{"id":428,"date":"2009-05-30T11:55:46","date_gmt":"2009-05-30T10:55:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.druckschrift.net\/?p=428"},"modified":"2010-04-25T01:34:02","modified_gmt":"2010-04-25T00:34:02","slug":"die-westerwelle-connection","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=428","title":{"rendered":"Die Westerwelle-Connection"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ich war gestern mit dem Fahrrad in der Stadt, um einige kleinere Dinge zu erledigen. Ich entschied mich, noch schnell bei Aldi etwas Waschmittel zu besorgen und wollte gerade vom Marktplatz auf den Kirchplatz einbiegen, als eine Veranstaltung mit etwa 300 Leuten das Weiterfahren verhinderte: Auf einer B\u00fchne stand Guido Westerwelle an einem Rednerpult und redete zu einer farblosen Menge politisch klingende Sachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben ihm standen der hessische FDP-Chef J\u00f6rg-Uwe Hahn, der nur selten zu Westerwelles Worten applaudieren konnte, weil er seiner Wichtigkeit durch die st\u00e4ndige Benutzung seines Blackberrys Ausdruck verleihen wollte, Silvana Koch-Mehrin, deren recht h\u00fcbsches Gesicht auf nahezu allen <a href=\"http:\/\/extra3.blog.ndr.de\/2009\/03\/09\/nee-ist-klar-frau-dr-silvana-koch-mehrin\/\">FDP-Plakaten<\/a> zu sehen war, als wolle die FDP allen zeigen: &#8222;Wir sind nicht (nur) schwul!&#8220;, sowie ein f\u00fcr mich unbekannter Europagew\u00e4hlter und am Schluss der Reihe Hermann Otto Solms, ehemaliger Bundestags-Vizepr\u00e4sident, der meine Erinnerung schmunzeln lie\u00df: Ich hatte in dessen Sekretariat Anfang 2005 angerufen, um ihn spontan auf eine Podiumsdiskussion einzuladen (<a href=\"http:\/\/www.akbp.de\/AKBp_Pd-Plakat.jpg\">Hochschulen im Wettbewerb<\/a>), wo <a href=\"http:\/\/www.mckinsey-bildet.de\/html\/02_idee\/zukunft_der_bildung.php\">Nelson Killius<\/a> sich <a href=\"http:\/\/www.patandmat.net\/history.html\">einen Killius geleistet<\/a> hatte und uns 3 Tage vor Termin nach monatelanger Zusage agesagt hatte und somit ein neuer neoliberaler Part besetzt werden musste. F\u00fcr den war aber einfach kein Ersatz zu finden, sodass ich in absoluter Verzweiflung im B\u00fcro von Hermann Otto Solms anrief und eine seiner Sekret\u00e4rinnen bat, ihn anzufragen, ob er in drei Tagen nicht Lust habe, nach Gie\u00dfen zu kommen und an einer Diskussionsrunde teilzunehmen. Sie versprach mir, ihn zu fragen und mich zur\u00fcckzurufen, sobald sie eine Antwort habe. Sie rief mich dann tats\u00e4chlich zur\u00fcck, um mir seine Absage mitzuteilen, was ich sehr nett fand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einem kurzen Flashback schob ich mein Fahrrad zwischen vereinzelt rumlungernden Polizeibeamten hinter der B\u00fchne vorbei und wollte gerade wieder weiterfahren, als mir in der Menge das einzige Transparent ins Auge stach. Es war wei\u00df und mit roter Schrift <a href=\"http:\/\/mindestlohn.verdi.de\/\">forderte da ver.di den gesetzlichen Mindestlohn<\/a>, befestigt an je einer Dachlatte, um es weit \u00fcber die K\u00f6pfe der Menge in den Himmel halten zu k\u00f6nnen. Nicht nur farblich und inhaltlich fiel es auf, es war auch \u00fcberhaupt das einzige Message-Utensil in der Menge \u2013 keine FDP-F\u00e4hnchen oder -Schilder zum Hochhalten waren zu sehen, gelbe FDP-T-Shirts waren nur auf der B\u00fchne sichtbar bei einer Reihe von jungen Partei-Zinnsoldaten, deren interessante Aufgabe es zu sein schien, die Emotionen, die Westerwelles Rede an bestimmten Stellen hervorrufen sollte, f\u00fcr die Menge sichtbar darzustellen und umso heftiger zu applaudieren je mehr entschlossenes Handeln gerade \u00fcber die Lautsprecher gefordert wurde. Jedenfalls dachte ich mir, dass ich vielleicht den ein oder anderen derer kenne, die sich dort unter dem ver.di-Transparent versammelt hatten, also ging ich hin. Und tats\u00e4chlich wurde der rechte der beiden St\u00f6cke von einem guten Freund gehalten, den ich schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen hatte. Ich gesellte mich zu ihm und stellte mich mittig unter das Banner. Wir begannen ein etwas l\u00e4ngeres freundschaftliches Gespr\u00e4ch. Dabei erz\u00e4hlte er mir, dass vorhin eine Gruppe von Aktivisten, die sich nun unter dem Transparent wieder gesammelt h\u00e4tten, sich auf den <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/mavo\/2092134326\/\">hinter der B\u00fchne befindlichen Kirchturm<\/a> begeben h\u00e4tten, um ein anderes, gr\u00f6\u00dferes Banner zu entrollen. (Eine \u00e4u\u00dferst bemerkenswerte Randpointe: Als ich fragte, was denn dort drauf gestanden habe, musste sich erst durch drei der Entroller durchgefragt werden, bis mir der Spruch genannt werden konnte. Es war irgendwas mit &#8222;<a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/a7\/Anti-capitalism_color.jpg\">Kapitalismus<\/a>&#8222;, ich habs vergessen. Es war einigen sichtlich peinlich, dass sie mir nicht sofort die genaue Botschaft nennen konnten.) Bei der Aktion h\u00e4tten sie sich, um auf den Kirchturm zu gelangen, als Geographiestudenten ausgegeben, die Stadtvermessungen vornehmen wollten. &#8230; Naja, auf jeden Fall bekamen sie so gegen 10\u20ac Pfand den Schl\u00fcssel vom W\u00e4rter, der sich, nachdem der Trupp unter Polizeibegleitung vom Turm gef\u00fchrt wurde, entr\u00fcstet gezeigt habe: &#8222;Das h\u00e4ttet ihr mir doch sagen k\u00f6nnen!&#8220; Seine Worte klangen beinahe so, als h\u00e4tte er mitgeholfen, wenn ihm der Sinn der Aktion bekannt gewesen w\u00e4re. Die 10\u20ac Pfand bekamen die St\u00f6renfriede selbstverst\u00e4ndlich zur\u00fcck&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls stand ich nun unter dem ver.di-Transparent neben meinem Freund und als wir nach einer l\u00e4ngeren Plauderei gerade dabei waren, einen Termin zum Kickern auszumachen, um dabei ein Bier zu trinken, wurden wir von Guido Westerwelle am Rednerpult j\u00e4h unterbrochen \u2013 und einer Menge feindseliger Blicke, die sich zu uns umdrehten und uns Dinge wie &#8222;Jawoll, so sieht n\u00e4mlich die Wahrheit aus!&#8220;, &#8222;Du hast keine Ahnung, der weise Mann da vorne hat dir gerade gezeigt, wo&#8217;s intellektuell langgeht!&#8220; oder auch einfach nur &#8222;Abschaum!&#8220; entgegenschauten. Es war einfach krass zu sehen, wie aggressiv Blicke sein k\u00f6nnen. Auch die Partei-Zinnsoldaten schauten uns grimmig, fast mordl\u00fcstern von der B\u00fchne an und schienen nur auf die n\u00e4chste passend intonierte Stelle in der Rede zu warten, um uns mit Gewehrsalven ihres Applauses niederzum\u00e4hen. Es dauerte eine Weile, bis sich die Blicke der anderen etwas beruhigt hatten und sich dem Redelsf\u00fchrer wieder zuwandten. Am meisten \u00e4rgerte mich, dass wir durch diese Unterbrechung beinahe vergessen h\u00e4tten, einen Termin zum Kickern auszumachen, gl\u00fccklicherweise erinnerten wir uns aber wieder daran, bevor ich nach einer kurzen Weile wieder ging, sodass uns kein Schaden entstand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch eine Randpointe fand dann unterwegs zu Aldi in meinem Kopf statt: Es war nat\u00fcrlich bei der ganzen Veranstaltung auch die Presse anwesend, so auch ein Kameramann vom hessischen Rundfunk. Der hielt irgendwann, als ich so h\u00fcbsch mittig unter dem ver.di-Transparent stand, mitten auf uns drauf, sodass ich dachte: &#8222;Mensch, ich bin bestimmt heut Abend in der Hessenschau!&#8220; Dann erinnerte ich mich an die Aktion mit dem Banner, das vom Kirchturm entrollt wurde, bei der auch von der Polizei einige Personalien aufgenommen wurden und ich dachte: &#8222;Hm, wenn der Hessenschau-Bericht nun von &#8218;Krawallmachern&#8216; spricht und dazu dieses Bild zeigt, dann k\u00f6nnte ich kommende Woche in der Schule in Rechtfertigungsschwierigkeiten kommen.&#8220; &#8230; Der Bericht in der Hessenschau fiel allerdings langweilig aus: In etwa 30 Sekunden wurde nur kurz die B\u00fchne gezeigt und f\u00fcr etwaige St\u00f6rungen oder andere Meinungen war kein Platz. Schade.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein einsamer Gedanke zum Schluss: Die ca. 55-j\u00e4hrige Kassiererin, die mein Waschmittel schlie\u00dflich abbuchte, zeigte sich ziemlich unbeeindruckt von meinen Gedanken zu FDP, Mindestlohn und Kapitalismus. Ich habe den Eindruck, dass es eher irgendeine pers\u00f6nliche Scham ist, die sie mit ihrer intensiven Br\u00e4unungscreme und den wasserstoff-blondierten Haaren zu \u00fcbermalen versucht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war gestern mit dem Fahrrad in der Stadt, um einige kleinere Dinge zu erledigen. 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