{"id":85,"date":"2009-02-22T15:41:49","date_gmt":"2009-02-22T14:41:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.druckschrift.net\/?p=85"},"modified":"2010-04-17T12:18:28","modified_gmt":"2010-04-17T11:18:28","slug":"rassismustheorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=85","title":{"rendered":"Rassismustheorien"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.druckschrift.net\/wordpress1\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/rassismustheorien_exposee.pdf\">rassismustheorien_exposee.pdf<\/a><\/p>\n<h1>Rassismustheorien<\/h1>\n<h2>1\tEinleitung<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a rel=\"attachment wp-att-87\" href=\"https:\/\/www.druckschrift.net\/?attachment_id=87\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-thumbnail wp-image-87\" title=\"rassismus\" src=\"https:\/\/www.druckschrift.net\/wordpress1\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/rassismus-236x150.png\" alt=\"rassismus\" width=\"236\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.druckschrift.net\/wordpress1\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/rassismus-236x150.png 236w, https:\/\/www.druckschrift.net\/wordpress1\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/rassismus.png 917w\" sizes=\"auto, (max-width: 236px) 100vw, 236px\" \/><\/a>Als ich mich neulich auf meine Erdkundeklausur vorbereitete, stolperte ich \u00fcber eine Weltkarte in meinem ehemaligen Diercke-Schulatlas, welche die Verteilung verschiedener menschlicher \u203aRassen\u2039 darstellt (Abb. 1). Es wird dort zwischen drei \u203aGro\u00dfrassen\u2039 unterschieden: Europide, Negride und Mongolide. Mulatten w\u00e4ren demnach \u203aNeuzeitliche Mischformen\u2039 aus \u203anegrider und europider Gro\u00dfrasse\u2039, Mestizen solche aus \u203amongolider und europider Gro\u00dfrasse\u2039. Bei einer anderen Karte wird der Begriff Neger benutzt, um die Verteilung der verschiedenen Rassen angeh\u00f6renden s\u00fcdamerikanischen Bev\u00f6lkerung darzustellen (vgl. Diercke-Weltatlas 1991, S. 237 und 206).<br \/>\nKurze Zeit sp\u00e4ter traf ich mich mit einem Freund, der selbst Erdkunde und Biologie studiert, auf einen Kaffee und erz\u00e4hlte ihm von der \u203aRassenkarte\u2039, deren Entdeckung in einem 1991 erschienenen Atlas mich mehr als verwundert hatte. Er fragte mich, was daran so besonders sei \u2013 was mich sehr erstaunte, schlie\u00dflich hatte ich noch aus einer Sitzung des Politik-Examenskolloquium die Aussage von STUART HALL im Kopf: \u00bbEs gibt m.E. keine wissenschaftliche Grundlage f\u00fcr die Aufteilung der Menschheit in biologisch unterscheidbare \u203aRassen\u2039.\u00ab (HALL 1989, S. 7) Wir gerieten in einen leichten Disput, an dessen Ende die Erkenntnis stand, dass in seinem Erdkunde(!)-Studium die Rassenunterschiede der Menschen von verschiedenen Professoren als selbstverst\u00e4ndlich betont werden w\u00fcrden \u2013 \u00fcbrigens ohne dass damit eine unterschiedliche Wertigkeit der Menschen ausgedr\u00fcckt werden solle. Da ich in meinem Erdkunde-Studium mit solchen Thesen nicht konfrontiert worden war , war ich verwundert \u00fcber diese scheinbar deutlichen inhaltlichen Unterschiede innerhalb der Wissenschaft zu dieser Frage. Grund genug, etwas Genaueres \u00fcber die verschiedenen wissenschaftlichen Grundlagen von Rasseneinteilungen der Menschen herauszufinden.<\/p>\n<h2>2\tWissenschaftliche Grundlagen zur biologischen Rasseneinteilung der Menschen<\/h2>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">It is clear that our perception of relatively large differences between human races and subgroups, as compared to the variation within these groups, is indeed a biased perception and that, based on randomly chosen genetic differences, human races and populations are remarkably similar to each other, with the largest part by far of human variation being accounted for by the differences between individuals. Human racial classification is of no social value and is positively destructive of social and human relations. Since such racial classification is now seen to be of virtually no genetic or taxonomic significance either, no justification can be offered for its continuance.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>(LEWONTIN 1972, zit. n. EDWARDS 2003, S. 798)<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">LEWONTIN pl\u00e4diert 1972 aufgrund von genetischen Untersuchungen daf\u00fcr, die Einteilung der Menschheit in Rassen als wissenschaftlich unbegr\u00fcndet fallen zu lassen. Er f\u00fchrt dies im Wesentlichen darauf zur\u00fcck, dass beim Vergleich der Gene verschiedener Menschen die Unterschiede zwischen Individuen innerhalb einer \u203aRasse\u2039 fast genau so gro\u00df sind wie zwischen Individuen unterschiedlicher \u203aRassen\u2039: \u00bbThe mean proportion of the total species diversity that is contained within populations is 85.4%. Less than 15% of all human genetic diversity is accounted for by differences between human groups!\u00ab   (LEWONTIN 1972, zit. n. EDWARDS 2003, S. 798) LEWONTIN sieht in der Betonung des \u203aRasse\u2039-Begriffs vielmehr eine ideologische Zielsetzung:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">The taxonomic division of the human species into races places a completely disproportionate emphasis on a very small fraction of the total of human diversity. That scientists as well as nonscientists nevertheless continue to emphasize these genetically minor differences and find new \u203ascientific\u2039 justifications for doing so is an indication of the power of socioeconomically based ideology over the supposed objectivity of knowledge.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>(LEWONTIN 1974, zit. n. EDWARDS 2003, S. 799)<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">EDWARDS allerdings kritisiert an den Untersuchungen, diese w\u00fcrden auf einem Irrtum in der Lesart der statistischen Daten basieren (vgl. EDWARDS 2003, S. 799 f.); die Fehlerm\u00f6glichkeit bei einer Zuordnung von Individuen zu jeweiligen Populationen aufgrund genetischer Daten gehe \u2013 richtig interpretiert \u2013 gegen null. Er kommt daher zu dem Ergebnis:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">There is nothing wrong with Lewontin\u2019s statistical analysis of variation, only with the belief that it is relevant to classification. It is not true that \u00bbracial clasification is &#8230; of virtually no genetic or taxonomic significance\u00ab. It is not rue, as Nature claimed, that \u00bbtwo random individuals from any one group are almost as different as any two random individuals from the entire world\u00ab, and it is not true, as the New Scientist claimed, that \u00bbtwo individuals are different because they are individuals, not because they belong to different races\u00ab and that \u00bbyou can\u2019t predict someone\u2019s race by their genes\u00ab. Such statements might only been true if all the characters studied were independent, which they are not.<\/p>\n<\/blockquote>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>(EDWARDS 2003, S. 801)<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er zieht daraus den Schluss, dass es gef\u00e4hrlich sei, sich argumentativ auf wissenschaftliche Forschungen zu berufen, um vermeintlich ungerechtfertigte biologische Klassifizierungen zu widerlegen:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">A proper analysis of human data reveals a substantial amount of information about genetic differences. What use, if any, one makes of it is quite another matter. But it is a dangerous mistake to premise the moral equality of human beings on biological similarity because dissimilarity, once revealed, then becomes an argument for moral inequality.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>(EDWARDS 2003, S. 801)<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wichtige Erkenntnis bei der Betrachtung genetischer Untersuchungen zur Klassifizierung von Menschen scheint also zu sein, moral equality nicht mit biological similarity zu begr\u00fcnden (vgl. BALIBAR 1989, S. 373). Damit soll allerdings keine Aussage dar\u00fcber getroffen werden, ob es in Ordnung ist, erstens die Weltbev\u00f6lkerung anhand verschiedener Rassen eingeteilt in einem Schulatlas darzustellen oder zweitens im universit\u00e4ren Betrieb die biologische Klassifiziertheit der Menschen als selbstverst\u00e4ndliches Faktum darzustellen. Schlie\u00dflich ist die Frage berechtigt, inwiefern auch noch so wertneutral intendierte Kategorien tats\u00e4chlich wertneutral verstanden und benutzt werden.<\/p>\n<h2>3\tRassismus<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit obigen Ausf\u00fchrungen zur genetischen Rechtfertigung einer Klassifizierung der Menschen muss HALLs Feststellung \u00bbIch fasse das bisherige in einer Paradoxie zusammen: \u203aRasse\u2039 exisitert nicht, aber Rassismus kann in sozialen Praxen produziert werden\u00ab (HALL 1989, S. 7) zwar differenzierter betrachtet werden. ROBERT MILES stellt diesbez\u00fcglich allerdings fest: \u00bb[Es gibt] bis heute die Auffassung, der Rassismus-Begriff verweise ausschlie\u00dflich auf Theorien \u00fcber \u203aRasse\u2039, der \u203aRasse\u2039-Diskurs m\u00fcsse also pr\u00e4sent sein, damit man von Rassismus sprechen k\u00f6nne. Dieser Ansicht bin ich nicht.\u00ab (MILES 1989, S. 353) HALLs Aussage kann dementsprechend also reformuliert werden in \u00bbOb \u203aRasse\u2039 existiert oder nicht \u2013 Rassismus kann in sozialen Praxen produziert werden.\u00ab Daraus wir deutlich, dass sich an der eigentlichen Problematik nichts \u00e4ndert: Mit der Verifizierung oder Falsifizierung der biologisch-wissenschaftlichen Berechtigung, von verschiedenen menschlichen Rassen zu sprechen, lassen sich rassistische Praxen weder verhindern noch begr\u00fcnden.<br \/>\nWas aber ist Rassismus? Das Lexikon der Politikwissenschaft definiert Rassismus als \u00bbeine Ideologie, die soziale Ph\u00e4nomene mit Hilfe pseudowissenschaftlicher Analogieschl\u00fcsse aus der Biologie zu erkl\u00e4ren sucht. Als Reaktion auf die egalit\u00e4ren Universalit\u00e4tsanspr\u00fcche der Aufkl\u00e4rung betreibt der Rassismus eine anscheinend unantastbare Rechtfertigung sozialer Ungleichheit durch den Bezug auf naturwissenschaftliche Gewissheiten.\u00ab (NOHLEN und SCHULTZE 2005, S. 810) Die Begriffe \u203aIdeologie\u2039 und \u203aRechtfertigung sozialer Ungleichheit\u2039 scheinen hier wesentlich, die wissenschaftliche Bezugnahme scheint weniger elementar f\u00fcr eine Definition zu sein, schlie\u00dflich ist die Wahrnehmung ph\u00e4notypischer Unterschiede ausreichend f\u00fcr eine Unterscheidungskonstruktion. MILES f\u00fchrt zur Erkl\u00e4rung dieses Selektionsprozesses den Begriff Bedeutungskonstitution ein:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">Beim \u00bbRasse\u00ab-Diskurs schlie\u00dft die Bedeutungskonstitution zwei Ebenen der Selektion ein. Auf der ersten werden zun\u00e4chst allgemeine biologische oder somatische Merkmale als Mittel der Klassifizierung und Kategorisierung ausgew\u00e4hlt. Auf der zweiten werden aus der Reihe zur Verf\u00fcguing stehenden somatischen Merkmale diejenigen ausgw\u00e4hlt, die dazu bestimmt sind, eine angenommene Differenz zwischen Menschen zu bezeichnen. [&#8230;] Spricht man also von \u00bbRassen\u00ab, dann ist dies das Resultat eines bestimmten Prozesses der Bedeutungskonstitution: bestimmte somatische Merkmale (z.B. die Hautfarbe) werden bedeutungsvoll aufgeladen und so zum Einteilungskriterium von als \u00bbRasse\u00ab definierten Bev\u00f6lkerungsgruppen gemacht. An die auf Grund bestimmter ph\u00e4notypischer Unterschiede gekennzeichneten Menschen heften sich gew\u00f6hnlich weitere, spezifische oder einzigartige kulturelle Merkmale, mit dem Ergebnis, da\u00df eine \u00bbRasse\u00ab als etwas vorgestellt wird, dem ein spezifisches Profil biologischer und kultureller Eigenschaften zukommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>(MILES 1989, S. 354)<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bedeutungskonstitution ist die Voraussetzung f\u00fcr Rassenkonstruktion, worunter MILES \u00bbeinen Proze\u00df der Grenzziehung zwischen verschiedenen Gruppen [versteht], wobei bestimmte Personen, prim\u00e4r mit Bezug auf (angenommene) angeborene (gew\u00f6hnlich ph\u00e4notypische) Merkmale innerhalb dieser Grenzen verortet werden. Es handelt sich also um einen ideologischen Vorgang.\u00ab (MILES 1989, S. 356) Der Prozess der Rassenkonstruktion sei zwar eine Bedingung f\u00fcr Rassismus, dieser gehe aber noch einen Schritt weiter:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Rassismus ist eine Repr\u00e4sentationsform, die Gruppen von Menschen gegeneinander abgrenzt und zwangsl\u00e4ufig als eine Ideologie der Ein- und Ausschlie\u00dfung funktioniert. Aber anders als im Proze\u00df der Rassenkonstruktion, wo Personen etwa durch die Bedeutung der Hautfarbe zugleich ein- und ausgeschlossen werden, funktioniert der Rassismus als ein Spiegel, in dem die negativen Merkmale des Anderen als positive Merkmale des Selbst zur\u00fcckgeworfen werden. Rassismus setzt also Rassenkonstruktion voraus, geht aber dar\u00fcber hinaus, indem er explizit negativ bewertete Elemente benutzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>(MILES 1989, S. 359)<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Artikel Gibt es einen \u00bbneuen Rassismus\u00ab? hebt ETIENNE BALIBAR verschiedene Ebenen, auf denen Rassismus stattfindet, hervor und betont gleichzeitig die Segregation als seine wesentliche Eigenschaft: \u00bbDer Rassismus geh\u00f6rt [&#8230;] in den Zusammenhang einer Vielzahl von Praxisformen [&#8230;] und von Diskursen und Vorstellungen, die nichts weiter darstellen als intellektuelle Ausformulierungen des Phantasmas der Segregation bzw. Vorbeugung [&#8230;] und die sich um die stigmatisierenden Merkmale des radikal \u203aAnderen\u2039 [&#8230;] herum artikulieren.\u00ab Zu den Praxisformen z\u00e4hlt er \u00bbFormen der Gewaltanwendung [&#8230;], der Mi\u00dfachtung, der Intoleranz, der gezielten Erniedrigung und der Ausbeutung\u00ab. Unter dem Phantasma der Segregation versteht er die vermeintliche \u00bbNotwendigkeit, den Gesellschaftsk\u00f6rper zu reinigen, die Identit\u00e4t des \u203aeigenen Selbst\u2039 bzw. des \u203awir\u2039 vor jeder Promiskuit\u00e4t, jeder \u203aMestizisierung\u2039 oder auch jeder \u203a\u00dcberflutung\u2039 zu bewahren .\u00ab Im Rassismus gehe es dementsprechend darum, \u00bbStimmungen, Gef\u00fchle zu organisieren [&#8230;], indem sowohl ihre \u203aObjekte\u2039, als auch ihre \u203aSubjekte\u2039 stereotypisiert werden. Aus eben dieser Kombination unterschiedlicher Praxisformen, Diskursformen und Vorstellungen in einem ganzen Netz von Gef\u00fchlsstereotypen l\u00e4\u00dft sich die Herausbildung einer rassistischen Gemeinschaft erkl\u00e4ren.\u00ab (BALIBAR 1989, S. 369 f.) W\u00e4hrend also MILES den Schwerpunkt seiner Rassismus-Definition auf dessen sukzessiven Aufbau legt, betont BALIBAR die Zusammenh\u00e4nge der verschiedenen Ebenen, um so eine rassistische Gemeinschaft zu erkl\u00e4ren. Dar\u00fcber hinaus weist HALL darauf hin, dass es weitere Dimensionen des Rassismus-Begriffs gibt: \u00bbWo immer wir Rassismus vorfinden, entdecken wir, da\u00df er historisch spezifisch ist, je nach der bestimmten Epoche, nach der bestimmten Kultur, nach der bestimmten Gesellschaftsform, in der er vorkommt.\u00ab (HALL 1989, S. 11)<br \/>\nUm die Ausf\u00fchrungen zusammenzufassen: Zum einen setzt Rassismus Rassenkonstruktion voraus, die auf Bedeutungskonstitution beruht (MILES), zum anderen findet Rassismus in Praxisformen, Diskursen und Vorstellungen statt (BALIBAR) und seine historischen Auspr\u00e4gungen waren immer spezifisch (HALL). Der Begriff Selektion ist dabei bei allen Schwerpunktsetzungen wesentlich.<\/p>\n<h2>4\tSchlussbetrachtung<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Interessanterweise zeigt BALIBAR in seinem Artikel einen \u00bbNeuen Rassismus\u00ab auf, der Prozesse der Rassenkonstruktion nach MILES nicht zu ben\u00f6tigen scheint: einen Rassismus ohne Rassen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">[Der Rassismus ohne Rassen ist ein] Rassismus, dessen vorherrschendes Thema nicht mehr die biologische Vererbung, sondern die Unaufhebbarkeit der kulturellen Differenzen ist; eines Rassismus, der \u2013 jedenfalls auf den ersten Blick \u2013 nicht mehr die \u00dcberlegenheit bestimmter Gruppen oder V\u00f6lker \u00fcber andere postuliert, sondern sich darauf \u00bbbeschr\u00e4nkt\u00ab, die Sch\u00e4dlichkeit jeder Grenzverwischung und die Unvereinbarkeit der Lebensweisen und Traditionen zu behaupten. Diese Art von Rassismus ist zu Recht als ein differentialistischer Rassismus bezeichnet worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">(BALIBAR 1989, S. 373)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings wird schnell deutlich, dass die Funktionsweise des Prozesses der Selektion trotz der Negierung nat\u00fcrlicher Einteilungskriterien sich nur gerinf\u00fcgig \u00e4ndert und im Wesentlichen \u2013 vor allem im Ergebnis \u2013 vergleichbar bleibt:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">Hier kommt die Tatsache zum Ausdruck, da\u00df ein biologischer oder genetischer \u00bbNaturalismus\u00ab keineswegs den einzigen m\u00f6glichen Modus einer Naturalisierung menschlicher Verhaltensweisen und Gesellschaftlichkeit darstellt. Wenn sie f\u00fcr das \u2013 ohnehin st\u00e4rker dem blo\u00dfen Anschein verhaftete als reale \u2013 Modell einer Hierarchie (von Natur und Kultur) aufgibt, kann auch die Kultur durchaus als eine solche Natur fungieren, insbesondere als eine Art, Individuen und Gruppen a priori in eine Ursprungsgeschichte, eine Genealogie einzuschlie\u00dfen, in ein unver\u00e4nderliches und unverr\u00fcckbares Bestimmt-Sein durch den Ursprung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">(BALIBAR 1989, S. 374)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nehmen wir diese Erkenntnis einmal, um auf ein Buch zu blicken, das unter dem Titel <em>Das Ende des Wei\u00dfen Mannes: Eine Handlungsaufforderung<\/em> letztes Jahr ver\u00f6ffentlicht wurde. Der vordergr\u00fcndig rassistisch wirkende Titel ist wohl in der Tat kaum mehr als Polemik \u2013 die im Buch zum Vorschein kommende Auffassung der Genese kultureller Unterschiede und deren Folgen liest sich aus der Perspektive der oben stehenden Ausf\u00fchrungen jedoch als eine Entlarvung eines Rassismus ohne Rassen . Aus einer Kritik im K\u00f6lner Stadtanzeiger:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Laudator Hans-Olaf Henkel bringt es auf den Punkt: \u00bbDas Ende des Wei\u00dfen Mannes\u00ab von Manfred Pohl ist \u00bbpolitisch unkorrekt\u00ab. Aber vielleicht m\u00fcssen B\u00fccher und Streitschriften heute so sein, wenn sie \u00fcberhaupt wahrgenommen werden wollen. Manfred Pohl, Historiker, Philosoph, Finanzfachmann und Autor zur Geschichte des Nationalsozialismus, provoziert: Pohl fordert die westliche, vor allem aber die deutsche Gesellschaft zum Handeln auf. Nicht morgen oder \u00fcbermorgen, sondern sofort. \u00bbDas Ende des Wei\u00dfen Mannes\u00ab ist mehr als der Abgesang auf eine Welt, die sich demographisch rasch zugunsten anderer V\u00f6lker und Rassen wandelt. Pohl nennt Zahlen, als sein Buch in Berlin vorgestellt wird. Im Jahr 2050 werden \u00bbder wei\u00dfe Mann\u00ab &#8211; \u00bbund die wei\u00dfe Frau\u00ab, erg\u00e4nzt Henkel nachsichtig &#8211; weder in Europa noch in den USA l\u00e4nger die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung stellen. An ihre Stelle wird der \u00bbMulti-Colour-Man\u00ab treten, Menschen, die sich nicht l\u00e4nger \u00fcber die Hautfarbe, sondern \u00fcber ihre regionale und kulturelle Herkunft identifizieren. Wer also westliche Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte auch weiter gewahrt sehen m\u00f6chte, muss heute schon daf\u00fcr sorgen, dass dieses Erbe des \u00bbWei\u00dfen Mannes\u00ab rechtzeitig weitergegeben wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">(KONVENT-FUER-DEUTSCHLAND.DE2)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autor, MANFRED POHL, ist \u00bbausgewiesener Historiker und Kulturexperte\u00ab (KONVENT-FUER-DEUTSCHLAND.DE1, aus einer Pressemitteilung des Westkreuzverlags), Mitglied im Konvent f\u00fcr Deutschland sowie Vorsitzender des j\u00fcngst gegr\u00fcndeten Frankfurter Zukunftsrates, der sich zum Ziel gesetzt hat, ein alle Bereiche umfassender \u203athink tank\u2039 f\u00fcr gesellschaftliche Entwicklung zu sein . Auf dessen Homepage war bis vor wenigen Tagen noch der Satz \u00bbWie m\u00fcssen Hierarchiestrukturen aufgebaut werden, um in der Globalisierung zu bestehen?\u00ab zu lesen \u2013 mittlerweile wurde er gel\u00f6scht (im Google-Cache noch nachweisbar: vgl. GOOGLE.DE, vgl. FRANKFURTER-ZUKUNFTSRAT.DE). In einem solchen elit\u00e4ren Selbstverst\u00e4ndnis liest sich die \u203aHandlungsaufforderung\u2039 zur Rettung des \u203aWei\u00dfen Mannes\u2039 etwas anders.<br \/>\nDieser abschlie\u00dfende Blick weg vom eigentlichen Thema Rassismustheorien soll eines verdeutlichen: Rassismustheorien sollen nicht allein dazu dienen, einen theoretischen \u00dcberblick \u00fcber vergangene Formen und Entstehungsprozesse von Rassismen zu erhalten, sondern vielmehr durch das Verst\u00e4ndnis grundlegender Mechanismen wie Selektion und Identit\u00e4tsschaffung durch Ausschlie\u00dfungspraxen helfen, konkrete rassistische Praxen zu entlarven.<\/p>\n<h2>5\tLiteratur<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\tAUERNHEIMER, GEORG: Kulturelle Identit\u00e4t \u2013 ein gegenaufkl\u00e4rerischer Mythos? In: HAUG, FRIGGA und HAUG, WOLFGANG FRITZ (Hrsg.): Das Argument. Zeitschrift f\u00fcr Philosophie und Sozialwissenschaften: 175; S. 381-394. Argument-Verlag: West-Berlin 1989.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\tBALIBAR, ETIENNE: Gibt es einen \u00bbneuen Rassismus\u00ab? In: HAUG, FRIGGA und HAUG, WOLFGANG FRITZ (Hrsg.): Das Argument. Zeitschrift f\u00fcr Philosophie und Sozialwissenschaften: 175; S. 369-380. Argument-Verlag: West-Berlin 1989.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\tEDWARDS, A.W.F.: Human genetic diversity: Lewinton\u2019s fallacy In: WILEY, JOHN: BioEssays 25, 2003. Onlineressource: \u00bb<a href=\"http:\/\/www.goodrumj.com\/Edwards.pdf\">http:\/\/www.goodrumj.com\/Edwards.pdf<\/a>\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\tFINZSCH, NORBERT und SCHIRMER, DIETMAR: Identity and Intolerance: Nationalism, Racism, and Xenophobia in Germany and the United States. The German Historical Institute: Washington, D.C. 1998. (Nur Preface und Introduction, S. vii-xxxix)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\tGEISS, IMANUEL: Geschichte des Rassismus. Suhrkamp Verlag: Frankfurt a.M. 1988. (Nur Einleitung und I. Grundlagen des Rassismus, S. 9-47; VII. Rassismus seit 1945, Ausblick und Zeittafel, S. 294-338)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\tHALL, STUART: Rassismus als ideologischer Diskurs, Vortrag 1989. In: R\u00c4THZEL, NORA: Theorien \u00fcber Rassismus. Argument-Verlag: Hamburg 2000.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\tMILES, ROBERT: Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus. In: HAUG, FRIGGA und HAUG, WOLFGANG FRITZ (Hrsg.): Das Argument. Zeitschrift f\u00fcr Philosophie und Sozialwissenschaften: 175; S. 353-368. Argument-Verlag: West-Berlin 1989.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\tNOHLEN, DIETER und SCHULTZE, RAINER-OLAF (Hrsg.): Lexikon der Politikwissenschaft: Theorien, Methoden, Begriffe \u2013 Band 2. 3. aktualisierte und erweiterte Auflage, 2005.  C. H. Beck-Verlag: M\u00fcnchen 2002.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\tGOOGLE.DE: \u00bb<a href=\"http:\/\/209.85.129.104\/search?q=cache:8jdc2F_Kup8J:www.frankfurter-zukunftsrat.de\/+frankfurter+zukunftsrat&amp;hl=de&amp;ct=clnk&amp;cd=1&amp;gl=de\">http:\/\/209.85.129.104\/search?q=cache:8jdc2F_Kup8J:www.frankfurter-zukunftsrat.de\/+frankfurter+zukunftsrat&amp;hl=de&amp;ct=clnk&amp;cd=1&amp;gl=de<\/a>\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\tFRANKFURTER-ZUKUNFTSRAT.DE: \u00bb<a href=\"http:\/\/www.frankfurter-zukunftsrat.de\/Anspruch\/\">http:\/\/www.frankfurter-zukunftsrat.de\/Anspruch\/<\/a>\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\tKONVENT-FUER-DEUTSCHLAND.DE1: \u00bb<a href=\"http:\/\/www.konvent-fuer-deutschland.de\/downloads\/files\/koelner.pdf\">http:\/\/www.konvent-fuer-deutschland.de\/downloads\/files\/koelner.pdf<\/a>\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211;\tKONVENT-FUER-DEUTSCHLAND.DE2: \u00bb<a href=\"http:\/\/www.konvent-fuer-deutschland.de\/aktuelles\/Presseinformation_Buch_Pohl.pdf\">http:\/\/www.konvent-fuer-deutschland.de\/aktuelles\/Presseinformation_Buch_Pohl.pdf<\/a>\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>rassismustheorien_exposee.pdf Rassismustheorien 1 Einleitung Als ich mich neulich auf meine Erdkundeklausur vorbereitete, stolperte ich \u00fcber eine Weltkarte&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=85\">weiterleesen<span class=\"screen-reader-text\">Rassismustheorien<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,16,17],"tags":[],"class_list":["post-85","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schrift","category-geographie","category-politisches","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/85","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=85"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/85\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":96,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/85\/revisions\/96"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=85"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=85"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=85"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}