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Schlagwort: Leid

Mozambique

Während nach der Flutkatastrophe in Mosambik, ausgelöst durch einen Zyklon, etliche Spendenaufrufe erfolgten und Deutschland schließlich 50 Millionen € für den Wiederaufbau spendete, brennt in Frankreich ein Haus halb ab, Ave Maria wird voller Bestürzung gesungen und in kürzester Zeit kommen an die 1 Milliarden € Spenden für den Wiederaufbau zusammen.

Wer mich jetzt zynisch findet, denkt bitte nochmal nach, was an der Sache selbst zynisch sein mag.

PS: Vielleicht wird der Kaffee an der Notre Dame ja jetzt billiger.

Piet

Anne hat mich gerade daran erinnert: Vor genau einem Jahr musste mein Hund eingeschläfert werden. Er hatte Krebs, der so gestreut hatte, dass durch ein Loch in der Herzwand Flüssigkeit im Herzbeutel war. Eine Not-OP wäre sofort nötig geworden, um mit einer Punktion das Herz zu entlasten. Da seine Blutwerte mies waren, wäre er vermutlich bei der OP verblutet. Hätte er überlebt, hätte er vermutlich noch wenige Wochen gelebt. Also war die Entscheidung, ihn einzuschläfern, vernünftig. Schwer war sie, weil er vor dem Einschläfern noch ziemlich fit schwanzwedelnd in den Behandlungsraum der Tierklinik reingetrabt kam. Der Oberarzt hatte wohl nochmal deutlich gemacht, dass er noch nie ein Tier mit diesem Krankheitsbild gesehen habe, das noch so fit gewesen sei. Das kann ich bestätigen, da er mich (auf dem Fahrrad) noch 10 Tage vorher abgezogen hatte, ich kam schlicht nicht an sein Tempo heran. Es geht manchmal sehr schnell.

CliFi aka Zusammenhangslos TM

Während ich mir noch immer schwer Gedanken mache, passiert so Einiges.

Tatran hat heute ein neues Album herausgebracht:

(Tree ist einer der wenigen Titel, die wirklich neu sind. The Elephant bspw. kennt man ja schon vom Live-Album.)

Und heute Abend läuft im Deutschlandfunk ein Feature zum Thema Climate Fiction. Das interessiert mich, denn nachdem ich in den vergangenen Tagen einigen Schülern versucht habe, ein paar Dinge rund um den Klimawandel beizubringen, befürchte ich, dass es für den ein oder anderen auch eher um CliFi statt um CliSci ging. Benutzt haben wir das Monash-Klimamodell, mit dem man auch ein bisschen Star-Wars spielen kann. Ziel des Spiels ist es, die Klimafaktoren so zu verändern, dass aus der Erde bspw. Tatooine wird (, dessen Bevölkerung sich übrigens “größtenteils auf die Ballungsräume Mos Eisley und Mos Espa” konzentriert). Den spielerischen Ansatz finde ich gut. Ich frage mich, was dann später wirklich an Zusammenhang hängen geblieben sein wird.

Außerdem gab es am Mittwoch im PoetrySlam endlich mal wieder einige ernsthafte Texte und weniger Comedy. Da hat es sich gelohnt, seit Ewigkeiten mal wieder hingegangen zu sein. Gute Idee, Anne!

PS: Wusstet ihr, dass es in der Folge Die Schlacht von Maxia von Star Trek – The Next Generation irgendwie auch um die Frage geht, wie körperlich alles ist? Weniger Fiktion ist da im entfernten Zusammenhang dieser Text: Nele hat Schmerzen. Und: Habt ihr schonmal von Silke Bischoff gehört?

Christen fuddeln fett

Ich bin heute über die Losung gestolpert. Nach dem gelosten Vers aus dem Alten Testament (“Ich bin dein, hilf mir!“) und dem dazu passend ausgewählten Vers aus dem Neuen Testament (“Jesus spricht: In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“) wird da Sophie Scholl zitiert:

Wie ein dürrer Sand ist meine Seele, wenn ich zu dir beten möchte. Mein Gott, verwandle du diesen Boden in eine gute Erde, damit dein Samen nicht umsonst in sie falle, wenigstens lasse auf ihr die Sehnsucht wachsen nach dir, ihrem Schöpfer. Ich bitte dich von ganzem Herzen, zu dir rufe ich.

Weil mich die Formulierung mit der Seele als dürren Sand berührt hat, habe ich dann ein wenig nach den Umständen gesucht, in welchen sie das aufgeschrieben hat und bin auf den herder-Verlag gestoßen. Dort ist ein Artikel aus der Zeitschrift Christ in der Gegenwart veröffentlicht: Widerstand gegen Hitler – Die letzten Gebete der Weißen Rose. Darin wird über Sophie Scholl unter der Überschrift Trotzdem rufe ich “Du” erzählt, dass sie Gott direkt ansprechen müsse, zum Beispiel in einem Eintrag vom 15. Juli 1942:

Wie ein dürrer Sand ist meine Seele, wenn ich zu Dir beten möchte, nichts anderes fühlend als ihre eigene Unfruchtbarkeit. Mein Gott, verwandle Du diesen Boden in eine gute Erde, damit Dein Same nicht umsonst in sie falle, wenigstens lasse auf ihr die Sehnsucht wachsen nach Dir, ihrem Schöpfer, den ich so oft nicht mehr sehen will. – Ich bitte Dich von ganzem Herzen, zu Dir rufe ich, […]

Das liest sich anders, ehrlicher und eher wie etwas, das ich schonmal in einem etwas anderen Zusammenhang erwähnt habe. Navid Kermani zitiert im Kapitel Die Schoa aus Jossel Rakovers Wendung zu Gott:

[Gott Israels,] Du aber tust alles, daß ich an dich nicht glauben soll. […] es wird Dir alles nichts nützen. Magst Du mich auch beleidigen, magst Du mich auch schlagen, magst Du mir auch wegnehmen das Teuerste und Beste, das ich hab’ auf dieser Welt, magst Du mich zu Tode peinigen – ich werde immer an Dich glauben. Ich werde Dich immer liebhaben, immer Dich, Dich allein, Dir zum Trotz!

Was hier die Herrnhuter Brüdergemeinde mit Sophie Scholls Gebet gemacht haben, erinnert mich an das, was ich über das Buch Hiob mal irgendwo gelesen habe. Es gibt die Vermutung, dass es nicht einen Verfasser des Buches gegeben hat, sondern mindestens zwei im Abstand mehrerer Jahrhunderte. Dafür spreche, wenn ich mich richtig erinnere, dass die Zahl “3” wesentliches Gestaltungselement darin sei und plötzlich ein vierter Freund auftaucht, und auch das zum Rest wenig passende Ende, die Rehabilitierung Hiobs, nachträglich eingearbeitet wurden.

Das macht durchaus Sinn, wie ich finde: Hiob besuchen drei Freunde, die ihm entgegenreden, er müsse etwas falsch gemacht haben, sonst hätte Gott sich nicht gegen ihn gewendet. Diesen  Reden widerspricht Hiob jeweils und klagt Gott an. Dann taucht auf einmal ein vierter Freund auf, der nocheinmals Gott verteidigt. Dem Vierten antwortet Hiob nicht. Als schließlich Gott im Sturm erscheint, nimmt Gott Hiob in Schutz, widerspricht seinen drei Freunden, was die denn seinen Diener Hiob so angingen, und weist gleichzeitig Hiob wiederum zurecht: Er wolle die Weisheit dessen in Frage stellen der alles erschaffen hat, zum Beispiel Behemot und Leviathan? (“Wo warst du, als ich die Erde erschuf?“) Das Buch Hiob endet damit, dass Hiob einsieht, dass er gegen Gottes Weisheit nicht bestehen kann. Schließlich wird Hiob belohnt mit mehr Besitz und schöneren Töchtern als vorher. Und er stirbt alt und lebenssatt. Yeah.

Allgemeinhin wird aus dem Buch Hiob, glaube ich, die Lehre gezogen, man müsse nur standhaft genug in der Prüfung mittels Lebensleids sein, das Gott uns auferlege, dann würde man belohnt. Ich lese da eher rein, dass es Lebenssituationen gibt, in denen Gott anzuklagen die einzige Möglichkeit ist, den Glauben an ihn aufrechtzuerhalten. Und dieses Lebensleid auszuklammern, wie es die Herrnhuter in dem heutigen Losungstext andeutungsweise gemacht haben, ist nicht in Ordnung.

 

Kann man ‘trotzdem’ hassen?

Die Überschrift sagt eigentlich schon alles. Ausgangspunkt war ein Gespräch mit Alexander und Claudia, bei dem es gefühlt um alles ging. Ich habe dann irgendwann eingeworfen, dass das Wesen von Liebe ist, dass sie überwindet und deswegen stärker ist als Hass. Man kann (oder besser tut es einfach) lieben, auch wenn einem Unrecht angetan wurde. Gerade dann, wenn man im Recht ist, zeigt sich die Liebe: Man liebt trotzdem. (Hiob 13,15)

Magst Du mich auch beleidigen, magst Du mich auch schlagen, magst Du mir auch wegnehmen das Teuerste und Beste, das ich hab’ auf der Welt, magst Du mich zu Tode peinigen – ich werde immer an Dich glauben. Ich werde Dich immer liebhaben, immer Dich, Dich allein, Dir zum Trotz!
(Aus Jossel Rakovers Wendung zu Gott, gefunden in Der Schrecken Gottes.)

Das Gespräch fand übrigens nach dem Besuch von Despicable Me 3 statt, welchen ich ganz witzig fand. Wir saßen danach noch in Pits Pinte, wo ich ewig nicht mehr war. Wir kamen dann bei alkoholfreiem Bier ins Plaudern. Zunächst erzählte Alexander von einem Buch, dessen Titel ich vergessen habe, obwohl ich fünfmal nachgefragt habe. Er erhoffte sich vom Buch Antworten auf das Erstarken der Rechten in Europa. Es gehe darin halbautobiographisch allerdings eher um entlarvend arrogante Intellektuelle und ihr Verhältnis zur französischen Gesellschaft. Schließlich sprachen wir über Identität. Ich finde ja, da sollte Alexander erst einmal Stiller lesen, bevor er was anderes liest. Aber ist ja nicht meine Sache.

Gegen Ende des Gesprächs – man darf in Pits Pinte peinlich genau nicht länger als 0.00h draußen sitzen, das machte die Bedienung uns sehr deutlich – stellte Alexander dann jene Frage:

Kann man trotzdem hassen?

Ich glaube nicht. Ich denke, man hasst, weil

Das bedeutet übrigens nicht, dass es nichts Böses auf der Welt gäbe. Der Gedanke, nicht trotzdem zu hassen, gibt vielmehr entspannte Zuversicht:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten! (Römer 12,21)

 

Meermenschen, Leviathan, PEGIDA und der Teich

Ich kann nun endlich in das neue Moop Mama-Album reinhören:

Das Lied Meermenschen (Thema Gesellschaft und Flüchtlinge) erinnert mich an die Filmmusik von Leviathan. Insbesondere die fließende Rhythmusänderung lässt Wellengang nachfühlen. Die Musik ist ursprünglich in der Oper Akhnaten von Philip Glass zu hören gewesen, welche, soweit ich weiß, keinen Bezug zu Meer oder Wasser im Allgemeinen hat:

Die Oper erzählt laut Wikipedia keine zusammenhängende Geschichte sondern portraitiert Echnathon und beschäftigt sich mit seinem Scheitern. Im Film Leviathan geht es um das klassische Hiobsthema.

Siehe, tötet er mich, ich werde auf ihn warten, nur will ich meine Wege ihm ins Angesicht rechtfertigen.

Nikolai wird von Staat und Kirche bedrängt, sein an der Barentssee gelegenes Haus zu verkaufen. Er weigert sich und ihm widerfährt viel Unheil, schließlich wird er für den Mord an seiner Frau für schuldig befunden. Der Film endet mit dem Blick auf eine neu gebaute Kirche, die an der Stelle steht, an der Nikolais Haus stand. Anders als das Original der Bibel also etwas glaubwürdiger: kein Happy End.

Ein würdiges Ende fand auch Lars Ruppel eben im Poetry Slam im Jokus bei seinem Auftritt mit einem neuen Text, der wohl noch nicht veröffentlicht ist: Brat mir einer n Storch. Er erzählt darin von einem Teich und dessen Bewohnern, die nach und nach alle auf den Storch hören, der den Teich wieder so haben will wie früher. Als erstes müssen die Frösche dran glauben, für die folgende Mückenplage müssen andere Tiere Mückenjagen lernen.  Schlussendlich wird der Teich eingezäunt, damit nicht jeder an den Teich gelangt, aber dadurch verdreckt er immer mehr. Diese gesellschaftskritische Fabel ließ mich an “Meermenschen” denken, damit schließt sich der Kreis zu Moop Mama:

PS: Alle Kinder mögen alle Kinder. Nur nicht Lisa. Die mag Pegida.

Ornithologe?

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Ok, nach dem Fehlerbild gibt es nun ein Suchbild: Findet den Vogel! Wenn mir dann noch jemand verraten kann, welcher Fink sich da in meinem Schlafzimmer verirrt hatte oder mir erklärt, wieso der Fink ein Spatz ist, gibt’s Extraapplaus. Dem Vogel ist übrigens wohler ergangen als jenem, der sich todesmutig in das vordere Laufrad einer Bekannten stürzte. Das war wohl übrigens eine Amsel, wie mir erzählt wurde.

Vergessen

Ich war gestern in einem Altenpflegeheim, die hatten dort ein Sommerfest und ich wollte die Gelegenheit nutzen, einen alten Bekannten zu besuchen. Meine Mutter meinte, ich solle damit rechnen, dass er mich nicht mehr erkennt, aber wenn er jemanden erkennt, dann bestimmt den Ole, sagte sie. Ich wollte das gerne glauben. Als ich ankam, brauchte ich erst mal eine Weile, bis ich ihn gefunden hatte, er hatte sich auch körperlich sehr verändert. Und was dann wirklich schwierig war, zu spüren, dass er mich nicht erkannte. Das vorher zu wissen und dann das Vergessen zu erleben sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Ich hab ihm eine Arbeitstaschenlampe aus dem Baumarkt mitgebracht, weil ich wusste, dass er für sinnlosen Unfug immer zu haben war. Er hat sie dann tatsächlich auch immer wieder vom Tisch genommen, auf den Ein-Schalter gedrückt, gesehen, dass sie leuchtet, sie wieder ausgeschaltet und zurück auf den Tisch gelegt. Nach ein paar Minuten ging das wieder von vorne los, so als sei er in einer Wiederholung gefangen. Heute denke ich, dass er das gemacht hat, um die Lampe in seinen Besitz zu nehmen und sich daran zu gewöhnen.

Meine Supertante hat mir dann noch das Wohnheim gezeigt und mich sehr beeindruckt, weil sie eigentlich fast jeden kannte und es irgendwie immer schaffte, eine persönliche Ebene zu Leuten aufzubauen, auch wenn manche nur zurück lächelten oder für mich unverständliche Dinge in einer Mischung aus Platt und Demenz quasselten. Mit jemandem zu kommunizieren, wenn man keine, kaum oder eine andere Bestätigung als erwartet bekommt, finde ich ziemlich schwierig. Es arbeiten dort, wenn ich mich richtig erinnere, etwa 200 Ehrenamtliche, was ich echt stark finde. Im ganzen Haus sind vereinzelt Erinnerungsstücke aus der guten, alten Zeit aufgestellt. Dies hilft sicherlich einzelnen, Situationen zu erleben, in denen man sich erinnert.

Das schlimmste, das man einen Demenzkranken fragen kann: “Kennste mich noch?” Denn was ist, wenn nicht? Damit setzt man den anderen so sehr unter Druck, dass vielleicht gar kein Gespräch zustande kommt…

Es war eine Erfahrung, die man mit noch so vielem theoretischen Wissen über die Demenzproblematik nicht ersetzen kann.