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13 Suchergebnisse für "fahrrad"

Whirlwind

Über die TED Radio Hour bin ich auf den Freedom Leveraged Chair gestoßen. Hatte zuvor irgendwie noch nie darüber nachgedacht, wie geländegängig so ein Teil sein können sollte. Gut gefällt mir, dass die Variante für die armen Länder auf nahezu überall verfügbare Anbauteile setzt wie jene, welche ich für mein jüngstes Fahrradprojekt gebraucht habe.

Später beim Stööbern kam ich dann zum Whirlwindwheelchair. Bei all diesen Projekten scheint es eine Herausforderung zu sein, wie etwas langfristig instandgehalten werden kann. Vermutlich der wichtigste Punkt in den Überlegungen bspw. eines Ingenieurs ohne Grenzen.

Design wird meiner Wahrnehmung nach noch immer unterschätzt. Obwohl Design doch ist, die bestmögliche Lösung zu finden. Dazu muss die Perspektive des Benutzenden eingenommen werden.

Morbiditätsradeln

Gestern bin ich mit dem Fahrrad nach Marburg, um Kaffee zu kaufen. Es handelt sich dabei um einen Contigo-Laden mit eigener Rösterei. Bislang habe ich nur dort reinen Robusta-Espresso gefunden. Auf dem Rückweg hielt ich an, als ich einen halb überfahrenen Käfer sah:

Als ich für das Foto auf der kaum befahrenen (und für den Autoverkehr eigentlich gesperrten) Straße lag, unweit von mir das Fahrrad, kam auf einmal ein Auto. Es hielt an. Der Fahrer reckte sich nach oben und fragte bestürzt durch das Beifahrerfenster, ob alles in Ordnung sei. Ich hab das erst nicht gerafft und sagte, dass alles OK sei und ich nur ein Foto mache. Als er weiter fuhr, kam mir in den Sinn, dass der neben mir liegende Helm und das Fahrrad etwas weiter nach einem Unfall aussehen müsse. Währenddessen erreichte mich ein Radfahrer, der besorgt fragte, ob alles in Ordnung sei. Mir wurde das dann unangenehm und ich brach das Fotografieren ab. Schön, dass sich alle Vorbeifahrenden Sorgen machten und nachfragten. Ob auf einer viel befahrenen Straße auch 100% angehalten hätten?

Piet

Anne hat mich gerade daran erinnert: Vor genau einem Jahr musste mein Hund eingeschläfert werden. Er hatte Krebs, der so gestreut hatte, dass durch ein Loch in der Herzwand Flüssigkeit im Herzbeutel war. Eine Not-OP wäre sofort nötig geworden, um mit einer Punktion das Herz zu entlasten. Da seine Blutwerte mies waren, wäre er vermutlich bei der OP verblutet. Hätte er überlebt, hätte er vermutlich noch wenige Wochen gelebt. Also war die Entscheidung, ihn einzuschläfern, vernünftig. Schwer war sie, weil er vor dem Einschläfern noch ziemlich fit schwanzwedelnd in den Behandlungsraum der Tierklinik reingetrabt kam. Der Oberarzt hatte wohl nochmal deutlich gemacht, dass er noch nie ein Tier mit diesem Krankheitsbild gesehen habe, das noch so fit gewesen sei. Das kann ich bestätigen, da er mich (auf dem Fahrrad) noch 10 Tage vorher abgezogen hatte, ich kam schlicht nicht an sein Tempo heran. Es geht manchmal sehr schnell.

BUS

Donnerstag bin ich (auf dem Fahrrad) zwischen einem mich überholenden Zieharmonikabus und einem einparkenden Auto beinahe zerquetscht worden. Ich fuhr auf der Straße, der Bus überholte mich mit geschätzt weniger als 1m Abstand auf Höhe der ersten Sitzreihen links und dem einparkenden Auto rechts. Der Busfahrer drängte etwas nach rechts und mit einer starken Bremsung konnte ich noch rechtzeitig anhalten. Geschimpft habe ich wie ein Rohrspatz.

Meine Physiotherapeutin (Radfahrerin) hatte vor Jahren bereits über die Gießener Busfahrer geschimpft. Ich hatte das damals nicht so krass gesehen, mittlerweile aber einige Erfahrungen gemacht, die das tendenziell bestätigen. Noch problematischer finde ich allerdings diverse Radwege, die vom Bürgersteig auf Höhe einer Bushaltestelle auf die Straße zusammengeführt werden. Das ist sicher für Busfahrer schwer einzusehen. Zugegeben war dies nicht mein erster Gedanke, als ich damals mit einer Vollbremsung einen Ziehamonikabus etwa 50cm vor meiner Nase vorbeibrettern sah. (War es der gleiche Bus?)

Am Donnerstag habe ich mich jedenfalls über diese rücksichtslose Fahrweise des Busfahrers so sehr geärgert, dass ich ihn an der nächsten Haltestelle ansprach, ob er mich nicht gesehen hätte. Seine Reaktion: “Haben Sie mich nicht gesehen? Das ist kein Formel1-Rennen!” (Ich muss hier nochmal betonen, dass er mich überholte.) Das fand ich sehr frech (, aber weil ich so langsam bin, fiel mir das erst später auf) und bat ihn mit zusammengelegten Händen: “Bitte, bitte, bitte, nehmen Sie mehr Rücksicht!” Er hat mich dann mit den Händen nachgeäfft. Hat sich alles nicht so toll angefühlt. Habe mich dann noch den ganzen Tag aufgeregt. Auch irgendwie dumm.

Nennt man das eigentlich Nötigung?

Ich sehe da eher ein strukturelles Problem in der falschen Priorisierung bei städtischer Verkehrsplanung und halte Veränderungen hier für wesentlicher als Diskussionen um Tempolimits auf Autobahnen. Allerdings kann es mir auch passieren, von E-Bussen zerquetscht zu werden.

Eichholzkopf

Nachdem der letzte Fahrradausflug nach etwa 15 Minuten mit einem platten Hinterreifen unterbrochen wurde und dank Patricks Flickzeug die Fahrt nach etwa 30 Minuten fortgesetzt werden konnte, bin ich heute mal woanders lang. Schwer schie hey:

Die Festtagskilokalorien ächzten ganz schön ab 300m N.N. Also als es losging. Am Eichholzkopf bei 600m N.N. haben sie nur noch gewimmert, auch vor Kälte.

Alte Hipster – geht gar nicht

Mit E-Bikes kann ich ja wenig anfangen – und bin damit vermutlich nicht alleine. Vielleicht liegt das daran, dass ich einfach gerne Fahrrad fahre. Ich höre in Gesprächen darüber öfter, dass es für ältere Menschen ja schon sehr gesund und praktisch sei. Lustigerweise habe ich das Argument bislang nur von vergleichsweise jungen Menschen gehört.

Mit Freunden hatte ich mal kurz darüber gealbert, dass unser nächstes Fahrrad ein E-Fully-Fat-Carbon-Bike werden müsse. Eine kurze Internetsuche ergab dann, dass es ein solches Projekt bereits gibt: … Ich finde es jetzt nicht mehr, dafür aber das: The Cyclotron Bike.

Jetzt gibt es ein E-Bike für den geneigten Hipster: Single-Speed E-Bike CooperE. Was soll ich dazu sagen?

Einfach mal mit dem Rad zur Arbeit fahren

Während in den USA gerade Bike Month ist, kommt die HLB laut Patrick auf interessante Ideen:

Mo-Fr von 06:00 bis 09:00 und 16:00 bis 19:00 Uhr steht der Mehrzweckbereich nicht für die Fahrradmitnahme zur Verfügung, solange dieser für Stehplätze benötigt wird.
(Quelle: ADFC)

ÖPNV in D – K tA St ρ fE. Vielleicht sollte man die alten Dieselloks wieder reaktivieren, damit mehr Fahrräder transportiert werden können. Naja, da lausche ich lieber dem Podcast As Easy As Riding A Bike (To Work) und lächle.

Derweil re-verstaatlicht Großbritannien diverse Zugstrecken. Warum? Teure Tickets und etliche Zugausfälle:

Die Medien waren voll von wütenden Pendlern, die Konsequenzen forderten. Andere reagierten mit Humor. Ein Spieleentwickler stellte das Spiel “Southern Rail Tycoon” ins Netz. Das Ziel des Spiels ist es, von möglichst vielen Fahrgästen Geld kassieren und dann so viele Zugfahrten wie möglich ausfallen zu lassen.

Bikes vs Cars

Am Dienstag Abend habe ich dank nicht gekündigtem Netflix-Probemonat angefangen, den Film Bikes vs Cars zu schauen:

Nach den ersten 5 Minuten, in denen man eine Radfahrerin in Sao Paulo begleitet, beendete ich den Film und wechselte den Schlauch meines Vorderrades. (Das Vorderrad hatte ich am Samstag nach einer ausgiebigen Cyclocrosstour in den Wäldern heimatlicher Gefilde am Haus meiner Eltern wieder angekommen am Bordstein platt gefahren.) Ich war hoch motiviert, am nächsten Morgen statt mit dem Auto mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, das erste Mal seit längerer Zeit. Schwierig wurde, dass ich Mittwoch eine Stunde früher aufstehen musste als gewöhnlich. Donnerstag fuhr ich auch wieder mit dem Fahrrad, wenn ich da auch schon recht spät dran war. Heute habe ich dann, damit ich etwas länger im Bett liegen konnte, wieder das Auto genommen. Auf dem Rückweg stand ich dann auch prompt im Stau. Da musste ich dann Fatoni in Dauerschleife hören, um nicht auch noch an mein gescheitertes 2°-Ziel erinnert zu werden:

Den Film habe ich mittlerweile komplett gesehen. Interessant, dass der Fokus nicht einfach auf den Fortbewegungsmitteln selbst lag sondern vielmehr auf unterschiedlich umgesetzte Stadtentwicklungsplanungen. Los Angeles habe sich zum Beispiel in den 1930er Jahren ganz bewusst entschieden, voll auf Autos und Busse zu setzen, der Einfluss der Automobilindustrie sei da nicht unerheblich, erzählt der Film. Am Ende zeigte der Film Bilder von Jakarta. Darüber unterhielt ich mich vorhin mit einem Kollegen, der dort schon einmal war und mir das aus eigener Erfahrung bestätigte.

In einer Stelle spricht ein Bürgermeister in Los Angeles vom “war on cars” und meinte damit die Radfahrer, die ein “pain in the ass” der Autofahrer seien. Solche Aussagen findet man in Deutschland sicherlich auch so ähnlich, zumindest bemerke ich häufig aggressive Fahrweisen von Autofahrern, die zum Beispiel nicht ertragen können, dass man als Radfahrer bis zur Ampel vorne zur entsprechenden Markierung vorfährt und dann vergessen, dass ein Unfall mit einem Radfahrer dem Autofahrer so gut wie nichts ausmacht.

Gut gefallen hat mir die globale Perspektive des Films, die mir deutlich gemacht hat, dass sich so fast jedes Land als Autonation sieht, wenn es denn nur will. Das ist wahrscheinlich so ähnlich wie der Mythos, dass die Atomkraftwerke im eigenen Land die sichersten seien.

Ich will mal sehen, wie oft ich demnächst noch Fatoni hören muss. Vielleicht ja aber auch Benjamin Button.

BookCrossing

Gestern Mittag habe ich mich bei strahlendem Sonnenschein auf die Promenade vorm Uni Hauptgebäude gefletzt, um ein wenig in der Öffentlichkeit zu lesen. Als ich wieder genügend Unruhe in mir hatte, stand ich von der Bank auf und wollte gerade zu meinem Fahrrad, als ich unweit von mir in einer Klarsichtplastiktüte ein Buch entdeckte: “Der Ausbrecher” von George Simenon. Auf dem Buch klebte ein Zettel, der einen einlud, das Buch mitzunehmen, zu lesen und auf ähnliche Weise an einer anderen öffentlichen Stelle zu hinterlassen. BookCrossing nennt sich das Projekt. So kann man denn auch auf der Seite etwas über denjenigen erfahren, der das Buch hinterlassen hat, wenn man selbst oder derjenige es denn will. Oder aber man hinterlässt selbst eine Makierung, wo man das Buch gefunden und wieder freigesetzt hat. Ich musste bei dieser Idee irgendwie sofort an ‘Geocashing‘ denken. Das ist ja irgendwie das Gleiche nur umgedreht: Beim Geocaching steht das Suchen im Vordergrund, bei BookCrossing das Finden. Aber bei beidem gibt es ein Interesse daran, dass man das Such- bzw. Finde-Erlebnis mit anderen via Internetplattform ungezwungen teilt.

Jedenfalls finde ich die Idee nett und da ich Freitag in der Schule eine exemplarische Buchvorstellung machen möchte, scheint sich das geradezu anzubieten.

Kaffeefahrt zur Qualitätsentwicklung: “I needs a beer”

Gestern war ich in Frankfurt beim dortigen Amt für Lehrerbildung, um an einer Testleiterschulung im Rahmen des Instituts für Qualitätsentwicklung teilzunehmen. War an sich auch ganz spannend, bis auf die Schulung. – Geht halt letztlich um Statistik: Objektivität, Validität, Reliabilität. Das Ziel davon ist es, den Schulen Tests zur Verfügung zu stellen, deren Ergebnisse als  nationaler bzw. landesweiter Leistungsvergleich der schulinternen Evaluation dienen sollen. Dahinter steckt der meiner Ansicht nach alte Irrtum, dass Bildung messbar bzw. objektivierbar sei. Nicht, dass keine Bildungsstatisitk Wert besitze, aber ich erachte es als gefährlich, ein Instrument zu entwickeln, das behauptet, endlich objektiv, sprich: “wahrhaft”, einen wie auch immer gearteten Leistungsstand darzustellen. Letztlich ist das die gleiche Diskussion, die sich auch um die Zensuren dreht.

Was dann noch mehr Unmut in mir hervorrief, waren die Kartons mit Testmaterialien, die wir je nach Anzahl unserer Schulbesuche in die Hand gedrückt bekamen. Die konnten wir in vom IQ organisierte REWE-Tüten stecken, sodass wir wie Kaffeefahrtteilnehmer im vollbesetzten Zug aus Frankfurt wegfuhren. Fünf Personen mit 10 Rewetüten belagern sieben Plätze (die Kartons passten nicht in die Gepäckablage). Ich will nicht wissen, was die Leute über unsere Herkunft gedacht haben – dass wir es nötig haben, nach Frankfurt zum Rewe einkaufen zu fahren…

Auf der Fahrt saß ich mit einer Freundin auf einem vollgepackten Viererplatz, als eine Frau mit einer Gruppe Reisender ankam. Sie befahl ihren Begleitern, wo sie sich hinsetzen sollten. Alle wirkten ein bisschen – ich weiß jetzt nicht, wie ich es ausdrücken soll – prekär/bildungsfern/heruntergekommen. (Bei dem Herrn, den sie in unseren Viererplatz plazierte, nachdem wir unsere Kartons auf einen Platz gestapelt hatten, bekam ich nach kurzer Zeit extreme Lust auf alten Käse.) Die dominante Dame, die mich ein bisschen an das Klischee einer älteren Zigeunerin erinnerte, fragte dann unseren neuen Reisebegleiter, während sie ihn hinsetzte, wo er denn herkäme, sie würde einen arabischen oder persischen Hintergrund vermuten. Er kuckte nur ein bisschen komisch und sagte, dass er aus Deutschland komme (Rüsselsheim, wie ich im späteren Gespräch mit ihm erfahren konnte). Die Dame erklärte ihm, dass ihr eigener Freund aus Rumänien komme, das sei ein ganz ausgezeichneter Menschenschlag, und setzte sich zwei Reihen weiter auf ihren Platz. Ich konnte beobachten, wie sie nach kurzer Zeit asiatisches Essen auspackte, das mit seinen süß-sauren Soßen die ohnehin schon exotischen Gerüche im Wagon ergänzte. Sie aß aus einem viergeteilten Plastikteller, als ich mitbekam, wie sie den Preis ihrem Sitznachbarn vorrechnete: “1,60 das hier, 1,70 das und die beiden Soßen je 50 Cent. 3 Euro für einen ganzen Teller, da kann man nicht meckern!” Ich verkniff einen Kommentar, der zwar vielleicht zu einer Qualitätsentwicklung hätte beitragen können, aber irgendwie fühlte ich mich mit meiner Rewetüten-Armada nicht sehr qualifiziert. Außerdem war ich sowieso vollkommen vereinnahmt von dem Telefongespräch, das der prekär plazierte Herr mir gegenüber mit seinem Schwager führte. Dabei fluchte er gar nicht arabisch oder persisch, sondern äußerte sich ziemlich auf Gutdeutsch. Er sprach auch ziemlich laut. Worum es ging, war mir nicht ganz klar, aber als ich ihn nach seinem Telefonat darauf hinwies, dass er ja ziemlich deutliche Worte gefunden habe, meinte er, das sei die einzige Sprache, die sein Schwager verstünde. Wir kamen ein wenig ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er die Dame und deren Begleiter mitfahren ließ auf seinem Hessenticket. Die kannten sich also alle nicht. Als er dann eine Cola aus seinem Rucksack hervorkramte, erklärte er mir, dass er die brauche, weil er nicht so gerne Zug fahre. Das sei ihm zu eng und zu viele Leute und so. Das Problem konnte ich teilen. Was das Ganze mit Cola zu tun hatte, hab ich nicht verstanden. Er telefonierte schließlich noch ein paar mal, um irgendjemanden sein Fahrrad von irgendwo nach irgendwoanders bringen zu lassen, das aber so laut, dass Schallwellen und Geruchsmoleküle fortan ein Belästigungsduell miteinander führten. Nachdem er nach Beendigung eines Telefonats plötzlich aufstand und so für eine unerwartete Luftbewegung sorgte, konnte ich seufzend den Sieger ausmachen. Während er weg war, erfuhr ich dann durch arglistiges Belauschen der Zigeunerfrau – ich meine, vielmehr durch geschulte Beobachtungen als neuerlicher Testleiter zur Qualitätssicherung, dass sie dem Deutschen mit arabisch-persichem Hintergrund ganz und gar nicht traue und dass sie und ihr Begleiter sich vor ihm in Acht nehmen müssten. Als sie dann nach ihrem exotischem Mahl meinte “I needs a beer” und ihr Begleiter ihren Wunsch erfüllte, war ich glaube das erste Mal in meinem Leben neidisch auf jemanden, der ein Bier aus einer PET-Flasche trinkt. Denn das hätte dieser absurden Zugfahrt wenigstens noch etwas Sinn verliehen.

Bildung mag zwar nicht messbar sein, aber im Zug war sie irgendwie fühlbar.

Bach, Mendelssohn-Bartholdy und ABBA

Heute habe ich Dank eines Hinweises eines Freundes an einer musikalischen Orgel-Radtour teilgenommen. Gestartet hat das Ganze in der Kirche am Kirchberg in der Nähe von Lollar. Dort spielte der Busecker Dekanatskantor verschiedenste Stücke, die meisten haben mir ganz gut gefallen. Ich hab Orgelmusik auch schon immer irgendwie faszinierend gefunden, nicht erst seit “In the Garden of Eden“, auch schon früher in Wissenbach, wo wir – wenn ichs nicht total verpeile – eine pneumatische Orgel haben, was zu den sonst üblichen mechanischen eher selten ist. Jedenfalls spielte der Dekanatskantor zunächst Bach, dann Pachelbel, später auch was von Wagner. Als dann nach geschätzten 20 Minuten ein Notenbuch auf die Notenhalterung der Orgel gelegt wurde, auf dem in großen goldenen Buchstaben das Wort “ABBA” zu lesen war, war ich zunächst verwundert, später dann ziemlich angetan von dem durch Wäscheklammern im Buch markierten “Medley”. Zwar mag ich ABBA-Musik nicht unbedingt allzusehr, allerdings war da so ein kurzes Gefühl, dass in dieses heilige Gebäude ein bisschen mehr Wahrheit reingelassen wurde…

Wir fuhren dann per Rad nach Mainzlar in eine sehr kleine Kirche, in der neben älteren Orgelstücken – darunter Ach wie flüchtig, ach wie nichtig von Georg Böhm, was mit seinem vorreformatorischen Gesangs-Intermezzo schon einem ein Gefühl dafür hat geben können, wie man sich fühlt, wenn man überall nur vom Fegefeuer hört – zum Ende auch ein Akkordeon zum Solo-Einsatz kam. Ziemlich beeindruckend, was aus so einem Ding rauszuholen ist. Vom Klang natürlich nicht so kraftvoll wie eine Orgel, aber tänzerischer … Tanzende Orgel wäre vielleicht ein gut beschreibender Begriff. Jedenfalls waren sowohl die klassisch europäische Musik als auch der argentinische Tango hörenswert.

Wir fuhren dann nach Treis. Dort hörten wir wieder diverse Adaptionen wie bspw. von “In dir ist Freude” oder “Danke für diesen guten Morgen”, welches als “Eine kleine Dankmusik” mit Mozart-Klängen vermischt wurde. Ganz ok eigentlich, bis auf das ausgelutschte “Danke für diesen guten Morgen”-Thema halt… Danach gabs dann im Gemeindehaus Kaffee und Kuchen, dann gings zurück.

Auf der Rückfahrt hab ichs dann auch tatsächlich geschafft, mit meinem Mountainbike samt Clickpedalschuhen an einer Straße mitten in den Fahrradpulk zu geraten und klinkte dann schnell links aus, weil links aber plötzlich alles voll war, musste ich mich nach rechts auf den Boden fallen lassen. Das Lachen des älteren Herrns mit dem motor-betriebenen Fahrrad, den ich zuvor am steilen Berg mit den Worten “Das ist aber gefuddelt!” überholt hab, fand glaube ich nur in meinem Kopf statt… (So ein Motor-Fahrrad ist schon geil irgendwie – der ältere Herr fuhr so leichtfüßig in akzeptabler Geschwindigkeit bergauf, das sah einfach cool aus. Ich überlege derzeit, mir nen Motor an mein Hardtail zu installieren…) Aber die Leute waren glaube ich ehrlich besorgt. Zum Glück ist mein rechtes Knie aber eh schon kaputt, trotzdem ist Hinfallen mit dem teuersten, pardon: zweitteuersten, Fahrrad einfach uncool.

Nächste Woche ist wieder sowas, vielleicht hab ich ja noch mal Bock drauf. Die Orgel ist einfach die Königin der Instrumente.

Die Westerwelle-Connection

Ich war gestern mit dem Fahrrad in der Stadt, um einige kleinere Dinge zu erledigen. Ich entschied mich, noch schnell bei Aldi etwas Waschmittel zu besorgen und wollte gerade vom Marktplatz auf den Kirchplatz einbiegen, als eine Veranstaltung mit etwa 300 Leuten das Weiterfahren verhinderte: Auf einer Bühne stand Guido Westerwelle an einem Rednerpult und redete zu einer farblosen Menge politisch klingende Sachen.

Neben ihm standen der hessische FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn, der nur selten zu Westerwelles Worten applaudieren konnte, weil er seiner Wichtigkeit durch die ständige Benutzung seines Blackberrys Ausdruck verleihen wollte, Silvana Koch-Mehrin, deren recht hübsches Gesicht auf nahezu allen FDP-Plakaten zu sehen war, als wolle die FDP allen zeigen: “Wir sind nicht (nur) schwul!”, sowie ein für mich unbekannter Europagewählter und am Schluss der Reihe Hermann Otto Solms, ehemaliger Bundestags-Vizepräsident, der meine Erinnerung schmunzeln ließ: Ich hatte in dessen Sekretariat Anfang 2005 angerufen, um ihn spontan auf eine Podiumsdiskussion einzuladen (Hochschulen im Wettbewerb), wo Nelson Killius sich einen Killius geleistet hatte und uns 3 Tage vor Termin nach monatelanger Zusage agesagt hatte und somit ein neuer neoliberaler Part besetzt werden musste. Für den war aber einfach kein Ersatz zu finden, sodass ich in absoluter Verzweiflung im Büro von Hermann Otto Solms anrief und eine seiner Sekretärinnen bat, ihn anzufragen, ob er in drei Tagen nicht Lust habe, nach Gießen zu kommen und an einer Diskussionsrunde teilzunehmen. Sie versprach mir, ihn zu fragen und mich zurückzurufen, sobald sie eine Antwort habe. Sie rief mich dann tatsächlich zurück, um mir seine Absage mitzuteilen, was ich sehr nett fand.

Nach einem kurzen Flashback schob ich mein Fahrrad zwischen vereinzelt rumlungernden Polizeibeamten hinter der Bühne vorbei und wollte gerade wieder weiterfahren, als mir in der Menge das einzige Transparent ins Auge stach. Es war weiß und mit roter Schrift forderte da ver.di den gesetzlichen Mindestlohn, befestigt an je einer Dachlatte, um es weit über die Köpfe der Menge in den Himmel halten zu können. Nicht nur farblich und inhaltlich fiel es auf, es war auch überhaupt das einzige Message-Utensil in der Menge – keine FDP-Fähnchen oder -Schilder zum Hochhalten waren zu sehen, gelbe FDP-T-Shirts waren nur auf der Bühne sichtbar bei einer Reihe von jungen Partei-Zinnsoldaten, deren interessante Aufgabe es zu sein schien, die Emotionen, die Westerwelles Rede an bestimmten Stellen hervorrufen sollte, für die Menge sichtbar darzustellen und umso heftiger zu applaudieren je mehr entschlossenes Handeln gerade über die Lautsprecher gefordert wurde. Jedenfalls dachte ich mir, dass ich vielleicht den ein oder anderen derer kenne, die sich dort unter dem ver.di-Transparent versammelt hatten, also ging ich hin. Und tatsächlich wurde der rechte der beiden Stöcke von einem guten Freund gehalten, den ich schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen hatte. Ich gesellte mich zu ihm und stellte mich mittig unter das Banner. Wir begannen ein etwas längeres freundschaftliches Gespräch. Dabei erzählte er mir, dass vorhin eine Gruppe von Aktivisten, die sich nun unter dem Transparent wieder gesammelt hätten, sich auf den hinter der Bühne befindlichen Kirchturm begeben hätten, um ein anderes, größeres Banner zu entrollen. (Eine äußerst bemerkenswerte Randpointe: Als ich fragte, was denn dort drauf gestanden habe, musste sich erst durch drei der Entroller durchgefragt werden, bis mir der Spruch genannt werden konnte. Es war irgendwas mit “Kapitalismus“, ich habs vergessen. Es war einigen sichtlich peinlich, dass sie mir nicht sofort die genaue Botschaft nennen konnten.) Bei der Aktion hätten sie sich, um auf den Kirchturm zu gelangen, als Geographiestudenten ausgegeben, die Stadtvermessungen vornehmen wollten. … Naja, auf jeden Fall bekamen sie so gegen 10€ Pfand den Schlüssel vom Wärter, der sich, nachdem der Trupp unter Polizeibegleitung vom Turm geführt wurde, entrüstet gezeigt habe: “Das hättet ihr mir doch sagen können!” Seine Worte klangen beinahe so, als hätte er mitgeholfen, wenn ihm der Sinn der Aktion bekannt gewesen wäre. Die 10€ Pfand bekamen die Störenfriede selbstverständlich zurück…

Jedenfalls stand ich nun unter dem ver.di-Transparent neben meinem Freund und als wir nach einer längeren Plauderei gerade dabei waren, einen Termin zum Kickern auszumachen, um dabei ein Bier zu trinken, wurden wir von Guido Westerwelle am Rednerpult jäh unterbrochen – und einer Menge feindseliger Blicke, die sich zu uns umdrehten und uns Dinge wie “Jawoll, so sieht nämlich die Wahrheit aus!”, “Du hast keine Ahnung, der weise Mann da vorne hat dir gerade gezeigt, wo’s intellektuell langgeht!” oder auch einfach nur “Abschaum!” entgegenschauten. Es war einfach krass zu sehen, wie aggressiv Blicke sein können. Auch die Partei-Zinnsoldaten schauten uns grimmig, fast mordlüstern von der Bühne an und schienen nur auf die nächste passend intonierte Stelle in der Rede zu warten, um uns mit Gewehrsalven ihres Applauses niederzumähen. Es dauerte eine Weile, bis sich die Blicke der anderen etwas beruhigt hatten und sich dem Redelsführer wieder zuwandten. Am meisten ärgerte mich, dass wir durch diese Unterbrechung beinahe vergessen hätten, einen Termin zum Kickern auszumachen, glücklicherweise erinnerten wir uns aber wieder daran, bevor ich nach einer kurzen Weile wieder ging, sodass uns kein Schaden entstand.

Noch eine Randpointe fand dann unterwegs zu Aldi in meinem Kopf statt: Es war natürlich bei der ganzen Veranstaltung auch die Presse anwesend, so auch ein Kameramann vom hessischen Rundfunk. Der hielt irgendwann, als ich so hübsch mittig unter dem ver.di-Transparent stand, mitten auf uns drauf, sodass ich dachte: “Mensch, ich bin bestimmt heut Abend in der Hessenschau!” Dann erinnerte ich mich an die Aktion mit dem Banner, das vom Kirchturm entrollt wurde, bei der auch von der Polizei einige Personalien aufgenommen wurden und ich dachte: “Hm, wenn der Hessenschau-Bericht nun von ‘Krawallmachern’ spricht und dazu dieses Bild zeigt, dann könnte ich kommende Woche in der Schule in Rechtfertigungsschwierigkeiten kommen.” … Der Bericht in der Hessenschau fiel allerdings langweilig aus: In etwa 30 Sekunden wurde nur kurz die Bühne gezeigt und für etwaige Störungen oder andere Meinungen war kein Platz. Schade.

Ein einsamer Gedanke zum Schluss: Die ca. 55-jährige Kassiererin, die mein Waschmittel schließlich abbuchte, zeigte sich ziemlich unbeeindruckt von meinen Gedanken zu FDP, Mindestlohn und Kapitalismus. Ich habe den Eindruck, dass es eher irgendeine persönliche Scham ist, die sie mit ihrer intensiven Bräunungscreme und den wasserstoff-blondierten Haaren zu übermalen versucht.

An den Lippen kleben

Auszug aus einem Artikel auf Spiegel-Online, wo über eine Untersuchung berichtet wird, in der autistischen und nicht-autistischen kleinen Kindern zwei gleiche Zeichentrickfilme zeitgleich – der eine normal vorwärts, der andere rückwärts auf dem Kopf stehend – mit einer einzigen Tonspur (passend zum normal ablaufenden Film) gezeigt und die Fokussierung der Kinder beobachtet wurde:

Die Übereinstimmung der rhythmischen Bewegungen und der rhythmischen Sprechweise fasziniere die Kinder noch mehr als das Klatschen allein, schreiben die Forscher. In dieser Faszination für Synchronität sehen die Wissenschaftler daher den Grund dafür, dass Autisten ihrem Gegenüber beim Sprechen am liebsten auf den Mund sehen.

Ich musste – daran werde ich heute immer noch erinnert, wenn ich mich dabei ertappe, meinem Gesprächsgegenüber nur auf den Mund zu starren – mir früher erst mühsam antrainieren, dass es für den anderen angenehmer ist, wenn man ihm in die Augen als auf den Mund schaut, wenn er redet. Dabei fällt mir auch heute noch auf, dass es mir leichter fällt, das Gesagte zu merken, wenn ich nicht nur zuhöre sondern auch die passenden Lippenbewegungen zu den gesprochenen Wörtern sehe.

Soviel nur dazu, weil ich neulich schon in ähnlicher Weise meine Sichtweise auf Autismus angedeutet habe.  Je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr glaube ich einfach, dass autistische Verhaltensweisen vor allem dazu beitragen, den “normalen Leuten” einen Spiegel vorzuhalten und deren vermeintlich menschlichen Verhaltensweisen in Frage gestellt zu sehen.

Frühkindlicher Autismus ist eine Entwicklungsstörung, bei der verschiedene Teile des Gehirns nicht richtig zusammenarbeiten und vor allem die soziale Interaktion mit der Umwelt stark beeinträchtigt ist. In der Folge kapseln sich autistische Kinder stark von ihrer Umwelt ab. Viele Forscher und Mediziner vermuten, dass bei ihnen die sogenannten Spiegelneuronen nicht genügend aktiviert werden. Diese Neuronen ermöglichen es, andere Menschen nachzuahmen und sich in den Gegenüber hineinzuversetzen.

Man kann natürlich in einer bei Autisten gesteigerten Faszination für Synchronität die Ursache für das beschriebene Verhalten finden. Allerdings ist es vielleicht viel naheliegender, dass sich den Versuchspersonen der Sinn einer betrachteten Sache nicht intuitiv erschließt, sondern dass sie erst die Zusammenhänge benötigen, um der Beobachtung einen Sinn zu geben. Das für Nicht-Autisten Selbstverständliche wird unter dieser Voraussetzung eben in Frage gestellt; die Welt wird erst geprüft, bevor sie konstruiert wird. Nicht-autistisches aber echtes Lernen könnte demgegenüber vielleicht als Dekonstruktion von etablierten Auffassungen beschrieben werden…

Update

Hab mir grade noch mal durchgelesen, was ich da gestern geschrieben hab: Abgesehen davon, dass ich mir (nicht nur hier) unsicher bin, ob das denn auch alles wenigstens halbwegs stimmt, was hier steht, musste ich feststellen, dass vor allem der letzte Absatz wirr und unzusammenhängend rüberkommt. Ich versuchs, nochmal klarzumachen:

Ich verstehe den Begriff ‘Lernen’ als das Durchdringen von Welt, also alles, was wir irgendwie wahrnehmen können, verstehen zu wollen. Dazu behelfen wir uns üblicherweise Begriffen und Kategorien, die zusammengenommen unserer Sicht auf die Dinge einen Sinn geben. Diese kategorischen Hypothesen benötigen wir, weil wir ja irgendetwas annehmen müssen, irgendeine Erklärung brauchen, die dann die Grundlage weiteren Lernens sein kann. Jetzt ist es nur so, dass wir im Lauf der Zeit verschiedene Vermutungen als falsch erkennen und bisherige Sichtweisen also dekonstruieren. Deswegen würde ich einfach mal so behaupten, dass die konstruktivistische Sichtweise von Lernen – jeder entwickelt eine eigene Sicht auf die Dinge, die dann kommuniziert und also angeglichen werden aber nicht grundsätzlich falsch sein kann – in Wahrheit einen dekonstruktivistischen Vorgang beinhaltet. Alte Weltbilder und Sichtweisen erweisen sich als unzureichend und werden durch neue, plausiblere Hypothesen ersetzt (übrigens sowohl individuell- als auch menschheitsgeschichtlich betrachtbar).

Meine gewagte These lautet jetzt: Vielleicht ist die oben beschriebene autistische Beobachtungsweise keine thesengeleitete also dekonstruktivistische sondern von ihrem Wesen her unvoreingenommener, naiver, also unmittelbar dem jeweiligen Sinn aus der Beobachtung selbst konstruierend…

(Ohne dass das alles so wirklich stimmen muss hoffe ich, dass es jetzt klarer geworden ist, wie ich drauf gekommen bin.)

PS: Bei dem geilen Wetter werd ich jetzt wohl mal wieder Fahrrad fahren müssen. Hab mich den ganzen Winter drum gedrückt, aber der Sonnenschein entdeckt meine Ausreden…

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