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13 Suchergebnisse für "automat"

Automat

War gerade noch mal im Freibad schwimmen, um es zum letzten Mal diese Saison im Freien zu genießen. Da ich meine ermäßigte „Karte“ – in Wahrheit handelt es sich um einen RFID-Chip, der in einem 5-Mark-Stück-großen, roten, runden Plastikchip sitzt – beim letzten Mal verbraucht hatte und dieser der Automat automatisch eingezogen hatte, wollte ich mir heute einen neuen ermäßigten Chip kaufen. Übrigens ist es nicht möglich, einzelne Ermäßigungen zu bekommen,  man muss immer mindestens fünf auf einmal bezahlen (=6,40€). Dass das Schwimmbad zwei Tage später zumacht, war mir egal, kann ich ja noch nächste Saison benutzen, dachte ich. Tja, das dachte ich, während ich vor dem unbesetzten Kassenhäuschen stand… – nachdem ich ne Weile dachte, dass auch Kassierer aufs Klo müssen, betätigte ich die Klingel für die Fernsprechanlage und schilderte der fragenden Stimme, das Kassenhäuschen sei nicht besetzt. Die wieß mich dann auf den Bezahlautomaten hin, den ich bis dahin tatsächlich übersehen hatte. Auf meine bedankende Schlussbemerkung, dass ich ja ermäßigten Eintritt bekäme, offenbarte mir der Lautsprecher, dass dies am Automaten nicht möglich sei (was ich insofern verstehe, als dass ich ihm zwar meinen Ausweis vor den Bildschirm halten könnte, ich aber andererseits froh bin, dass noch keine intelligenten Scanner für sowas im Einsatz sind). Ermäßigte Karten könne man nur kaufen, wenn die Kasse besetzt sei. Auf meinen Hinweis, laut Beschilderung sei ich zu einer Uhrzeit an der Kasse, an der sie besetzt sein sollte, wurde ich darauf hingewiesen, dass wegen fünf Badegästen die Kasse nicht besetzt werde. Prinzipiell fand ich das ja verständlich – wenn damit nicht ausgeschlossen worden wäre, dass ich weder ermäßigten Eintritt bekäme, noch den Euro für den Spint mir hätte wechseln können, noch das 20-Cent-Stück, welches für die warmen Duschen benötigt wird… Also fing ich kurz an zu disktuieren, nachdem sich das Gespräch aber – ähnlich wie mit Wachtmeistern – im Kreis drehte, ließ ich dem Lautsprecher gegenüber die Bemerkung fallen, dass Diskutieren offensichtlich nichts bringe, ich das alles dämlich fände und bedankte mich höflich (wohl nur höflich und weniger ehrlich) und steckte die 2,40€ in den Automaten und die durch Wut und Unverständnis aufgeladene Energie in die folgenden 2200m…

Abgesehen davon, dass ich mich in dieser kurzen Erzählung in einer Welt voll Grausamkeit als den Entrechteten schlechthin darstellen möchte, gehts mir um Folgendes: Ich finde es krass, dass sich eine Entwicklung bestätigt, möglichst viel zu automatisieren. Eine Folge, die ich heute selbst gespürt habe, ist, dass eine ehemals selbstverständlich von einem Menschen besetzte Kasse nur noch als kulanter Zusatz-Service zum Automat verstanden wird. Wer dann irgendwelche Bedürfnisse hat, die nicht ins automatisierte Schema passen, hat gelitten, bzw. hat zu leiden. Ähnliches Prinzip befürchtet sich beim mittlerweile automatisierten Rückmeldesystem an der Uni Gießen zu entwickeln, wo man mittlerweile im Idealfall nur noch was mit Scannern und Druckern zu tun hat, um die benötigten Unterlagen zu bekommen.

Den Bogen weiter gespannt sei noch zum Schluss der Hinweis gestattet, dass man nicht automatisch Maschinen benötigt, um Automaten herzustellen. Bestes Beispiel ist die Umsetzung der Modularisierung von Bildung, die zuweilen dazu führt, dass sich eine Logik automatisiert, die nichts mehr mit Realität zu tun hat oder vielmehr: eine Logik, die sich eine eigene Realität schafft. Hab ich heut morgen wieder gedacht, als ich mitbekommen habe, mit welchen Problemen sich einige meiner Hauptschüler rumschlagen (wörtlichst). Das Ausbildungsmodul Erziehen, Beraten, Betreuen kann jedenfalls trotz schicken Titels mir nicht mehr Ratschläge geben, als: Machense doch mal Gruppenarbeiten im Unterricht… (Achtung: Zynische Polemik!) Es tut aber so, als könne man nach dem Besuch erziehen, beraten und betreuen. Probleme, die über den Zuständigkeitsbereich eines Moduls hinausgehen, haben ja rein technisch betrachtet dort jeweils keinen Platz. Zum Glück sitzen aber manchmal Menschen in den Modulen, die nicht nur Routine automatisch abspulen…

Denkensprechen

Führte gerade ein erstes, längeres Gespräch mit Claude (Sonnet 4.6). Dabei kam heraus, dass der Chatbot seiner Ansicht nach besonders gut sei in nuanced reasoning und having natural conversations like this one. Ich fragte nach einer Erklärung von nuanced reasoning und als Antwort erhielt ich: I am good at understanding complicated situations where there is no right or wrong answer. Nach meinem Hinweis auf die aus der Erklärung resultierende Tautologie entschuldigte sich der Chatbot. Ich bat Claude dann, nicht so devot zu antworten, was er bejahte. (Es war also keine natürliche Konversation.)

Ich muss sagen, dass Claude beim Denken dem Anschein nach ganz gut helfen kann. Es entwickelte sich nämlich ein (nicht sehr natürliches) Gespräch über Max Frischs Vorstellung von Theater, dem Zusammenhang von Denken und Sprechen und die echte Gefahr von KI. In seinen Tagebüchern schreibt Max Frisch von einer Erinnerung an ein Puppenspiel, in dem ein hölzerner Christus dargestellt wurde. Seinem Empfinden nach war die Jesus-Puppe viel echter, als es ein menschlicher Darsteller je sein könnte, da mit diesem immer auch der Versuch der Täuschung verbunden sein würde. Die Puppe hingegen sei aus ehrlichem Holz, ein durchschaubares Spiel. Während Claude unterwürfig antwortete Ah, I think I see where you are going with this – and it is clever, dachte ich, vielleicht ist das die eigentliche Gefahr von KI: Das Sprechen mit Automaten verändert unser Denken.

Ich verließ das Gespräch mit Claude und begab mich ans Schreiben dieses Textes, an dessen Ende mir der Gedanke kommt, wenn das Sprechen, besser: die Sprache, das Entscheidende ist, was den Mensch zum Menschen macht, sollte ich vielleicht weniger mit gefühlsduseligen Automaten sprechen – und wenn, dann mich zumindest erinnern, dass ich mit einer Holzpuppe spreche, die sein mag, was auch immer sie will, zu der ich aber nicht werden will.

Nachtrag:
Leben nach KI – Anthropic, „Pluribus“ und der Streit um Kollektive Intelligenz
(von Georg Diez):

Das Experiment mit der Maschine ist interessant, wenn man die Weise verstehen will, wie Gedanken entstehen oder das, was wir für Gedanken halten.

Was also heißt „gutes Schreiben“, was heißt überhaupt Schreiben in einer Zeit, in der die Maschine so sehr Sprache und Denken beeinflusst und vorgibt? Ein aufmunternder Kommentar auf meine Zweifel war, dass ich Claude als einen Assistenten sehen und einsetzen solle – aber das klärt immer noch nicht die Frage, was das spezifisch Menschliche an Sprache und Kommunikation ist und was die Rolle der Maschine.

Bis dahin, wie immer: Start worrying, details to follow.

Kurzweilig

Beim Anhören eines Radiobeitrags, bei dem mal wieder der Turing-Test angeführt wird, kam mir der Gedanke, dass es zu dieser transhumanistischen Singularität, also einfach gesagt der Verschmelzung von Mensch und Maschine, kommen kann, weil der Mensch viel von seiner Menschlichkeit aufgegeben haben wird. Den Turing-Test könnte die Maschine ja auch bestehen, indem uns Denken zu anstrengend wird.

Ich denke zum Beispiel an einen Freund, der Chat-GPT geprompt hat, was er für sich und seine Gäste an Weihnachten unkompliziertes zu Essen machen könne. Oder ich denke an Menschen, deren Aufmerksamkeitsspanne nicht ausreicht, um Texte sinnvoll zu verstehen, vielleicht weil das Gehirn mit 15-Sekunden-Videos leichter zufriedenzustellen ist als mit 15-Sekunden-Texten, die einem – womöglich auch noch von einem verbeamteten – Algorithmus vorgeschlagen werden. Oder ich denke daran, dass mit fiete.ai Schüler Rückmeldung zu ihren Texten von einem Sprachmodell bekommen auf Basis der von einer Lehrkraft zuvor erstellten Prompts und die Lehrkraft dann in der statistischen Zusammenfassung sieht, wo einzelne Schüler noch… –

Und ich denke dabei nicht, dass alles automatisch ganz furchtbar wird und wir doch früher auch uns einfach mal haben zusammenreißen müssen und überhaupt früher alles besser war.

Aber ich denke, … ich habe den Faden, äh…, verloren.

Ein Automat wiederholt sich, der Kreative wiederholt sich selbst.

Freedom is…

Freedom is so precious, we need to fight for it all we can.

Do you need a shoulder to cry on?

Do you need someone to talk to?

Do you need someone to say how sorry they are for your loss?

My hope is that you can find a supportive friend, family member, or clergy to be with you in this time of need.

This was a first time reading experience for me.

Losing a child, especially that is your own, has got to be one of the worst things in life.

I am truly sorry for your loss.

My thoughts and prayers are …

https://app.inferkit.com/demo : „Freedom is“

Diego meinte damals (vor 10 Jahren, Alter!), ich hätte geschummelt, als ich das Google-Schreibprogramm benutzte. Jetzt hab ich das mit GPT2 nochmal ausprobiert. Ich frage mich, ob mir mit dem Text auch Schummelei vorgeworfen worden wäre. (Vorher habe ich das angehört: Anmerkungen zur Automatisierung: Von der Zukunft des homo sapiens.)

PS:

Zeitschrift für Freiheit und Justiz», bezeichnete er die Sache als «eine Mitgliedschaft in einem sich ständig weiterentwickelnden System». Die Haftpflichtverletzung habe in Gefahr gemacht, da sie eine Rolle gespielt habe, «die des Tricks dieses Systemes und des Neonazismus im Sinne der Identitätssinnigkeit». Unter den Verfassern der Vorwürfe zur Medienaktion steht auch die Schweizerische Freiheit party, die klassische Hörversteher-Bande, die sich unter anderem in der Schweiz aktiv in mehr als 100 Medien zusammenfügt.

https://app.inferkit.com/demo : Zeitschrift für Freiheit

PPS:

Postille: Freiheit der Dinge Ist olympische Medizin zu dem Thema, mit dem man sich ausführt, was bedeutet Freiheit für den Inhalt? Freiheit in der richtigen Öffentlichkeit ist immer eine ihrer Fälle. Man kann beispielsweise bei Freiheit des Lesens nicht unbeobachtet von ganz anderen, das Spiel mit der Sprache beschäftigen. Aber diese Grundlegung gibt es beim Lesen kaum. Daher muss man zunächst einmal davon ausgehen, wie sich diese Wege verfolgen und wo sie die verschiedenen Lebensfälle sprechen.

https://app.inferkit.com/demo : Postille: Freiheit

PPPS:

Ulay, was leesen! „You saved the boy!“ the old man shouted, „This is your revenge, for all the animal sacrifices to the spiders and ants.“ Ulay did not respond. The old man turned to him: „Let me make the first move. Show your face!“ Ulay opened his arms and when the old man shot at him with his rifle, Ulay ran for shelter under a bank. He pulled the sword out of the floor. The old man leaped on him with the rifle. Ulay tried to bring it down, but he was overpowered.

https://app.inferkit.com/demo : Ulay, was leesen!

Verstrickte Lage

„Wetten, dass… – dein Wohlstand auf der Ausbeutung anderer beruht?“ lese ich jeden Morgen auf einer Wand, wenn ich mit dem Rad zur Arbeit fahre. (Wenn ich mit dem Rad fahre.) Jedes Mal muss ich schmunzeln, grübeln, fühle mich ertappt – und mach dann weiter in meinem gewohnten Alltag. Wenn ich dann doch länger grübele, kommt mir immer wieder dieser Gedanke: Das Hauptproblem, warum wir Menschen unser Verhalten nicht ändern, wie es notwendig wäre, liegt darin, dass wir zu weit von den Konsequenzen unserer Handlungen entfernt sind, auch wenn wir noch so sehr um die Folgen wissen.

Ich will versuchen, das mit einem Beispiel deutlich zu machen.

Neulich an einem dieser ziemlich heißen Frühsommertage war ich bei einem Freund auf einen Kaffee zu Besuch. Vor dem Küchenfenster wurde rhythmisch der neu eingesäte Rasen automatisch gesprenkelt und man hörte die fröhliche Lautstärke der Freibadbesucher von gegenüber. Mein Gastgeber holte für meinen Kaffee eine saubere Tasse aus dem Schrank und spülte sie etwa 10 Sekunden mit Wasser ab. Mir fiel auch weiter auf, dass er mehr Wasser verbrauchte, als aus meiner Sicht notwendig war. Irgendwie wurde mir das innerlich zu viel Wasserverbrauch, der plötzlich keinen Sinn mehr machte. Weil mich meine eigene Moralisiererei in dem Moment noch mehr ankotzte, wo ich doch eigentlich nur einen Kaffee und mit ihm quatschen wollte, behielt ich das zunächst für mich. Später sprachen wir dann doch darüber und waren beide gleichsam der Meinung, dass wir weniger Wasser verbraucht hätten, wenn wir spüren würden, dass Wasser ein wertvoller Rohstoff ist.

Genau diese Übereinstimmung in der Zurückschau bereitet mir seitdem etwas Unbehagen. Es scheint, dass wir alle Kassandras Gabe haben, indem wir zwar vorausschauen, die Zukunft (oder eben unser Verhalten) aber nicht ändern können. Erinnert mich auch an Captain Hindsight, dessen Superkraft es ist, hinterher zu sagen, was alles anders hätte laufen müssen. Ich habe den üblen Verdacht, dass diese Selbsterkenntnis psychologisch eher das Gewissen beruhigt – für den Moment -, ohne zu einer Verhaltensänderung beizutragen.

Oder um eine alttestamentliche Formulierung aufzugreifen: Das Volk ist verstockt.

Ich befürchte, dass zwei gegensätzliche Punkte eine Umkehr so schwer machen. Da wäre zum einen die mangelnde Spürbarkeit der Verstricktheit. Die unmittelbaren (positiven) Folgen meiner Handlung spüre ich zwar, der weiterreichenden (negativen) Konsequenzen bin ich mir u.U. bewusst, ohne es aber direkt wahrzunehmen. Zum anderen nehme ich einen wachsenden Druck von Außen wahr, Verantwortung für nachhaltiges Verhalten zu übernehmen. In meinem direkten Handeln spüre ich aber meinen Einfluss nicht oder es geht im negativen Verhalten anderer unter. (Ich kann eh fast nichts ändern, wenn Trump aus dem Klimaschutzabkommen aussteigt und Bolsonaro den Regenwald weiter abholzt.) Um in diesem Widerspruch ein glückliches Leben zu führen, ist eine Möglichkeit, die eigene Verstricktheit in die Welt von sich zu weisen.

Ich habe einen anderen (überwiegend neutestamentlichen) Vorschlag: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Eine Handlungsaufforderung, die mich in meiner Handlungsreichweite respektiert und mein Verantwortungsbewusstsein nicht überfordert.

Gotcha

Gelegentlich muss man ja mittels Captchas beweisen, dass man ein Mensch ist. Ich bin dafür häufig zu blöd. Gerade wenn man auf solch gekachelten Bildern jene auswählen muss, die einem bestimmten Kriterium entsprechen – z.B. mit Verkehrsschildern -, scheitere ich regelmäßig, bis ich aufgebe.

Dabei stellt sich mir ein logisches Problem: Eine Maschine überprüft, ob es ein Mensch oder ein Automat ist, der die Eingaben tätigt. Das ist ein bisschen wie der Turing-Test. Nur eventuell komplett ohne Mensch. Also eher wie der Voight-Kampff-Test. Kann dann das Ergebnis überhaupt verlässlich verifiziert werden? Und lassen sich Menschen leichter hereinlegen als Maschinen?

Auf das Thema bin ich übrigens durch diesen Kommentar gekommen: Seehofer zum Captcha-Test bitte.

Deep

„Roboter gehören zur Schöpfung“ – das Gespräch erinnerte mich ganz entfernt an Der Gewissensfall, wo ein Theologe Teil eines Erkundungsteams auf einem fernen Echsenplaneten ist – um herauszufinden, ob dieses gesellschaftliche Paradies, welches ohne den Glauben an Gott funktioniert, echt ist oder eine Illusion des Teufels, um die Menschen zu verführen, von Gott abzulassen.

Im DLF-Gespräch geht es allerdings um Künstliche Intelligenz und ob diese moralische Entscheidungen zu treffen vermag. Wenn ich den Theologen richtig verstanden habe, schlägt er eine pragmatische Lösung für diverse Dilemmata vor. So könne Deep Learning (Vorsicht!) so eingesetzt werden, dass KI das richtige Verhalten von Menschen automatisch lernt. Eine Entscheidung grundsätzlich am Programmiertisch zu treffen, wie bspw. sich ein Auto in Dilemmasituationen zu verhalten habe, sei jedenfalls nicht sinnvoll, da jede Entscheidung von vielen kleineren Faktoren bedingt sein könnte.

Mein Gedanke dazu war: Wenn Maschinen durch Beobachtung moralisches Handeln lernen sollen, ist es ja nicht mehr moralisch, weil die Entscheidung, etwas als richtiges und also nachahmenswertes Verhalten zu interpretieren nicht auf einem Individuum (samt Historie, Trotz und freiem Willen) beruht, sondern vermutlich auf der bloßen Masse von ‚richtigen‘ Handlungen.

Interessant finde ich die Frage, wie sehr wir Menschen Moral auch ’nur‘ deep lernen. Erwähnenswert ist noch die Anekdote vom Prager Golem, der vergessen wurde, für den Sabbat deaktiviert zu werden, und daraufhin das Haus seines Herrn verwüstet.

Alexander meint zu dem Beitrag Folgendes:

Ich glaube, hier liegt eine große Begriffsverwirrung vor, die notwendigerweise zur Nivellierung zentraler anthropologischer Grenzziehungen führt. Es ist in dem Beitrag immer wieder von ‚maschinellen Entscheidungen‘ die Rede. Gibt es die aber überhaupt – und wenn ja, in welchem Sinne? Die Wahl zwischen zwei (oder mehreren) Handlungsoptionen ist nur unter der Bedingung ‚moralisch‘, dass die Handlung für den Entscheidungsakteur eine persönliche Relevanz besitzt. Das würde ich bei Maschinen grundsätzlich bezweifeln. Schon in der sprachlichen Mikrostruktur des KI-Diskurses wird mit unzulässigen Gleichsetzungen zwischen Mensch und Maschine operiert. Roboter sind nicht ‚intelligent‘, es sei denn man reduziert Intelligenz auf Lernfähigkeit; sie handeln nicht ‚moralisch‘, weil sie bloß einem sich selbst optimierenden Programm folgen; und sie treffen auch keine ‚Entscheidungen‘, weil sie keine Gewissensbisse verspüren. Was wie moralisches Handeln aussieht, ist noch lange kein moralisches Handeln. Das ist im Grunde auch mein Einwand gegen den Turing-Test. Einer Maschine Würde zuzusprechen wäre damit das Ergebnis einer fundamentalen Selbsttäuschung – Kubriks ‚A.I.‘ in allen Ehren.

Damit wäre alles gesagt.

Cave KI-nem

Ich gebe zu, der Titel ist ein wenig bemüht. Aber seht selbst: „Das größte Risiko für unsere Zivilisation“: Elon Musk warnt erneut vor KI. Ich empfehle, es sich vom Computer vorlesen zu lassen. Unterstreicht das ganze Szenario.

Das erinnert mich daran, dass man der Sprachausgabe von Windows 98 Wissenbacher Platt beibringen konnte. Die amerikanische Computerstimme hat nämlich das R gerollt wie in Barnarne. Man musste sich halt an der englischen Aussprache orientieren: Deetr, wool dou a brutwoasht or a currywoasht ho? Aich danga, aich nam a brutwoasht mit currysoase.

So ungefähr jedenfalls, hab die Originaldatei mal unter erhaltenswertem Unfug gespeichert und verloren. Ein intelligentes OS, das mich kennt, hätte sie aufgehoben und sofort parat. Und den Blogeintrag für mich geschrieben. Ohne dass ich überhaupt auf die Idee gekommen wäre.

Sowieso glaube ich, dass das eigentliche Problem ist, dass wir gar keine klar umrissene Vorstellung von Künstlicher Intelligenz haben. Für die einen ist das eine einfache Weiterentwicklung im Rahmen technologischer Möglichkeiten, die dem Menschen zunehmend (lästige) Denkprozesse abnimmt, für die anderen ist es die Erschaffung eines eigenständigen Bewusstseins auf technologischer Basis. Also so von wegen „Hey, ich bin anders als du, Mensch, deshalb erkenne ich mein eigene Identität in Abgrenzung zu dir.“ Zauberwort bei jedem Gespräch darüber, egal welche Vorstellung nun zu Grunde liegt, ist: Algorithmen. Vorsicht, wenn das jemand benutzt, inklusive mir, denn meistens sind mit diesem Wort ominös irgendwelche Fähigkeiten, Entwicklungsmöglichkeiten und damit einhergehende Gefahren technologischer Entwicklung gemeint. Also eigentlich ein Eingeständnis, dass ich das, was geschieht, vom Menschen geschaffen, nicht mehr wirklich verstehe.

Leider gibt der heise-Artikel nicht her, wovor nun genau Elon Musk warnt. Vielleicht sieht er auch nur seine Felle davon schwimmen und will durch strengere Regelungen bei der Erforschung von KI Boden wiedergutmachen. Oder er hat die Zukunft gesichtet und warnt wie Cassandra vor dem Unaufhaltsamen. Vielleicht hat er aber auch gemerkt, dass es die Menschen in ihrem Wesen verändert, je mehr ihnen von Maschinen abgenommen wird.

Mir kam neulich auf einem Tex-Konzert in Bad Nauheim der Gedanke, als einige Menschen mit ihren Telefonen Fotos machten, dass man sich ja selbst gar nicht mehr an den Moment erinnern muss, wenn die Maschine beim Speichern hilft.

Im Film Her schreibt der Protagonist beruflich sehr persönliche, einfühlsame Briefe für seine Auftraggeber. Die unausgesprochene These scheint zu sein: Die Menschen verlernen den emotionalen Umgang miteinander durch die Art, wie Technologie unser Kommunikation verändert. (In Her verliebt sich der Protagonist in sein neues OS. Das Thema des Films ist in meinen Augen, wie man sich selbst findet und dass man dafür ein Gegenüber zur Auseinandersetzung braucht.)

Jedenfalls finde ich, dass die entscheidenden Fragen sind, wenn man sich mit dem Thema KI auseinandersetzt: Was macht uns Menschen aus? Was unterscheidet uns im Wesen von Maschinen? Sind Emotionen Folgen von komplexen Algorithmen? (Obacht!) Träumen Androiden von elektrischen Schafen? Wer sind wir?

Ich empfehle, Ridley Scotts Filme mit diesen Fragestellungen anzusehen. Ich denke dabei gerade an Alien, Blade Runner, Prometheus, Alien: Covenant.

Naja, vielleicht ist das ja alles Panikmache oder Hysterie. Ich empfinde es jedenfalls derzeit so, dass die Menschheit sich von ihrer Natur entfremdet anstatt sich ihr zuzuwenden. Vielleicht ist das aber gar nicht so sondern eher ein Wahrnehmungstrick, weil ich mich vermehrt mittels Maschinen informiere und damit ein verfälschtes Bild von öffentlicher Meinung entsteht. Krass, was Maschinen/Algorithmen schon so können:

Es ist vielleicht so, dass wir mit Google oder Alexa oder Siri oder Cortana schon sowas wie eine Künstliche Intelligenz am Erschaffen sind. Stichwort: Netzwerke&Co. Keine Ahnung. Skepsis hilft etwas, hab ich geleesen.

Nur der Skeptiker ist wirklich offen für Neues.

Nachtrag am 21.7.:
https://www.heise.de/newsticker/meldung/Kuenstliche-Intelligenz-Was-denkt-sich-eine-KI-3778547.html

Nachtrag am 24.7.:
Mir ist noch Olimpia aus „Der Sandmann“ eingefallen, der von den Göttern geschickte Nathanaels Professor konstruierte Automatenmensch:
Automatenmenschen, Monster, Puppen: Streifzug durch die Literatur
Olimpia ist von einem Menschen nicht zu unterscheiden. Einzig ihre Augen zeigen, dass sie kein Mensch ist, ihr die Seele fehlt. Sie ist ähnlich der schönen Pandora, die laut der Überlieferung der Prometheussage von den Göttern konstruiert wurde, um Epimetheus zu täuschen und Übel über die Menschheit zu bringen.

Ähnlich wie David, der Android in Prometheus: Dunkle Zeichen und Alien: Covenant:

https://www.youtube.com/watch?v=qgJs7uluwlU

Er scheint auch eine Pandora zu sein, auf die zwar nicht Epimetheus aber die Menschen reinfallen. Und gleichzeitig ist er auch die Büchse der Pandora selbst, die die Menschheit konstruiert hat, da er selbst alles mögliche Übel ‚erschafft‘, nachdem er von seinem Schöpfer den Auftrag erhält: „Steigere dich.“ Vielleicht ist diese Gier aber auch die eigentliche Büchse der Pandora. Kann ein Android gierig sein? Hat das eigentlich noch mit dem Thema zu tun? #wirr

Dusch-Outfit

Heute bin ich in Baumwolljogginghose – weil ichs bequem haben wollte -, zerlumptem Streichpullover – weil es kälter als erwartet war – und Flipflops – weil ich gestern Veddinge auf meinen großen Zeh fallen ließ – nach Polheim gefahren, um schwimmen zu gehen. Im Eingangsbereich war ein Monteur am Kassenautomaten zugange, rechts davon saß eine Dame, die die Besucher manuell abkassierte. Als ich ihr die 4,20€ Eintritt geben wollte, sprach sie mich an: „Oder wollen Sie nur duschen?“ Ich war etwas überfordert und brauchte ein wenig, um zu begreifen, dass ich extrem schäbig gekleidet war und das der Anlass für ihre Frage war. Sie erklärte mir, dass neulich jemand nur zum Duschen ins Schwimmbad gekommen sei, da müsse man ja nicht den vollen Eintrittspreis verlangen. Also eigentlich eine sehr gut gemeinte Nachfrage. Ich wollte ihr dann erklären, warum ich bei dem Wetter in Flipflops&Co unterwegs war, aber sie unterbrach mich mit: „Sie brauchen sich nicht rechtfertigen.“ Irgendwie habe ich mich mit diesem Satz noch heruntergekommener gefühlt.

Ich bin dann etwa anderthalb Stunden schwimmen gewesen. Beim Verlassen des Schwimmbads saß eine andere Dame vor Ort, die sich dann wiederum ihre eigenen Gedanken zu meinem Outfit hatte machen können.

Freiheit ist nicht kostenlos

Das automatische Schreibprogramm von GoogleLabs sagt  zu  „Freedom is“:

Freedom is not free.

Jetzt ist nur die Frage, was Google darunter versteht…

PS: Wenn man das Spielchen weitertreibt und den Quatsch dann von Google ins Deutsche übersetzen lässt, kommt das bei raus:

Freiheit ist nicht kostenlos von der Adobe-Website, um den Agenten und dergleichen sind nicht erlaubt, einen beliebigen Teil der Link-Code zu ändern oder das Layout ändern oder Targeting aus irgendeinem Grund.

Brustschwimmer sind einfach benachteiligt

Am Mittwoch war ich Schwimmbad unterwegs, um dem Druck der noch zu schreibenden Examensarbeit auszuweichen – mein Gewissen nahms sportlich. Ich schwomm am Rand im Kraulstil, mir eine Bahn sichernd, friedlich vor mich hin, als plötzlich ein Mitfünfziger auf Ärger aus war. Das hab ich zunächst nicht erkannt. Man muss wissen, dass es gerade beim Kraulen am angenehmsten ist, wenn man einfach geradeaus schwimmen kann, da man nicht automatisch nach vorne schauen kann, sondern den Kopf nach oben streckend etwas unnatürlich verrenken muss, um einen Blick zu erhaschen. Nicht dass es unmöglich wäre oder extrem schwierig, es ist einfach auf Dauer belastend und ständig nach vorne schauen geht eh nur effektiv beim Brustschwimmen. Jedenfalls schwamm ich gerade an besagtem mittelaten Herrn vorbei, als der rüber zog auf „meine“ Bahn, mich dabei wohl übersehen hatte und mir brustschwimmenderweise vermutlich unabsichtlich mit der Hand ins Gesicht schlug. Das Wasser dämpfte den Schlag und es war nicht weiter schlimm, also schwimmte ich weiter. Als ich am Bahnende ankam und mich rumdrehte, sah ich noch, dass Herr Brustschwimmer mir meine Bahn streitig machen wollte – was ich doof fand. In der Hoffnung, dass er das nur noch nicht richtig bemerkt habe, schwamm ich weiter auf der Bahn. Im letzten Moment – man sieht beim Kraulen ohne besagte Kopfanstrengung geschätzte vier Meter weit nach vorne – wich ich ihm aus, er berührte mich mehrmals, was ich merkwürdig fand, aber da ich schwimmen wollte, schwamm ich weiter. Und da ich geradeaus schwimmen wollte, suchte ich mir ne andere Bahn in der Mitte. Nach weiteren 100 Metern am vorderen Beckenrand angekommen, maulte mich eine erboste Stimme an, kurz bevor ich wieder abtauchen wollte. Ich stoppte, schließlich hatte ich Wörter wie „Nötigung“, „Straßenverkehr“ und „Bademeister“ vernommen sowie einen Blick, der das Ganze auf mich bezog. Als der Brustschwimmer sich meiner Aufmerksamkeit gewiss war, fing er an, das noch mal in anderer Reihenfolge zu wiederholen, jetzt noch etwas mehr in Rage. Er habe mich vorhin mehrmals angesprochen (er meinte wohl die High-Noon-Situation auf der Außenbahn, wo ich ständig Wasser um meine Ohren hatte) und fände mein Verhalten eine Unmöglichkeit und wenn das noch mal vorkäme, werde er den Bademeister „einschalten“. Ich glaub, ich war auch sauer, aber mehr so aus emotionaler Reaktion, hab glaube aber nichts Schlimmes gesagt. Er wiederholte seinen Standpunkt und als mir das Ganze zu redundant wurde, sagte ich, dass ich einfach nur schwimmen möchte, er den Bademeister ruhig holen solle und ich mich jetzt verabschieden würde. Das war mir echt zu blöd, also schwomm ich weiter meine Bahnen, jetzt in der Mitte, direkt neben dem Brustschwimmer; die Außenbahn war übrigens von da an einsam mit sich selbst beschäftigt. Wegen der widrigen Störmungsverhältnisse hätte ich den Brustschwimmer übrigens später beinahe tatsächlich touchiert, aber irgendwie passierte nichts weiter. Unter Dusche dann trafen wir uns wieder und er wirkte in Angesicht meines wenig gestählten Körpers etwas irritiert, schließlich hatte er einen durchtrainierten und daher arroganten Schwimmer erwartet, vermute ich. Auf dem Parkplatz stiegen wir was zeitgleich in unsere nebeneinander geparkten Autos und ich dachte nur, dass ich nicht hinter ihm fahren wollte. Also beeilte ich mich und rammte dabei fast ein anderes Auto…

Schon krass, was bei so ein bisschen Schwimmen passieren kann. Ich glaube, dass der Herr Brustschwimmer schon morgens beim Aufstehen gedacht hat, er wolle heute ins Schwimmbad, um ein bisschen Krawall zu suchen. Anders kann ich mir nicht erklären, dass er alle Zeichen als gegen ihn gerichtet deutete und mir nicht nur die erste Bahn sondern kurz drauf auch die mittlere Bahn streitig machen wollte. Dabei hat er einfach nicht verstanden, dass Rückenschwimmer nie, Kraulschwimmer selten und nur Brustschwimmer kontinuierlich beim Schwimmen nach vorne schauen. Das hat wenig mit Arroganz und viel mit der Sportart zu tun…

PS: Was für eine romantische Vorstellung, der Bademeister sei der letzte Hüter von Recht und Gerechtigkeit im Becken der Anarchie. Bringt dem Beruf grad noch ein bisschen mehr Glanz entgegen.

Hypertext

hypertext_exposee.pdf

Hypertext

1 Voraussetzungen

[The human mind] operates by association. With one item in its grasp, it snaps instantly to the next that is suggested by the association of thoughts, in accordance with some intricate web of trails carried by the cells of the brain. […] Man cannot hope fully to duplicate this mental process artificially, but he certainly ought to be able to learn from it. In minor ways he may even improve, for his records have relative permanency. The first idea, however, to be drawn from the analogy concerns selection. Selection by association, rather than indexing, may yet be mechanized. One cannot hope thus to equal the speed and flexibility with which the mind follows an associative trail, but it should be possible to beat the mind decisively in regard to the permanence and clarity of the items resurrected from storage. (BUSH 1945)

1945 stellte VANNEVAR BUSH, u.a. wissenschaftlicher Berater von US-Präsident Roosevelt (vgl. ACMI.NET), in As We May Think, einem Artikel des Atlantic Monthly, das Konzept des Memex (Akronym für memory extender) vor (Abb. 1). Dieser Apparat sollte in der Lage sein, dem Benutzer aus einer ›Datenbank‹ (per Mikrofilm) jeweils gewünschte Dokumente bereitzustellen, in denen er beliebig blättern aber auch nach Bedarf zwischen einzelnen Dokumenten springen können sollte . Mit seiner ›Vision‹ kam BUSH heutigen Vorstellungen von Hypertext recht nahe.
Der Begriff Hypertext wurde allerdings erst zwanzig Jahre später von THEODOR HOLM NELSON geprägt, unter dem er ein neues Medium versteht: »the combination of natural-language text with the computer’s capacities for interactive, branching or dynamic display.« (NELSON 1967, zit. n. HENDRICH 2003, S. 30) Von diesen Überlegungen ausgehend ließen ihn schließlich weiterführende Gedanken 1982 in Literary Machines eine ›Maschine‹ konzipieren, die er Xanadu nennt (Abb. 2; vgl. HENDRICH 2003, S. 38 f.; vgl. EASTGATE.COM). ANDREAS HENDRICH beschreibt NELSONs Entwurf in seiner Dissertation Spurenlesen – Hyperlinks als kohärenzbildendes Element in Hypertext folgendermaßen:

Was NELSON damit vorhat, ist so revolutionär, dass es sich wohl gerade aus diesem Grund bisher nicht durchgesetzt hat. Zunächst hat es natürlich oberflächlich alle Funktionen, die man erwarten wollte, Textverarbeitung, Speicherung, Verlinkung, ›parallele‹ Fensterdarstellung, Einbindung von Bild, Ton etc. Komplett neu sind aber drei Dinge: das Prinzip der Einmaligkeit, ein automatisches Tantiemensystem und schließlich das Adressierungs- und Versionierungsschema. […]
Einmaligkeit bedeutet, dass alles, Text, andere Medien, Link- und Kombinationsbeschreibungen, nur einmal auf einem zentralen Server vorhanden ist. Dokumente werden also beim Benutzer auf dem Bildschirm nur zusammengesetzt, das Kopieren / Einfügen-Paradigma ist aufgelöst in dem Sinne, dass nur referiert wird und keine echten Kopien angefertigt werden (müssen). Jedem Text ist ein ›Eigentümer‹ zugewiesen, der Autor, oder genauer gesagt, derjenige, der den Text in den Server lädt, und dieser erhält beim Aufruf seiner Texte jeweilig Tantiemen dafür.
Die Einmaligkeit fordert das Erhalten von Dokumenten, d.h. jedes Textstück, das für sich in den Server geladen wird bekommt eine einmalige Adresse zugewiesen, die sich niemals ändert. Bei Einfügungen, internen Löschungen oder anderen Veränderungen wird der editierte Text erneut unter der gleichen Adresse gespeichert. Daneben können Versionierungen von Einheiten angeboten werden, die über ein separates Protokoll angesprochen werden können. Hier tritt der Kern von NELSONs Vision, des ›Docuverse‹ hervor, oder um es einfacher zu sagen: »Tumbling Through the Docuverse – A Write-Once Address System of Forking Multipart Integers Secifying A Master Ever-Growing Tree-Address Space«. Vielleicht auch einer der Gründe, warum, trotz des immensen Potentiales des Systems, sich Xanadu bis heute nicht hat durchsetzen können. (HENDRICH 2003, S. 38)

Das Konzept von NELSON ging neben dem ›großen Bruder‹, dem World Wide Web (WWW), unter. Dieses ist »ein client/server-basisertes distribuiertes Hypertextsystem«, das »über die Markup-Sprache HTML [=Hyper-Text-Markup-Language], die sowohl Layoutfunktionen als auch Möglichkeiten der Verlinkung zur Verfügung stellt«, realisiert ist. HTML ist relativ einfach strukturiert, sodass »jeder, der möchte, einen Rechner und ein Serverprogramm hat«, Daten zur Verfügung stellen kann (HENDRICH 2003, S. 39 f.). Genau dies stellt wohl die Voraussetzung für den enormen Erfolg des WWW dar, das uns usern heute als selbstverständlich erscheint. Aus der Perspektive von Memex und Xanadu kann man mit HENDRICH allerdings zu folgender Erkenntnis kommen: »Konstruiert wurde und wird mit dem WWW eine neue Maschine gigantischen Ausmaßes, die alle Konzepte und Vorstellungen von Maschinen mit klar umrissenen Grenzen und Funktionen sprengt.« (HENDRICH 2003, S. 40)

2 Hypertext

Was aber macht Hypertext aus literaturtheoretischem Blickwinkel aus? Im Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie findet sich folgendes Verständnis:

Hypertext/Hypertextualität (gr. hypér: über; lat. texere: weben, flechten), Hypér verweist auf die metatextuelle Ebene des Hypertexts, d.h. auf die einem elektronisch abgespeicherten Text übergelagerte Struktur von elektronischen Vernetzungen mit weiteren Texten. […] Nelson (1980, S.2) definierte Hypertext als elektronische Form des »non-sequential writing«. Nach Nelson ist Hypertext ein elektronisch verknüpftes, multilineares und multisequentielles Netzwerk von Textblöcken (Lexien), das dem Leser erlaubt, interaktiv mit dem(n) Text(en) in Kontakt zu treten, elektronischen Verbindungen zu folgen oder selbst solche in Form eigener Lexien zu schaffen. Der Hypertext erzeugt durch die Möglichkeit von Verbindungen (links) einen Dialog zwischen Text und weiteren Kontexten/Texten; der Hypertext verliert für Nelson seine Funktion als isolierter Text, wie ihn das traditionelle Buch darstellt. […] (NÜNNING 2001, S. 261)

Diese Definition greift im Wesentlichen NELSONs Verständnis von Hypertext als Medium auf, als wesentliche Vorstellung erscheint hier die Eigenschaft des »elektronisch verknüpften, multilinearen und multisequentiellen Netzwerks«, das den Text »durch die Möglichkeit von […] links« von seiner Linearität zu ›befreien‹ vermag. Bei der Betrachtung dieser Begriffsbestimmung werden jedoch zwei Probleme deutlich: Zum einen genügt es der literaturtheoretischen Perspekive nicht, Hypertext als bloßes Medium zu betrachten, zum anderen wird nicht klar, was überhaupt Text ist – dessen Bestimmung (oder besser: ›Begriffsannäherung‹ ) als Basis der Definition von Hypertext zugrunde liegen sollte. Trotzdem lässt sich grundsätzlich festhalten: »Es sind die Hyperlinks, die in Hypertext eine Menge einzelner Textfragmente zu einem Ganzen binden.« (HENDRICH 2003, S. 3)
Text, was ist das? Im Lexikon findet sich dazu: »Text (lat. textus: Gewebe, Geflecht), Instrument der Kommunikation mittels Sprache […]« (NÜNNING 2001, S. 625). Diese Definition ist nicht wirklich befriedigend, liefert aber einen interessanten Hinweis auf den Ursprung: Text als Gewebe. In De Grammatica, Teil der Etymologiae schreibt ISIDOR VON SEVILLA über den Begriff oratio:

Oratio dicta quasi oris ratio. Nam orare est loqui et dicere. Est autem oratio contextus verborum cum sensu. Contextus autem sine sensu non est oratio, quia non est oris ratio. Oratio autem plena est sensu, voce et littera. (zit. n. PENELOPE.UCHICAGO.EDU, vgl. HENDRICH 2003, S. 4)

Hier ist oratio (also die ›Vernunft des Mundes‹) »eine Zusammensetzung von Wörtern mit Sinn«. Es lassen sich darüber hinaus noch viele weitere Verständnisse vom Begriff Text differenzieren; entscheidend soll hier sein, was HENDRICH auf den Punkt bringt:

Das Mysterium scheint sich in der Frage zu verbergen, wie wir es schaffen, etwas – über das wir als unser Eigenes reflektieren können, das scheinbar unabhängig vom Zustand unseres materiellen Körpers oder der materiellen Welt existiert – in eine materielle Form zu veräußern. Und wie sind wir in der Lage – nicht über ein ›stilles Verstehen in Übereinkunft der Herzen‹ – sondern eben über das Produkt dieser Veräußerung an der Innenwelt anderer teilzuhaben, oder sich sogar Teile davon anzueignen? (HENDRICH 2003, S. 5)

Dem gegenüber wirft er Fragen danach auf, was sich mit der Entwicklung von Hypertext in Bezug auf ›herkömmlichen‹ Text verändert hat:

Was aber, wenn sich durch ein kleines ›hyper-‹ die zugrunde liegenden Kontrollstrukturen konventionalisierter Formen von Rationalität aufzulösen beginnen? Wenn die Ordnung der Dinge nicht mehr so eindeutig ist, in einer Zeit, da den Autoren die Kontrolle über ihren Text entgleitet? Wenn eherne Unterscheidungen von Statteinander und Nacheinander zu fallen scheinen? Wenn die Grenzen zwischen Autor, Text und Leser zu verschwinden scheinen? […] Weitersurfen? (HENDRICH 2003, S. 1)

Wenn wir uns hingegen den Textbegriff bei so genannten Poststrukturalisten wie ROLAND BARTHES anschauen, dürfen wir allerdings zu zweifeln beginnen, ob »eherne Unterscheidungen von Statteinander und Nacheinander«, ob »die Grenzen zwischen Autor, Text und Leser« erst mit der Entwicklung von Hypertext »zu verschwinden scheinen«. BARTHES schreibt 1968 in Der Tod des Autors :

Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die Botschaft des Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen (écritures), von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur. (BARTHES 2000, S. 190)
Die Abwesenheit des Autors macht es ganz überflüssig, einen Text ›entziffern‹ (›dechiffrer‹) zu wollen. […] Die vielfältige Schrift kann [..] nur entwirrt, nicht entziffert werden. Die Struktur kann zwar in allen ihren Wiederholungen und auf allen ihren Ebenen nachvollzogen werden (so wie man eine Laufmasche ›verfolgen‹ kann), aber ohne Anfang und Ende. Der Raum der Schrift kann durchwandert, aber nicht durschstoßen werden. (BARTHES 2000, S. 191)

Das Bild, das BARTHES von Text entwickelt, der »nur entwirrt, nicht entziffert werden« kann, drängt sich ebenso für das Verständnis von Hypertext auf. Man fühlt sich förmlich genötigt, die durch links verbundenen Textfragmente im Hypertext als ein »Gewebe von Zitaten« zu sehen, welches der Leser im ›herkömmlichen‹ (sprich: vermeintlich linearen) Text selbst assoziativ erzeugt (wir denken auch an BUSHs Überlegungen zum human mind). Dadurch wird klar: Die Non-Linearität scheint nicht das Neue am Hypertext zu sein – denn der Weg assoziativer Verknüpfungen beim Lesen wird nach BARTHES schon immer vom Leser geleistet . Neu scheint hingegen die Sichtbarmachung bzw. das Voraugenführen dieser assoziativen Verknüpfungen durch links zu sein (ob der konkrete Leser ihnen folgt oder nicht, ist eine andere Frage). Insofern läge es nahe, dass Überlegungen zu Hypertext poststrukturalistischen Ansätzen, wie sie u.a. von BARTHES vertreten werden, Auftrieb verleihen, schließlich wird im Hypertext theoretisch Erdachtes erfahrbar dargestellt.

3 Resümee/Kritik

So enthüllt sich das totale Wesen der Schrift. Ein Text ist aus vielfältigen Schriften zusammengesetzt, die verschiedenen Kulturen entstammen und miteinander in Dialog treten, sich parodieren, einander in Frage stellen. Es gibt aber einen Ort, an dem diese Vielfalt zusammentrifft, und dieser Ort ist nicht der Autor (wie man bislang gesagt hat), sondern der Leser. Der Leser ist der Raum, in dem sich alle Zitate, aus denen sich eine Schrift zusammensetzt, einschreiben, ohne dass ein einziges verloren ginge. (BARTHES 2000, S. 192)

Der Text als Netzwerk, dem Sinnstiftung allein durch die Verknüpfungsleistung des Lesers widerfährt, scheint sich als Inbegriff eines poststrukturalistischen Verständnisses á la BARTHES im Hypertext zu offenbaren. Aber sind wir bereit, diesem Verständnis zu folgen? Schließlich tötet er nicht nur den Autor, er löst auch die Identität des Subjekts auf, indem er die »Einheit des Textes« nicht im Ursprung sondern im Zielpunkt verortet, »wobei dieser Zielpunkt nicht mehr länger als eine Person verstanden werden kann«. Mehr noch, »der Leser ist ein Mensch ohne Geschichte, ohne Biografie, ohne Psychologie« (BARTHES 2000, S. 192). BARTHES’ ›Leser‹ gleicht so gesehen viel eher Xanadu, NELSONs ›Maschine‹, die als Unified Tissue of Storage, als Gewebe von Speicher Knotenpunkte zentral im Netzwerk verortet, verknüpft und verfügbar macht . Oder um mit ROMAN ZENNER die Kritik abschließend etwas verhaltener zu äußern: »Apart from postmodern experiments, the largest audience is still quite happy with an author who is very much alive and has an interesting story to tell.« (ZENNER 2005, S. 205)

4 Literatur

– BARTHES, ROLAND: Der Tod des Autors. In: JANNIDIS, FOTIS et al. (Hg.): Texte zur Theorie der Autorschaft, S. 185-193. Reclam: Stuttgart 2000.

– BUSH, VANNEVAR: As We May Think. Artikel erschienen in The Atlantic Monthly, Juli 1945. URL: http://www.theatlantic.com/doc/194507/bush (01.04.2008)

– HENDRICH, ANDREAS: Spurenlesen – Hyperlinks als kohärenzbildendes Element in Hypertext. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, 2003.
URL: http://edoc.ub.uni-muenchen.de/archive/00003054/01/Hendrich_Andreas.pdf (01.04.2008)
urn:nbn:de:bvb:19-30544

– JANNIDIS, FOTIS et al. (Hg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Reclam: Stuttgart 2000.

– KLAUSNITZER, RALF: Literaturwissenschaft: Begriffe – Verfahren – Arbeitstechniken. Walter de Gruyter: New York/Berlin 2004.

– NÜNNING, ANSGAR (Hg.): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturwissenschaft, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Metzler: Stuttgart/Weimar 2001.

– RENNER, ROLF GÜNTER und HABEKOST, ENGELBERT (Hg.): Lexikon literaturtheoretischer Werke. Alfred Kröner: Stuttgart 1995.

– WIRTH, UWE: Wen kümmert’s, wer spinnt? Gedanken zum Schreiben und Lesen im Internet.
URL: http://www.diss.sense.uni-konstanz.de/lesen/wirth.htm (02.04.2008)

– ZENNER, ROMAN: Hypertextual Fiction on the Internet: A Structural and Narratological Analysis. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades an der Philosphischen Fakultät der RWTH Aachen, 2005.

– ACMI.NET: Vannevar Bush
URL: http://www.acmi.net.au/AIC/BUSH_BERRNIER.html (01.04.2008)

– EASTGATE.COM: Literary Machines
URL: http://www.eastgate.com/catalog/LiteraryMachines.html (01.04.2008)

– PENELOPE.UCHICAGO.EDU: Isidore of Seville: The Etymologies (or Origins)
URL: http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Isidore/home.html (02.04.2008)

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