{"id":165,"date":"2009-02-24T21:38:36","date_gmt":"2009-02-24T20:38:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.druckschrift.net\/?p=165"},"modified":"2010-04-25T01:39:19","modified_gmt":"2010-04-25T00:39:19","slug":"kurze-gedanken-zu-autismus-und-dem-netz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=165","title":{"rendered":"<span style=\"text-decoration: line-through;\">Kurze<\/span> Gedanken zu Autismus und dem Netz"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>ich will kein inmich mehr sein ich habe augen und kann sehen deshalb habe ich schreckliche angst gehabt ich habe deshalb nichts mehr sagen wollen ich hatte angst vor ende des weges und der gemenschseinheit zu ende<br \/>\n7.3.91\u00a0(Birger Sellin)<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Zeilen sind von <em>Birger Sellin<\/em>, einem Autisten, der mit Hilfe <a href=\"http:\/\/www.3sat.de\/3sat.php?http:\/\/www.3sat.de\/nano\/bstuecke\/78746\/index.html\">Computergest\u00fctzten Kommunikation<\/a> allm\u00e4hlich seinem Inneren ein \u00c4u\u00dferes geben konnte. Wirklich lesenswert, sein <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/will-kein-inmich-mehr-sein\/dp\/3462024639\/ref=sr_1_1?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1235505107&amp;sr=8-1\">Buch<\/a>. Ich hab mich beim Leesen stark an ein Gedicht von<em> Rainer Werner Fa\u00dfbinder<\/em> erinnert gef\u00fchlt:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Nietzsche<\/strong><br \/>\nEine Sprache aus Trauer<br \/>\naus Licht eine Mauer<br \/>\nGedanken aus Stein<br \/>\nund ein Sein ohne Sein<\/p>\n<p>Lebendige Leichen<br \/>\nvoll Kraft und Gewalt<br \/>\nVon Gott keine Zeichen<br \/>\nso sch\u00f6n von Gestalt<\/p>\n<p>Eine Sehnsucht aus Tr\u00e4nen<br \/>\nund Perlen von Z\u00e4hnen<br \/>\nGesichter Aus Stein<br \/>\nund ein Sein ohne Sein<\/p>\n<p>Wird Sch\u00f6nheit versteigert<br \/>\nNach Ma\u00dfen gemessen<br \/>\nwird Freiheit verweigert<br \/>\nganz einfach vergessen<br \/>\nEine Schale aus Schmerzen<br \/>\nvom Schmerz brechen Herzen<br \/>\nMuskeln aus Stein<br \/>\nund ein Sein ohne Sein<\/p>\n<p>Container an Ketten<br \/>\nund die Haut die dich qu\u00e4lt<br \/>\nkein Gott dich zu retten<br \/>\nvor dem Feuer das fehlt<\/p>\n<p>Eine Sonne aus Eisen<br \/>\nmit Qual l\u00e4chelnd reisen<br \/>\nG\u00f6tter aus Stein<br \/>\nund ein Sein ohne Sein<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ok, ich kannte es nicht, bevor ich nicht &#8222;Eine eigene Geschichte&#8220; auf der <a href=\"http:\/\/www.blumfeld.de\/discografie.html\">Blumfeld<\/a>-Platte &#8222;<a href=\"http:\/\/skyeyeliner.endorphin.ch\/blumfeld_leemtexte.html\">L&#8217;Etat Et Moi<\/a>&#8220; geh\u00f6rt hatte, in dem es hei\u00dft:<\/p>\n<blockquote><p>Eine eigene Geschichte<br \/>\naus reiner Gegenwart<br \/>\nsammelt und Stapelt sich<br \/>\nvon selbst herum um mich<br \/>\nw\u00e4hrend ich durch die Gegend fahr<\/p>\n<p>Und der Staat ist kein Traum<br \/>\nist sogar in meinen K\u00fcssen<br \/>\nein mich gestaltender, die F\u00e4den, die rissen<br \/>\nund Welt verwaltender Zustand<br \/>\neher Raum als Position<br \/>\nund so organisiert er sein Verschwinden<br \/>\nindem er sich durch mich bewegt<br \/>\ndurch Gedanken aus Stein aus Licht eine Mauer<br \/>\neine Sonne aus Eisen eine Sprache aus Trauer<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf jeden Fall wirkt Sellins Sprache vom selben Gef\u00fchl ber\u00fchrt wie die Sprache dieser Lyrik. Und das Thema Autismus l\u00e4sst mich auch seit einer ganzen Weile nicht mehr los. In <em>Kierkegaards<\/em> &#8222;Schattenrisse&#8220; in Entweder\u2013Oder findet sich auch eine Passage \u00fcber die reflektierte Trauer, die in all ihren Facetten ziemlich genau ein autistisches Gef\u00fchl beschreibt, ohne es zu wollen:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie der Kranke in seinem Schmerz sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite wirft, so ist auch die reflektierte Trauer hin und her geworfen, um ihren Gegenstand und ihren Ausdruck zu finden. Wenn die Trauer Ruhe hat, so wird das Innere der Trauer auch allm\u00e4hlich sich nach au\u00dfen durcharbeiten, im \u00c4u\u00dferen sichtbar und somit Gegenstand k\u00fcnstlerischer Darstellung werden. Wenn die Trauer Mu\u00dfe und Ruhe in sich selber hat, so setzt die Bewegung von innen nach au\u00dfen ein, die reflektierte Trauer bewegt sich nach innen, gleich dem Blut, das aus der Oberfl\u00e4che flieht und dies nur durch hineilende Bl\u00e4sse ahnen l\u00e4sst. Die reflektierte Trauer bringt keine wesentliche Ver\u00e4nderung im \u00c4u\u00dferen mit sich; selbst im ersten Augenblick der Trauer hastet sie schon nach innen, und nur ein sorgf\u00e4ltigerer Beobachter ahnt ihr Verschwinden; sp\u00e4ter wacht sie peinlich dar\u00fcber, dass das \u00c4u\u00dfere so unauff\u00e4llig wie m\u00f6glich sei.<br \/>\nIndem sie nun solcherma\u00dfen sich nach innen wendet, findet sie schlie\u00dflich ein Gehege, ein Innerstes, wo sie meint bleiben zu k\u00f6nnen, und nun beginnt sie ihre einf\u00f6rmige Bewegung. Wie das Pendel der Uhr, so schwingt sie hin und her und kann keine Ruhe finden. Sie f\u00e4ngt immer wieder von vorne an und \u00fcberlegt wieder, verh\u00f6rt die Zeugen, vergleicht und \u00fcberpr\u00fcft die verschiedenen Aussagen, was sie schon hundertmal getan hat, aber nie wird sie fertig. Das Einf\u00f6rmige bekommt mit der Zeit etwas Bet\u00e4ubendes. Wie der eint\u00f6nige Fall der Dachtraufen, wie das eint\u00f6nige Schnurren des Spinnrades, wie das monotone Ger\u00e4usch, das entsteht, wenn ein Mensch in einer Etage \u00fcber uns mit gemessenen Schritten hin und her geht, bet\u00e4ubend wirken, so findet die reflektierte Trauer schlie\u00dflich Linderung in dieser Bewegung, die als eine illusorische Motion ihr zur Notwendigkeit wird. Endlich ergibt sich ein gewisses Gleichgewicht; das Bed\u00fcrfnis, die Trauer zum Durchbruch kommen zu lassen, sofern es sich gelegentlich ge\u00e4u\u00dfert haben mag, h\u00f6rt auf, das \u00c4u\u00dfere ist still und ruhig, und tief innen in ihrem kleinen Winkel lebt die Trauer gleich einem wohl verwahrten Gefangenen in einem unteridischen Kerker, dort lebt sie ein Jahr ums andere dahin in ihrer einf\u00f6rmigen Bewegung, wandert auf und ab in ihrem Verschlag, nimmer m\u00fcde, den langen oder kurzen Weg der Trauer zur\u00fcckzulegen.<br \/>\nDer Grund daf\u00fcr, dass es zu einer reflektierten Trauer kommt, kann teils in der subjektiven Beschaffenheit des Individuums liegen, teils in dem objektiven Leid oder dem Anlass zur Trauer. Ein reflexionss\u00fcchtiges Individuum wird jede Trauer in reflektierte Trauer verwandeln, seine individuelle Struktur und Organisation macht es ihm unm\u00f6glich, sich die Trauer ohne weiteres zu assimilieren. Dies ist indessen eine Krankhaftigkeit, die nicht sonderlich zu interessieren vermag, da auf diese Weise jede Zuf\u00e4lligkeit eine Metamorphose erfahren kann, durch die sie zu einer reflektierten Trauer wird. Etwas anderes ist es, wenn das objektive Leid oder der Anlass der Trauer im Individuum selbst die Reflexion erzeugt, welche die Trauer zu einer reflektierten Trauer macht. Dies ist \u00fcberall da der Fall, wo das objektive Leid in sich nicht fertig ist, wo es einen Zweifel zur\u00fcckl\u00e4sst, wie dieser im \u00fcbrigen auch immer beschaffen sein m\u00f6ge. Hier er\u00f6ffnet sich dem Denken alsbald eine gro\u00dfe Mannigfaltigkeit, um so gr\u00f6\u00dfer, je nachdem einer viel erlebt und erfahren oder er Neigung hat, seinen Scharfsinn mit derartigen Experimenten zu besch\u00e4ftigen. Es ist indessen keineswegs meine Absicht, die ganze Mannigfaltigkeit durchzuarbeiten, eine einzige Seite nur m\u00f6chte ich ans Licht ziehen, so wie sie sich meiner Beobachtung gezeigt hat. Wenn der Anlass der Trauer ein Betrug ist, so ist das  objektive Leid so beschaffen, dass es im Individuum die refletkierte Trauer erzeugt. Ob ein Betrug wirklich ein Betrug ist, l\u00e4sst sich oft \u00e4u\u00dferst schwer feststellen, und doch h\u00e4ngt alles davon ab; solange es zweifelhaft ist, solange findet die Trauer keine Ruhe, sondern muss fortfahren in der Reflexion auf und ab zu wandern. Wenn ferner dieser Betrug nichts \u00c4u\u00dferliches betrifft, sondern das ganze innere Leben eines Menschen, seines Lebens innersten Kern, so wird die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr das Fortdauern der reflektierten Trauer immer gr\u00f6\u00dfer.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gebe zu, dass es mittlerweile keine &#8222;Kurzen&#8220; Gedanken mehr sind. (Obwohl ich bislang eigentlich nur zitiert hab&#8230;) Und  worauf ich eigentlich hinaus wollte, hab ich bislang noch nicht einmal erw\u00e4hnt:<br \/>\nIch hab neulich irgendwo mal was von einer Studie geleesen, die Hinweise darauf gegeben haben soll, dass mit der steigenden Computer- und Internetnutzung auch autistische Verhaltensweisen h\u00e4ufiger vork\u00e4men. Man kann bei Autismus <a href=\"http:\/\/autismus.ra.unen.de\/topic.php?id=1523&amp;s=0bbe453ea315a615b766691a0bbb400c\">nicht wirklich von einer Krankheit<\/a> sprechen. Um so interessanter, dass ich mich in so manchen autistischen Verhaltensweisen wiederfinde \u2013 nicht dass ich mich als Autist sehe oder auch nur behaupten w\u00fcrde, ich h\u00e4tte sowas wie das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Asperger-Syndrom#Asperger-Syndrom\">Asperger-Syndrom<\/a>. Nein, es ist vielmehr, dass ich glaube, dass prinzipiell jeder Mensch jedes Verhalten in unterschiedlich starker Auspr\u00e4gung bei sich vorfinden kann, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pygmalion-Effekt\">wenn man nur lange genug in sich sucht<\/a>. Und so dachte ich auch bei mir, dass ich \u2013 seit ich mich um diese Internetseite bem\u00fche \u2013 irgendwie im Netz mehr aus mir raus gehe. Obwohl ich hier die ganzen Sachen in die Welt hinausposaune, bring ich manchmal nicht die einfachsten Worte meinem pers\u00f6nlichen Gegen\u00fcber \u00fcber die Lippen. (Vielleicht bin ich auch manchmal einfach &#8222;behindert&#8220; wie meine Hauptsch\u00fcler sagen w\u00fcrden&#8230;) Ich glaube, dass das im Wesentlichen daran liegt, dass ich, obwohl ich wei\u00df, dass die Dinge hier vielleicht von ein paar Leuten geleesen werden, Leuten, die mich auch pers\u00f6nlich kennen, niemandem ins Angesicht sehen muss, w\u00e4hrend ich rede.<br \/>\nAutisten meiden in der Regel direkten Blickkontakt. F\u00fcr manch einen w\u00e4re es eine Strafe, ihn zu zwingen, einem in die Augen zu sehen. Das Internet hat den Vorteil der absoluten Anonymit\u00e4t &#8211; nicht so sehr des eigenen Selbst, sondern vielmehr des Gegen\u00fcbers. Der geheimnisvolle Leser ist glaube ich der entscheidende Punkt, warum es einem in diesen moderneren Kommunikationskan\u00e4len leichter f\u00e4llt, sein Inneres zu ent\u00e4u\u00dfern. An anderer Stelle tut man das nur, wenn man sein Gegen\u00fcber ausgesprochen gut kennt und ihm vertraut.<\/p>\n<blockquote><p>ohne unerkannt zu bleiben rede ich keine vern\u00fcnftigen sachen alles ist l\u00fcge<br \/>\n14.3.91 (Birger Sellin)<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ich will kein inmich mehr sein ich habe augen und kann sehen deshalb habe ich schreckliche angst&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=165\">weiterleesen<span class=\"screen-reader-text\">&lt;span style=&quot;text-decoration: line-through;&quot;&gt;Kurze&lt;\/span&gt; Gedanken zu Autismus und dem Netz<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[15,19,27],"tags":[69,46],"class_list":["post-165","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur","category-sprache","category-uber-das-verhaltnis-von-innerem-und-auserem","tag-autismus","tag-leid","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/165","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=165"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/165\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":921,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/165\/revisions\/921"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=165"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=165"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.druckschrift.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=165"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}