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Schlagwort: abgefahren

Deep

„Roboter gehören zur Schöpfung“ – das Gespräch erinnerte mich ganz entfernt an Der Gewissensfall, wo ein Theologe Teil eines Erkundungsteams auf einem fernen Echsenplaneten ist – um herauszufinden, ob dieses gesellschaftliche Paradies, welches ohne den Glauben an Gott funktioniert, echt ist oder eine Illusion des Teufels, um die Menschen zu verführen, von Gott abzulassen.

Im DLF-Gespräch geht es allerdings um Künstliche Intelligenz und ob diese moralische Entscheidungen zu treffen vermag. Wenn ich den Theologen richtig verstanden habe, schlägt er eine pragmatische Lösung für diverse Dilemmata vor. So könne Deep Learning (Vorsicht!) so eingesetzt werden, dass KI das richtige Verhalten von Menschen automatisch lernt. Eine Entscheidung grundsätzlich am Programmiertisch zu treffen, wie bspw. sich ein Auto in Dilemmasituationen zu verhalten habe, sei jedenfalls nicht sinnvoll, da jede Entscheidung von vielen kleineren Faktoren bedingt sein könnte.

Mein Gedanke dazu war: Wenn Maschinen durch Beobachtung moralisches Handeln lernen sollen, ist es ja nicht mehr moralisch, weil die Entscheidung, etwas als richtiges und also nachahmenswertes Verhalten zu interpretieren nicht auf einem Individuum (samt Historie, Trotz und freiem Willen) beruht, sondern vermutlich auf der bloßen Masse von ‘richtigen’ Handlungen.

Interessant finde ich die Frage, wie sehr wir Menschen Moral auch ‘nur’ deep lernen. Erwähnenswert ist noch die Anekdote vom Prager Golem, der vergessen wurde, für den Sabbat deaktiviert zu werden, und daraufhin das Haus seines Herrn verwüstet.

Alexander meint zu dem Beitrag Folgendes:

Ich glaube, hier liegt eine große Begriffsverwirrung vor, die notwendigerweise zur Nivellierung zentraler anthropologischer Grenzziehungen führt. Es ist in dem Beitrag immer wieder von ‘maschinellen Entscheidungen’ die Rede. Gibt es die aber überhaupt – und wenn ja, in welchem Sinne? Die Wahl zwischen zwei (oder mehreren) Handlungsoptionen ist nur unter der Bedingung ‘moralisch’, dass die Handlung für den Entscheidungsakteur eine persönliche Relevanz besitzt. Das würde ich bei Maschinen grundsätzlich bezweifeln. Schon in der sprachlichen Mikrostruktur des KI-Diskurses wird mit unzulässigen Gleichsetzungen zwischen Mensch und Maschine operiert. Roboter sind nicht ‘intelligent’, es sei denn man reduziert Intelligenz auf Lernfähigkeit; sie handeln nicht ‘moralisch’, weil sie bloß einem sich selbst optimierenden Programm folgen; und sie treffen auch keine ‘Entscheidungen’, weil sie keine Gewissensbisse verspüren. Was wie moralisches Handeln aussieht, ist noch lange kein moralisches Handeln. Das ist im Grunde auch mein Einwand gegen den Turing-Test. Einer Maschine Würde zuzusprechen wäre damit das Ergebnis einer fundamentalen Selbsttäuschung – Kubriks ‘A.I.’ in allen Ehren.

Damit wäre alles gesagt.

Beerdigungstourist

Am Freitag wollte ich auf eine Trauerfeier. Zehn Minuten vor Beginn berat ich über einen Nebeneingang den Neuen Friedhof – zum ersten Mal war ich dort – und machte mich auf dem riesigen Gelände auf die Suche nach der Kapelle. Schließlich sah ich das passende Gebäude und eilte zum Seitenaufgang, doch als ich gerade die Treppe zum Innenhof aufsteigen wollte, kam mir plötzlich eine Urne samt Trauerzug entgegen. Ich wand mich möglichst unauffällig um – und machte mich auf die Suche nach einer alternativen Kapelle, schließlich konnte dort, wo die eine Trauergemeinde das Gebäude verlässt ja nicht in wenigen Minuten die nächste Trauerfeier beginnen. Oder hatte ich mich womöglich in der Zeit geirrt? Zwischen den Bäumen der parkähnlichen Anlage lugte ich immer wieder Richtung Trauerzug, ob ich nicht doch jemanden erkennen würde. In meinem türkis-blauen Outfit – ein Wunsch der Hinterbliebenen war es, die Lieblingsfarben des Verstorbenen zu tragen – wirkte ich ziemlich verloren zwischen den Sträuchern und Bäumen des weitläufigen Friedhofs. Ich entschied, mein Glück nochmals beim Ausgangsgebäude zu probieren. Dort traf ich dann diesmal – es waren etwa 7-8 Minuten vergangen – auf die richtige Trauergemeinde. Man klärte mich flüsternd noch schnell auf, dass die vorausgegangene Trauerfeier eine Stunde zu spät gewesen sei, ich hätte gerade noch das aufgestellte Bild des zuvor zu Bestattenden verpasst, was recht makaber gewesen sei. Was dann begann, war eine bewegende Trauerveranstaltung.

Α) Für die Skeptiker unter uns: Wenn es die Ewigkeit gibt, dann gibt es sie längst.

Ω) Für die Skeptiker, unter uns: Wenn es die Ewigkeit nicht gibt, was sollte das Jetzt hier?

Einfach mal mit dem Rad zur Arbeit fahren

Während in den USA gerade Bike Month ist, kommt die HLB laut Patrick auf interessante Ideen:

Mo-Fr von 06:00 bis 09:00 und 16:00 bis 19:00 Uhr steht der Mehrzweckbereich nicht für die Fahrradmitnahme zur Verfügung, solange dieser für Stehplätze benötigt wird.
(Quelle: ADFC)

ÖPNV in D – K tA St ρ fE. Vielleicht sollte man die alten Dieselloks wieder reaktivieren, damit mehr Fahrräder transportiert werden können. Naja, da lausche ich lieber dem Podcast As Easy As Riding A Bike (To Work) und lächle.

Derweil re-verstaatlicht Großbritannien diverse Zugstrecken. Warum? Teure Tickets und etliche Zugausfälle:

Die Medien waren voll von wütenden Pendlern, die Konsequenzen forderten. Andere reagierten mit Humor. Ein Spieleentwickler stellte das Spiel “Southern Rail Tycoon” ins Netz. Das Ziel des Spiels ist es, von möglichst vielen Fahrgästen Geld kassieren und dann so viele Zugfahrten wie möglich ausfallen zu lassen.

Advantageous: Ist einträglicher Nutzen dienlich?

Ich mag Science-Fiction(-Filme). Gerade habe ich einen solchen Film gesehen: Advantageous. (Irgendwie gefiel er mir noch besser als Under The Skin.)
Die Handlung: Eine allein erziehende Mutter beschließt, ihre Identität zu Werbezwecken in einen jüngeren Körper verpflanzen zu lassen.

Ich wurde beim Sehen im Wesentlichen an zwei der folgenden drei Dinge erinnert:
1. Möglichkeiten haben nichts mit Freiheit zu tun
2. Wer bist ich?
3. Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Wie gute Science-Fiction spiegelt der Film die Gegenwart. Hier meiner Meinung nach insbesondere das Streben nach gesellschaftlich anerkannter Anerkennung ( meist “das Nützliche” genannt).

Apropos Kritik der Gegenwart, in der Kierkegaard zu Beginn dem modernen Selbstmörder das Selbstmördersein abspricht, da er nicht aus sondern durch Überlegung Selbstmord begehe: Die Tochter der Hauptfigur(en) fragt wiederholt verzweifelt ihre Mu(e)tter, welchen Sinn es überhaupt habe, dass sie selbst lebe. Die Mutter wiederum opfert sich dafür, dass ihre Tochter ein möglichst gutes Leben hat. Den Sinn im Leben projiziert die Mutter also in ihren Nachwuchs, der ihn selbst sucht. Irgendwie auch eine Flucht vor der eigenen Betroffenheit.

Meine Antwort auf den in dem Film angeprangerten Nützlichkeitswahn ohne Sinn mit Verstand: Pure Vernunft darf niemals siegen.
Das meinte auch ein Freund gestern, weshalb wir uns entschlossen, noch Nachos mit Käse zu bestellen.

HUK-Coburg

Vergangene Nacht hatte ich einen Traum, in dem ich meinen Job als Lehrer aufgegeben hatte, um stattdessen Versicherungskaufmann zu sein, weil ich das eigentlich immer wollte (WHAT?). Als ich dann als alter Hase in unserem Konzern eine Gruppe Besucher mit einer Ansprache begrüßen sollte, merkte ich während dem Reden, dass ich den neuen Job bereue und wachte auf.

Schalke: ein Selbstversuch

Neulich in der Kaffeerunde erblickte ich ein Handy-Hintergrundbild, das irgendwie schlecht Schalke04 zu huldigen schien. Beim weiteren Gespräch entstand die Idee, ein ähnliches, aber schlechteres Bild mal im Deutschunterricht als Bildimpuls zum kreativen Schreiben zu verwenden: Schalkedelfine. Bevor ich das wirklich umsetzen sollte, wollte ich es aber mal selbst ausprobieren. Herausgekommen ist ein schlechter Text:

Wir schreiben das Jahr 2104. Delfi, Thuni und Gelsi haben die Schnautze voll vom blauen Planteten. Schließlich haben sie die Bewohner schon lange ertragen müssen. Vieles haben sie mit sich machen lassen, ohne sich zu beschweren: Den Kollateralschaden bei der Thunfischjagd, dem viele ihrer Verwandten und Bekannten zum Opfer gefallen sind, die schwarze Pest, die immer wieder ihren Lebensraum inklusive ihrer Nahrung verölen lässt, und schließlich den ganzen Lärm, den die hysterischen Buckelwale veranstalten, wenn mal wieder eines dieser U-Boote durch die Ruhe plärrt. Aber was jetzt passiert ist, ist eindeutig zu viel. Eigentlich fanden die drei es ja ganz praktisch, dass mit den ganzen Klimawandelleugnern die Grundlage für die Ausweitung ihres Lebensraums geschaffen wurde. Aber wer konnte schon ahnen, dass damit auch das menschengemachte Kontinuum aus den Fugen gerät, die Naturkonstanten ad absurdum geführt werden? Niemand hat es vorausgesehen und doch ist es passiert: Schalke04 ist Wasserballmeister geworden. – So long, and thanks for the fish!

Fühlt euch frei, eigene kreative Texte zum Bild in den Kommentaren zu veröffentlichen. Vielleicht können mich eure Ergebnisse überzeugen, das Schalke-Bild im Unterricht zu benutzen…

Die Kunst, ein Opfer der Kunst

Beim Leesen eines Artikels auf zeit.de bin ich auf Jonathan Meese aufmerksam gemacht worden, bei dem ich zunächst an eine Vereinigung von Helge Schneider und Jonathan Davis denken musste. Seine Vision einer Diktatur der Kunst, in der es niemals Opfer gäbe, stellt er in einen Gegensatz zur “Menschenmachtsrealität”. Ich glaube aber, dass er das Kindische überhöht: Er küsst Heidegger lieber, als dass er ihn liest, kritzelt in Büchern rum und erklärt, es sei weder Assoziation noch Improvisation, was er tut… Wenn ichs recht begriffen habe, ist sein Leben für ihn ein andauerndes Spielen mit der Realität. Wenn man seiner Vision folgen würde, opferte man die Realität für die Diktatur der Kunst und aus “Alles ist Kunst” würde dann ja logischerweise “Nichts ist Kunst”. Ich kann damit ja nicht so viel anfangen. Total wenig, um genau zu sein.

Despair

Auch wenn mir die Selbstinszenierung von The Mars Volta in jüngster Zeit nicht mehr sehr zusagt, wollte ich doch mal auf eine Seite hinweisen, auf der recht gute Musik zu finden ist: http://rodriguezlopezproductions.com/. Achtung, nicht erschrecken! (iPhone-Benutzer dürften ‘Glück’ haben. – Wird “iPhone” am Satzanfang eigentlich groß oder klein geschrieben? – Das ist zum Verzweifeln…) Neben ruhigerer Gesangs- und Gitarrenmusik und rockiger Instrumentalmusik ist dort auch ein etwas verunsicherndes Album anzuhören: Despair. Die Liedtitel sind allesamt Rainer Werner Fassbenders Filmen entliehen, musikalisch kann ich sie aber nicht sinnvoll unterscheiden – ok, ich hab nicht alle durchgehört… Auf jeden Fall krass.

Fast so krass, wie das Storybook zu De-Loused in Comatorium, dem ersten Longplayer von The Mars Volta, das den Selbstmord eines Freundes zu verarbeiten sucht und mit folgenden Sätzen beginnt:

Cerpin taxt stood high above the wobbling miscarriage of oncoming traffic, he was weak in the knees. Blackened out of synch knew his time here would soon end with an internal hemorrhaging made aware by the animonstrosity of his frankenstatue presence. No longer would he carry on his shoulders the weight of passion.

Ich finde ja, dass das eine unnötig aufgeblähte Sprache ist, zumindest klingt meine deutsche (rudimentäre Schulenglisch-, Wörterbuch-) Übersetzung so:

Cerpin taxt stand hoch über der wabernden Fehlgeburt des aufkommenden Verkehrs, schwach in seinen Knien. Ungleich verdunkelt wusste er, dass seine Zeit hier bald mit einem inneren Ausbluten enden würde, dessen er durch die Auswüchse seiner frankensteinernen Präsenz gewahr wurde. Nicht mehr länger würde er die Last seiner Passion auf seinen Schultern tragen.

Ok, mag man anders und besser übersetzen können, aber das allein fiel mir schon sauschwer. Und ich frage mich halt, warum man es den Lesern so schwer machen muss. Da ist die Grenze zwischen Geschichtenerzählung und Selbstdarstellung am Verschwimmen. Wenngleich ich die Musik von The Mars Volta schon seit der ersten LP mochte und ich es beeindruckend finde, wie kunstvoll dieses Konzeptalbum arrangiert wurde: Verzweifelte Geschichten kann man besser erzählen. Aber vielleicht gehört das Leiden einfach zum Verstehen dazu…

PS: Es macht Freude, das hier mit Kopfhörern zu hören: A Manual Dexterity: Soundtrack Volume One.

PPS: Vielleicht interessiert hier auch der Hinweis auf einen Film von Omar Rodriguez Lopez: The Sentimental Engine Slayer. Und in Fanboy-Manier gleich ein weiterer Link mit einem Interview hinterher: Q&A with Omar Rodriguez-Lopez.

Kaffeefahrt zur Qualitätsentwicklung: “I needs a beer”

Gestern war ich in Frankfurt beim dortigen Amt für Lehrerbildung, um an einer Testleiterschulung im Rahmen des Instituts für Qualitätsentwicklung teilzunehmen. War an sich auch ganz spannend, bis auf die Schulung. – Geht halt letztlich um Statistik: Objektivität, Validität, Reliabilität. Das Ziel davon ist es, den Schulen Tests zur Verfügung zu stellen, deren Ergebnisse als  nationaler bzw. landesweiter Leistungsvergleich der schulinternen Evaluation dienen sollen. Dahinter steckt der meiner Ansicht nach alte Irrtum, dass Bildung messbar bzw. objektivierbar sei. Nicht, dass keine Bildungsstatisitk Wert besitze, aber ich erachte es als gefährlich, ein Instrument zu entwickeln, das behauptet, endlich objektiv, sprich: “wahrhaft”, einen wie auch immer gearteten Leistungsstand darzustellen. Letztlich ist das die gleiche Diskussion, die sich auch um die Zensuren dreht.

Was dann noch mehr Unmut in mir hervorrief, waren die Kartons mit Testmaterialien, die wir je nach Anzahl unserer Schulbesuche in die Hand gedrückt bekamen. Die konnten wir in vom IQ organisierte REWE-Tüten stecken, sodass wir wie Kaffeefahrtteilnehmer im vollbesetzten Zug aus Frankfurt wegfuhren. Fünf Personen mit 10 Rewetüten belagern sieben Plätze (die Kartons passten nicht in die Gepäckablage). Ich will nicht wissen, was die Leute über unsere Herkunft gedacht haben – dass wir es nötig haben, nach Frankfurt zum Rewe einkaufen zu fahren…

Auf der Fahrt saß ich mit einer Freundin auf einem vollgepackten Viererplatz, als eine Frau mit einer Gruppe Reisender ankam. Sie befahl ihren Begleitern, wo sie sich hinsetzen sollten. Alle wirkten ein bisschen – ich weiß jetzt nicht, wie ich es ausdrücken soll – prekär/bildungsfern/heruntergekommen. (Bei dem Herrn, den sie in unseren Viererplatz plazierte, nachdem wir unsere Kartons auf einen Platz gestapelt hatten, bekam ich nach kurzer Zeit extreme Lust auf alten Käse.) Die dominante Dame, die mich ein bisschen an das Klischee einer älteren Zigeunerin erinnerte, fragte dann unseren neuen Reisebegleiter, während sie ihn hinsetzte, wo er denn herkäme, sie würde einen arabischen oder persischen Hintergrund vermuten. Er kuckte nur ein bisschen komisch und sagte, dass er aus Deutschland komme (Rüsselsheim, wie ich im späteren Gespräch mit ihm erfahren konnte). Die Dame erklärte ihm, dass ihr eigener Freund aus Rumänien komme, das sei ein ganz ausgezeichneter Menschenschlag, und setzte sich zwei Reihen weiter auf ihren Platz. Ich konnte beobachten, wie sie nach kurzer Zeit asiatisches Essen auspackte, das mit seinen süß-sauren Soßen die ohnehin schon exotischen Gerüche im Wagon ergänzte. Sie aß aus einem viergeteilten Plastikteller, als ich mitbekam, wie sie den Preis ihrem Sitznachbarn vorrechnete: “1,60 das hier, 1,70 das und die beiden Soßen je 50 Cent. 3 Euro für einen ganzen Teller, da kann man nicht meckern!” Ich verkniff einen Kommentar, der zwar vielleicht zu einer Qualitätsentwicklung hätte beitragen können, aber irgendwie fühlte ich mich mit meiner Rewetüten-Armada nicht sehr qualifiziert. Außerdem war ich sowieso vollkommen vereinnahmt von dem Telefongespräch, das der prekär plazierte Herr mir gegenüber mit seinem Schwager führte. Dabei fluchte er gar nicht arabisch oder persisch, sondern äußerte sich ziemlich auf Gutdeutsch. Er sprach auch ziemlich laut. Worum es ging, war mir nicht ganz klar, aber als ich ihn nach seinem Telefonat darauf hinwies, dass er ja ziemlich deutliche Worte gefunden habe, meinte er, das sei die einzige Sprache, die sein Schwager verstünde. Wir kamen ein wenig ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er die Dame und deren Begleiter mitfahren ließ auf seinem Hessenticket. Die kannten sich also alle nicht. Als er dann eine Cola aus seinem Rucksack hervorkramte, erklärte er mir, dass er die brauche, weil er nicht so gerne Zug fahre. Das sei ihm zu eng und zu viele Leute und so. Das Problem konnte ich teilen. Was das Ganze mit Cola zu tun hatte, hab ich nicht verstanden. Er telefonierte schließlich noch ein paar mal, um irgendjemanden sein Fahrrad von irgendwo nach irgendwoanders bringen zu lassen, das aber so laut, dass Schallwellen und Geruchsmoleküle fortan ein Belästigungsduell miteinander führten. Nachdem er nach Beendigung eines Telefonats plötzlich aufstand und so für eine unerwartete Luftbewegung sorgte, konnte ich seufzend den Sieger ausmachen. Während er weg war, erfuhr ich dann durch arglistiges Belauschen der Zigeunerfrau – ich meine, vielmehr durch geschulte Beobachtungen als neuerlicher Testleiter zur Qualitätssicherung, dass sie dem Deutschen mit arabisch-persichem Hintergrund ganz und gar nicht traue und dass sie und ihr Begleiter sich vor ihm in Acht nehmen müssten. Als sie dann nach ihrem exotischem Mahl meinte “I needs a beer” und ihr Begleiter ihren Wunsch erfüllte, war ich glaube das erste Mal in meinem Leben neidisch auf jemanden, der ein Bier aus einer PET-Flasche trinkt. Denn das hätte dieser absurden Zugfahrt wenigstens noch etwas Sinn verliehen.

Bildung mag zwar nicht messbar sein, aber im Zug war sie irgendwie fühlbar.

Koffein, Selbstbefriedigung und Instrumental-Musik

Neulich ging ich mit einem Freund in der Uni-Mensa essen. Auf dem Rückweg zur UB stach uns eines der “Jesus lebt!”-Plakate ins Auge, die doch recht vehement die ein oder andere Feierlichkeit überklebten. Neugierig schaute ich mir ein Plakat etwas genauer an – die Schrift war stellenweise sehr klein und ich musste echt nah ran gehen. Im Wesentlichen stand dort etwas wie “Jesus kam in eine verdorbene Welt, verdorbene Menschen kommen nicht in den Himmel.” Als Beispiele für die Verdarbtheit der Welt waren nun einige Begriffe brainstormartig aufgelistet, u.a. “Schwulitäten“, “Kneipe” und “Koffein” stand dort. Jetzt ist ja Enthaltsamkeit spätestens seit der Straight-Edge-Bewegung, die im Punk irgendwie ihre Wurzeln hatte, nichts Uncooles mehr. Allerdings dürften einige Hardcore-Fans doch so ihre Probleme damit haben, was ich noch zum Vorschein brachte, als ich den auffällig auf dem Plakat aufgeklebten Begriff “Selbstbefriedigung” abpiddelte: Im Original stand dort “Instrumental-Musik”. Da war wohl jemand lernfähig. Dumm nur, wenn man einen großen Druckauftrag von Plakaten bestellt und hinterher feststellt, dass sich Sünde ändert. Vielleicht hat der Plakaturheber auch nur irgendwann doch mal in der Bibel gelesen und stieß auf die Geschichte der Eroberung Jerichos (Josua 6) auch mithilfe von Instrumenten. Oder er las von David, der harfespielend König Saul zu beruhigen wusste (1. Samuel 16). Vielleicht war er auch einfach nur mal in einer Kirche, um der Orgelmusik zu lauschen. Jedenfalls stelle ich mir jetzt eine Redaktionssitzung vor: “Scheiße, wir brauchen eine neue Sünde!” … “Selbstbefriedigung!” – “Na klar, warum sind wir da nicht eher drauf gekommen?!”. – Ok, Entschuldigung für das Niveau. Aber ich finde, der Begriff beschreibt tatsächlich den Antrieb des Urhebers der Plakate.

Der Freund, mit dem ich zuvor essen war, meinte auf jeden Fall, dass solche Plakate die ganze Sache kaputt machen würden. Ich glaube, dass an diesem Gedanken zwar was dran ist. Allerdings denke ich auch, dass sich jemand mit ernsthaften Beweggründen nicht von solchen Plakaten davon abbringen lassen wird, nach Gott zu suchen.

Nachtrag:
Auf der Seite http://www.bekehrdich.de findet man das Plakat.

PS: Grad ist mir das Tollste an der Seite aufgefallen: Irgendwo unten steht “Ende meiner Homepage“. Mit einem Satz mal eben so alle Festen von Hypertext ins Wanken gebracht, find ich toll.

Die Kompossibilität des Konfusen

Hab grad nen Artikel auf Spiegel-Online geleesen, in dem Oswald Egger dem Wesen des Unvorstellbaren nachgeht. Ist aus oder zu seinem Buch Diskrete Stetigkeit. Poesie und Mathematik (erschienen 2008 beim nach Berlin ziehenden Suhrkamp-Verlag).
Ich finde solche (sprach-)philosophischen Gedanken ja immer ganz spannend, aber ich raff einfach nicht, warum derartige Texte oft in einer Sphäre eigener Begrifflichkeiten schweben, die höher liegt als jeder andere wissenschaftliche Elfenbeinturm. – Wer soll das denn verstehen:

Die Kompossibilität des Konfusen und auch des Konformen, und die Interimsbilder inzwischen: in Leibniz’ wechselständiger Fulguration von winzigen, sofort wieder zerfallenden, geborgten Bedeutungen, die wie Augenblicksgötter koexistierender Zustände zwischen Rede und Realität oszillierten

Meine Übersetzung (für Hauptschulphilosophen):
“Wie wir Zusammenhänge herstellen können im Unordentlichen und auch im bereits von anderen Geordneten sowie die Frage, wie wir durch Sprache zu Momenten der Erkenntnis (= Augenblicksgötter koexistierener Zustände zwischen Rede und Realität) gelangen”

Und das ist ne Zwischenüberschrift… Ich frag noch mal: Wer soll das raffen? Vielleicht ist das ja auch ein Philosophenwitz: Das ist deren Geheimsprache und der Inhalt dieses Satzes heißt im Grunde genommen: “Wer das liest, ist doof.” …

Im Grunde genommen will Egger – so vermute ich – einfach sagen, dass es eine interne Logik in der Sprache gibt, wie sie sich selbst zusammenhält und wie sie mit der Realität in Kontakt kommt bzw. ob sie überhaupt die Realität berührt. Vielleicht will er ja auch was ganz anderes sagen. Er hat hier halt Konfusion komponiert, zumindest in mir.

Präzision, die eitel ist, führt zur geordneten Konfusion. Wer wahrhaft verstehen will, muss das Wesen der Dinge reduzieren, herunterbrechen auf die Wahrheit. Eggers Essay ist große sprach-mathematische Kunst, wer weiß. Vielleicht aber auch nicht. Ich kanns nicht beurteilen. – Und dass ich es nicht beurteilen kann, ist mein Vorwurf an ihn.

Aber vielleicht bin ich auch einfach unfair, weil ich die Dinge mit meinem kindlichen Idealismus sehe, der auf dem festen Glauben beruht, dass die Wahrheit nichts Exklusives ist.

PS: Ich mag das Roboterbild, das hat so was Romantisches…