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19 Suchergebnisse für "Wahrheit"

Skythische Lämmer

Über Glauben und Wissen – Irrwege und Irrsinn:

Wissenschaft zeigt nicht, was wahr ist und was falsch. Wissenschaft schließt, anhand von Evidenz, was am wahrscheinlichsten wahr sein könnte.

Das Baumlamm kannte ich noch nicht (s. Wikipedia):

Other writers cite ancient Talmudic traditions, which tell of the Jeduah, described by rabbinical scholars as a plant-animal like a lamb which is tethered to the ground by a sort of umbilical cord, and which can only eat what vegetation is within reach of the cord. […]

In a variation, the Jedoui takes human form and is similarly grounded by its navel – it is a savage beast which kills anyone it can reach and can only be killed by severing the cord with an arrow or dart. Jedoui means ‘wizard’ and is the same wizard mentioned in Leviticus XIX 31, “Regard not them that have familiar spirits, neither seek after wizards, to be defiled by them: I am the LORD your God”; the bones of the Jedoui were placed in the mouth and immediately one was endowed with the gift of prophecy.

The Lamb Lies Down

It had a head, yes, ears, and all other parts a newly born lamb. …For myself, although I hadpreviously regarded these Borametz as fabulous, the accounts of it were confirmed to me by so many persons of credence that I thought it right to describe it.

Legend of the Lamb-Plant

Erinnert mich an Karl May. Und Wilhelm von Humboldt.

Mir kam der Gedanke, dass man es sich als Wissenschaftler ganz schön einfach machen kann, indem man seine Subjektivität aus der Beobachtung rausnimmt und sagen kann: “Ich bin fein raus.” Die Fragen sind nur: Geht das wirklich? Duldet die Wahrheit ein Subjekt? Erträgt die Antwort die Frage?

Siehe auch: Atheisten sind aber gläubig und Frage / question.

Esut

Diego drängt mich, etwas über die Causa Özil zu schreiben. Ich tue mich da schwer. Schließlich habe ich noch Ferien. Außerdem sagt da ja jeder was zu, da wird schon was Kluges dabei gewesen sein.

Dennoch will ich auf wenige Dinge in diesem Zusammenhang hinweisen:

  • Das Thema kochte meiner Meinung nach so hoch, weil den verschiedenen Standpunkten jeweils in Teilbereichen Recht gegeben werden kann – wenn man denn mal den harten rassistischen Scheiß rausgedröselt hat.
    (Die allergrößte Scheiße heißt: unpolitisch.)
  • Dass es jetzt viel um Rassismus geht, ist zu begrüßen. #MeTwo
    (Wäre das auch ohne Sommerloch der Fall?)
  • Vom Ergebnis her blieb die deutsche Nationalmannschaft bei dieser WM deutlich unter den allgemeinen Erwartungen, es wurde jedoch nicht sofort ein Schuldiger ausgemacht – bis DFB-Präsdient Grindel sich zu Wort meldete und Özil so irgendwie ein bisschen die Schuld geben wollte.
    (Unangenehme Wahrheit 1: Vielleicht waren die anderen Mannschaften einfach besser.)
  • Wenn im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea Hummels Kopfball reingegangen wäre oder Gomez seinen Fuß anders gehalten hätte, wäre die Deutsche Nationalmannschaft wohl nicht in der Vorrunde ausgeschieden.
    (Wäre Özil dann auch zurückgetreten?)
  • Fußball hat vielleicht mehr mit Glück zu tun, als jene denken, die nach dem Ausscheiden nach Verantwortlichen und Konsequenzen suchen.
    (Unangenehme Wahrheit 2: Man müsste sich dann konsequenterweise eingestehen, dass der vergangene Weltmeistertitel auch glücklich gewesen war.)

Wer sich damit weiter beschäftigen möchte – es ist schließlich nicht vorbei, denn im September wird entschieden, ob die EM 2024 in Deutschland oder der Türkei stattfinden wird -, kann z.B. hier lesen:

– Botschafter wider Willen? Fußballer im Kontakt mit Politikern – Text  von Illker Gündogan (Ilkays Bruder) am 29.5.
“Die Debatte ist obsolet” – Interview mit Serdar Somuncu am 23.7. (Danke Diego)
Wir schweigen Extremisten an die Macht – Kolumne von Sascha Lobo am 25.7. (und der dazugehörige Debatten- und Reflexions-Podcast)
Der Fall Özil: Entmystifizierung des Fußballs? – Gespräch mit Dietrich Schulze-Marmeling und Haci Halil Uslucan am 29.7.
 Rassismus ohne Rassen – Wikipediaeintrag mit weiterführenden Links
– Nachtrag: Sprachforscher: Rassistische Rhetorik wirkt über Wiederholung – Jobst Paul am 30.7.

 

Diese Pointe Islam.

Disclaimer: Dieser Text behandelt religiöse Themen! (Atheisten oder Agnostiker mit schwachen Nerven seien gewarnt.)

Am Montag besuchte ich in weiblicher Begleitung eine kleine Wanderausstellung der Ahmadyya-Gemeinde Deutschlands im Marburger Rathaus zum Thema Islam. Einer der Ausstellungsbetreuer sprach mich ziemlich schnell an, bevor ich mir auch nur eines der im Raum ausgestellten Roll-ups (s. auch: Public Viewing) durchlesen konnte, die – bis auf zwei spezielle Ahmadyya-Themen zu Kalifen&Co –  größtenteils mit eher allgemeinen Islaminformationen gefüllt waren. Das fanden wir im Nachhinein ziemlich praktisch – ulai, was leesen! So erfuhren wir zum Beispiel, ohne ein Wort lesen zu müssen:

Abdul Basit Tariq, Imam der Ahmadiyya. Der Glaube an eine Art “hauseigenen Kalifen” bricht das islamische Dogma, dass auf Muhammad kein weiterer Gesandter mehr folge. Damit hat sich die Gemeinde die Ablehnung der übrigen Muslime zugezogen. Im Ursprungsland der Bewegung, Pakistan, verfolgt man die Ahmadis als Ketzer. Sie scheinen Altbekanntes neu zu deuten: Jesus sei nicht am Kreuz gestorben, sondern wurde 120 Jahre alt. Vor allem wollen sie eines, behaupten die Ahmadis: Verständigung und Frieden. (Deutschlandfunkkultur)

Sowas hier hat er uns allerdings vorenthalten:

Hiltrud Schröter: “Die Ahmadiyya ist eine millenarische Kalifat-Bewegung mit der Ideologie vom Endsieg und mit Großmachtfantasien. Zum Beispiel sagte der jetzt regierende fünfte Kalif: Alle göttlichen Anweisungen von Adam bis Jesus sind im Koran enthalten. Der Sieg wird uns geschenkt werden. Die Ahmadiyya wird die Oberhand auf der ganzen Welt erzielen. Das wurde dann noch erläutert. Die Oberhand werde auf der ganzen Welt in 300 Jahren erlangt sein. Die Ahmadiyya ist weltweit bereits aufzufinden in sämtlichen Erdteilen und zwar ist sie nach neuesten Angaben bereits in 190 Ländern und hat insgesamt 14.000 Moscheen bereits erbaut. Das alles in den gut 100 Jahren.” (ebd.)

Das Gespräch war inhaltlich sehr informativ und später intensiv. Insbesondere als wir Fragen zur Frauenrolle in deren Gemeinden stellten, wurde es dann zu einem höflichen Streitgespräch. Die Begründung, warum eine Frau keine Imamin werden kann, hat mich nicht überzeugt (musste es ja auch nicht): Während der Menstruation dürften Frauen nicht beten. Und was wäre das für ein Imam, der nicht ständig für seine Gemeinde da sein kann? Für mich klang das im Gespräch dann noch öfter nach Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Ein weiterer Betreuer aus Gießen gesellte sich noch dazu und merkte an, dass seine Schwester im Jugendalter beschlossen habe, kein Kopftuch mehr zu tragen. Das sei in Moschee und Familie kein Problem gewesen. Er merkte aber auch an, dass dies bei Gemeinden auf dem Dorf unter Umständen anders sein könnte.

Das würde übrigens meine Beobachtung vergangener gesellschaftlicher Entwicklung bestätigen, dass wir in Wahrheit keine echten Konflikte zwischen Geschlechtern, ‘Rassen‘, Generationen, zwischen Gutmenschen und Stammtischdeutschen, Fleischessern und Veganern etc. haben. Vielmehr sind dies nur Schlachtfelder der Anschaungen zwischen ländlicher und städtischer Bevölkerung. (Da, wo unterschiedliche Menschen miteinander besser und häufiger in einen Austausch kommen können, kann auch besser und häufiger gegenseitiges Verständnis entstehen.) Ich muss nämlich ehrlich sagen, dass ich solch ein ähnliches Gespräch auch mit jemandem in Wissenbach hätte führen können. Patrick bestätigte mich am nächsten Tag: In der FEG in Wissenbach seien weibliche Pastoren eher nicht erwünscht. (Ein Blick auf die Liste der Prediger bestätigt das. Der einzige weibliche Name ist die ehemalige Pfarrerin der evangelischen Kirche.)

Am Schluss des Gesprächs in der Ausstellung war ich dann ein bisschen fies – und hab den Ahmadis die Hand ausgestreckt. Ich wollte nämlich kucken, ob sie ihrer weiblichen Gesprächspartnerin danach auch die Hand schütteln würden. Hamse gemacht. Den zögerlichen Widerwillen interpretierten bestimmt meine Vorurteile in ihre Gestik. Ich fand es jedenfalls schade, dass ich nur männlichen Gemeindemitgliedern die Hand hätte schütteln können. (Das habe nur am Tag gelegen, so ein Gesprächspartner.)

Insgesamt waren mir die religiösen Ansichten der beiden freundlichen Ahmadis zu dogmatisch. Ich bekam den Eindruck, dass es im Grunde für alles eine Verhaltensregel gebe. Mein Gedanke dazu war: Wenn Gott auf die Freiheit des Einzelnen pfeifen würde und es ihm wichtig wäre, dass sich seine Menschen an ein detailiertes, für jede Eventualität gewappnetes Regelwerk hielten, tja, dann wäre es doch am effektivsten, wäre er höchstpersönlich anwesend und würde in seiner Allmacht jedem Menschen immerzu das Passende sagen: “Mach das. Lass das. Leg das weg. Jetzt nicht beten, du blutest.” Und nicht sowas:

Jesus sprach nun zu den Juden, welche ihm geglaubt hatten: Wenn ihr in meinem Worte bleibet, so seid ihr wahrhaft meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. (Joh 8, 31f)

Eugen Drewermann hat, wenn ich mich richtig erinnere, in seiner Übersetzung des Johannesevangeliums die Wörter wie “Juden”, “Schriftgelehrten” oder “Pharisäer” mit Gottesbesitzer übersetzt. Ich glaube, weil er damit deutlich machen wollte, dass es nicht um die Herkunft dieser Personengruppen sondern um deren Verhalten geht, wenn sie dogmatisch genau wüssten, was Gottes Wille sei. Das ist aber nur meine Lesart.

Für die Wahrheit kann nur streiten, wer sie nicht besitzen will.

Real existierende Gegenwart

Ich habe vorhin eine Mail von der britischen NGO Syria Campaign erhalten, die laut SPON gegen (russische) Desinformation aufklärt:

Dear Ole,

When Syrians first took to the streets in peaceful protest in 2011 no-one could have predicted the horrific price history would hand them. This weekend saw further unimaginable suffering as 42 civilians were killed by chemical weapons as they sheltered from airstrikes in basements.

Douma, the site of the attack, was once the beating heart of the revolution. Now it is the last opposition area in the Damascus suburbs. For the past five years, it has been under a crippling siege and subjected to unending aerial attacks as the Syrian regime tried to force the civilians there to “submit” to its rule. Some civilians have left since the attack and others wait to hear their fate as negotiations between Russia and the Army of Islam fighters that control the area hold negotiations with zero regard for civilians.

How the international community should respond to the attack is the subject of fierce debate. So after much discussion with Syrian activists and humanitarians, here’s eight things you should know:

1) After World War Two, the international community came together to agree norms and institutions in a pledge of “never again”. The Assad regime, and its allies Russia and Iran, have violated those norms, committing daily war crimes against the civilian population: indiscriminate bombing of civilian areas causing mass displacement of people, chemical weapons repeatedly deployed on residential areas, the use of collective punishment through starvation sieges and the large-scale use of torture and detention. The failure of the international community to act to protect civilians has emboldened Assad and his allies and made so many of us ashamed to be part of the “international community”.

2) Knowing this reality Syrian humanitarians and peace activists have called for years for real, international action to stop the bombs.

3) Forty-four days ago, the UN Security Council passed a resolution for a ceasefire in Eastern Ghouta. Since then, more than a 1,500 civilians have been killed in the Damascus suburb. Hundreds of thousands have been forcibly displaced – another war crime.

4) One thousand six hundred and fifty five days ago, the UN Security Council passed a resolution demanding the Assad regime surrender all its chemical weapons and programs related to their development.

5) One thousand five hundred and seven days ago, the UN Security Council passed a resolution banning the use of barrel bombs that were used in Saturday’s attack.  

6) Seven hundred and sixty four days ago, the UN Security Council reiterated its commitment to resolution 2118, saying it would take further measures, including the possibility of military force, if chlorine gas was used again in Syria. More than 100 attacks using chlorine have been documented since then.

7) Condemnations are being made by European and American leaders but, as they know, and as the history above shows, words without enforcement are meaningless. So it’s worth restating the possible: under their own resolutions, the UN Security Council could use force in line with international humanitarian law. Hitting military targets could ground the air forces that have been the biggest of killers of civilians in Syria. Short of this they could also impose real sanctions on Russia and refuse to push reconstruction funding through the Assad regime and its cronies.

8) Today the UN Security Council will meet to discuss the situation. I hope they stand by their own resolutions and prove to us that a world where Syrian children are not gassed to death is possible. For what is the alternative?

Lots of international players are declaring the war in Syria as “over”. This analysis ignores the more than two million civilians living in opposition-held Idlib and more than one million more in Homs, Daraa, rural Aleppo and other parts of the country. If the Douma attack is not met with consequences, it is yet another green light for thousands more to be killed using poison gas and explosive weapons.

When we see such horror we all feel hopeless. The most tempting thing to do is to turn away but Syria’s democrats and peacemakers need us now more than ever. So please stand with them in their demand for real, international action to stop the bombs.

In solidarity,

Anna

KI&CoKG

Hier ein Feature vom Deutschlandfunk zum Themenbereich KI: Das Dunkle in der Blackbox – Die Maschine.

Eine wohl entscheidende Stelle beschreibt, was passiert, wenn Algorithmen (Vorsicht!) Vorhersagen machen, die sich erstaunlich genau erfüllen: Die Maschine sagt, dass die nukleare Option die einzige Möglichkeit sei, den Nordkorea-Konflikt zu lösen. Was dann passiert, erinnert ein wenig an Philip K. Dicks Minority Report (nicht an den Film denken, der erzählt die Geschichte in den wesentlichen Teilen komplett anders), wo sich eine Vorhersage nur wegen der Vorhersage selbst bewahrheitet. Im Feature schlägt ein Experte vor, einer Maschine nur Glauben zu schenken, wenn sie erklären kann, warum sie das weiß. Wenn sie das nicht kann, darf man sich nicht darauf verlassen, auch wenn die Vergangenheit möglicherweise gezeigt habe, dass die Vorhersagen zutreffend gewesen seien. Das geht ein bisschen in die Richtung, ob man Maschinen ethisches Verständnis beibringen kann: Nicht, bevor sie sich rechtfertigen können.

Derweil schlägt Diego zum Thema dies hier vor: Google-Forscher veröffentlichen bessere Sprachsynthese. Verlinke ich ungeleesen. Außerdem: Alien: Covenant hat mir als Film nicht so besonders gefallen (Mikroebene), besonders die Handlungsweise der Figuren war schwer zu ertragen (Die rennen da durch ein Feld voller erstarrter Ex-Lebewesen und fangen nicht an, gegenüber dem anderen Roboter misstrauisch zu werden?), auf der Makroeebene der Geschichte (was man da alles so hineinzuinterpretieren vermag) war ich aber tatsächlich eher begeistert.

Faul

Die neue ARTIC ist draußen, Stichwort: faul. Um den Titel zu unterstreichen hat die Produktion des Heftes diesmal 4 Jahre gedauert. Ich konnte gestern während eines Geburtstagsbrunch einen Blick ins Heft werfen. Einen Text habe ich dann etwas näher geleesen, also nur überflogen. Ging um die Vertreibung aus dem Paradies, Sisyphos und Prometheus. (Frage mich gerade, ob es nicht doch ein Geier war, der sanft Prometheus Leber pickte.)  Ich fand den Text zunächst etwas wirr, merkte aber auch, dass ich gerade nicht die Muse zum Lesen hatte und wollte dem Text gegenüber nicht unfair daherreden, insbesondere während zwei Redaktionsmitglieder des Magazins am Tisch saßen. War ganz gut, weil ich nämlich später bemerkte, dass der eine selbst Verfasser eben dieses Textes war.

Ein weiterer Text stammt von Malewitsch, der in der ARTIC wohl zum ersten Mal in gedruckter Form erscheint: Die Faulheit als tatsächliche Wahrheit der Menschheit. Habe ihn gerade angefangen zu lesen, war aber etwas faul und hau deswegen meine Hauptkritik sofort raus: Wovon Malevich oftmals redet, wenn er Faulheit sagt, ist meiner Meinung nach Zufriedenheit, Ruhe oder Pause. Also glückselige Momente, nachdem man gearbeitet hat. (“Andererseits ist die Faulheit der Garant und Motor der Arbeit, schließlich kann man Faulheit nur durch bzw. über die Arbeit erreichen.”) Ich finde aber, dass zu echter Faulheit gehört, beim Sichaufraffen zu scheitern:

Ganz gut gefällt mir, dass er der Aussage widerspricht, Faulheit sei die Mutter aller Laster. Dem widersprach auch Kierkegaard schon, der den bekannten Satz in “Langeweile ist aller Laster Anfang” umbedeutet haben wollte (wenn ich mich gerade richtig erinnere). Also, ungefähr so: Wenn einer nichts macht, heißt das nicht, dass nichts passiert. Momente der Ruhe / Pause / Entspannung ermöglichen oftmals erst kreative Prozesse. Nur wenn wir uns mit uns selbst langweilen suchen wir nach Ablenkung=Laster. So hab ich Kierkegaard damals verstanden und in eine ähnliche Richtung schreibt Malewitsch stellenweise – vermute ich. Habs ja nicht richtig gelesen.

Der Einband der ARTIC ist mit Jeansstoff aus alten Hosen beklebt. Das war und wird wohl ganz schön viel Arbeit. Erinnert mich ein bisschen ans Flyerfalten zu AKBp-Zeiten. Was Diego gefallen wird: In zehn der tausend Ausgaben des Magazins befindet sich ein echtes Faultierhaar. (Das Gesicht vom Zoodirektor hätte ich gerne gesehen, als er den Brief zur Anfrage las.)

So, ganz schön viel Text, dafür dass ich eben zu faul war, Malevich Text zu lesen. Nennt man wohl Prokrastination.  Diego meint übrigens, dass die Kunst darin besteht, die eigentliche Arbeit mit anderer sinnvoller Arbeit aufzuschieben. Ziemlich k l u k.

Poincaré

Da ich nicht schlafen konnte, habe ich verschiedenste Musik gehört, bis ich schließlich mal wieder bei dem Liveauftritt der Omar Rodriguez Lopez Group in Los Angelos gelandet bin: Sie spielen dort “Un buitre amable me pico” und “Poincaré” hintereinander, was ich in dieser Form extrem gelungen finde. Vor allem das Schlagzeug, aber auch insgesamt der Rhythmus hauen mich um.

Mir hat dann keine Ruhe gelassen, wovon die Frau dort wohl singen mag. Da ich kein (Gossen-?)Spanisch kann, musste ich ziemlich lang und umständlich mit dem Google-Übersetzer rumfummeln, bis ich ein halbwegs brauchbares Ergebnis hatte – das sollte man jedoch nicht als Übersetzung ansehen, da haben ich und Google sicher einiges Neues beigemischt. Auf Youtube scheinen sich auch einige Kommentatoren für den Text zu interessieren. So hab ichs jedenfalls ins Deutsche gebracht:

 

Ein Geier pickt mich sanft (Un buitre amable me pico)

Ich bin, was zwischen den Abständen geschieht,
Zeit gefüllt mit Worten,
Bis die Minuten davonfliegen,
Wer auch immer sie nimmt.

Schlaganfall/Schriftzeichen – die Lösung, wenn ich aufwache,
Um einige Momente zu vergessen,
Die ich am Ufer des Flusses anhäufe,
Um Dich abzutragen.

 

Poincaré

Ich sah nicht die Weisheit der Gegenwart,
Zerstreuung,
Ruhe ist unauslöschlich.

 

Im Original lauten die Texte laut diverser Songtextseiten folgendermaßen:

Un buitre amable me picó

Soy lo que sucede entre distancias
Tiempo lleno de palabras
Hacia donde parten los minutos
Quien se los llevara?

Trazo solucion cuando me despierto
Mis momentos pa’ olvidar
Lo que acumulo, la orilla del rio
Tuyo para deshacer

 

Poincaré

No miré
lo sabio del presente
coso para disipar
la calma es indeleble

“Trazo” kann Schlaganfall aber auch Umriss, Strich oder Schriftzeichen bedeuten. Und beim Suchen nach einer Übersetzung des 2. Titels bin ich dann auf Henry Poincaré gestoßen. Er wird in Wikipedia als letzter Universalgelehrter bezeichnet, da er sich neben Mathematik unter anderem auch mit Geodäsie sowie Physik beschäftigte. Die Sätze, die dort zu seinen philosophischen Betrachtungen stehen, helfen womöglich, das Lied zu verstehen, sind aber auch so interessant:

Er schrieb auch philosophische Abhandlungen zur Wissenschaftstheorie und begründete dabei eine Form des Konventionalismus. Er trennte das Faktische von der Definition. Auch lehnte er die Klassifizierung in die beiden Extrema Idealismus und Empirismus ab und es gelang ihm in seiner Philosophie eine Verquickung von geistes- und naturwissenschaftlichen Fragestellungen.
Geprägt vom Fortschritts-Paradigma und Optimismus des 19. Jahrhunderts ging Poincaré mit einem mathematischen Naturverständnis und dem Experiment an die Arbeit. Er klammerte jedoch bewusst die Suche nach der Wahrheit als letzter Realität aus und operiert nicht mit metaphysischen Objekten – gewissermaßen formuliert er Aufklärung neu.

Und in dem im weiteren Verlauf des Artikels verlinkten Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten von Robert M. Pirsig liest man:

Der Name Zen im Titel des Werks Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten steht symbolisch für die Auffassung, dass eine bestimmte Herangehensweise zu Problemlösungen im Bereich der Technik führen kann. In dieser Herangehensweise hat der Beobachter sich selbst noch nicht so weit von der beobachteten Welt getrennt, dass er nur noch statische, unveränderliche Dinge vor sich sieht, die den Zwecksetzungen des Beobachters entsprechend funktionieren oder nicht funktionieren. Der Beobachter in dieser Herangehensweise ist noch so weit mit den Dingen verbunden, dass er Neues wahrnehmen kann, und dass er auf diese Weise die Dinge – und damit seine Welt – dynamisch den auftretenden Problemen anpassen kann.

Naja, keine Ahnung, wie das zusammenhängt. Jedenfalls stelle ich fest, dass ich mich nun seit etwa vier Stunden mit dem Thema zerstreue, anstatt zu schlafen. Was der Zerstreuung übrigens ganz besonders dient, wenngleich die Tonqualität miserabel ist, sind Omar Rodriguez Lopez, Flea und John Fruiscante bei diesem Auftritt 2004:

Alte Bekanntschaften

Gestern nach dem Schreiben eines Blogeintrags bin ich durch wenige Berliner Straßen flaniert, um mich zu bewegen, mir etwas Zeit zum vereinbarten Sudanesen-Döner-Termin zu vertreiben und die ein oder andere Info abzugreifen, in welchen letzten Zügen Deutschland beim Spiel gegen Bosnien wars glaube wohl liegen mochte. Ich hatte mir gerade in einem ausufernden Anfall überbordender Dekadenz ein Eis gekauft und lief von der Markthalle, einem kleinen Laden, zu groß, um sich Kiosk zu nennen, aber speziell genug, um spät abends noch locker geöffnet zu haben, den Bürgersteig weiter, als mein Blick in einer dieser Wohnzimmerkneipen auf einem ebenso wie ich verdutzt dreinschauenden Gesicht hängen blieb. Meine Trägheit ging noch ein paar Schritte weiter, sodass ich das Gesicht wieder aus den Augen verlor. Ich stoppte, ging zurück und vergewisserte mich, dass ich dort einen alten Gießener Bekannten sitzen sah, von dem ich wusste, dass er sich vor fünf oder sechs Jahren nach Berlin aufgemacht hatte. Er war die Sorte Bekanntschaft, die man nicht gut genug kennt, um ihn einen Freund zu nennen, wenn man sich aber mal trifft, immer nette und auch persönliche Gespräche bei rauskommen. So hatte ich ihn ein Jahr, nachdem er nach Berlin gegangen war, in Gießen mal wieder getroffen und er hatte mich auf meine Frage, wie es ihm in Berlin ginge, mit der Antwort beeindruckt: “Egal wo, die Leute haben die gleichen Probleme.” Diese Lebensweisheit nahm ich mir von da an mit, auch wenn ich vorher schon geahnt haben mochte, dass ich nicht extra in die Hauptstadt ziehen muss, um die Gerechtigkeit in der Welt in Frage zu stellen. … Ich trat in das gastfreundliche Wohnzimmer ein, wo wir uns herzlich begrüßten, ein Tannenzäpfle tranken und den Rest vom Fußballspiel in der Runde seiner Freunde anschauten. Auf die Frage, wie es ihm hier gehe und was er so mache, erzählte er mir, dass er froh über den Entschluss sei, damals aus Gießen weggegangen zu sein, denn dort seien schon viele Bauern gewesen und er habe als kleiner Türke dort keinen guten Stand gehabt. Sicherlich eine akzeptable Wahrheit, war mir aber dann doch ein leichter Gegensatz zur Jahre zuvor formulierten Lebensweisheit. Er erzählte mir dann, dass er derzeit Heiler sei und als ich genauer nachfragte, fiel das Wort “Schamane“. Ich hoffe, er hat mir nicht übel genommen, dass ich lachen musste. Jedenfalls klang der weitere Plan, mit ein paar Freunden einen Laden namens ‘Lesehalle’ zu eröffnen, interessant. Vielleicht meldet er sich heute noch mal bei mir zwecks Kaffeetreffen, dann kann er mir noch ein bisschen mehr über deren Konzept erzählen, was interessant klang, ich aber nach einem leckeren Erdnuss-Tofu-Döner vergessen habe. Jedenfalls lustig, wie sehr das Dorfgefühl mich bis nach Berlin begleitet.

Automat

War gerade noch mal im Freibad schwimmen, um es zum letzten Mal diese Saison im Freien zu genießen. Da ich meine ermäßigte “Karte” – in Wahrheit handelt es sich um einen RFID-Chip, der in einem 5-Mark-Stück-großen, roten, runden Plastikchip sitzt – beim letzten Mal verbraucht hatte und dieser der Automat automatisch eingezogen hatte, wollte ich mir heute einen neuen ermäßigten Chip kaufen. Übrigens ist es nicht möglich, einzelne Ermäßigungen zu bekommen,  man muss immer mindestens fünf auf einmal bezahlen (=6,40€). Dass das Schwimmbad zwei Tage später zumacht, war mir egal, kann ich ja noch nächste Saison benutzen, dachte ich. Tja, das dachte ich, während ich vor dem unbesetzten Kassenhäuschen stand… – nachdem ich ne Weile dachte, dass auch Kassierer aufs Klo müssen, betätigte ich die Klingel für die Fernsprechanlage und schilderte der fragenden Stimme, das Kassenhäuschen sei nicht besetzt. Die wieß mich dann auf den Bezahlautomaten hin, den ich bis dahin tatsächlich übersehen hatte. Auf meine bedankende Schlussbemerkung, dass ich ja ermäßigten Eintritt bekäme, offenbarte mir der Lautsprecher, dass dies am Automaten nicht möglich sei (was ich insofern verstehe, als dass ich ihm zwar meinen Ausweis vor den Bildschirm halten könnte, ich aber andererseits froh bin, dass noch keine intelligenten Scanner für sowas im Einsatz sind). Ermäßigte Karten könne man nur kaufen, wenn die Kasse besetzt sei. Auf meinen Hinweis, laut Beschilderung sei ich zu einer Uhrzeit an der Kasse, an der sie besetzt sein sollte, wurde ich darauf hingewiesen, dass wegen fünf Badegästen die Kasse nicht besetzt werde. Prinzipiell fand ich das ja verständlich – wenn damit nicht ausgeschlossen worden wäre, dass ich weder ermäßigten Eintritt bekäme, noch den Euro für den Spint mir hätte wechseln können, noch das 20-Cent-Stück, welches für die warmen Duschen benötigt wird… Also fing ich kurz an zu disktuieren, nachdem sich das Gespräch aber – ähnlich wie mit Wachtmeistern – im Kreis drehte, ließ ich dem Lautsprecher gegenüber die Bemerkung fallen, dass Diskutieren offensichtlich nichts bringe, ich das alles dämlich fände und bedankte mich höflich (wohl nur höflich und weniger ehrlich) und steckte die 2,40€ in den Automaten und die durch Wut und Unverständnis aufgeladene Energie in die folgenden 2200m…

Abgesehen davon, dass ich mich in dieser kurzen Erzählung in einer Welt voll Grausamkeit als den Entrechteten schlechthin darstellen möchte, gehts mir um Folgendes: Ich finde es krass, dass sich eine Entwicklung bestätigt, möglichst viel zu automatisieren. Eine Folge, die ich heute selbst gespürt habe, ist, dass eine ehemals selbstverständlich von einem Menschen besetzte Kasse nur noch als kulanter Zusatz-Service zum Automat verstanden wird. Wer dann irgendwelche Bedürfnisse hat, die nicht ins automatisierte Schema passen, hat gelitten, bzw. hat zu leiden. Ähnliches Prinzip befürchtet sich beim mittlerweile automatisierten Rückmeldesystem an der Uni Gießen zu entwickeln, wo man mittlerweile im Idealfall nur noch was mit Scannern und Druckern zu tun hat, um die benötigten Unterlagen zu bekommen.

Den Bogen weiter gespannt sei noch zum Schluss der Hinweis gestattet, dass man nicht automatisch Maschinen benötigt, um Automaten herzustellen. Bestes Beispiel ist die Umsetzung der Modularisierung von Bildung, die zuweilen dazu führt, dass sich eine Logik automatisiert, die nichts mehr mit Realität zu tun hat oder vielmehr: eine Logik, die sich eine eigene Realität schafft. Hab ich heut morgen wieder gedacht, als ich mitbekommen habe, mit welchen Problemen sich einige meiner Hauptschüler rumschlagen (wörtlichst). Das Ausbildungsmodul Erziehen, Beraten, Betreuen kann jedenfalls trotz schicken Titels mir nicht mehr Ratschläge geben, als: Machense doch mal Gruppenarbeiten im Unterricht… (Achtung: Zynische Polemik!) Es tut aber so, als könne man nach dem Besuch erziehen, beraten und betreuen. Probleme, die über den Zuständigkeitsbereich eines Moduls hinausgehen, haben ja rein technisch betrachtet dort jeweils keinen Platz. Zum Glück sitzen aber manchmal Menschen in den Modulen, die nicht nur Routine automatisch abspulen…

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