Schlagwort-Archive: Netz

Hydra

Ich schrieb neulich über Dienste und so. Nachdem ich nun schon eine Weile auf Android und Whatsapp verzichte (naja, ist ein bisschen gefuddelt, gelegentlich ruf ich whatsapp auf nem anderen Telefon im Wlan noch ab), muss ich sagen: Ich komme gut zurecht. Das liegt wohl daran, dass ich immer noch ziemlich viel von den großen Diensten nutze. Googles Youtube zum Beispiel. Facebook vermisse ich tatsächlich nicht, auch wenn ich mir überlegt habe, wieder einen Account zu erstellen, um einen Terminfeed von lokalen Events zu haben. Jetzt ist mir aufgefallen, dass ich einen Dienst bei meinen Überlegungen vollkommen vergessen habe: Amazon. Gut, ich habe meine Prime-Mitgliedschaft vor kurzem gekündigt. Und Bücher kauf ich grundsätzlich lieber woanders. You Were Never Really Here, die Grundlage für den gleichnamigen Film, habe ich allerdings auf die Schnelle nur auf der Amazonplattform gefunden und – Zack – bestellt.

Schlimm finde ich das alles ja nicht. Es geht mir dabei auch nicht um den Kampf gegen Windmühlen, Verschwörungstheorien oder ums Prinzip. Ich sehe es eher als zwanglosen Selbstversuch, nicht von den großen Diensten sich abhängig machen zu lassen. Fühlt sich aber im Moment eher an wie der Kampf gegen die Hydra. Nur langweiliger.

Nachtrag:
Na toll, jetzt bin ich auf Amazon reingefallen: Wenn man was bestellt, ist die Standardeinstellung für die Versandart “prime” und nicht “Standard”. Hydra.

Angst Essen Google Auf

Vor Kurzem unterhielt ich mich mit einer Schülerin über ihr vergangenes Prüfungsthema, digitale Demenz. Ich fragte mich, was sie damit meinte. Ob es in die Richtung von Manfred Spitzers Behauptungen Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen (E-Book Version kompakt, für die Denkfaulen, tolles Marketing!) gegangen ist? Seine Thesen scheinen übrigens hohe Wellen geschlagen zu haben: OK, Google, Where Did I Put My Thinking Cap? Man könnte da aber auch etwas neutraler vom Internet als externem Gedächtnis sprechen. Oder Supergehirn.

Oder meinte meine Schülerin mit dem Begriff digitale Demenz nicht analoge Ignoranz, sondern dass das Internet – und damit womöglich auch die Menschheit – ständig Dinge vergesse? (Zur Erklärung: Diego hat neulich in der Berghainschlange festgestellt, dass die meisten externen Links auf der AKBp-Seite nicht mehr funktionieren. Soo lange ist das mit dem AKBp nun auch nicht her, siehe Gründungsmythos.) Dabei wird das Internet ja hier irgendwie gespeichert: The Wayback Machine. Die Frage ist nur, ob das als Gedächtnis zählt. Eigentlich wird da ja nicht ein komplettes Netzwerk gespeichert. Vielleicht ist das ein bisschen so, als würde ein Mensch immer alles aufschreiben, aber nicht verknüpfen und sortieren. Ein Gedächtnis funktioniert also eigentlich nur mit einer Instanz, welche die Erinnerungen sortieren und aufbereitet darbieten kann. Sowas wie Google also. Logisches Problem: Falls die Benutzung der Suchmaschine tatsächlich dazu führen sollte, dass wir weniger selbst denken und das Internet in der Folge mit immer weniger neuen bzw. relevanten Daten füttern, werden dann nicht alle Informationen irgendwann redundant? Vergisst das Internet schließlich sich selbst? Das ist, wenn ich mich richtig erinnere, der Traum des Überwachungssystems in George Orwells1984: Mittels Neusprech die Sprache schließlich auf ein Wort zu reduzieren. Dort kontrolliert das System die Menschen übrigens mit ihren persönlichen Ängsten.

(Da geht’s schon unaufhaltbar voran mit der digitalen Demenz. Wollte gerade irgendwo weiter oben den Link zu dem Film Lo And Behold – Reveries Of The Connected World einfügen. Die Domain ist nicht mehr vergeben: http://www.loandbehold-film.com/)

Zwischendurch zur Klarstellung: Ich will damit echte Demenz nicht veralbern.

Ich denke, dass das Thema digitale Demenz vor allen Dingen von Angst geschürt wird, so wie viele Themen gerade, die den derzeitigen sinnentleerten Wandel markieren. Viele wünschen sich in die Vergangenheit zurück, die sich im Gewand der Erinnerung (dank selektiver Sortierung und Aufbereitung) heute besser darzustellen vermag, als sie es damals als  Gegenwart vermochte.

So würde sich auch erklären, wieso neulich der Pfarrer in Wissenbach (Vakanzvertretung) so krudes, pseudoanalytisches Zeugs gepredigt hat. Thema der Predigt: Was hat das Christentum Gutes für Deutschland gebracht. (Predigtext war, wenn ich mich richtig erinnere, Matthäus 23 – was mit dem Thema nichts zu tun hat, höchstens mit seiner Sichtweise auf sich selbst, falls er sich wirklich als Rebell in der evangelischen Kirche versteht, wie meine Mutter mal meinte.) Mein Gedächtnis hat einen Großteil der Predigt mittlerweile verdrängt. (Das lässt in mir den Gedanken keimen, dass Vergessen Arbeit ist und daher mit Anstrengung verbunden ist.) In seiner Ansprache richtete er sich immer wieder direkt an die drei Jugendlichen vor mir, nutzte dabei aber Wörter wie Attribut und anthropophil (oder androphil?). Es gipfelte schließlich in der Aussage: “Und wenn es in Deutschland nicht so viele Abtreibungen gäbe, bräuchten wir weniger ausländische Fachkräfte.”  Ich hab mich währenddessen schwer aufgeregt und konnte nicht still sitzenbleiben in der Bank, bin es meiner Mutter zu Liebe aber doch. Hatte der Pfarrer wohl auch gemerkt, weil er da sowas in seinen Schluss einbaute wie “Auch wenn es hier manche aufregen mag…”. (Meiner Mutter hat dieser harte Satz vorher übrigens auch nicht gefallen, wie sie mir später sagte.)

Diese Predigt und auch die Thesen Manfred Spitzers würden, glaube ich, ohne ein dahinter gedachtes Früher war alles besser nicht wirklich greifen. Und dieser Gedanke kommt vielen, glaube ich,  derzeit durch eine Angst vor der Zukunft im Angesicht der Gegenwart.

Unsere negativen Emotionen sind aber ein schlechter Archivar unserer Erinnerungen.

Nachtrag:
Jetzt habe ich völlig vergessen, zu erzählen, wie ich überhaupt aktuell auf das Thema gekommen bin: Neulich habe ich eine Deutschgeschichte, Klasse 6, korrigiert, in der ein Schüler einen merkwürdigen Rechtschreibfehler eingbaut hatte: Am Anfang dachten alle, es Wärme nur eine Frage der Zeit. Wie zum Geier schleichen sich schon t9-artige Tippfehler, wie man sie von der Autovervollständigung bspw. aus Whatsapp kennt, in handschriftliche Texte ein? Ich Rätsel Zimmer noch, wie ihm das Passwort konnte.

Nachtrag

Ich komm mit dem Updaten nicht mehr hinterher:

Just to clarify: This information does not concern #SailfishOS itself, but it is limited to Rostelecom considering a product name for its special clients in Russia that would utilise Sailfish OS Mobile RUS.

(@jollahq auf Twitter)

  • Außerdem habe ich jemanden gefunden, der 5 Monate ohne Google lebt(e). Der Text macht meinem Vorhaben Mut:

The experiment helped me realise how deep the company from Mountain View, California has woven itself into the fabric of our life and how difficult it is to stop using its services. At the same time, it also made me appreciate how competent the often ignored alternatives are. Life without Google seems extremely scary and daunting. However – a few exceptions aside – it is indeed possible.

(I Stopped Using Google Apps and Services for 5 Months. Here’s Everything I Learnt)

Nachtrag:

 

Dienst und Dienlichkeit

Mir geht seit einiger Zeit durch den Kopf, mich von den größeren Diensten zu verabschieden. Konkret meine ich da Facebook, Twitter, Whatsapp, Microsoft und Google. Geschafft habe ich bislang Facebook. Zumindest glaube ich das, denn ich habe Sorge, das zu überprüfen. Denn Facebook sagt, wenn du deinen Account löschst, bewahren wir deinen Zugang noch 6 Monate auf und falls du es dir anders überlegst, musst du dich nur einmal mit deinen Zugangsdaten einloggen und – Zack – bist du wieder dabei! So scheiterte mein erster Versuch daran, dass ich an einem meiner Telefone vergessen hatte, den Facebookdienst zu deaktivieren. Und als ich es dann mal wieder aus Nostalgiegründen startete – Zack.

Auf Whatsapp habe ich halb gezwungenermaßen mal eine Weile im vorletzten und letzten Jahr verzichtet, als ich auf dem Fairphone 2 den community port von SailfishOS installierte. Der kommt logischerweise ohne Androidlayer daher und da diverse inoffizielle Whatsapp-Appentwickler irgendwann Post vom Anwalt von Facebook erhielten, wurde die Einstellung der Entwicklung an nativen Anwendungen wie Whatsup oder Mitakuuluu erzwungen. Ich hingegen hab eines der beiden Programme weiter genutzt und – Zack – wurde meine Nummer geblockt, Whatsapp hatte mich rausgeschmissen. Im Affekt hab ich dann den Support kontaktiert und Hilfe erbeten. Da wurde per Gnadenrecht erwirkt, dass meine Nummer wieder reaktiviert wurde, jedoch mit dem Hinweis, bei einer weiteren Verfehlung meinerseits endgültig gesperrt zu werden. Daraufhin boykottierte ich dann aus Protest (und in Ermangelung konkreter nativer App-Alternativen) Whatsapp weitgehend und nutzte eine Weile Telegram als Hauptmessenger.

Tja, mein Resümee dieser Zeit war: Wenn Fairphone keine Displayprobleme gehabt hätte und mich (und andere) etwa ein halbes Jahr lang auf einen Austausch des Displaymoduls hätte warten lassen, hätte ich mir womöglich nicht das Sony Xperia X samt Sailfish-Lizenz gekauft, dort den Androidlayer aktiviert, um wieder Whatsapp nutzen zu können, und zu allem Übel auch noch die Google Services draufgefuddelt, damit ich die Strava-App nutzen kann. Also letztlich ziemlich viel Gedäh, weil ich irgendwie doch noch angebunden bleiben will.

Das Hauptproblem in diesem Zusammenhang sehe ich darin, wie langfristig die diversen Dienste offene Schnittstellen behalten. Das machen sie vermutlich so lange, bis sie eine derartige Verbreitung haben, dass sie sagen können, wir schließen unsere APIs jetzt und damit vergraulen wir nur einen verschmerzbaren Teil, siehe Facebook. Denn wer will schon alle paar Jahre/Monate seine Dienste wechseln und damit seine Kommunikationsmöglichkeiten womöglich stark einschränken? Es will ja auch nicht jeder ständig umziehen und sich Freundeskreise neu aufbauen. Man bräuchte also sowas wie ein LTS-API.

Zugegeben, das sind nicht die Probleme der Nutzer, die ja im Grunde im Mobilbereich nur zwischen zwei Plattformen für Programme entscheiden können. (Das Geschrei will ich nicht erleben, wenn Facebook ins Hardwaregeschäft einsteigt und seine Dienste für Google-Android und iOS nicht mehr anbietet.) Deren Probleme – und meine, wie ich feststellen musste – liegen eher im Bereich der Verbreitung und dem Anwendungsumfang: Mit welchem meiner Kontakte kann ich mittels welchen Dienstes wie kommunizieren?

Und da haben sich in meiner Vergangenheit – Zack – einige Abhängigkeiten entwickelt, deren Ausmaß ich erst jetzt allmählich überschaue: Microsoft nutze ich gelegentlich noch mit Windows 10 auf dem Desktop-PC und auf Onedrive habe ich über längere Zeit einige mittelwichtige Daten angehäuft, auf die ich spontan, unkompliziert und umfangreich zugreifen kann. Googlemail hatte ich mir mal eingerichtet, weil man dort so praktisch verschiedene Mailadressen einbinden kann, und diese alten Mailadressen werden noch gelegentlich genutzt.

Da fällt mir zum Schluss nur Kants Ausspruch ein, Moment, ich google ihn kurz…:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Nachtrag (7.4.) (mit Update (7.4.)): Das wars dann wohl auch mit der Twitter-Einbindung in SailfishOS: Twitter closes API for real-time updates for all non-official apps. Mehr auf http://apps-of-a-feather.com/und dem Twitterblogeintrag von Dezember mit dem irgendwie euphemistischen Titel “Announcing more functionality to improve customer engagements on Twitter”:

We are providing notice to all Twitter developers that on Tuesday June 19, 2018 we are retiring the following services and endpoints:

User Streams
Site Streams
GET direct_messages
GET direct_messages/sent
GET direct_messages/show
POST direct_messages/new
POST direct_messages/destroy

Update: Der Entwickler von Piepmatz sieht das Ganze entspannt. Pushbenachrichtigungen von Direktnachrichten könne man bspw. auch ohne API implementieren.

Nachtrag 2 (7.4.): Tinder-Singles geraten in Panik:

“Ich habe heute eine Verabredung aber nicht ihre Telefonnummer”, nölte Max Davids auf Twitter. “Das ist ein ernstes Problem für mich.” Am Ende ging aber alles gut: “Sie nutzte ihre Detektivkünste, um mich auf Twitter zu finden”, freute Davids sich später. Die Frau sei ein guter Fang.

Ein netter Abend in Berlin

Wollte nur mal eben ein paar Bilder online stellen von einem netten Abend an der Spree in einer Freiluftbar namens Kiki Blofeld. War da letztes Jahr schon mal, leider haben sie die Paletten durch Mini-Liegestühle ersetzt, was vielleicht ein bisschen bequemer ist, aber doch ein wenig Handmade-Flair einbüßt, der mir so gut gefallen hatte. Na egal, es war trotzdem ganz cool, obwohl ich nicht ein einziges Mal open Air gekickert habe…

Kronleuchter, Spree, Spree2, Dunkel, Dunkel2, Spreedunkel, Spreedunkel2, Spreesepia, Spreesepia2

Ich gebe zu, dass ich einfach nur mit meinem Handy rumgepspielt habe, aber damit ich mir mal ein bisschen mehr wie ein richtiger Blogger vorkomme, wollte ich die Fotos niemandem vorenthalten…

Brot

Beim Surfen habe ich gerade einen nettes Video gefunden: Making No-Knead Bread. Der Hinweis darauf fand sich auf indexhibit.org, klang auch ganz interessant, aber ich hab kein Linux installiert, also werde ich mit schmutzigen URLs leben müssen. Auf indexhibit.org bin ich gestoßen, weil ich auf dieser kleinen Seite ein amüsantes Schriftartensuchspiel gestartet habe. (Das hat mich schwer an Prokrastination erinnert.) Hingeführt wurde ich von typophile.com. Dort war ich wegen eines Forenhinweises zu einem Telepolis-Artikel: Digital ist besser – oder doch nicht? Geklickt hab ich auf den Artikel, weil mich das Thema rund um die Zukunft des Buches sehr interessiert. Was das Ganze mit Brot nunmehr zu tun hat, weiß ich auch nicht, außer dass die Verknüpfungen selbst in Zukunft vielleicht die inhaltlich sinngebenden Zusammenhänge darstellen werden: As We May Think.

Das Netz – ein öffentlicher Ort?

Nachdem sich Facebook mit rund 400 Millionen Nutzern und mehr Seitenaufrufen als Google wohl über lange Zeit ins Gespräch bringen wird (zusammengetragen auf netzsofa.net), hat sich mir die Frage gestellt, wie solche und andere Kommunikationsforen Teil einer neuen Form von Öffentlichkeit sind. Habermas zum Beispiel sieht eine fragmentierte Öffentlichkeit im Netz:

Das Web liefert die Hardware für die Enträumlichung einer verdichteten und beschleunigten Kommunikation, aber von sich aus kann es der zentrifugalen Tendenz nichts entgegensetzen. Vorerst fehlen im virtuellen Raum die funktionalen Äquivalente für die Öffentlichkeitsstrukturen, die die dezentralisierten Botschaften wieder auffangen, selegieren und in redigierter Form synthetisieren. (nachlesen: Habermas 2.0 – Strukturwandel der Öffentlichkeit reloaded)

Wer ein bisschen Zeit aufbringen will, kann dazu 175 Minuten lang einen Einblick in den Münchner Mediengipfel vom Oktober 2009 nehmen. Dort redet Richard David Precht von Minute 38:41 bis 54:37 in dieselbe Richtung, insbesondere ab 46:40 (krass: individualisiertes Kollektivdasein der vereinzelten Masseneremiten). Eine Gegenposition vertritt Felix Neumann in seinem Blog:

Prechts Politikverständnis ist hoffnungslos veraltet: Für ihn kann strenggenommen nur die Agora in Athen bestehen, denn dort werden wirklich alle Fragen von öffentlichem Belang in einer gemeinsamen Öffentlichkeit diskutiert. Schon vor dem Internet war die Gesellschaft zu groß und zu komplex, als daß man ernsthaft annehmen konnte, daß ein völlig homogener Diskursraum möglich sei. Natürlich ist auch der öffentliche Diskurs arbeitsteilig; zum Glück muß ich nicht am öffentlichen Diskurs über etwa Kohlenstoffabscheidung und -speicherung (zweifellos ein enorm wichtiges Thema!) teilnehmen. Das »fragmentiert« den Diskurs aber nicht, das segmentiert und ordnet ihn – und nur dank dem Netz kann ich schnell nachlesen, was es damit auf sich hat, und weil das Netz bisher fragmentierte Öffentlichkeiten verbindet, kann ich mich bei Bedarf ungleich tiefgreifender informieren, als das ein Drei-Minuten-Beitrag in der Tagesschau oder ein Zeitungsartikel könnte. (nachlesen: Das Netz integriert Öffentlichkeiten. Gegen Precht)

Tja, da steht man nun und weiß nicht recht weiter. Irgendwie geht es ja bei ‘Öffentlichkeit’ vor allen Dingen darum, was man annimmt, welche Auffassung andere zu bestimmten Themen haben und welche dieser Meinungen vorherrschend sind und welche Position man selbst zu dieser vorherrschenden Meinung einnimmt. Dass dabei nicht immer die mehrheitlichen Meinungen vorherrschend sein müssen, sondern vielleicht sogar die selbsteingeschätzte Gegenposition mehrheitlich aber nicht vorherrschend ist – dazu braucht man nicht die Weisheit eines Roland Kochs. Nun trägt zu dieser schweigenden Gegenposition vielleicht auch etwas die Anonymität des Lesers bei (dazugehörige These). Für schwerwiegender erachte ich allerdings, dass große Bevölkerungsgruppen einfach nicht teilnehmen am digitalen Austausch. Und wenn man selbst keine Emailadresse hat, womöglich ohne Handy durch die Gegend läuft und nicht über 50 Jahre alt ist, dann ist man absonderlich – so die von mir behauptete öffentlich vorherrschende Meinung. Dass diese Meinung zu kritisieren ist, da werden mir sicherlich die meisten zustimmen… – Wie dem auch sei, was ich eigentlich sagen wollte:

Ob Fora oder Foren: Wo viel Gerede, da ist viel Schweigen.

PS: Das führt weiter weg, ist aber nicht weniger interessant: Ist ein globales demokratisches System möglich?

3 Parteien

Heute war ich mit einem Freund in Gießen in der Fußgängerzone, um Kaffee zu trinken. Spontan entschlossen wir, die dort anwesenden Parteistände zu befragen, warum wir deren Partei wählen sollten. Als erstes gingen wir zu den Grünen, denen wir beide zunächst am ehesten zugetan waren. Die Frau, die dort Windmühlen bastelte, enttäuschte uns allerdings, als sie uns sagte, dass sie gegen diese “Atomdings” seien. Ich fragte dann nach, wie die Grünen sich zum Thema Bildung verhalten würden und als nur ein “Ähmm” und dergleichen kam und ich meine Frage konkretisierte, ob denn Bildung Länder- oder Budesssache sein solle, fragte die windmühlenbastelnde Frau den langbärtigen Mann, was denn der Tom dazu gesagt habe. Thomas, damit war der Spitzenkandidat der Grünen gemeint. Der fand, das sei Bundessache, meinte der Bärtige, woraufhin die Windmühlenbastelnde meinte, das sei Bundessache. Daraufhin gingen wir etwas resigniert zum Stand der SPD, wo wir einen alten, guten Bekannten aus AStA-Zeiten trafen. Der erzählte uns ziemlich viel Ehrliches über seine Sicht auf die Wahl und die Chancen der Vorhaben der SPD. Das Gespräch war länger und gut. Nach kurzem Zwischenstopp auf dem Gästeklo von Horten stießen wir auf den Stand der Piratenpartei. Dort fragte ich mich durch einige komplexere Themen durch. Als Fazit kam dabei heraus: Der Mann von der Piratenpartei sieht zwar die Gefahr, dass kleinere Verlage unter der “OpenAccess”-Forderung der Piraten leiden würden, aber dieser Umstand mehr oder weniger dem Strukturwandel geschuldet sei, der mit der Entwicklung des Internets einhergehe. Außerdem sei es doch gar nicht so schlimm, ein Interview für die Junge Freiheit zu geben. …

Nach diesem Tag bin ich unentschlossener als zuvor, wen ich wählen soll. FDP und CDU/CSU kommen von vornherein nicht in Frage. (Obwohl ein Repräsentant bei der FDP eher visuell sich als LINKE-Kandiadat präsentierte, sind beide Parteien inhaltlich tabu.) Piraten haben sich durch ihre Aussagelosigkeit zu manchen Bereichen disqualifiziert, bleibt also nur noch die windmühlenbastelnde Grüne oder der ehrliche Sozialdemokrat… Wobei die Sozialdemokratie sich selbst nicht wählen mag.

So schwer ist mir noch keine Wahlentscheidung gefallen.