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Esut

Diego drängt mich, etwas über die Causa Özil zu schreiben. Ich tue mich da schwer. Schließlich habe ich noch Ferien. Außerdem sagt da ja jeder was zu, da wird schon was Kluges dabei gewesen sein.

Dennoch will ich auf wenige Dinge in diesem Zusammenhang hinweisen:

  • Das Thema kochte meiner Meinung nach so hoch, weil den verschiedenen Standpunkten jeweils in Teilbereichen Recht gegeben werden kann – wenn man denn mal den harten rassistischen Scheiß rausgedröselt hat.
    (Die allergrößte Scheiße heißt: unpolitisch.)
  • Dass es jetzt viel um Rassismus geht, ist zu begrüßen. #MeTwo
    (Wäre das auch ohne Sommerloch der Fall?)
  • Vom Ergebnis her blieb die deutsche Nationalmannschaft bei dieser WM deutlich unter den allgemeinen Erwartungen, es wurde jedoch nicht sofort ein Schuldiger ausgemacht – bis DFB-Präsdient Grindel sich zu Wort meldete und Özil so irgendwie ein bisschen die Schuld geben wollte.
    (Unangenehme Wahrheit 1: Vielleicht waren die anderen Mannschaften einfach besser.)
  • Wenn im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea Hummels Kopfball reingegangen wäre oder Gomez seinen Fuß anders gehalten hätte, wäre die Deutsche Nationalmannschaft wohl nicht in der Vorrunde ausgeschieden.
    (Wäre Özil dann auch zurückgetreten?)
  • Fußball hat vielleicht mehr mit Glück zu tun, als jene denken, die nach dem Ausscheiden nach Verantwortlichen und Konsequenzen suchen.
    (Unangenehme Wahrheit 2: Man müsste sich dann konsequenterweise eingestehen, dass der vergangene Weltmeistertitel auch glücklich gewesen war.)

Wer sich damit weiter beschäftigen möchte – es ist schließlich nicht vorbei, denn im September wird entschieden, ob die EM 2024 in Deutschland oder der Türkei stattfinden wird -, kann z.B. hier lesen:

– Botschafter wider Willen? Fußballer im Kontakt mit Politikern – Text  von Illker Gündogan (Ilkays Bruder) am 29.5.
“Die Debatte ist obsolet” – Interview mit Serdar Somuncu am 23.7. (Danke Diego)
Wir schweigen Extremisten an die Macht – Kolumne von Sascha Lobo am 25.7. (und der dazugehörige Debatten- und Reflexions-Podcast)
Der Fall Özil: Entmystifizierung des Fußballs? – Gespräch mit Dietrich Schulze-Marmeling und Haci Halil Uslucan am 29.7.
 Rassismus ohne Rassen – Wikipediaeintrag mit weiterführenden Links
– Nachtrag: Sprachforscher: Rassistische Rhetorik wirkt über Wiederholung – Jobst Paul am 30.7.

 

Hydra

Ich schrieb neulich über Dienste und so. Nachdem ich nun schon eine Weile auf Android und Whatsapp verzichte (naja, ist ein bisschen gefuddelt, gelegentlich ruf ich whatsapp auf nem anderen Telefon im Wlan noch ab), muss ich sagen: Ich komme gut zurecht. Das liegt wohl daran, dass ich immer noch ziemlich viel von den großen Diensten nutze. Googles Youtube zum Beispiel. Facebook vermisse ich tatsächlich nicht, auch wenn ich mir überlegt habe, wieder einen Account zu erstellen, um einen Terminfeed von lokalen Events zu haben. Jetzt ist mir aufgefallen, dass ich einen Dienst bei meinen Überlegungen vollkommen vergessen habe: Amazon. Gut, ich habe meine Prime-Mitgliedschaft vor kurzem gekündigt. Und Bücher kauf ich grundsätzlich lieber woanders. You Were Never Really Here, die Grundlage für den gleichnamigen Film, habe ich allerdings auf die Schnelle nur auf der Amazonplattform gefunden und – Zack – bestellt.

Schlimm finde ich das alles ja nicht. Es geht mir dabei auch nicht um den Kampf gegen Windmühlen, Verschwörungstheorien oder ums Prinzip. Ich sehe es eher als zwanglosen Selbstversuch, nicht von den großen Diensten sich abhängig machen zu lassen. Fühlt sich aber im Moment eher an wie der Kampf gegen die Hydra. Nur langweiliger.

Nachtrag:
Na toll, jetzt bin ich auf Amazon reingefallen: Wenn man was bestellt, ist die Standardeinstellung für die Versandart “prime” und nicht “Standard”. Hydra.

Glückseligkeitsfilter

Ist es möglich, dass wir durch Konsum und Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken, auch unbewusst, in einen Glückseligkeits-Wettbewerb von Lebensentwürfen geraten, der wenig resiliente Menschen unglücklich macht?

Mal schauen, ob Kant was dazu zu sagen hat:

Das menschliche Leben, auch das geschichtliche, ist nicht auf Glückseligkeit als höchstes Ziel eingestellt, wenn auch von Natur aus jeder nach Glückseligkeit strebt. […] “Der Begriff der Glückseligkeit ist nicht ein solcher, den der Mensch etwa von seinen Instinkten abstrahiert und so aus der Tierheit in ihm selbst hernimmt, sondern ist eine bloße Idee eines Zustandes, welcher er den letzteren unter bloß empirischen Bedingungen (welches unmöglich ist) adäquat machen will. Er entwirft sie sich selbst, und zwar auf so verschiedene Art durch seinen mit der Einbildungskraft und den Sinnen verwickelten Verstand, er ändert sogar diesen so oft, daß die Natur, wenn sie auch seiner Willkür gänzlich unterworfen wäre, doch schlechterdings kein bestimmtes allgemeines und festes Gesetz annehmen könnte, um mit diesem schwankenden Begriff und so mit dem Zweck, den jeder sich willkürlicherweise vorsetzt, übereinzustimmen. Aber selbst, wenn wir entweder diesen auf das wahrhafte Naturbedürfnis, worin unsere Gattung durchgängig mit sich übereinstimmt, herabsetzen, oder anderseits die Geschicklichkeit, sich eingebildete Zwecke zu verschaffen, noch so hoch steigern wollten: so würde doch, was der Mensch unter Glückseligkeit versteht, und was in der Tat sein eigener letzter Naturzweck (nicht Zweck der Freiheit) ist, von ihm nie erreicht werden; denn seine Natur ist nicht von der Art, irgendwo im Besitze und Genüsse aufzuhören und befriedigt zu werden.”
(Kant-Lexikon)

Ich finde Kant ja ziemlich anstrengend zu lesen. Alexander meinte mal, er hätte sich in seinen Hauptwerken auch deutlich kürzer fassen können. Jedenfalls verstehe ich Kant so, als wäre Glückseligkeit kein Zustand sondern das Streben danach.

Soziale Netzwerke neigen dazu, Zustände abzubilden. Also bspw. Bilder mit Glückseligkeitsfilter. Vielleicht müssten die mal eher das Streben nach diesem Zustand abbilden lernen. Dann könnte es sein, dass man merkt, dass man eigentlich was anderes sucht.

Nachtrag 2

Wer denkt, Facebook, könne die Whatsapp-Chats wegen der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nicht mitlesen, liegt falsch, zumindest unter iOS ist das wohl möglich:

[…]auf einem entsperrten iPhone lässt sich die lokale Datenbank der Messaging-App aber im Klartext auslesen. Das muss schon deswegen der Fall sein, damit WhatsApp selbst die Nachrichten verarbeiten kann. Zanon erläutert weiter, dass dies auch mit dem von ihm entwickelten Tool möglich sei.  Die Datenbank enthält Telefonnummern, Namen, Zeitmarkierungen sowie den Inhalt der Nachrichten mitsamt Verweisen auf die Anhänge – ”genug um die gesamte Chat-Historie zu rekonstruieren”. […]

In der Anhörung vor dem US-Kongress im Zusammenhang mit dem Datenskandal rund um Cambridge Analytica, betonte Facebook-Chef Mark Zuckerberg etwa, der Konzern könne keinerlei WhatsApp-Inhalte sehen – und diese somit auch nicht zu Werbezwecken analysieren –, da diese schließlich “komplett verschlüsselt” seien. Das sei aber “einfach nicht korrekt”, betont Zanon.

(heise)

Ein Grund mehr, sich von Whatsapp zu verabschieden.

Schwer oarme Firma

Sascha Lobo – der hat auch manchmal schwer lange Blogpausen – schreibt auf SPON über Facebook, die erste vernetzte Gefühlsmaschine:

Denn Treibstoff der sozialen Infrastruktur Facebook sind: Emotionen. Alle wesentlichen Probleme – wie auch die wirtschaftlichen Vorteile – ergeben sich aus der Macht von Facebook, flächendeckend Emotionen auszulösen. Genau dafür ist Facebook gebaut, wie man schon an Standardreaktionen sieht: Like, Love, Haha, Wow, Sad, Angry.

Und das ist der Hauptgrund dafür, dass vor der – absolut notwendigen – Regulierung Facebook überhaupt erst verstanden werden muss: Diese neue soziale Infrastruktur bildet nicht nur den Stand der digitalen Gesellschaft ab. Sie ist zugleich die erste vernetzte Gefühlsmaschine der Welt […}.

So von wegen Gefühle und Maschine und so: Mark zʌkʰɚbɚg konnte einem bei der Anhörung schon leid tun, muss aber nicht.

Dienst und Dienlichkeit

Mir geht seit einiger Zeit durch den Kopf, mich von den größeren Diensten zu verabschieden. Konkret meine ich da Facebook, Twitter, Whatsapp, Microsoft und Google. Geschafft habe ich bislang Facebook. Zumindest glaube ich das, denn ich habe Sorge, das zu überprüfen. Denn Facebook sagt, wenn du deinen Account löschst, bewahren wir deinen Zugang noch 6 Monate auf und falls du es dir anders überlegst, musst du dich nur einmal mit deinen Zugangsdaten einloggen und – Zack – bist du wieder dabei! So scheiterte mein erster Versuch daran, dass ich an einem meiner Telefone vergessen hatte, den Facebookdienst zu deaktivieren. Und als ich es dann mal wieder aus Nostalgiegründen startete – Zack.

Auf Whatsapp habe ich halb gezwungenermaßen mal eine Weile im vorletzten und letzten Jahr verzichtet, als ich auf dem Fairphone 2 den community port von SailfishOS installierte. Der kommt logischerweise ohne Androidlayer daher und da diverse inoffizielle Whatsapp-Appentwickler irgendwann Post vom Anwalt von Facebook erhielten, wurde die Einstellung der Entwicklung an nativen Anwendungen wie Whatsup oder Mitakuuluu erzwungen. Ich hingegen hab eines der beiden Programme weiter genutzt und – Zack – wurde meine Nummer geblockt, Whatsapp hatte mich rausgeschmissen. Im Affekt hab ich dann den Support kontaktiert und Hilfe erbeten. Da wurde per Gnadenrecht erwirkt, dass meine Nummer wieder reaktiviert wurde, jedoch mit dem Hinweis, bei einer weiteren Verfehlung meinerseits endgültig gesperrt zu werden. Daraufhin boykottierte ich dann aus Protest (und in Ermangelung konkreter nativer App-Alternativen) Whatsapp weitgehend und nutzte eine Weile Telegram als Hauptmessenger.

Tja, mein Resümee dieser Zeit war: Wenn Fairphone keine Displayprobleme gehabt hätte und mich (und andere) etwa ein halbes Jahr lang auf einen Austausch des Displaymoduls hätte warten lassen, hätte ich mir womöglich nicht das Sony Xperia X samt Sailfish-Lizenz gekauft, dort den Androidlayer aktiviert, um wieder Whatsapp nutzen zu können, und zu allem Übel auch noch die Google Services draufgefuddelt, damit ich die Strava-App nutzen kann. Also letztlich ziemlich viel Gedäh, weil ich irgendwie doch noch angebunden bleiben will.

Das Hauptproblem in diesem Zusammenhang sehe ich darin, wie langfristig die diversen Dienste offene Schnittstellen behalten. Das machen sie vermutlich so lange, bis sie eine derartige Verbreitung haben, dass sie sagen können, wir schließen unsere APIs jetzt und damit vergraulen wir nur einen verschmerzbaren Teil, siehe Facebook. Denn wer will schon alle paar Jahre/Monate seine Dienste wechseln und damit seine Kommunikationsmöglichkeiten womöglich stark einschränken? Es will ja auch nicht jeder ständig umziehen und sich Freundeskreise neu aufbauen. Man bräuchte also sowas wie ein LTS-API.

Zugegeben, das sind nicht die Probleme der Nutzer, die ja im Grunde im Mobilbereich nur zwischen zwei Plattformen für Programme entscheiden können. (Das Geschrei will ich nicht erleben, wenn Facebook ins Hardwaregeschäft einsteigt und seine Dienste für Google-Android und iOS nicht mehr anbietet.) Deren Probleme – und meine, wie ich feststellen musste – liegen eher im Bereich der Verbreitung und dem Anwendungsumfang: Mit welchem meiner Kontakte kann ich mittels welchen Dienstes wie kommunizieren?

Und da haben sich in meiner Vergangenheit – Zack – einige Abhängigkeiten entwickelt, deren Ausmaß ich erst jetzt allmählich überschaue: Microsoft nutze ich gelegentlich noch mit Windows 10 auf dem Desktop-PC und auf Onedrive habe ich über längere Zeit einige mittelwichtige Daten angehäuft, auf die ich spontan, unkompliziert und umfangreich zugreifen kann. Googlemail hatte ich mir mal eingerichtet, weil man dort so praktisch verschiedene Mailadressen einbinden kann, und diese alten Mailadressen werden noch gelegentlich genutzt.

Da fällt mir zum Schluss nur Kants Ausspruch ein, Moment, ich google ihn kurz…:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Nachtrag (7.4.) (mit Update (7.4.)): Das wars dann wohl auch mit der Twitter-Einbindung in SailfishOS: Twitter closes API for real-time updates for all non-official apps. Mehr auf http://apps-of-a-feather.com/und dem Twitterblogeintrag von Dezember mit dem irgendwie euphemistischen Titel “Announcing more functionality to improve customer engagements on Twitter”:

We are providing notice to all Twitter developers that on Tuesday June 19, 2018 we are retiring the following services and endpoints:

User Streams
Site Streams
GET direct_messages
GET direct_messages/sent
GET direct_messages/show
POST direct_messages/new
POST direct_messages/destroy

Update: Der Entwickler von Piepmatz sieht das Ganze entspannt. Pushbenachrichtigungen von Direktnachrichten könne man bspw. auch ohne API implementieren.

Nachtrag 2 (7.4.): Tinder-Singles geraten in Panik:

“Ich habe heute eine Verabredung aber nicht ihre Telefonnummer”, nölte Max Davids auf Twitter. “Das ist ein ernstes Problem für mich.” Am Ende ging aber alles gut: “Sie nutzte ihre Detektivkünste, um mich auf Twitter zu finden”, freute Davids sich später. Die Frau sei ein guter Fang.

Suffixfaschismus

Interview mit Claudia Roth im Deutschlandfunk. Sie singt Er gehört zu mir, dicht neben Wolfgang Kubicki, Ursula von der Leyen fragt, ob damit Andreas Scheuer gemeint sei, und Horst Seehofer isst Unmengen an Vanilleeis. Plötzlich reißt ein Mann die Tür des Übertragungswagen auf und ruft: “Lügenpresse! Ökofaschist!”

Szenenwechsel. Auf Twitter antwortete neulich ein gab.ai/Mensch, die Neue Osnabrücker Zeitung sei ein linksfaschistisches Hetzblatt. Zum Begriff Linksfaschismus sagt Wikipedia, es handele sich um einen Kampfbegriff.

Gibt es auch Erinnerungskulturfaschismus?

Randnotiz: Gauland zitiert Höcke falsch. Höcke: Denkmal der Schande. Gauland: Denkmal unserer Schande. Das, was in beiden Reden sonst noch gesagt wird, ist übrigens schlimmer. Gauland zu Erinnerungskultur aktuell im Tagesspiegel: Wir haben uns damit beschäftigt und es aufgearbeitet. Auschwitz geht natürlich genauso in unsere Geschichte ein wie der Magdeburger Dom oder die Befreiungskriege. Es ist aber nicht unsere heutige demokratische Identität. Es ist nichts, was uns täglich berührt.

Hör mir uff mit diesem Suffixfaschismus, Deutschland!