{"id":284,"date":"2009-03-04T22:07:38","date_gmt":"2009-03-04T21:07:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.druckschrift.net\/?p=284"},"modified":"2010-04-25T01:40:04","modified_gmt":"2010-04-25T00:40:04","slug":"uber-das-lernen-von-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=284","title":{"rendered":"\u00dcber das Lernen von Sprache"},"content":{"rendered":"<p>Interessanter Ausschnitt aus einem <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/mensch\/0,1518,610651,00.html\">Interview mit Daniel Tammet<\/a>, einem Savant (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Inselbegabung\">Inselbegabten<\/a>):<\/p>\n<blockquote><p><strong>SPIEGEL ONLINE:<\/strong> Sie lernen extrem schnell. Isl\u00e4ndisch haben Sie vor einigen Jahren in nur einer einzigen Woche gelernt &#8211; ohne vorher jemals etwas mit der Sprache zu tun gehabt zu haben. Was machen Sie anders als andere Menschen? <strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Tammet:<\/strong> Die meisten Menschen halten fremde Sprachen f\u00fcr etwas Mysteri\u00f6ses, Be\u00e4ngstigendes. Sie tun so, als w\u00e4ren Sprachen etwas K\u00fcnstliches und lernen Listen von W\u00f6rtern und Konjugationen, nach dem Motto &#8222;ich bin, du bist, er ist&#8220;. So kommt man nicht wirklich voran. Ich lerne eine fremde Sprache intuitiv, so \u00e4hnlich wie es Kinder tun. Ich versuche, ein Gef\u00fchl f\u00fcr die jeweilige Sprache zu entwickeln und Muster zu erkennen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Kleine runde Dinge fangen in Deutsch h\u00e4ufig mit &#8222;Kn&#8220; an, Knoblauch, Knopf, Knospe. &#8222;Str&#8220; wiederum beschreibt lange, d\u00fcnne Dinge, Strand, Strumpf, Strahlen. Diese Muster gibt es in allen Sprachen. Wenn man sie erkennt, bekommt man ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, wie eine Sprache funktioniert, und kann sie leichter lernen. <strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>SPIEGEL ONLINE: <\/strong>Auf die Idee, Worte nach Formen zu sortieren, w\u00e4ren wir als Muttersprachler allerdings nie gekommen. <strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Tammet: <\/strong>Heute vielleicht nicht. Aber ich glaube, dass Sie Deutsch, als Sie jung waren, unbewusst genau auf diese Weise gelernt haben. Jeder, der als Kind seine erste Sprache lernt, denkt auf diese Weise. Wenn man sp\u00e4ter im Leben eine Sprache lernt, ist der Zugang dann allerdings ein anderer. Das Gehirn hat sich ver\u00e4ndert. Pl\u00f6tzlich h\u00e4lt man fremde Sprachen f\u00fcr merkw\u00fcrdig. Aber sie sind es nicht. Jede Sprache ist logisch, weil sie von menschlichen Gehirnen erdacht wurde. Es ist also vollkommen nat\u00fcrlich, nach der Logik einer Sprache zu suchen und diese Logik f\u00fcr das Lernen zu nutzen.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Grunde genommen ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Verkindlichung des Lernens \u2013 und damit gegen den derzeitigen Aufbau von Schule. Vielleicht steckt im System Schule die strukturelle Verk\u00f6rperung der Arroganz der Erwachsenen (besser: <em>Entwachsenen<\/em>), sprich: die felsenfeste \u00dcberzeugung, zu wissen, was die Welt ausmacht und wie sie funktioniert, und diese <em>kategorische Weisheit<\/em> jetzt den j\u00fcngeren Menschen verbindlich zu vermitteln. (Um das klarzustellen \u2013 \u00a0Ich bin gar nicht zwingend daf\u00fcr, Schule in ihrem Wesen zu ver\u00e4ndern. Meinetwegen schon, aber mir gehts vor allem darum: Ich m\u00f6chte, dass dieses Wesen erkannt wird, damit alle Teilnehmenden sich bewusst in und mit diesem System bewegen k\u00f6nnen.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das beste Beispiel f\u00fcr die Arroganz der Wissensbesitzer ist die <a href=\"http:\/\/graffiti.keusta.net\/blog\/index.php\/2006\/04\/24\/298-alphabet-graffiti\">Sprache<\/a>. Begriffe bilden das ab, was wir Wirklichkeit nennen. Aber sie tun dies nicht aus sich selbst heraus sondern nur in Kombination mit anderen Begriffen. Erst dadurch entstehen Kategoriegrenzen. Aber es gibt mehr als nur einzelne Begriffe und Grenzen dazwischen; in ge\u00e4u\u00dferter Sprache, also bspw. gesprochen oder geschrieben, spielen die gedanklichen Begriffe mit ihren Grenzen und miteinander \u2013 in Form von Silben, W\u00f6rtern, S\u00e4tzen, Texten&#8230; Ok, vielleicht etwas schwere Kost. Man kanns auch reduzieren darauf, was deutlich wird, wenn man verschiedene Sprachen vergleicht: W\u00f6rter und deren Bedeutungen sind im Grunde genommen nicht 1:1 zu \u00fcbersetzen. Das deutsche Wort <em>Wald <\/em>und das englische Wort <em>wood <\/em>haben eine gro\u00dfe Schnittmenge, aber es gibt Sinn- und Sprachzusammenh\u00e4nge, in denen die W\u00f6rter Unterschiedliches abbilden. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ferdinand_de_Saussure\">Ferdinand De Saussure<\/a> formuliert dazu als vielgeh\u00f6rter Sprachwissenschaftler die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Unmotiviertheit\">Arbitrarit\u00e4t<\/a>, das meint die Unmotiviertheit in der Verbindung zwischen Wort und Bedeutung, einfach gesagt (f\u00fcr ihn gibts bei einem Zeichen, bei ihm das Wort als kleinste Einheit, eine Inhalts- und eine Ausdrucksseite, die ich hier vereinfacht mit Wort und Bedeutung \u00fcbersetze; wer sichs noch krasser geben will: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frege\">Frege<\/a>s Zeichenverst\u00e4ndnis und seine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frege#Philosophie\">Unterscheidung zwischen Sinn und Bedeutung<\/a>). Also um das Geplapper auf einen Punkt zu f\u00fchren: Sprache ist nicht eindeutig, ihre Logik ergibt sich aus ihren Zusammenh\u00e4ngen und ihren Sinn erf\u00e4hrt sie in jeder benutzten sprachlichen Situation. Die \u00dcbersetzung von Texten ist deshalb so schwer und eine hohe Kunst, weil eben nicht einzelne W\u00f6rter wie in einem Lexikon \u00fcbersetzt werden m\u00fcssen, sondern weil zu den W\u00f6rtern die inneren sprachlichen Zusammenh\u00e4nge, die Zusammeh\u00e4nge zwischen Sprache und Gebrauch und die Zusammenh\u00e4nge zwischen Gebrauch und Situation \u00fcbersetzt werden m\u00fcssen. Es muss die sprachliche Kultur, ja die Kultur selbst \u00fcbersetzt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alles bedeutet nun nicht, dass man eine Sprache nicht in der Schule lernen k\u00f6nnte, es bedeutet viel eher, dass man eine spezielle, steife, technokratische Form dieser Sprache lernt \u2013 vorausgesetzt es handelt sich um den typischen Sprachenunterricht, in dem man im Klassenraum sprachliche Beispiele behandelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich als Haupt- und Realschullehrer an einer gro\u00dfen Gesamtschule mit dreigliedrigem Schulsystem bedeutet es konkret, dass man Sprache nicht unabh\u00e4ngig von der Kultur, also dem tats\u00e4chlichen Benutzen von Sprache lernen kann. Ihre innere Logik und ihre \u00e4u\u00dferen Zusammenh\u00e4nge lassen sich nicht wahrhaft in der verfremdeten Lernsituation des Klassenzimmers lernen. Was aber geht, ist, den Sch\u00fclerInnen neben der technokratischen Sprache ein Bewusstsein mitzugeben, dass es keinen fixen sprachlichen Zustand gibt, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sprachwandel#Unsichtbare_Hand\">dass Sprache gelebt ist und sich also ver\u00e4ndert<\/a> \u2013 sei es in Rap-Texten oder der Realisierung von Chatausdr\u00fccken. Der kulturelle Raum ver\u00e4ndert ihren Gebrauch und also auch die Sprache selbst. Dieses Bewusstsein muss man mit in die Lernsituation tragen, damit Sprachlernen nicht als Fremdes, Aufgezwungenes von Kindern wahrgenommen wird sondern als Teil ihrer und unserer Kultur. (Um dieses Prinzip zu erkennen muss man \u00fcbrigens kein Savant sein&#8230;)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interessanter Ausschnitt aus einem Interview mit Daniel Tammet, einem Savant (Inselbegabten): SPIEGEL ONLINE: Sie lernen extrem schnell.&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=284\">weiterleesen<span class=\"screen-reader-text\">\u00dcber das Lernen von Sprache<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13,6,19],"tags":[69,77],"class_list":["post-284","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildung","category-blogbuchstaben","category-sprache","tag-autismus","tag-bildung","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/284","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=284"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/284\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2050,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/284\/revisions\/2050"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=284"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=284"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=284"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}