{"id":1488,"date":"2017-01-01T17:07:36","date_gmt":"2017-01-01T16:07:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.druckschrift.net\/?p=1488"},"modified":"2017-01-01T17:24:15","modified_gmt":"2017-01-01T16:24:15","slug":"ecce-lo-and-behold","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=1488","title":{"rendered":"Ecce! Lo And Behold!"},"content":{"rendered":"<p>Der Film\u00a0<a href=\"http:\/\/www.loandbehold-film.com\">Lo And Behold &#8211; Reveries Of The Connected World<\/a>\u00a0vom August vergangenen Jahres besch\u00e4ftigt sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Internets und dessen Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen. Er ist von\u00a0<a href=\"http:\/\/www.slam-zine.de\/uploads\/medium\/kinskiherzog_titelbild.jpg\">Werner Herzog<\/a>:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Werner Herzog on Virtual Reality, the Future of Humanity, and Internet Trolls\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/cAo9o7zV24A?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Ich habe mich w\u00e4hrend des Films an verschiedene Dinge erinnert. So taucht zu Beginn kurz Ted Nelson auf, der als tragische Figur seine Vorstellung davon zeigt, wie das Internet h\u00e4tte eigentlich werden sollen, kurz: seine Vision von\u00a0<a href=\"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=19\">Hypertext<\/a>. Das wird gut visualisiert beim Blick \u00fcber seine Schulter auf seinen WindowsXP-Rechner.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter im Film wird gesagt, dass es in Zukunft oder auch bereits jetzt egal ist, wer einen Text verfasst &#8211; sei es ein Mensch, ein Roboter oder ein\u00a0<a href=\"https:\/\/en.m.wikipedia.org\/wiki\/On_the_Internet,_nobody_knows_you're_a_dog\">Hund<\/a>:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/en\/f\/f8\/Internet_dog.jpg\">https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/en\/f\/f8\/Internet_dog.jpg<\/a><\/p>\n<p>Das w\u00fcrde Roland Barthes Vorstellung von der Abwesenheit des Autors wahrscheinlich ziemlich gut gefallen. Ich zitiere mich hierzu mal selbst (Waaaaaahh, ein Barthes&#8217;sches\u00a0<a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Paradoxon_des_Epimenides\">Paradoxon<\/a>??):<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #2b2b2b; font-family: Lato, sans-serif; text-align: justify; background-color: #ffffff;\">Der Text als Netzwerk, dem Sinnstiftung allein durch die Verkn\u00fcpfungsleistung des Lesers widerf\u00e4hrt, scheint sich als Inbegriff eines poststrukturalistischen Verst\u00e4ndnisses \u00e1 la BARTHES im Hypertext zu offenbaren. Aber sind wir bereit, diesem Verst\u00e4ndnis zu folgen? Schlie\u00dflich t\u00f6tet er nicht nur den Autor, er l\u00f6st auch die Identit\u00e4t des Subjekts auf, indem er die \u00bbEinheit des Textes\u00ab nicht im Ursprung sondern im Zielpunkt verortet, \u00bbwobei dieser Zielpunkt nicht mehr l\u00e4nger als eine Person verstanden werden kann\u00ab. Mehr noch, \u00bbder Leser ist ein Mensch ohne Geschichte, ohne Biografie, ohne Psychologie\u00ab (BARTHES 2000, S. 192). BARTHES\u2019 \u203aLeser\u2039 gleicht so gesehen viel eher Xanadu, NELSONs \u203aMaschine\u2039, die als Unified Tissue of Storage, als Gewebe von Speicher Knotenpunkte zentral im Netzwerk verortet, verkn\u00fcpft und verf\u00fcgbar macht.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Identit\u00e4t des Subjekts im Internet l\u00f6st sich demnach auf, spielt zumindest keine Rolle mehr, im Gegensatz zum\u00a0<a href=\"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=1254\">Fremdbildnis<\/a>, meiner Ansicht nach.<\/p>\n<p>Oscar Wilde versteht \u00fcbrigens\u00a0<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Im-Auftrag-Sch\u00f6nheit-Wildes-Amerika-Tournee\/dp\/3932289978\">Kritik als h\u00f6chste Form der Subjektivit\u00e4t<\/a>. Hierzu f\u00e4llt mir noch eine Aussage aus Werner Herzogs Film ein. Ein Interviewpartner sieht ein gro\u00dfes Problem in der Unf\u00e4higkeit der mit dem Internet heranwachsenden Menschen, kritisch zu denken, da Inhalte so umfassend verf\u00fcgbar sind und junge Menschen sich verst\u00e4rkt einseitig informieren. Er kommt dabei \u00fcbrigens ohne das alte Wort <i>postfaktisch <\/i>aus. Ich teile die Bef\u00fcrchtungen immer dann, wenn ich Sch\u00fcler nach der Quelle Frage und die Antwort <i>Internet <\/i>bekomme, sie aber eigentlich <i>Google <\/i>meinen und dann nicht verstehen, dass eine Suchmaschine keine Quelle ist. Allerdings w\u00fcrden sie der Unterstellung sicher heftig widersprechen &#8211; was mich irgendwie wieder zuversichtlich stimmt.<\/p>\n<p>Im letzten Abschnitt des Films tauchen zwei Gehirnforscher auf, die von einer Art universellen &#8222;Sprache&#8220; des Gehirns sprechen. Als Beispiel f\u00fcr diese universelle Gedankensprache dienen Beobachtungen durch eine MRT, w\u00e4hrend Menschen entweder ein Video von zwei in der Savanne wandernden Elefanten sahen oder einen Satz entsprechender Semantik lasen. In beiden Situationen wurden \u00fcbereinstimmende Hirnaktivit\u00e4ten festgestellt. Die Hirnforscher schlussfolgerten, dass es nur eine Frage der Zeit bzw. der technologischen Entwicklung sei, bis wir uns mittels Mini-MRTs quasitelepathisch austauschen k\u00f6nnten. Erinnert stark an Shitter:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"South Park Season 17 Premiere - What&#039;s &quot;Shitter&quot;?\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/SbbNf0TEh8g?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\nDie Vorstellung einer Art universellen Gehirnsprache widerspricht der Idee, dass unser Weltbild, unser Vorstellungsverm\u00f6gen, unsere Art zu denken von der Grammatik unserer Sprache bestimmt wird. Auf die Theorie bin ich durch den Film Arrival aufmerksam geworden, welchen ich gut fand, vor allem wegen dieser Idee und in diesem Zusammenhang der Art, wie die Geschichte erz\u00e4hlt wird. Alexander wusste nat\u00fcrlich nach dem Film gleich eine Erz\u00e4hlung zu nennen, in der das schon zuvor thematisiert wurde, hab ich aber wieder vergessen. Jedenfalls bef\u00fcrchte ich, dass Arrival zu den Filmen geh\u00f6rt, die man nur einmal sehen sollte, damit man sie in guter Erinnerung beh\u00e4lt. Ich fand ihn offensichtlich so gut, dass sich mein Kopf bei\u00a0<i>Lo And Behold &#8211; Reveries Of The Connected World<\/i>\u00a0sofort eine Verkn\u00fcpfung herstellte.<\/p>\n<p>Was noch zu sagen bleibt nach dem Film: Wahrscheinlich werde ich die Wette mit Andreas verlieren, der behauptet, am 1. April 2025 mich mit nem autonom fahrenden Fahrzeug legal abzuholen und wir beide unterwegs Tee trinken k\u00f6nnen. Meine Skepsis bezieht sich zwar mehr auf die tr\u00e4ge Gesetzesentwicklung in Deutschland als auf die technologische Entwicklung &#8211; im Film geht es auch um die Tatsache, dass die Software autonomer Autos (Vorsicht, Neologismus: <i>Autoauto<\/i>) eine menschliche Ethik entwickelt. So, wie man mit dem Thema in der letzten Zeit zugem\u00fcllt wird, sehe ich aber doch schwarz, die Wette zu gewinnen. Echte autonome Autos werden wohl noch vor der CSU-Maut gesetzlich implementiert werden. Es sei denn, Deutschland tritt 2018 aus der EU aus.<\/p>\n<p>Naja, mal sehen. In diesem Sinne: Frohes neues Jahr.<\/p>\n<p>Ps: Ich finde Werner-Herzog-Filme ohne Klaus Kinski interessant und sehenswert,\u00a0<a href=\"https:\/\/youtu.be\/75ADI9p2wHY\">aber nur halb so unterhaltsam<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Film\u00a0Lo And Behold &#8211; Reveries Of The Connected World\u00a0vom August vergangenen Jahres besch\u00e4ftigt sich mit der&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.druckschrift.net\/?p=1488\">weiterleesen<span class=\"screen-reader-text\">Ecce! 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