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Reale Virtualität

Wollte nur mal eben schnell auf das schon seit Wochen durchs Netz schwirrende Aufklärungs-Video, veröffentlicht von WikiLeaks.org, Bezug nehmen: Collateral Murder. Wenngleich ich ohne Frage zustimme, dass unabhängige Medien wichtig sind, so will ich doch darauf hinweisen, was ich vor über einem Jahr bezüglich Call of Duty 4 geschrieben habe:

Die Grenzen zwischen virtuell und real verschwimmen, wenn die einzige Unterscheidungsmöglichkeit die Quelle wird, woher wir die Bilder empfangen.

WikiLeaks funktioniert ja nur dadurch, dass die Informanten anonym bleiben, wie man im Disclaimer nachlesen kann. Das ist ja nicht nur gut sondern auch notwendig für einen Journalismus, der eine Alternative zu den etablierten und womöglich schon zu sehr eingeschliffenen Medien sein will. Allerdings bleibt dann die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Quelle unbeantwortbar, es sei denn, man begnügt sich mit WikiLeaks als Quelle der Glaubwürdigkeit. Es wird eben nur dann gefährlich, wenn man die Informationen nicht eindeutig als virtuell oder real bestimmen kann.

Afghalingrad

Schaue grade die Wiederholung der Diskussionsrunde Maybritt Illner vom Donnerstag. Bitter finde ich ein Statement eines Soldaten, der als Außenstehender der Runde zwischenzeitig kurz und knackig befragt wurde. Auf die Frage, ob er Oberst Klein und den Luftangriff auf die Tanklaster unterstütze, antwortete er, dass die Soldaten vor Ort der Ansicht seien, dass es gut sei, dass endlich jemand mal etwas getan habe. Die Opferzahlen der Zivilisten seien zwar bedauerlich, aber in Anbetracht der Tatsache, dass dabei auch viele hochrangige Taliban getötet worden seien, gehe der Angriff in Ordnung. Schließlich befände man sich im Krieg und im Krieg gebe es weltweit gesehen viele unschuldige Opfer.

Ich finde die Substanz dieser Aussage, die sicherlich nicht einsam in der deutschen Öffentlichkeit zu finden wäre, wenngleich ich diese Meinung nicht allen Soldaten damit unterstelle, sehr bedenklich. Daraus folgen nämlich mehrere Punkte:
1. Deutschland befindet sich im Rahmen der NATO in Afghanistan im Krieg gegen das ehemalige Regime Afghanistans (Taliban). (Auch wenn man nicht wirklich von Regime reden kann, weil die Macht wohl nicht wirklich zentral exisiterte. Vielleicht wäre treffender an eine die Bevölkerung unterdrückende Bewegung zu denken.)
2. Das Ziel dieses Krieges ist die Vernichtung der Anhänger dieses ehemaligen Regimes – auch unter der Inkaufnahme unschuldiger Opfer.
3. Das Ziel dieses Krieges ist nicht die Stärkung des zivilen Aufbaus eines entwicklungsbedürftigen Landes.

Daraus folgt entweder, dass der deutsche Souverän einen falschen Auftrag an die Bundeswehr gegeben hat, oder, dass die Bundeswehr ihr eigentliches Mandat nicht erfüllt, nicht erfüllen kann. Selbst wenn auch noch Guttenberg zurücktreten würde, wäre damit immer noch nicht geklärt, mit welchen Zielen sich Deutschland in Afghanistan am Kriegseinsatz beteiligt. Ich denke, das ist der Kern der ganzen Diskussion.

Persönlich weiß ich nicht, wie ich dazu stehe. Schließlich kann man es sich so oder so zu einfach machen. So übrigens auch:

Lieber Herr Möller, kamen Sie sich ale “Gladiator” nicht manchmal komisch vor in Kabul. Ein Filmheld unter lauter echten Helden?

ich war froh mal unter echten helden zu sein, denn was die soldaten dort unten leisten und unter welchem einsatz , nähmlich unter dem einsatz ihres lebens kann man nur würdigen. was ich den soladten mitgeteilt habe, und was ich ihnen gegeben habe, waren fitnessgeräte

Dann lieber ehrlich.

PS: Meine Hauptschüler sagen immer: “Wer ‘nämlich’ mit ‘h’ schreibt, ist dämlich.”

Zur Afghanistan-Diskussion

Ihr sagt zwar Menschlichkeit, meint aber Macht. Denn ihr greift nicht zufällig da ein, wo’s euch machtpolitisch behagt. In einigen Teilen der Welt sind euch Menschenrechtsverletzungen egal, an wirtschaftlich oder strategisch bedeutsamen Stellen seid ihr auf einmal dabei.

Ich denke, dieser Ausschnitt aus einem Interview mit Christoph Kampmann in der FR ist der entscheidende Punkt für eine Diskussion, ob der Afghanistan-Krieg richtig ist oder notwendig – erst recht nach dem zweifelhaften Bombardement zur Verhinderung eines Anschlags. (Interessanterweise ist hier in manchem journalistischen Beitrag derzeit das Interesse an der unheitlichen Bewertung des Vorgangs innerhalb der NATO größer als an der Frage nach dem richtigen Handeln.) Die weiterführende Frage lautet: Ist die Tatsache, dass an vielen anderen Stellen der Welt weggeschaut wird und in Afghanistan nur zweitrangig humanitäre Beweggründe eine Rolle spielen, ein Argument, Afghanistan sich selbst zu überlassen? (Erst danach sollte man sich übrigens mit der Frage beschäftigen, ob der Krieg überhaupt noch zu gewinnen ist.)

Des Krieges Schleim

Schützender Schleim für Soldaten Die Entwickler des stoßdämpfenden Schleim mit der Bezeichnung “D30” ließen sich von Journalisten mit Spaten traktieren – geschützt durch die “intelligenten Moleküle” in der wabbeligen Masse. Die versteift sich blitzschnell, wenn sie von einem Objekt mit hoher Geschwindigkeit getroffen wird. “Das ist in etwa so, als ob ein Bodybuilder seine Bauchmuskeln anspannt”, sagte Richard Palmer, einer der Hersteller des Schutzschleims, der britischen “Times”.

Hier zu lesen: www.spiegel-online.de. Zur Entfremdung der Realität durch das Virtuelle hab ich vor kurzem schon geschrieben. Die Frage, die sich bei diesem Artikel und der Vorschau auf die Möglichkeiten der kommenden Kriegsführung ergibt, ist, ob die Realität auch durch die Entwicklung des Realen entfremdet werden kann. Will das nicht weiter ausführen sondern nur kurz anreißen: Über die Technologisierung könnte die Gefahr bestehen, das Wesen des Krieges – es ist nicht die Waffe, die ist nur sein Ausdruck; es ist die Zerstörung – zu vergessen. Die Entfremdung, die durch den Fokus auf die Technologie stattfindet, vernichtet die Distanz zur Zerstörung.

Naja, vielleicht ist das auch nur Polemik, weiß es grad nicht. …

Der Prinz aus Simbabwe

Als ich vorhin diesen Artikel von Johannes Dietrich auf FR-Online (vgl. spiegel.de) las, musste ich sofort an einen der besten Filme aller Zeiten denken: Coming to America. (Mir gefallen die Szenen im Friseurladen besonders darin.) Eddi Murphy geht darin in der deutschen Version als “Der Prinz aus Zamunda” auf Reisen in die USA/New York, um seine Frau fürs Leben zu finden. Die gesamte Geschichte ist vielleicht am besten als modernes Märchen zu beschreiben. Viele bedeutungsschwere Allegorien sind dabei untergebracht (bspw. heißt dieses Haarmittel “SoulGlo”), die vor allem thematisieren, dass es nicht auf die äußere Pompösität ankommt, sondern irgendwas tief im Innern eines Menschen sein muss, das zu finden es lohnt.
Jedenfalls ist das Königreich in Zamunda angelegt auf die ausufernden Herrschaftsverhältnisse, wie sie im europäischen Absolutismus normal waren. (Das wird übrigens herrlich auf die Schippe genommen, als zu Beginn die Königsfamilie am Bankett “frühstückt”.) Während im Film niemand ein Problem mit dem Herrscher von Zamunda zu haben scheint und dem Prinzen sogar im Madison Square Garden ein Untertan begegnet, der vor Ehrfurcht fast in Ohnmacht fällt (allerdings wird im ganzen Film so gut wie nichts über Zamundas Bevölkerung gesagt), scheint die Situation im realen Simbabwe etwas anders gelagert zu sein: Dem “Präsidenten” fehlt das nötige Geld, um seine Untertanen in den Genuss eines wahrhaft absoluten Lebens kommen zu lassen. Glücklicherweise gilt das nicht für Mugabe selbst:

Man wird es den Verantwortlichen verzeihen müssen. Eine Viertel Million US-Dollar in einem Land aufzutreiben, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung vom Hungertod bedroht ist und sich die Städte kein Chlor zu Reinigung des Trinkwassers mehr leisten können, ist kein Pappenstiel. Deshalb brauchte die simbabwische Zanu-PF-Partei auch etwas länger, um das Geld für die Geburtstagsparty Präsidenten Robert Mugabe aufzubringen.

Der war bereits am 21. Februar 85 Jahre alt geworden, doch erst als ein berüchtigter Geschäftsmann und Vetter des Jubilars noch schnell 140 000 US-Dollar in den Hut warf, konnte mit der Bestellung begonnen werden: 2000 Flaschen Champagner, 8000 Hummer, 100 Kilogramm Krabben, 4000 Portionen Kaviar, 3000 Enten sowie ein Geburtstagkuchen, der allein 85 Kilo wog. So konnte mit einwöchiger Verspätung am Samstag zum “glücklichsten Tag der simbabwischen Nation” (die Organisatoren) steigen, 5000 Parteifunktionäre waren dazu geladen.

In Coming to America gibts ein Happy Ending in Zamunda: Der Prinz heiratet die wahrhaft innere (und äußere) Schöne, die ihrerseits nicht auf den Seelenglanz-Typen reinfällt. – Wie es in Simbabwe ausgeht, ist trotz jüngester Zuversichtsmeldungen ungewiss. An dem Leid der Bevölkerung Simbabwes jedenfalls wird sich die Zukunft dieses Landes und seines Königs entscheiden.

Wenn die Pflicht ruft

Habe grade beim Abendessen ein wenig fern gesehen und bin bei der MTV-Sendung AccesAllArea für ein paar Minuten hängen geblieben, die unter dem Titel Digital Heros lief. Gerade, als ich schaute, ging es um Kriegsspiele generell und Call of Duty 4 im Speziellen. Genauer gesagt ging es um diesen Ausschnitt des Spiels:

Ist die Szene, in der das Wort ‘pieces’ fällt, wohl der sprachlich krasseste Kommentar der Off-Stimme, so ist das gesamte Spielgeschehen (zumindest dieses Ausschnitts) um so beunruhigender. Wohl vor allem beunruhigend, wenn man das Spiel nur sieht und nicht selbst spielt. – Nicht weil man durch das Spielen die Mechanismen durchschaut, das Spielprinzip in den Vordergrund tritt und die Darstellung in den Hintergrund rückt (nicht verschwindet), sondern gerade umgekehrt: weil man eben durch das Nichteingebundensein eine Distanz entwicklen kann, die eine Beurteilung ermöglicht, die sich allein auf die ‘transportierten’ Bilder, Geräusche und Geschichten beschränkt.

Die erschreckend realistische Darstellung ruft bei Betrachtung – zumindest bei mir – ein gewisses Ekelgefühl hervor. (Das liegt vor allem an der Erkenntnis, dass die Akteure Krieg sehr technisch betrachten.) Genau dieses Gefühl hatte ich übrigens auch, als ich vor einigen Jahren auf Phönix eine Reportage zum Irakkrieg gesehen hatte. Dort war ein Ausschnitt zu sehen, in dem man im grün getränkten Bildschirm weiße Körper-Silhouetten zu sehen waren, die scheinbar entspannt bei etwas standen, das aussah wie ein stellenweise weiß-illuminierter Geländetruck. Im Off waren Stimmen zu hören, die sich auf Englisch über Funk unterhielten. Die Intonation der Stimmen hätte auch auf Ornithologen schließen lassen können, hätte nicht plötzlich das zerberstende Weiß der Silhoutten den Zusammenhang hergestellt.

Der darstellende Realismus von Krieg gewinnt in Kombination mit dem spielerischen Aspekt allerdings noch eine ganz andere Qualität. Mir geht es dabei nicht so sehr um die Debatte um so genannte “Killerspiele” (vgl. heise.de). Das problematische sehe ich hier in der Virtualisierung der Realität, nicht umgekehrt. Dadurch dass die Mechanismen des Spiels (also die reaktionslastige Bedienung der Eingabegeräte bspw. um weiße Punkte möglichst genau anzuvisieren) in der Wahrnehmung des Spielers überwiegen, findet eine Entfremdung der Realität statt. Oder einfacher gesagt: Das Ekelgefühl kommt nicht beim Spielen sondern nur beim Betrachten (=distanzieren).

Um mich, Pharisäer, zu entlarven, muss ich ehrlicherweise auch eingestehen, dass ich den ersten Teil der Call of Duty-Reihe immer mal wieder mit Freunden im LAN gespielt habe. Hat auch Spaß gemacht und die einzig wirklich ausgeübte Wut richtete sich gegen die Latenzen verursachenden technischen Geräte der realen Inneneinrichtung. Dennoch:  Die Grenzen zwischen virtuell und real verschwimmen, wenn die einzige Unterscheidungsmöglichkeit die Quelle wird, woher wir die Bilder empfangen. Und dies ist mir bei dem gezeigten Ausschnitt auf MTV und der Erinnerung an Bilder des Irak-Kriegs irgendwie klar geworden.