Schlagwort-Archive: Prokrastination

Das Glück der Langeweile

Habe gerade herausgefunden, dass es TED Talks auch auf Deutsch gibt. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit:

Wem die 15 Minuten zu lange dauern, kann auch vorspulen, bis der Reisbauer vorgestellt wird. Die Geschichte erinnerte mich an die Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral. Damit ist eigentlich alles gesagt. Wem das zu schnell ging, der kann sich ja nochmal was zu Bore-out durchlesen: Ausgebrannt vom Nichtstun – Bore-out: “Ich sitze hier nur meine Zeit ab”.

Faul

Die neue ARTIC ist draußen, Stichwort: faul. Um den Titel zu unterstreichen hat die Produktion des Heftes diesmal 4 Jahre gedauert. Ich konnte gestern während eines Geburtstagsbrunch einen Blick ins Heft werfen. Einen Text habe ich dann etwas näher geleesen, also nur überflogen. Ging um die Vertreibung aus dem Paradies, Sisyphos und Prometheus. (Frage mich gerade, ob es nicht doch ein Geier war, der sanft Prometheus Leber pickte.)  Ich fand den Text zunächst etwas wirr, merkte aber auch, dass ich gerade nicht die Muse zum Lesen hatte und wollte dem Text gegenüber nicht unfair daherreden, insbesondere während zwei Redaktionsmitglieder des Magazins am Tisch saßen. War ganz gut, weil ich nämlich später bemerkte, dass der eine selbst Verfasser eben dieses Textes war.

Ein weiterer Text stammt von Malewitsch, der in der ARTIC wohl zum ersten Mal in gedruckter Form erscheint: Die Faulheit als tatsächliche Wahrheit der Menschheit. Habe ihn gerade angefangen zu lesen, war aber etwas faul und hau deswegen meine Hauptkritik sofort raus: Wovon Malevich oftmals redet, wenn er Faulheit sagt, ist meiner Meinung nach Zufriedenheit, Ruhe oder Pause. Also glückselige Momente, nachdem man gearbeitet hat. (“Andererseits ist die Faulheit der Garant und Motor der Arbeit, schließlich kann man Faulheit nur durch bzw. über die Arbeit erreichen.”) Ich finde aber, dass zu echter Faulheit gehört, beim Sichaufraffen zu scheitern:

Ganz gut gefällt mir, dass er der Aussage widerspricht, Faulheit sei die Mutter aller Laster. Dem widersprach auch Kierkegaard schon, der den bekannten Satz in “Langeweile ist aller Laster Anfang” umbedeutet haben wollte (wenn ich mich gerade richtig erinnere). Also, ungefähr so: Wenn einer nichts macht, heißt das nicht, dass nichts passiert. Momente der Ruhe / Pause / Entspannung ermöglichen oftmals erst kreative Prozesse. Nur wenn wir uns mit uns selbst langweilen suchen wir nach Ablenkung=Laster. So hab ich Kierkegaard damals verstanden und in eine ähnliche Richtung schreibt Malewitsch stellenweise – vermute ich. Habs ja nicht richtig gelesen.

Der Einband der ARTIC ist mit Jeansstoff aus alten Hosen beklebt. Das war und wird wohl ganz schön viel Arbeit. Erinnert mich ein bisschen ans Flyerfalten zu AKBp-Zeiten. Was Diego gefallen wird: In zehn der tausend Ausgaben des Magazins befindet sich ein echtes Faultierhaar. (Das Gesicht vom Zoodirektor hätte ich gerne gesehen, als er den Brief zur Anfrage las.)

So, ganz schön viel Text, dafür dass ich eben zu faul war, Malevich Text zu lesen. Nennt man wohl Prokrastination.  Diego meint übrigens, dass die Kunst darin besteht, die eigentliche Arbeit mit anderer sinnvoller Arbeit aufzuschieben. Ziemlich k l u k.

Poincaré

Da ich nicht schlafen konnte, habe ich verschiedenste Musik gehört, bis ich schließlich mal wieder bei dem Liveauftritt der Omar Rodriguez Lopez Group in Los Angelos gelandet bin: Sie spielen dort “Un buitre amable me pico” und “Poincaré” hintereinander, was ich in dieser Form extrem gelungen finde. Vor allem das Schlagzeug, aber auch insgesamt der Rhythmus hauen mich um.

Mir hat dann keine Ruhe gelassen, wovon die Frau dort wohl singen mag. Da ich kein (Gossen-?)Spanisch kann, musste ich ziemlich lang und umständlich mit dem Google-Übersetzer rumfummeln, bis ich ein halbwegs brauchbares Ergebnis hatte – das sollte man jedoch nicht als Übersetzung ansehen, da haben ich und Google sicher einiges Neues beigemischt. Auf Youtube scheinen sich auch einige Kommentatoren für den Text zu interessieren. So hab ichs jedenfalls ins Deutsche gebracht:

 

Ein Geier pickt mich sanft (Un buitre amable me pico)

Ich bin, was zwischen den Abständen geschieht,
Zeit gefüllt mit Worten,
Bis die Minuten davonfliegen,
Wer auch immer sie nimmt.

Schlaganfall/Schriftzeichen – die Lösung, wenn ich aufwache,
Um einige Momente zu vergessen,
Die ich am Ufer des Flusses anhäufe,
Um Dich abzutragen.

 

Poincaré

Ich sah nicht die Weisheit der Gegenwart,
Zerstreuung,
Ruhe ist unauslöschlich.

 

Im Original lauten die Texte laut diverser Songtextseiten folgendermaßen:

Un buitre amable me picó

Soy lo que sucede entre distancias
Tiempo lleno de palabras
Hacia donde parten los minutos
Quien se los llevara?

Trazo solucion cuando me despierto
Mis momentos pa’ olvidar
Lo que acumulo, la orilla del rio
Tuyo para deshacer

 

Poincaré

No miré
lo sabio del presente
coso para disipar
la calma es indeleble

“Trazo” kann Schlaganfall aber auch Umriss, Strich oder Schriftzeichen bedeuten. Und beim Suchen nach einer Übersetzung des 2. Titels bin ich dann auf Henry Poincaré gestoßen. Er wird in Wikipedia als letzter Universalgelehrter bezeichnet, da er sich neben Mathematik unter anderem auch mit Geodäsie sowie Physik beschäftigte. Die Sätze, die dort zu seinen philosophischen Betrachtungen stehen, helfen womöglich, das Lied zu verstehen, sind aber auch so interessant:

Er schrieb auch philosophische Abhandlungen zur Wissenschaftstheorie und begründete dabei eine Form des Konventionalismus. Er trennte das Faktische von der Definition. Auch lehnte er die Klassifizierung in die beiden Extrema Idealismus und Empirismus ab und es gelang ihm in seiner Philosophie eine Verquickung von geistes- und naturwissenschaftlichen Fragestellungen.
Geprägt vom Fortschritts-Paradigma und Optimismus des 19. Jahrhunderts ging Poincaré mit einem mathematischen Naturverständnis und dem Experiment an die Arbeit. Er klammerte jedoch bewusst die Suche nach der Wahrheit als letzter Realität aus und operiert nicht mit metaphysischen Objekten – gewissermaßen formuliert er Aufklärung neu.

Und in dem im weiteren Verlauf des Artikels verlinkten Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten von Robert M. Pirsig liest man:

Der Name Zen im Titel des Werks Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten steht symbolisch für die Auffassung, dass eine bestimmte Herangehensweise zu Problemlösungen im Bereich der Technik führen kann. In dieser Herangehensweise hat der Beobachter sich selbst noch nicht so weit von der beobachteten Welt getrennt, dass er nur noch statische, unveränderliche Dinge vor sich sieht, die den Zwecksetzungen des Beobachters entsprechend funktionieren oder nicht funktionieren. Der Beobachter in dieser Herangehensweise ist noch so weit mit den Dingen verbunden, dass er Neues wahrnehmen kann, und dass er auf diese Weise die Dinge – und damit seine Welt – dynamisch den auftretenden Problemen anpassen kann.

Naja, keine Ahnung, wie das zusammenhängt. Jedenfalls stelle ich fest, dass ich mich nun seit etwa vier Stunden mit dem Thema zerstreue, anstatt zu schlafen. Was der Zerstreuung übrigens ganz besonders dient, wenngleich die Tonqualität miserabel ist, sind Omar Rodriguez Lopez, Flea und John Fruiscante bei diesem Auftritt 2004:

Grinding

Dank meines Crowdfundinganfalls vor ca. einem Jahr – was Crowdfunding ist, erfährt man z.B. von Diego – besitze ich seit einigen Tagen eine Kaffeemühle. Der ROK Coffeegrinder gefällt mir tatsächlich ganz gut. Vorteil: Das Teil braucht keinen Strom. Nachteil: Man muss per Hand grinden. Dieses geht aber doch spürbar einfacher als bei einer gewöhnlicheren Handmühle. Das Justieren des Stahlmalwerks – optional wohl auch als Keramikvariante vorhanden, keine Ahnung, was das bringt – lässt deutlich feineres Kaffeemehl zu als bei meiner elektrischen, die etwa gleich teuer war. Wenn man es arg fein einstellt, ist es beim Mahlen dann auch fast so laut wie bei einer elektrischen Mühle. Das feine Mehl führte beim ersten Versuch dann auch gleich dazu, dass ich den Hebel der La Pavoni trotz aller Kraftanstrengungen nicht oder nur kaum bewegen konnte. Ganze drei Tropfen hochkonzentrierter Espressobrühe konnten herausgepresst werden. Mittlerweile funktioniert das etwas besser und ich muss sagen, dass ich die Wichtigkeit der Feinheit des Kaffeepulvers unterschätzt habe.

Noch wichtiger ist es allerdings, den Kaffee mit guten Menschen entspannt zu genießen. Das sollte man hin und wieder auch mit einfachem Filterkaffee tun. Hilft ungemein, um kein Kaffeenazi zu werden.

grinder

rok

Cagebirds

Gestern bin ich im Keller Theatre gewesen, um mir das Stück The Cagebirds anzusehen. Die Darstellerinnen haben es überzeugend hinbekommen, ich kam mir vor, als beobachte ich einen menschlichen Vogelkäfig. Nicht nur mir hat es gefallen. Gut fand ich auch die Idee von Sascha, als Eröffnungslied Boys Are Back in Town umzudichten und mit der Gitarre Birds Are Back in Cage zu singen. Auch die Lieder, die er und seine beiden anderen Musikkollegen im Anschluss gespielt haben, waren hörenswert, unter anderem The Lovecats. Disarm hatte ich auch ewig nicht gehört. Es gibt nächstes Wochenende noch zwei Aufführungen.

PS: Besonders zu erwähnen ist natürlich der Acting Specialist des Stücks, auch wenn er gestern nicht da war.

Crowdfunding: Massenegoismus

So langsam wird es mal Zeit, hier über diverse Crowdfundingprojekte zu berichten, die ich in der letzten Zeit unterstützt habe. Zunächst wäre da natürlich das Telefon, mit dem ich diesen und die letzten Beiträge erstellt habe. Nach beinahe zwei Jahren Nutzung muss ich mittlerweile sagen, dass ich das Betriebssystem ziemlich gut finde und es gerne täglich nutze. Meiner Meinung nach ist die Bedienung der anderen Smartphones überlegen – wenngleich man aufpassen sollte, keinen Swipedaumen zu bekommen.

20150822_025Am Freitag kam dann meine Uhr, die eigentlich bereits im März verschickt werden sollte. Da gab es schon viel Rumgeheule in der entsprechenden Community. Dass das Design gelungen ist, bestätigte mir gestern in der Berghain-Schlange eine ganz sympathische Hipsterella. Die war zwar nicht davon beeindruckt, dass die Uhr auch blinken kann, aber die Tatsache, dass sie mit ihrem Hipster-Begleiter reingelassen wurde, der wiederum für seinen Norwegentrip – “Ich will da so durch die Fjorde wandern und wenn es regnet, will ich gut aussehen!” – eine ganz spezielle gelbe Regenjacke online suchte, einen Friesennerz, wie sich herausstellte, bestätigte meiner Uhr einen gewissen Stylefaktor. Nevo bewirbt sie als erste analoge Smartwatch. Es gibt derzeit wohl noch viele Probleme mit der App. Die kann ich aber eh nicht ausprobieren, da mein Supertelefon Android nur bis Version 4.1 emulieren kann. Also bleibt mir erstmal nur der Stylefaktor.

Vermutlich im September kommt übrigens das passende Tablet zum Telefon. Viel spannender als die Hardware wird da jedoch sein, wie sich die Änderungen in SailfishOS 2.0 so machen werden. Das soll dann auch mit etwas Verzögerung aufs Telefon kommen, daher nicht irrelevant.

Gespannt bin ich auch auf den Coffee-Grinder, der mit seinem Mahlwerk speziell für Espressomehl gut geeignet sein soll. Der Vorteil ist, dass er nicht elektrisch ist. Das erhöht neben dem Style- auch den Gutmenschenfaktor meiner Küche.

Schade finde ich, dass das Projekt AguaClara, welches ich als Weihnachtsgeschenk für jemanden finanziert hatte, seinen Zielbetrag damals nicht im Ansatz erreichen konnte. Vielleicht lag es an einer mangelhaften Kampagnendurchführung – denn das sollte klar sein, dass Crowdfunding meist eine ganz spezielle Form von Werbung für ein Produkt ist. Nevo schreibt dazu, wie man das am geschicktesten machen sollte. Irgendwie ziemlich entlarvend. Ich glaube aber eher, dass Crowdfunding grundsätzlich funktioniert, wenn es dem Einzelnen etwas konkret bringt. Insofern kann man von Massenegoismus sprechen.

Der größte Vorteil für mich ist das zeitversetzte Konsumieren. So kann ich Geld ausgeben und irgendwann kommt ein tolles neues Spielzeug, über das ich mich freuen kann. Das ist dann quasi wie ein Geschenk, da ich das Bezahlen schon wieder vergessen habe. Toll, was?