollte, sprach sie mich an: “Oder wollen Sie nur duschen?” Ich war etwas überfordert und brauchte ein wenig, um zu begreifen, dass ich extrem schäbig gekleidet war und das der Anlass für ihre Frage war. Sie erklärte mir, dass neulich jemand nur zum Duschen ins Schwimmbad gekommen sei, da müsse man ja nicht den vollen Eintrittspreis verlangen. Also eigentlich eine sehr gut gemeinte Nachfrage. Ich wollte ihr dann erklären, warum ich bei dem Wetter in Flipflops&Co unterwegs war, aber sie unterbrach mich mit: “Sie brauchen sich nicht rechtfertigen.” Irgendwie habe ich mich mit diesem Satz noch heruntergekommener gefühlt.

Ich bin dann etwa anderthalb Stunden schwimmen gewesen. Beim Verlassen des Schwimmbads saß eine andere Dame vor Ort, die sich dann wiederum ihre eigenen Gedanken zu meinem Outfit hatte machen können.

Refused Are Fuckin Dead

Gestern habe ich mit einem alten Freund den neuen Garten eingeweiht. Zur Saftschorle hörten wir gute Musik, unter anderem das neue Refused-Album. Die Gruppe hatte ich mit “The Shape of Punk to Come” Ende der 90er – also gerade noch zu Schulzeiten – entdeckt. Am besten gefiel mir damals auf dem Album “Refused Are Fuckin Dead”, Track 9 für die Albumdurchhörer unter uns. Im Vergleich zum älteren Album “Songs to Fan the Flames of Discontent” mit “Slayer” war das “The Shape of Punk to Come” schon deutlich melodischer und experimenteller, auch was den Einfluss elektronischer Stilmittel anging. Mir hatte es damals so gut gefallen, dass ich kaum den Nachfolger erwarten konnte. Blöd nur, dass sich die schwedische Band damals kurz nach Veröffentlichung aufgelöst hatte. Auch blöd, dass ich – damals ohne Netzzugang (auch noch kein 56k-Modem) – nur die Music-Box in Dillenburg als einzige Informationsquelle benutzen konnte / benutzte. Ich ging etwa ein Jahr nach “The Shape of Punk to Come” hin und fragte, ob es mittlerweile was Neues von Refused gäbe. Der Kerl am Röhrenbildschirm schaute nach und verneinte es schließlich. Als ich dann ein halbes Jahr später mit dem gleichen Anliegen noch einmal dort aufkreuzte, bekam ich die Antwort: “Im System steht noch nix, aber da müsste bald was kommen, da hat so n Kerl neulich schon mal nachgefragt!” Ich ging, behielt das Missverständnis für mich und erfuhr wenig später von dem Ende von Refused. Tja, und jetzt gibts doch tatsächlich ein neues Album: “Freedom” ist in gewisser Weise melodischer und experimenteller und somit eine konsequente Weiterentwicklung. Hardcorerockabilly, würd ich das mal definieren. Das Warten hat sich gelohnt und wenn ich erst mal den Plattenspieler angeschlossen hab, brauch ichs nicht mehr per Handy/mp3 zu hören und füge mich dann eher der Songreihenfolge, wie es Albumdurchhörer ja eigentlich auch tun sollten….

Ornithologe?

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Ok, nach dem Fehlerbild gibt es nun ein Suchbild: Findet den Vogel! Wenn mir dann noch jemand verraten kann, welcher Fink sich da in meinem Schlafzimmer verirrt hatte oder mir erklärt, wieso der Fink ein Spatz ist, gibt’s Extraapplaus. Dem Vogel ist übrigens wohler ergangen als jenem, der sich todesmutig in das vordere Laufrad einer Bekannten stürzte. Das war wohl übrigens eine Amsel, wie mir erzählt wurde.

Anzugträger

Gestern hatte ich die grandiose Idee, nach etwa 2-3 Stunden Radfahren, beim Abschlussabend der Schule im Anzug auszuschwitzen. Ausgangspunkt war das Pauseneis im Kloster Arnsburg, das energietechnisch eh fragwürdig dazu führte, dass ich erst um 17.20h in der Wohnung ankam, um 18.00h sollte ich schließlich in Atzbach sein. Nicht unmöglich. 18.05h war es dann, als ich lässig, als würde ich jeden Tag den Anzug tragen, mit dem Jackett in der Ellbeuge und der Kamera in der Hand an der Mensa der Schule vorbeiging mit festem Blick auf die Turnhalle, in der Abschlussfeier vermutlich schon begonnen hatte. In der Mensa jedoch räumten zwei wichtige Lehrer hektisch Stühle beieinander, ich versuchte das zu ignorieren, wurde allerdings von der Stundenplanfrau doch noch entdeckt und so kam es, dass ich mit vier Stühlen in der Hand und Kamera und Jackett auf dem Stuhlstapel etwas weniger lässig zur Turnhall ächzte. Der 9.-Klässler vor mir bekam das deutlich entspannter hin, er erinnerte mich an den Jugendlichen, der mich (Rennrad, Radlerkluft, Straße) vorhin mit seinem Billighardtail auf dem Bürgersteig überholt hatte. “Ich mach ja auf Ausdauer!”, hatte ich mich in dem Moment beruhigt, um den Jugendlichen keine Kraftausdrücke an den Kopf zu werfen, um meine Niederlage sinnvoll zu kompensieren. Während ich mich daran erinnerte, war der 9.-Klässler schon in der Turnhalle verschwunden und damit auch meine Chance, irgendwas irgendwie zu kompensieren. Ich trug die Stühle rein, suchte mir einen geeigneten Platz zum Fotografieren, stehend an der Seitenwand – und begann langsam aber stetig zu schwitzen. Die Klimasituation in der vollen Halle trug dazu bei, ebenso wie die Tatsache, dass ich keine Tücher dabei hatte, dass der Boden unter mir, genauer gesagt meinen Unterarmen nicht lange trocken blieb. (Zum Glück ist meine Kamera wasserabweisend…) Ich wurde dann im Laufe des Abends erstaunlich oft darauf angesprochen, dass es in der Halle ja ganz schön warm sei. Ja, sagte ich dann jedesmal. Kann man klüger antworten, wenn man nicht hinterherkommt, die Schweißtropfen von der Brille zu wischen? Die Toiletten waren nur mit Föhns zum Händetrocknen ausgestattet, das war dann auch nicht hilfreich. Ich hab dann gemerkt, wie saugstark so ein Anzugstoff sein kann… Jedenfalls dauerte das Ausschwitzen etwa 40 Minuten und die ganze Veranstaltung etwa zwei Stunden. Viele gute Reden gab es mit einem Satz von der Vorsitzenden des Förderkreises an die abgehenden Schüler gerichtet, der mir im Gedächtnis blieb:

 

Seid mutig und besteigt die höchsten Berge, um die Welt zu sehen, aber nicht, um von der Welt gesehen zu werden.

 

Ps: Ich hab mal geleesen, dass es ein gutes Zeichen ist, wenn man viel schwitzt, da das zeigt, dass der Kühlmechanismus des Körpers gut trainiert ist.

 

Vergessen

Ich war gestern in einem Altenpflegeheim, die hatten dort ein Sommerfest und ich wollte die Gelegenheit nutzen, einen alten Bekannten zu besuchen. Meine Mutter meinte, ich solle damit rechnen, dass er mich nicht mehr erkennt, aber wenn er jemanden erkennt, dann bestimmt den Ole, sagte sie. Ich wollte das gerne glauben. Als ich ankam, brauchte ich erst mal eine Weile, bis ich ihn gefunden hatte, er hatte sich auch körperlich sehr verändert. Und was dann wirklich schwierig war, zu spüren, dass er mich nicht erkannte. Das vorher zu wissen und dann das Vergessen zu erleben sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Ich hab ihm eine Arbeitstaschenlampe aus dem Baumarkt mitgebracht, weil ich wusste, dass er für sinnlosen Unfug immer zu haben war. Er hat sie dann tatsächlich auch immer wieder vom Tisch genommen, auf den Ein-Schalter gedrückt, gesehen, dass sie leuchtet, sie wieder ausgeschaltet und zurück auf den Tisch gelegt. Nach ein paar Minuten ging das wieder von vorne los, so als sei er in einer Wiederholung gefangen. Heute denke ich, dass er das gemacht hat, um die Lampe in seinen Besitz zu nehmen und sich daran zu gewöhnen.

Meine Supertante hat mir dann noch das Wohnheim gezeigt und mich sehr beeindruckt, weil sie eigentlich fast jeden kannte und es irgendwie immer schaffte, eine persönliche Ebene zu Leuten aufzubauen, auch wenn manche nur zurück lächelten oder für mich unverständliche Dinge in einer Mischung aus Platt und Demenz quasselten. Mit jemandem zu kommunizieren, wenn man keine, kaum oder eine andere Bestätigung als erwartet bekommt, finde ich ziemlich schwierig. Es arbeiten dort, wenn ich mich richtig erinnere, etwa 200 Ehrenamtliche, was ich echt stark finde. Im ganzen Haus sind vereinzelt Erinnerungsstücke aus der guten, alten Zeit aufgestellt. Dies hilft sicherlich einzelnen, Situationen zu erleben, in denen man sich erinnert.

Das schlimmste, das man einen Demenzkranken fragen kann: “Kennste mich noch?” Denn was ist, wenn nicht? Damit setzt man den anderen so sehr unter Druck, dass vielleicht gar kein Gespräch zustande kommt…

Es war eine Erfahrung, die man mit noch so vielem theoretischen Wissen über die Demenzproblematik nicht ersetzen kann.

Sure, he will

Am Freitag war ich in Paderborn mit meiner Schwester und meinem Hund unterwegs. Eine Frau überholte uns und flüsterte zu ihrem ca. 4jährigen Kind, als das fasziniert den Hund ansah: Be careful, this dog might eat you for breakfast. (Oder so ähnlich, es waren jedenfalls native speaker.) Mir ist dann rausgerutscht: Sure, he will. Die Mutter hat gelacht. Das Kind hatte Angst und hat sich noch die nächsten 100m, die die beiden sich von uns vor uns entfernt haben umgedreht.

Freund oder Arschloch

Gestern habe ich einen Anhalter mitgenommen. Ein mittelalter Herr türkischer Herkunft hatte ein paar Elektrogeräte von Frohnhausen nach Dillenburg zu bringen. Als er im Auto saß, fragte er in gebrochenem Deutsch, ob wir noch woanders langfahren könnten, er würde gerne noch anderes Zeug  mitnehmen. Wie sich herausstellte, handelte es sich um ziemlich große Blechplatten, die nur mit einigen Umräumaktionen in mein Auto gepasst hätten. Da hatte ich keinen Bock drauf, also fuhren wir wieder weiter. Er meinte dabei nur, dass er bald noch mal hier vorbei schauen müsse, sonst “holt so eine andere Arschloch” die Bleche ab.

Auf der folgenden kurzen Fahrt erklärte er mir, dass es ihm um Kupfer und ähnliche wertvolle Bestandteile in ausrangierten Bauteilen ginge. Er fragte mich dann auch, ob ich den Monitor und den Computer, die ich  dabei hatte, um sie in meinen Klassenraum zu stellen, noch bräuchte. Ich erklärte ihm das. Er wurde dann hellörig und meinte, ich solle an ihn denken, wenn unsere Schule mal alte Sachen ausrangiere. Er würde mir für 20,30 Monitore auf 50 Euro geben.

Bei ihm zu Hause angekommen zeigte er mir noch seine Garage mit wertvollem Gerümpel. Autoreifen wollte er mir dabei auch verkaufen. Bei dem Gespräch nannte er mich dann öfter “Freund”. Ich fuhr schließlich weiter ins Schwimmbad und dachte noch ein bisschen über den gar nicht so wunderlichen Mann nach und merkte, dass man leicht jemanden, den man per Anhalter kennen lernt, als “Freund” und noch leichter jemanden, den man gar nicht kennt, als “Arschloch” bezeichnen kann.

Die Moral von der Geschichte: Nur weil ich eine e-Wigkeit hier nichts geschrieben habe, heißt das nicht, dass dies das spektakulärste Ereignis in der letzten Zeit war, dass “gebrochenes Deutsch” eine allgemeingültige Kategorie unabhängig vom Betrachter sei, und noch weniger, dass ich was zu sagen hätte.

Granit: Kunst ist eine kalte Konstruktion

Gestern war ich auf der Eröffnungsveranstaltung zur Ausstellung “Granit” in der Gießener Kunsthalle.  Das Plakat zur Ausstellung war schon geil. Und die Ausstellung selbst war irgendwie atemberaubend: Zwei Wände, auf der unteren Hälfte granitfarben gestrichen, die obere Hälfte in der Mitte durch eine Lichtzeile mittig getrennt. Ich vermute, dass der “Elite”-Cellist, der zur Eröffnung gut unnahbare Musik gespielt hat, ziemlich teuer war. Jedenfalls war Gerhard Merz, der Künstler, nicht da, war nie da. Das gesamte Kunstwerk entstand nur auf Anweisung und ein Freund von ihm war zur Begutachtung mal da, um unzufrieden zu sein. Ich kann damit nichts anfangen, noch weniger damit, wie elitär toll das alle bei der Eröffnung gefunden haben.

Ein netter Abend in Berlin

Wollte nur mal eben ein paar Bilder online stellen von einem netten Abend an der Spree in einer Freiluftbar namens Kiki Blofeld. War da letztes Jahr schon mal, leider haben sie die Paletten durch Mini-Liegestühle ersetzt, was vielleicht ein bisschen bequemer ist, aber doch ein wenig Handmade-Flair einbüßt, der mir so gut gefallen hatte. Na egal, es war trotzdem ganz cool, obwohl ich nicht ein einziges Mal open Air gekickert habe…

Kronleuchter, Spree, Spree2, Dunkel, Dunkel2, Spreedunkel, Spreedunkel2, Spreesepia, Spreesepia2

Ich gebe zu, dass ich einfach nur mit meinem Handy rumgepspielt habe, aber damit ich mir mal ein bisschen mehr wie ein richtiger Blogger vorkomme, wollte ich die Fotos niemandem vorenthalten…

Alte Bekanntschaften

Gestern nach dem Schreiben eines Blogeintrags bin ich durch wenige Berliner Straßen flaniert, um mich zu bewegen, mir etwas Zeit zum vereinbarten Sudanesen-Döner-Termin zu vertreiben und die ein oder andere Info abzugreifen, in welchen letzten Zügen Deutschland beim Spiel gegen Bosnien wars glaube wohl liegen mochte. Ich hatte mir gerade in einem ausufernden Anfall überbordender Dekadenz ein Eis gekauft und lief von der Markthalle, einem kleinen Laden, zu groß, um sich Kiosk zu nennen, aber speziell genug, um spät abends noch locker geöffnet zu haben, den Bürgersteig weiter, als mein Blick in einer dieser Wohnzimmerkneipen auf einem ebenso wie ich verdutzt dreinschauenden Gesicht hängen blieb. Meine Trägheit ging noch ein paar Schritte weiter, sodass ich das Gesicht wieder aus den Augen verlor. Ich stoppte, ging zurück und vergewisserte mich, dass ich dort einen alten Gießener Bekannten sitzen sah, von dem ich wusste, dass er sich vor fünf oder sechs Jahren nach Berlin aufgemacht hatte. Er war die Sorte Bekanntschaft, die man nicht gut genug kennt, um ihn einen Freund zu nennen, wenn man sich aber mal trifft, immer nette und auch persönliche Gespräche bei rauskommen. So hatte ich ihn ein Jahr, nachdem er nach Berlin gegangen war, in Gießen mal wieder getroffen und er hatte mich auf meine Frage, wie es ihm in Berlin ginge, mit der Antwort beeindruckt: “Egal wo, die Leute haben die gleichen Probleme.” Diese Lebensweisheit nahm ich mir von da an mit, auch wenn ich vorher schon geahnt haben mochte, dass ich nicht extra in die Hauptstadt ziehen muss, um die Gerechtigkeit in der Welt in Frage zu stellen. … Ich trat in das gastfreundliche Wohnzimmer ein, wo wir uns herzlich begrüßten, ein Tannenzäpfle tranken und den Rest vom Fußballspiel in der Runde seiner Freunde anschauten. Auf die Frage, wie es ihm hier gehe und was er so mache, erzählte er mir, dass er froh über den Entschluss sei, damals aus Gießen weggegangen zu sein, denn dort seien schon viele Bauern gewesen und er habe als kleiner Türke dort keinen guten Stand gehabt. Sicherlich eine akzeptable Wahrheit, war mir aber dann doch ein leichter Gegensatz zur Jahre zuvor formulierten Lebensweisheit. Er erzählte mir dann, dass er derzeit Heiler sei und als ich genauer nachfragte, fiel das Wort “Schamane“. Ich hoffe, er hat mir nicht übel genommen, dass ich lachen musste. Jedenfalls klang der weitere Plan, mit ein paar Freunden einen Laden namens ‘Lesehalle’ zu eröffnen, interessant. Vielleicht meldet er sich heute noch mal bei mir zwecks Kaffeetreffen, dann kann er mir noch ein bisschen mehr über deren Konzept erzählen, was interessant klang, ich aber nach einem leckeren Erdnuss-Tofu-Döner vergessen habe. Jedenfalls lustig, wie sehr das Dorfgefühl mich bis nach Berlin begleitet.