{"id":491,"date":"2009-07-26T13:01:51","date_gmt":"2009-07-26T12:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.druckschrift.net\/?p=491"},"modified":"2010-04-25T01:32:25","modified_gmt":"2010-04-25T00:32:25","slug":"psychologie-eines-klodiskurses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=491","title":{"rendered":"Psychologie eines Klodiskurses"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Am Donnerstag traf ich mich an der Uni mit Bj\u00f6rn zum Schachspielen, als ich mal gem\u00fctlich ausf\u00fchrlich aufs Klo musste. \u00a0Als ich so &#8222;uffem Schacht&#8220; sa\u00df, las ich mir den angeregt gef\u00fchrten Klodiskurs an der T\u00fcr durch, der in etwa davon handelte, dass ein vormaliger Besucher zun\u00e4chst pauschal alle Studentinnen als Prostituierte bezeichnete, da sie sich f\u00fcr Scheine (und er erw\u00e4hnte extra auch die Seminarscheine) den Professoren anbieten w\u00fcrden. Der n\u00e4chste forderte auf, Namen zu nennen und nicht blo\u00df bei unbestimmten Behauptungen also unglaubw\u00fcrdig stehen zu bleiben, woraufhin der Eingangsschreiber seinen Vorwurf immerhin auf den Fachbereich 06 eingrenzte, wegen der r\u00e4umlichen N\u00e4he vermutlich nicht Sport sondern die Psychologie meinte. Da schaltete sich auf einmal ein weiterer Debattant ein mit dem Ausruf &#8222;Kann man denn hier nicht mal in Ruhe sch*****?!&#8220; Die Antwort kam prompt in Form eines <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Adorno#Wirkungsgeschichte\">Adorno<\/a>-Zitats (wie ich mich sp\u00e4ter von meinem Schachkollegen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dialektik_der_Aufkl\u00e4rung\">aufkl\u00e4ren<\/a> lassen musste, peinlich peinlich): &#8222;<a href=\"http:\/\/www.videogold.de\/es-gibt-kein-richtiges-leben-im-falschen\/\">Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.<\/a>&#8220;<br \/>\nRandbemerkung: Auch Adorno geh\u00f6rte zu den Leuten, die lieber in etwas anderem gro\u00df geworden w\u00e4ren&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls wollte ich nun mein Kabinenbed\u00fcrfnis zeitgleich mit dem Toilettent\u00fcr-Diskurs beenden. Als ich gerade <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Begriff_(Philosophie)#Kritische_Theorie\">im Begriff <\/a>war, mich des Diskurses zu entziehen, entdeckte ich an der linken Kabinenwand ein Wort, das mir nicht so recht in den Zusammenhang zu passen schien: &#8222;Snujer&#8220;. Da hatte doch jemand tats\u00e4chlich ein Wort hingeschrieben, dessen einzigen Sinn ich entringen konnte, indem ich es als meinen falschgeschriebenen Nachnahmen identifizierte. Verwirrt belustigt las ich mir den ganzen Satz durch &#8230; Was ich las, lie\u00df mich die Augen zusammenkneifen (mit dem Schachten wars da \u00fcbrigens schon l\u00e4ngst vor\u00fcber): &#8222;All The Oles Are Fat, Including The Snujers.&#8220; . Ich muss sagen, dass ich das Dasein dieses Satzes bis jetzt nicht ganz gerafft habe und es als eines der wenigen Mysterien in meinem Leben wohl existieren lassen muss.<br \/>\nIch werde wahrscheinlich nie herausfinden, was jemanden dazu veranlasst hat, mich an der Kabinenwand in diesen sinnfreien Satz zu bannen. Meine einzige Vermutung besteht darin, dass der Satz, dessen Anfangsbuchstaben der W\u00f6rter nochmal extra aufgef\u00fchrt waren, Teil eines Spielchens war, bei dem zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlten Buchstaben ein logisch richtiger Satz zugeordnet werden musste. Jetzt frage ich mich nat\u00fcrlich, seit wann der Satz schon da stand und ich ihn nicht bemerkt hatte&#8230; (Sp\u00e4ter am Abend bei unseren regelm\u00e4\u00dfig reaktivierten <a href=\"http:\/\/www.akbp.de\/\">AKBp<\/a>-Treffen kamen wir dann auf den Gedanken, dass ich vielleicht w\u00e4hrend des Studiums jahrelang gemobbt worden bin \u2013 es aber nie gemerkt habe&#8230;)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz darauf beim weiteren Schachspielen wurden wir von zwei Psychologinnen angesprochen, ob wir nicht Lust h\u00e4tten, an einem Experiment zur Untersuchung der Sprachwahrnehmung teilzunehmen, als Belohnung g\u00e4be es einen Schokoriegel. Da ich billig zu haben war und Lust auf ein <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ymoWA4CzzLE\">Snickers<\/a> hatte, stimmte ich zu und ging mit einer der beiden zu einem B\u00fcro, w\u00e4hrend ich sie die ganze Zeit peinlichst auf Hinweise auf Prostitution hin untersuchte \u2013 ich konnte nichts dergleichen feststellen.<br \/>\nIm B\u00fcro angekommen musste ich mit Erschrecken feststellen, dass auf dem Tisch nur Duplo und Kinderriegel standen; wurde also nichts mit Snickers. Entsprechend unmotiviert begab ich mich an den ersten Test. Dort sollte ich zun\u00e4chst Buchstaben nach meinen Vorlieben benoten. Also, wenn ich das &#8222;O&#8220; besonders mochte (immerhin der Anfangsbuchstabe meines Vornamens), gab ich 9 Punkte, das langweilige &#8222;S&#8220; bekam 5 und das komische &#8222;Y&#8220; nur zwei Punkte. Das ganze lief am Computer ab in zuf\u00e4lliger Reihenfolge und ich durfte nicht Nachdenken, als ich die Buchstaben bewertete. Beim zweiten Test musste man m\u00f6glichst schnell wirre Buchstabenkombinationen, also Fantasiew\u00f6rter einteilen in jene, die mit einem Vokal begannen, und jene, die mit einem Konsonant anfingen, das Ganze m\u00f6glichst schnell. Danach musste ich noch zwei Mal den ersten Test, also das Buchstabenranking, wiederholen. Zum Abschluss sollte ich dann noch einen kurzen Fragebogen ausf\u00fcllen, bei dem mir Fragen zu meinem derzeitigen Selbstwertgef\u00fchl gestellt wurden. Also, wie wichtig ist mir, was andere \u00fcber mich denken; was denke ich, wie viel ich Wert bin und so weiter. Mein Selbstwertge\u00fchl hing immer noch an dem Satz an der Kabinenwand, deshalb waren die Antworten nicht ganz so arrogant wie sonst. Nach dem Fragebogen war die Untersuchung dann auch schon fertig und ich durfte mir einen der beiden Schokoriegel f\u00fcr meine M\u00fchen aussuchen (Stichwort: Prostitution im Fachbereich 06). Ich lehnte dankend ab.<br \/>\nBeim Rausgehen teilte die wissenschaftliche Mitarbeiterin mir dann wenig \u00fcberraschend die Aufl\u00f6sung des Ganzen mit: &#8222;Jetzt kann ichs dir ja sagen, das Ganze hatte nichts mit Sprachgef\u00fchl zu tun. Es ging viel eher darum, zu untersuchen, ob es einen Zusammenhang zwischen der Vorliebe f\u00fcr den eigenen Anfangsbuchstaben und der Selbstwertsch\u00e4tzung gibt.&#8220; (Ich glaube, der Begriff dazu w\u00e4re <a href=\"http:\/\/www.weltbild.de\/3\/15478993-1\/buch\/implizite-und-explizite-selbstwertschaetzung.html\">Implizite Selbstwertsch\u00e4tzung<\/a>.) &#8222;Beim zweiten Test wurden dir kurze Impulse gezeigt, die du nicht bewusst hast wahrnehmen k\u00f6nnen, es ging da bei den Vokalen und Konsonanten nur um deine Afmerksamkeit. Die Unteruchungsmethode ist allerdings umstritten, aber anders kann man es ja auch nicht messen.&#8220; Ich \u00fcberlegte kurz, ob ich sagen sollte, dass ich das &#8222;O&#8220; zwar au\u00dferordentlich gut bewertet hatte, meinen Selbstwert aber vor allem situativ bedingt eher etwas weit unten angesiedelt habe.<br \/>\nMit einem schlechten Gewissen, hier gerade jemandem die Promotion versaut zu haben, verlie\u00df ich die Psychologie und wandte mich wieder dem Schachspielen zu. Das Spiel gewann ich nat\u00fcrlich und Snickers und Klospruch waren wieder kompensiert \u2013 in da Face, Bj\u00f6rn! Ich bin der Tollste!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als wesentliche Erkenntnis aus diesem psychologischen Diskurs nehme ich also mit: Die beste Waffe gegen Mobbing ist mangelnde Wahrnehmung, der Begriff &#8222;Schokoriegel&#8220; ist je nach Giergrad unterschiedlich interpretierbar und Prostitution findet weniger durch die Psychologinnen selbst als vielmehr durch die Psychologie als Wissenschaftsdisziplin statt, indem sie versucht, Erkenntnisse durch pseudo-naturwissenschaftliche Messmethoden zu erzeugen und sich so m\u00f6glichst billig an die Wahrheit zu verh\u00f6kern (zum Gl\u00fcck ist die Wahrheit aber integer).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Donnerstag traf ich mich an der Uni mit Bj\u00f6rn zum Schachspielen, als ich mal gem\u00fctlich ausf\u00fchrlich&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=491\">weiterleesen<span class=\"screen-reader-text\">Psychologie eines Klodiskurses<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[54,64],"class_list":["post-491","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-blogbuchstaben","tag-erlebt","tag-uni","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/491","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=491"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/491\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":901,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/491\/revisions\/901"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=491"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=491"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=491"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}