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druckschrift.net Beiträge

Antarifa

Neulich im Elektromarkt, ich stand an der Kasse, da präsentierte sich mir auf Augenhöhe ein kleiner Verkaufsständer. Daran hingen alle möglichen Buttons, die irgendwie politisch oder subkulturell angehaucht waren, aber doch deutlich nur Beiwerk sein wollten. Ich staunte nicht blöd, als ich mir einen Ataributton näher anschaute: Unter dem Firmenlogo stand nämlich nicht Atari sondern Antifa. Interessant ist, dass die Firma Atari, die sich auf Videospiele spezialisiert hat, eine (kurze) Geschichte hat, mit der ein gewisser Kultstatus verbunden ist. Der Bezug zu antifaschistischem Engagement, über dessen Art man zweifelsohne streiten sollte, wurde mir allerdings in der Schlange stehend nicht so ganz klar. Stattdessen lärmte in meinem Ohr eine Zeile aus einem “But Alive”-Song: “Die allergrößte Scheiße heißt: unpolitisch.” Aber zum Glück ist Kult ja immer schick. Und so ein witziger Button hat ja auch was. Wenn schon keine Aussage, dann doch wenigstens Style. Ob sich der Schwarze Block wohl Message-Buttons bei Media-Markt kauft, bevors auf die G8-Demo geht?

District 9

Hab gestern den viel gelobten Film District 9 gesehen. Das Einzige, was mir gefallen hat, war, dass die Apartheid und die damit verbunden Zwangsumsiedlung von Schwarzen thematisiert wurde. Darüber hinaus war die Geschichte doch irgendwie schwach. Die Hauptfigur (der Mutant) war wenig nachvollziehbar, weil er zunächst feige und opportunistisch, dann mutig und entschlossen (bei der Stürmung der MNU-Zentrale) und dann wieder feige, als er seinen Alien-Freund im Stich lässt und dann wieder doch nicht, weil er sich für das Gute entscheidet und bereit ist, heldenhaft zu sterben. Die Einsicht des Charakters, wie richtiges Handeln ausschaut, findet also zwei Mal statt und das ist doch wenig glaubwürdig. Abgesehen davon war die Kamera zu Beginn im Live-Doku-Style, später dann immer noch ein bisschen, ohne dass es eine Dokumentation sein konnte. Und schließlich macht es keinen Sinn, dass die Aliens einersteits ein bisschen als führungsloser Arbeiterstaat – wie Ameisen oder Bienen, nur eben ohne Schwarmintelligenz – dargestellt werden, (vermutlich um die Selbstaufgabe im Slum-Leben und die Nichtbenutzung der Alien-Waffen zu rechtfertigen,) andererseits aber individuelle Charaktere sein sollen, die alles für ihren Nachwuchs tun und über einen langen Zeitraum an einem Fluchtplan tüfteln.

Aber vielleicht war ich auch nach bestandenem 2. Staatsexamen einfach nicht in Stimmung, einen Dystopie-Film zu schauen.

Im Schwitzkasten des Zeitdrucks

Neulich wurde auf dem Geburtstag meines Vaters ein Gespräch über die schwierigen Bedingungen, unter denen Lieferfahrer arbeiten müssen, geführt. Vor allen Dingen der Zeitdruck könne dabei an so manchem Nervenkostüm nagen, so der Einblick von Betroffenen. Durch das Gespräch fühlte ich mich an einen Vorfall erinnert, in den ich vor ein bis zwei Jahren verwickelt war:

Innehalten ohne Wachstumsangst

Das Gezeter um die Aschewolke des isländischen Vulkanausbruchs hat gezeigt, dass unsere Gesellschaft kaum in der Lage ist, einfach mal eine Pause zu machen. Das liegt wohl an einer für viele selbstverständliche Wachstumsmaxime (China), die das Denken auch sehr unbewusst bestimmen kann. Dabei darf man mit Sicherheit die Frage stellen, ob das Wachsen tatsächlich die sinnvolle Art von Fortschritt ist. Wohlstand ohne Wachstum, so lautet ein lesenswerter  Spiegel-Artikel über eine wirtschaftlich alternative Denkweise.

Der Presseclub, den ich gerade schaue, redet über die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen zur Stützung der griechischen Wirtschaft. Und so richtig ausgestanden ist die Finanz- und Wirtschaftskrise der jungen Zeit ja auch noch nicht. In diesem Zusammenhang ist im Rahmen einer grundsätzlichen Kapitalismuskritik immer wieder von Gier die Rede. Ich finde dabei weniger die Gier entscheidend, weil ich glaube, dass dahinter eher eine unscheinbare Angst steht, nicht hintenanstehen zu wollen – bedingt durch ein Konkurrenzdenken, das nur Wachstum als Maßstab kennt.

Mein Fazit aus der “Vulkankrise” ist weitreichender: Stillstand ist Rückschritt? Innehalten wäre ein Anfang.

Die Kunst, ein Opfer der Kunst

Beim Leesen eines Artikels auf zeit.de bin ich auf Jonathan Meese aufmerksam gemacht worden, bei dem ich zunächst an eine Vereinigung von Helge Schneider und Jonathan Davis denken musste. Seine Vision einer Diktatur der Kunst, in der es niemals Opfer gäbe, stellt er in einen Gegensatz zur “Menschenmachtsrealität”. Ich glaube aber, dass er das Kindische überhöht: Er küsst Heidegger lieber, als dass er ihn liest, kritzelt in Büchern rum und erklärt, es sei weder Assoziation noch Improvisation, was er tut… Wenn ichs recht begriffen habe, ist sein Leben für ihn ein andauerndes Spielen mit der Realität. Wenn man seiner Vision folgen würde, opferte man die Realität für die Diktatur der Kunst und aus “Alles ist Kunst” würde dann ja logischerweise “Nichts ist Kunst”. Ich kann damit ja nicht so viel anfangen. Total wenig, um genau zu sein.

Brot

Beim Surfen habe ich gerade einen nettes Video gefunden: Making No-Knead Bread. Der Hinweis darauf fand sich auf indexhibit.org, klang auch ganz interessant, aber ich hab kein Linux installiert, also werde ich mit schmutzigen URLs leben müssen. Auf indexhibit.org bin ich gestoßen, weil ich auf dieser kleinen Seite ein amüsantes Schriftartensuchspiel gestartet habe. (Das hat mich schwer an Prokrastination erinnert.) Hingeführt wurde ich von typophile.com. Dort war ich wegen eines Forenhinweises zu einem Telepolis-Artikel: Digital ist besser – oder doch nicht? Geklickt hab ich auf den Artikel, weil mich das Thema rund um die Zukunft des Buches sehr interessiert. Was das Ganze mit Brot nunmehr zu tun hat, weiß ich auch nicht, außer dass die Verknüpfungen selbst in Zukunft vielleicht die inhaltlich sinngebenden Zusammenhänge darstellen werden: As We May Think.

Reale Virtualität

Wollte nur mal eben schnell auf das schon seit Wochen durchs Netz schwirrende Aufklärungs-Video, veröffentlicht von WikiLeaks.org, Bezug nehmen: Collateral Murder. Wenngleich ich ohne Frage zustimme, dass unabhängige Medien wichtig sind, so will ich doch darauf hinweisen, was ich vor über einem Jahr bezüglich Call of Duty 4 geschrieben habe:

Die Grenzen zwischen virtuell und real verschwimmen, wenn die einzige Unterscheidungsmöglichkeit die Quelle wird, woher wir die Bilder empfangen.

WikiLeaks funktioniert ja nur dadurch, dass die Informanten anonym bleiben, wie man im Disclaimer nachlesen kann. Das ist ja nicht nur gut sondern auch notwendig für einen Journalismus, der eine Alternative zu den etablierten und womöglich schon zu sehr eingeschliffenen Medien sein will. Allerdings bleibt dann die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Quelle unbeantwortbar, es sei denn, man begnügt sich mit WikiLeaks als Quelle der Glaubwürdigkeit. Es wird eben nur dann gefährlich, wenn man die Informationen nicht eindeutig als virtuell oder real bestimmen kann.

Despair

Auch wenn mir die Selbstinszenierung von The Mars Volta in jüngster Zeit nicht mehr sehr zusagt, wollte ich doch mal auf eine Seite hinweisen, auf der recht gute Musik zu finden ist: http://rodriguezlopezproductions.com/. Achtung, nicht erschrecken! (iPhone-Benutzer dürften ‘Glück’ haben. – Wird “iPhone” am Satzanfang eigentlich groß oder klein geschrieben? – Das ist zum Verzweifeln…) Neben ruhigerer Gesangs- und Gitarrenmusik und rockiger Instrumentalmusik ist dort auch ein etwas verunsicherndes Album anzuhören: Despair. Die Liedtitel sind allesamt Rainer Werner Fassbenders Filmen entliehen, musikalisch kann ich sie aber nicht sinnvoll unterscheiden – ok, ich hab nicht alle durchgehört… Auf jeden Fall krass.

Fast so krass, wie das Storybook zu De-Loused in Comatorium, dem ersten Longplayer von The Mars Volta, das den Selbstmord eines Freundes zu verarbeiten sucht und mit folgenden Sätzen beginnt:

Cerpin taxt stood high above the wobbling miscarriage of oncoming traffic, he was weak in the knees. Blackened out of synch knew his time here would soon end with an internal hemorrhaging made aware by the animonstrosity of his frankenstatue presence. No longer would he carry on his shoulders the weight of passion.

Ich finde ja, dass das eine unnötig aufgeblähte Sprache ist, zumindest klingt meine deutsche (rudimentäre Schulenglisch-, Wörterbuch-) Übersetzung so:

Cerpin taxt stand hoch über der wabernden Fehlgeburt des aufkommenden Verkehrs, schwach in seinen Knien. Ungleich verdunkelt wusste er, dass seine Zeit hier bald mit einem inneren Ausbluten enden würde, dessen er durch die Auswüchse seiner frankensteinernen Präsenz gewahr wurde. Nicht mehr länger würde er die Last seiner Passion auf seinen Schultern tragen.

Ok, mag man anders und besser übersetzen können, aber das allein fiel mir schon sauschwer. Und ich frage mich halt, warum man es den Lesern so schwer machen muss. Da ist die Grenze zwischen Geschichtenerzählung und Selbstdarstellung am Verschwimmen. Wenngleich ich die Musik von The Mars Volta schon seit der ersten LP mochte und ich es beeindruckend finde, wie kunstvoll dieses Konzeptalbum arrangiert wurde: Verzweifelte Geschichten kann man besser erzählen. Aber vielleicht gehört das Leiden einfach zum Verstehen dazu…

PS: Es macht Freude, das hier mit Kopfhörern zu hören: A Manual Dexterity: Soundtrack Volume One.

PPS: Vielleicht interessiert hier auch der Hinweis auf einen Film von Omar Rodriguez Lopez: The Sentimental Engine Slayer. Und in Fanboy-Manier gleich ein weiterer Link mit einem Interview hinterher: Q&A with Omar Rodriguez-Lopez.