{"id":698,"date":"2010-01-08T02:33:39","date_gmt":"2010-01-08T01:33:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.druckschrift.net\/?p=698"},"modified":"2010-05-09T21:49:05","modified_gmt":"2010-05-09T20:49:05","slug":"uber-das-leid-iii-hiobs-frage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=698","title":{"rendered":"Hiobs Frage"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Massoud hatte mich vorgewarnt, da\u00df Tante Lobats ganzer K\u00f6rper vom Ausschlag wund sei und offenbar schrecklich jucke; st\u00e4ndig m\u00fcsse sie massiert werden, einge\u00f6lt oder einfach nur gekratzt. Obwohl sie ihr Morphium gaben, wimmerte sie den ganzen Tag kl\u00e4glich vor sich hin, wenn sie nicht aufschrie, da\u00df es noch den Nachbarn ins Mark gehen mu\u00dfte, oder vor Schmerz gleich in Ohnmacht fiel. Man liest das in Romanen, da\u00df Menschen auf einen Schlag um ein halbes Menschenleben altern k\u00f6nnen. Hier war das so: Ein Jahr zuvor hatte mich eine zwar schmerzgeplagte, aber fr\u00f6hliche Frau von siebzig, f\u00fcnfundsiebzig Jahren verabschiedet, nun war ich zur\u00fcckgekehrt zu einem hautbespannten Skelett, bei dem sich das Alter schon nicht mehr sch\u00e4tzen lie\u00df. Bewegen konnte sie nur noch die H\u00e4nde, sprechen nichts au\u00dfer der unverst\u00e4ndlichen Reihung von Silben. Die Haare, die sie, seit ich denken kann, immer zusammengesteckt und bei Besuch unter einem Kopftuch versteckt hatte, breiteten sich schneewei\u00df in alle Richtungen aus, zogen sich wirr \u00fcbers ganze Kissen und bis zur Brust herab. So sehr war sie abgemagert, da\u00df sich in ihrem einst kugelrunden Gesicht alle W\u00f6lbungen und Einkerbungen des Sch\u00e4dels abzeichneten. Um so gr\u00f6\u00dfer waren die Augen, die mich aus tiefen H\u00f6hlen anstarrten, als ich das Zimmer betrat.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Gebein hanget an mir an Haut und Fleisch, und ich kann meine Z\u00e4hne mit der Haut nicht bedecken. Erbarmet euch mein, ihr meine Freunde! denn die Hand Gottes hat mich getroffen (Hiob 19, 20-21)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich werde ihren Blick nie vergessen: Er war mehr als nur leidend, er war zornig und zugleich von tiefer kindlicher Furcht, in angestrengter Nachdenklichkeit, ratlos, hilflos und zugleich besch\u00e4mt. Ja, es war ihr peinlich, nicht nur in einen solchen Zustand gebracht worden zu sein, sondern dabei auch noch von allen gesehen zu werden, dazu all diese Umst\u00e4nde, M\u00fchen und Kosten, die sie verursachte. Sie war bei klarem Bewu\u00dftsein, das hatte mir Massoud vorher schon gesagt, damit ich nicht erschrecke, aber ich h\u00e4tte es auch sofort an ihrem Blick bemerkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tr\u00e4nen in den Augen mu\u00dfte ich nicht verbergen, da sie ohnehin wu\u00dfte, was vor sich ging. Auch sie weinte. Sie nahm pr\u00e4zise wahr, was mit ihr geschau, was sie durchlitt und da\u00df wir ihr zusahen; sie reflektierte es, darauf deutete die Konzentration in ihrem Blick hin, aber ihr waren die M\u00f6glichkeiten genommen, darauf zu reagieren, es wenigstens zu kommentieren. Das machte sie w\u00fctend, das sp\u00fcrte ich genau. Sie wollte das nicht hinnehmen, alles andere, aber das nicht. Deshalb unternahm sie immer neue Anl\u00e4ufe zu sprechen, ohne da\u00df es ihr gelang, die Zunge zu den S\u00e4tzen zu bewegen, die sie auf den Lippen hatte. Sie stammelte etwas, blickte in unsere fragenden Gesichter, stellte fest, da\u00df sie sich wieder nicht hatte verst\u00e4ndlich machen k\u00f6nnen, und zuckte mit dem Kinn nach oben, um den Kopf im gleichen Augenblick verbittert von uns abzuwenden. F\u00fcr mich war dies schwerer zu ertragen als die Schmerzensschreie: dieser nach oben zuckende und dann wegdrehende Kopf, das Wegwerfen, das sich darin andeutete, oder besser gesagt, der Versuch, es wegzuwerfen, das elende Leben, das den Aufwand nicht lohnt. Aber es ging nicht, nicht einmal das ging, denn es blieb an ihr haften, das Leben, sie konnte es einfach nicht absch\u00fctteln. &#8222;Gew\u00f6hnlich sagt man einem Menschen, dessen Zustand aussichtslos ist: &#8218;Gib es auf, leg dich hin und stirb!&#8216; &#8220; hei\u00dft es in einer Erz\u00e4hlung Sadeq Hedayats. &#8222;Aber was geschieht, wenn der Tod dich nicht haben will, wenn er dir den R\u00fccken zukehrt, wenn er einfach nicht zu dir kommt, nicht zu dir kommen will?&#8220; Sie mu\u00dfte weiter vor uns ausharren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dennoch, so unangenehm ihr, der Glaubensstarken und immer Geduldigen, es war, vor uns so erb\u00e4rmlich vorgef\u00fchrt zu werden \u2013 noch schlimmer war f\u00fcr sie, wenn wir sie verlie\u00dfen, und sei es nur, da\u00df einer aufs Klo mu\u00dfte, denn sie vermochte nicht zu beurteilen, ob man auch wiederkommen w\u00fcrde. Sie verstand offenbar nur Bruchst\u00fccke dessen, was wir ihr zubr\u00fcllten, und dann war es auch so, da\u00df sie uns oft nicht zu glauben schien, da\u00df sie dachte, Badri oder Moussad w\u00fcrden sie nur schonen, wenn sie sagten, ihre Enkelin, ihr Bruder, ihr Neffe k\u00e4men gleich zur\u00fcck. Wenn sie merkte, da\u00df wir aus dem Zimmer gehen wollten, bettelte sie panisch wie ein kleines Kind, das nicht allein zu Hause bleiben will, da sie jedesmal dachte, wir w\u00fcrden nun nach Deutschland zur\u00fcckkehren und sie w\u00fcrde uns nie mehr sehen. Wenn es einen Menschen gab, den Glaube und seelische Verfassung stark genug gemacht hatten, Schmerzen und Unheil zu erdulden, war sie es, aber das hier, das ging schlicht \u00fcber ihre Kr\u00e4fte hinaus, sogar \u00fcber ihre Kr\u00e4fte. Damit hatte sie nicht rechnen k\u00f6nnen, da\u00df es so schlimm werden k\u00f6nnte, das hatte ihr niemand gesagt. Es stand in keinem Buch, nicht einmal im Buch Gottes, in dem sie t\u00e4glich gelesen hatte. Es zog sich noch beinah ein Jahr hin, juckend, schmerzend, von Eiter \u00fcberzogen: ein Martyrium. &#8222;Siehe da, er sei in deiner Hand&#8220;, sprach der Herr zu Satan (Hiob 2,6), der daraufhin Hiob mit b\u00f6sartigen Geschw\u00fcren von der Fu\u00dfsohle bis zum Scheitel schlug: &#8222;Mein Fleisch ist um und um wurmig und kotig; meine Haut ist verschrumpft und zunichte geworden.&#8220; (7,5)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewi\u00df ist Hiob keine Person aus unserem t\u00e4glichen Leben. Dennoch mu\u00df man nicht in die Geschichte oder ferne, krisengesch\u00fcttelte oder von Katastrophen heimgesuchte L\u00e4nder gehen, um ihn zu finden. Ein Besuch im Spital gen\u00fcgt. Man braucht nicht einmal zu den Schmerzpatienten gehen. Die Scham kann den Menschen \u00e4hnlich zersetzen, das sagen einem alle Pfleger. Dort habe ich ihn getroffen, nur noch 46 Kilo schwer, der auf dem Stuhltopf sa\u00df und eine hellbraune Fl\u00fcssigkeit schi\u00df. Bett und Kleider waren verschmiert. Der Pfleger st\u00fclpte sich Handschuhe \u00fcber und wusch Po und Geschlecht des Wimmernden behutsam mit einem Schwamm. Best\u00fcrzter h\u00e4tte mich Hiob nicht ansehen k\u00f6nnen. Viel schlimmer als die Schmerzen war f\u00fcr meinen Gro\u00dfvater, da\u00df er am Ende die Herrschaft \u00fcber seine Blase verloren hatte. Man macht sich hier keinen Begriff davon, was es in Iran vor zwei, drei Jahrzehnten noch bedeutete, Oberhaupt der Familie zu sein, welche W\u00fcrde es zugleich voraussetzte und mit sich brachte. Und da sah ich Dreizehnj\u00e4hriger nun, wie sich Gro\u00dfvater vor allen Leuten in die Hose machte, und ich war dabei, als meine Tante Jaleh ihm die Unterhose wechselte. Dabei hatte er f\u00fcr sich von Gott nur zwei Dinge erbeten, wie mein Bruder ein paarmal mitgeh\u00f6rt hatte: vor seinen Kindern zu sterben, was ihm nicht verg\u00f6nnt war, da sein j\u00fcngster Sohn \u00fcbern\u00e4chtigt gegen einen Baum fuhr, und zu sterben, bevor er auf die Hilfe anderer angewiesen war. Nun hatte Gott ihm, dem Stolzen, die Hilflosigkeit ausbuchstabiert wie ein pedantischer, unnachgiebiger Lehrer. Auch Tante Lobat qu\u00e4lte die Scham \u00fcber die eigene Schw\u00e4che, das sah ich genau. Nicht einmal Hiob, der nackt auf der Asche sitzt und sich mit einer Glasscherbe kratzt, der einst vor allen ger\u00fchmte Hiob h\u00e4lt es aus, da\u00df Gott ihn zum Spott f\u00fcr die Leute ausgestellt hat: &#8222;Mein Odem ist zuwider meinem Weibe, und ich bin ein Ekel den Kindern meines Leibes. Auch die jungen Kinder geben nichts auf mich; wenn ich ihnen widerstehe, so geben sie mir b\u00f6se Worte. Alle meine Getreuen haben einen Greuel an mir.&#8220; (19, 17-19)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hiob konnte wenigstens noch klagen; meiner Tante war selbst dies verwehrt, sooft sie immer wieder neu versuchte, wenigsten einen einzigen Satz zu artikulieren. &#8222;O h\u00e4tte ich einen, der mich anh\u00f6rt!&#8220; (31, 35) Alle in meiner Familie, auch die Alten, waren sich einig, da\u00df ihr das grauenvollste Sterben zuteil geworden war, an dem je einer von uns teilgenommen, von dem je einer geh\u00f6rt hatte \u2013 ausgerechnet ihr, der Gottesf\u00fcrchtigsten unter uns, der Gerechtesten. Das genau ist die Erfahrung Hiobs, nicht nur das Leiden, auf welches das Christentum mit dem Kreuz eine entschiedene Antwort gibt, sondern dessen Ungerechtigkeit, das gottgewollte Unrecht, auf das auch das Kreuz nicht antwortet. Niemand hat es weniger verdient als er: &#8222;Denn es ist seinesgleichen nicht im Lande, schlecht und recht, gottesf\u00fcrchtig und meidet das B\u00f6se&#8220;, spricht Gott, bevor Er Hiob dem Satan \u00fcberl\u00e4\u00dft (1,8). Gerade weil Hiob gerecht ist, mu\u00df er leiden. Und wie Hiob zu Gott sagt, &#8222;La\u00df mich wissen, warum du mit mir haderst&#8220; (10,2), so schien im bohrenden Blick meiner Tante die Frage zu liegen, warum Gott sie dem B\u00f6sen preisgegeben hatte \u2013 warum ausgerechnet sie? &#8222;Ist denn auf meiner Zunge Unrecht, oder sollte mein Gaumen B\u00f6ses nicht merken?&#8220; (6,30) In allen anderen Situationen h\u00e4tte das eine selbsts\u00fcchtige Frage sein k\u00f6nnen. Hier war es die Frage nach dem Sinn, die Kernfrage Hiobs: Wie sind das Leid und die Ungerechtigkeit in der Welt in Einklang zu bringen mit dem Bild, das uns von Gott gelehrt wurde?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Aus: \u201cDer Schrecken Gottes\u201d von Navid Kermani<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Massoud hatte mich vorgewarnt, da\u00df Tante Lobats ganzer K\u00f6rper vom Ausschlag wund sei und offenbar schrecklich jucke;&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=698\">weiterleesen<span class=\"screen-reader-text\">Hiobs Frage<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,18,15,28],"tags":[79,57,58,46,71,78],"class_list":["post-698","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-satz","category-glaube","category-literatur","category-uber-das-leid","tag-glaube","tag-hiob","tag-kermani","tag-leid","tag-linkfrei","tag-literatur","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/698","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=698"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/698\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":975,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/698\/revisions\/975"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=698"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=698"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=698"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}